Letzte Kurve

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Shallow

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Hinter der letzten Kurve in dem Graben sitzt er. Zusammengekauert im Matsch. Höchstens dreizehn, vierzehn, jetzt schicken sie schon Kinder in den Krieg. Etwa so alt wie mein Sohn, der beim ersten Luftangriff ums Leben kam. Zu Hause, zusammen mit meiner Frau. Kollateralschaden. Heißt wohl so. Deshalb bin ich hier.
Er zielt mit der Waffe auf mich, ich zeige ihm meine leeren Hände. Seine Tarnjacke ist viel zu groß, auf einer Seite zerrissen, das Sturmgewehr hält er mit links, es ruht auf seinen angewinkelten Knien. Der Helm liegt neben ihm.
„Komm´ nicht näher!“, sagt er.
Der rechte Arm bleibt bewegungslos.
„Bist du verletzt? Wo sind die Anderen?“, frage ich.
„Noch einen Schritt!“, warnt er.
„Ich tu´ dir nichts!“, sage ich, die leeren Hände noch immer erhoben.
„Sagen alle, außerdem kannst du nicht, ich schon.“
Ich nehme langsam die Hände runter, bewege mich ansonsten nicht.
„Willst du Wasser? Ich habe Wasser.“
Er sagt nichts, bewegt die Knie, die Haltung, in der er sitzt, ist verkrampft, ich sehe, dass er Schmerzen hat. Ich zeige auf die Feldflasche an der Seite meines Gürtels. Sein Blick verrät mir, dass er Durst hat.
„Ich könnte dich abknallen, dann krieg´ ich es auch“, sagt er.
„Musst du aber nicht“, sage ich. „Ich könnte es dir bringen.“
„Du glaubst, ich bin blöd, oder? Jung und blöd, häh? “
Ich bewege mich nicht.
„Ich habe einen Sohn, der ist so alt wie du. Der ist auch nicht blöd. Im Gegenteil, der ist ziemlich schlau. Und ein guter Fußballspieler.“
Der Junge dreht seinen Kopf und hustet, ein blutiges Rinnsal läuft aus seinem Mund, aber er lässt mich nicht aus den Augen.
„Welche Position?“, fragt er.
„Linksaußen, vorne, im Sturm“, sage ich. „Und du?“
Er hustet wieder, versucht seine Knie zu bewegen, ohne dass das Gewehr herunterfällt.
„Hinten“, sagt er. „Defensive, auch links.“
„Gute Linksverteidiger sind wichtig, die haben die Rechtsaußen der Angreifer vor sich, das sind meist die stärksten.“
Er nickt, seine Augen sind halbgeschlossen, die Beine zittern leicht.
„Du brauchst Wasser“, sage ich und löse die Feldflasche vom Gürtel.
Er versucht, sich zu straffen, etwas aufzurichten, aber das Gewehr gleitet ihm aus den Händen, fällt auf den schlammigen Boden. Er beobachtet mich, will die Waffe greifen, schafft es nicht. Tränen laufen über sein Gesicht. Ich gehe langsam auf ihn zu und reiche ihm meine Flasche, die er sofort an den Mund führt und hastig trinkt. Er hört nicht auf, ich nehme sie ihm weg.
„Langsam“, sage ich.
Er lehnt den Kopf vorsichtig gegen die feuchte Erde des Schützengrabens.
„Wirst du mich töten?“, fragt er und sieht mich trotzig an. „Ich habe keine Angst!“
„Ich töte keine in deinem Alter, Fußballer schon gar nicht“, sage ich und gebe ihm die Flasche, er nippt daran.
„Lebt dein Sohn noch?“, fragt er.
Ich sehe ihn an, er hat die Augen geschlossen.
„Spielt im Moment nicht, du weißt schon, der Krieg. Manchmal haben sie noch Training.“
„Schön“, sagt er leise.
Ich sehe, was sich hinter der zerfetzten Tarnjacke verbirgt. Sein Hinterkopf ist nur von der Seite zu erkennen, oder das, was davon übrig ist.
„In seinem letzten Spiel, das ich gesehen habe …“, fange ich an, aber er macht die Augen nicht auf.
„Erzähl weiter“, flüstert er.
„Naja, sie waren ziemlich gut und hätten gewonnen, wenn es nicht diesen Linksverteidiger gegeben hätte. Sie versuchten es immer wieder, tauschten sogar den Stürmer aus, aber da war kein Durchkommen.“
Er tastet nach meiner Hand, ich halte sie fest und erzähle weiter. Eine Geschichte über meine Frau, meinen Sohn und einen Linksverteidiger, dessen Name ich nicht erfahren habe.
 
Zuletzt bearbeitet:

Rachel

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Ja, Mensch. Auch so kann Sterbehilfe aussehen. Hat mich berührt, lieber Shallow, erzeugt Spannung, keine Längen. Der erste Satz hat am Ende einen Sinn extra. Gekonnt eingewoben, was für weitaus lohnendere Rollen friedliche Menschen spielen können.

„Ich töte keine Fußballer“, sage ich und gebe ihm die Flasche, er nippt daran.
LG, Rachel
 

Shallow

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Hallo @Rachel,

vielen Dank für Sterne und deine Zeilen. Wenn es berührt hat, freut mich das ungemein, denn ich war mir nicht sicher, ob die Geschichte vielleicht zu nah am Klischee angesiedelt ist. Manchmal ist man selber etwas "betriebsblind", deshalb umso schöner!

Schönen Gruß von

Shallow
 

petrasmiles

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Hallo Shallow,

ganz und gar nicht kitschig - im Gegenteil. Die Kunst macht das Unbegreifliche erfahrbar.
Ich kenne die Geschichte aber auch anders herum: Bernhard Wicki, Die Brücke ... von 1959, meinem Geburtsjahr. Da hat ein GI die Hitlerjungen nicht 'ernst nehmen wollen', ist ihm nicht gut bekommen.
Wir haben den Film als Halbwüchsige von der Schule aus gesehen; ich bin danach wie betäubt aus dem Kino gegangen, habe mir die Menschen angesehen, die zu dieser Zeit gelebt haben, wie sie das verkraftet haben ... ich schaue mir die Menschen wieder an, die Zeitgenossen sind, und frage mich, ob sie wohl Bilder im Kopf haben, und wenn ja, welche ...

Liebe Grüße
Petra
 

Shallow

Mitglied
Ja, die Brücke sagt mir was, liebe @petrasmiles, aber zunächst freut mich sehr, dass du es nicht als kitschig empfunden hast. Ich bin mit dem folgenden Statement nicht sicher, aber: In meiner Jugendzeit gab es viele Kriegsfilme, die natürlich alle Anti-Kriegsfilme waren, irgendwann sind die (zumindest bei mir) weggerutscht. Ich hatte keine Lust, mich sowas zu beschäftigen. Es war dann ja auch alles weit weg, betraf das eigene Leben nicht mehr. Nun habe ich das Gefühl, Krieg ist wieder vorstellbar, das Geschrei wird größer, alle rüsten auf, blablabla, wissen wir alle. Wenn ich die Geschichte von Dichter Erdling lese (die ich gleich nochmal lesen und kommentieren werde), wird es natürlich auch Niederschlag in der Literatur finden, und damit auch hier im Forum. Was ich sehr bedauern würde, vielleicht bin ich auch nur sehr pessimistisch gestimmt gerade. Vielen Dank jedenfalls für deine Gedanken,

schönen Gruß

Shallow
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Shallow,

ich würde das nicht so sehr aus der Konsumentenperspektive sehen, sondern die Gedanken bewegen, was das mit einem macht, wenn man sich in kraftvoller Bildersprache mit diesem Thema auseinandersetzt.
Ich glaube, heute bekäme kein Lehrer mehr die Erlaubnis, Jugendliche in einen solchen Film zu schicken, und wenn, gäbe es garantiert Empörung (der Eltern) darüber, dass die 'Kinder' traumatisiert worden wären.
Ich halte das für ein Problem, denn wenn man die Realitäten des Lebens von jungen Menschen fern hält, wenn sie nicht aushalten müssen, was anderen passiert ist, ohne dass sie selbst wirklich etwas aushalten müssten, woraus bildet sich dann Mitgefühl und Menschenkenntnis?
Gerade diese Szene, in der die total überforderten Hitlerjungen mit dem Auftrag, die Brücke zu verteidigen, diese furchtbare Tat begehen, einen gegnerischen Soldaten zu erschießen, der sie väterlich angesprochen hatte spreizt den Riss auf, den man heute so gerne übertüncht, indem man propagiert, es sei möglich das wirklich Gute zu tun und Gut und Böse wären einfach zu unterscheiden. Es gehört zum Menschsein dazu, Unvereinbarkeiten auszuhalten. Das 'sowohl als auch' zulassen zu können. Eine Ahnung davon zu bekommen, dass es mehr als eine Perspektive auf eine Geschichte gibt. Das ist - wie der Pazifismus - 'unter die Räder' gekommen.

Ich habe sehr wahrscheinlich mit diesem Film genug gesehen, kann mich nicht erinnern, danach noch viele gesehen zu haben. Aber ich sehe hier durchaus den Grundstock für meine ausgesprochen pazifistische Haltung.
Vielleicht muss man den Krieg 'sehen', um ihn vermeiden zu wollen?
Ich halte es für kein schlechtes Zeichen, wenn 'Krieg' auch in den Köpfen und Herzen der Menschen Einzug findet - als Gegenstand der Betrachtung, um Frieden lieben zu lernen. Auch und gerade in und durch die Literatur. (Es geht ja nicht um Gewalt an sich, oder eine Heroisierung von Opfern. Das Mitgefühl mit den zu Tätern gewordenen Hitlerjungen ist ja keine Entlastung des Regimes, sondern eine Anklage an Zustände, in denen Kinder gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie nicht verkraften können, deren Folgen sie nicht einschätzen können ...)
Ehrlich gesagt hat mich die Gedankenlosigkeit, mit der man in den ersten Jahren des Ukrainekriegs auf einmal alle Bedenken beiseite gewischt hat, als gäbe es keine realen Opfer, wenn der Anlass der Verteidigung nur ein hehres Ziel ist, vor den Kopf gestoßen. Die Toten, um ihr Leben betrogene Opfer, spüren den Unterschied nicht, ob es ein 'gerechter' Krieg ist, oder ob man sie zum Narren hielt.
Am Anfang zog die mentale Kriegsertüchtigung auf der Grundlage von expliziten Freund-/Feind Narrativen in unsere Köpfe und Herzen, mittlerweile sehen wir alle die Willkür, die in diesen Parolen steckt, aber da sind zu viele schon verstrickt in den erwünschten Haltungen, erstarrt in den Ambiguitäten.
So leicht können die Menschen nicht ihre Haltung abstreifen.
Vielleicht ist Pessimismus sogar die erste Phase, wieder in kritische Distanz zu 'Krieg' zu kommen. Ein Klima zu schaffen aus dem Murren der Vielen, die einen politischen Perspektivwechsel ermöglicht.
Vielleicht ist es paradox, aber dieser Pessimismus stimmt mich optimistisch.

Liebe Grüße
Petra
 

Shallow

Mitglied
Ich halte das für ein Problem, denn wenn man die Realitäten des Lebens von jungen Menschen fern hält, wenn sie nicht aushalten müssen, was anderen passiert ist, ohne dass sie selbst wirklich etwas aushalten müssten, woraus bildet sich dann Mitgefühl und Menschenkenntnis?

Ich stimme dir völlig zu, liebe @petrasmiles, und auch darin:

Vielleicht ist Pessimismus sogar die erste Phase, wieder in kritische Distanz zu 'Krieg' zu kommen. Ein Klima zu schaffen aus dem Murren der Vielen, die einen politischen Perspektivwechsel ermöglicht.

zumindest hoffe ich das sehr, und

Vielleicht ist es paradox, aber dieser Pessimismus stimmt mich optimistisch.


Diesen Schlusssatz nehme ich mit in die Nacht.

Lieben Gruß von


Shallow
 
Hi Shallow,

fast hätte ich deinen Text übersehen. Gut, dass er mir nun doch noch aufgefallen ist.

Deine kleine Prosa sagt Großes aus.
Sie erzählt vom Krieg, wie vom Krieg erzählt werden muss: Das Grauen aufzeigen, das am Ende immer sinnlos bleibt.
Klasse umgesetzt!
Hat mich berührt.

Mit liebem Gruß,

Erdling
 



 
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