Mädchen vor Küstenlandschaft

Ich weiß nicht, wie es kommt, warum so oft gerade ein unbedeutsames Bild immer an einem Namen am längsten haften bleibt. Nie höre oder lese ich den Namen Yarmouth, ohne an einen gewissen Sonntagmorgen am Strande erinnert zu werden, wo die Glocken in der Kirche läuteten, die kleine Emly sich auf meinen Arm stützte, Ham nachlässig Steine ins Wasser warf, und die Sonne draußen über dem Meer mühselig durch den dicken Nebel drang, und die Schiffe sich uns so undeutlich zeigten, als wären sie ihre eignen Schatten.

Charles Dickens
„David Copperfield“


Der Wind blies durch ihre Haare und zerrte an den Bändern der Haube, die sie gerade zuband. Hinter ihr war weißes Felsgestein. Aber außer dem Bauernmädchen und den weißen Felsen, gab es auf dem alten Oelbild noch etwas, was man zwar nicht sehen konnte, aber dessen Anwesenheit man erahnte. Das Unsichtbare war die See. Ich erkannte die Landschaft wieder, weil ich dort schon einmal war.

Der blaue Aufsatzbus, der uns jedes mal zu Fahrten abholte, hielt vor unserer Schule. Wie eine Hammelherde drängelten wir uns durch die Tür, die bei diesem Bus auf der Rückseite war war. Unser Klassenlehrer saß, wie immer, wenn wir auf Klassenfahrt waren, vorne beim Fahrer.
Wenn wir unterwegs waren, schaute ich aufmerksam durch die Fenster des Aufsetzers, wie alle dieses Fahrzeug nannten, und betrachtete die Gegend, die an uns vorüber glitt und lernte so meine Heimat kennen.

Diesmal waren wir auf dem Weg zu den Kreidefelsen auf Rügen.
Ich erinnere mich noch an einen Mann, der uns erzählte, dass es mit den Kreidefelsen abwärts geht. Nach und nach werden sie vom Meer aufgefressen.
Aber keine Sorge, es gibt sie immer noch, und unser Ausflug ist schon eine ganze Weile her.
Ich leistete mir zwei Bratwürste und verzichtete auf Eis, um meiner Mutter ein Stullenbrett zu kaufen, auf dem die Kreidefelsen mit einer heißen Nadel eingraviert waren. Zuhause aß ich eigentlich gar keine Bratwurst, aber wenn ich auf der Straße war, kam ich an keiner Bude vorbei, aus der dieser köstliche Duft drang.
Später, als ich schon in Berlin wohnte, stand ich oft am Bahnhof Prenzlauer Allee, hin- und hergeschubst wurde im Gedränge der Leute, die entweder zur S-Bahn wollten oder aus dem Ausgang strömten, und biss selig in eine Bratwurst. So stellte ich mir Großstadt vor.


Das Klassenzimmer hatte einen flaschengrünen Ölsockel. Über ihm, wo die Wand weiß angestrichen war, hing das Bild. Auch der untere Teil der Fenster war weiß bemalt, damit man nicht raussehen konnte. Sehnsüchtig sah ich zu, wie oben am Himmel zwei Spatzen flogen.
Ich schrecke auf. „Was ist ein Modalverb?“ fragt mich der Lehrer. Da muss ich passen. Ich hoffe, dass er es im Lehrerzimmer nicht meiner Mutter erzählt. Dann kann ich mich zu Hause auf was gefasst machen. Aber seinem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass er es auf alle Fälle meiner Mutter erzählen wird.
Er ist ein doppelzüngiges Teufelchen. Warum ist er Lehrer geworden? Er liebt die Kinder nicht. Als er mal eine sentimentale Anwandlung hatte, hat er uns erzählt, dass er eigentlich Medizin studieren wollte. Aber als es bei der Armee mal einen schweren Unfall gab, ist ihm klargeworden, dass dieser Beruf nichts für ihn ist.

Das einzige, dass mir Kraft gibt, die Stunde zu überstehen, ist das Bild, das eine Ahnung von den unendlichen Weiten des Meeres in die stickige Schulstube brachte, in der wir unsere Kindheit vergeudeten.
Und irgendwie machte man sich auch seine Gedanken darüber, warum sich das Mädchen gerade ankleidete und warum sie so glücklich aussah. Hatte sie nur im Meer gebadet, oder kam sie aus den Armen ihres Geliebten. War der Küstenwind nicht allein die Ursache für ihre zerwühlte Kleidung und ihre zerzausten Haare? Bei diesen Träumereien vergaß ich das triste Klassenzimmer.

Ich vermute, der Maler war gar kein Einheimischer, sondern ein Berliner. Wieso ich darauf tippe? Ich komme aus einer Gegend, die keine Künstler hervorgebracht hat und wenn, sind sie bald nach Berlin verschwunden. Die Leute in meiner Heimat haben einen praktischen Sinn. Bunte Vögel werden dort nicht geduldet.
Irgendwann, vor über 100 Jahren, hat der Maler in seinem dunklen Hinterhofatelier, in der Ackerstraße, ein Porträt von seiner Freundin, die sein Langzeitmodell war und die ausgetauscht wird, wenn er Erfolg hat, gemalt. Erst kurz davor hatten sie sich auf der schmalen Ottomane noch in den Armen gelegen.

Bei einem Sommerausflug an die Küste, wo er seine Staffelei vor den Kreidefelsen aufgebaut hat, worüber die Einheimischen den Kopf geschüttelt haben, hatte er Skizzen zu einem Landschaftsgemälde gemacht. Das Porträt seiner Freundin, in der Tracht eines Bauernmädchens, fügte er erst später mit in das Bild ein.

Als er die Auftragsarbeit ablieferte, sie sollte das Esszimmer eines Kaufmanns zieren, konnten er, seine Geliebte und seine Künstlerkumpane sich seit langer Zeit endlich mal wieder satt essen, die Ateliermiete bezahlen, sich ein paar Flaschen Wein, einen warmen Ofen und vielleicht auch eine Prise Koks leisten

Immer, wenn mich Leute fragen, woher ich bin, werden sie neidisch. „Leben, wo Andere Urlaub machen“, denken sie. Ihnen schweben dabei Sonne, Strand und sehr viel Wasser vor.
Dabei komme ich gar nicht vom Meer. Mein Dorf in Mecklenburg liegt inmitten von Kartoffel- und Rübenfeldern. Die See bekam ich höchstens einmal im Jahr zu sehen.
Wenn der Aufsatzbus in unsere Bezirksstadt einfuhr, reckte ich schon erwartungsvoll den Hals, um ja den einen Augenblick nicht zu verpassen.
Das war der kurze Moment, in dem man, vom Busfenster aus, die Masten der Schiffe sehen konnte. Man konnte zwar vom Wasser nichts sehen, aber wo solche großen Schiffe lagen, musste das Meer sein. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber mich haut es jedes mal um, wenn ich nach langer Zeit mal wieder das Meer erblickte.

Bis zum Horizont nur Wasser, Wow, dass hatte schon was. Wenn der Bus diese Stelle passiert hatte, ging die Fahrt weiter durch die Steinmauern der Stadt und man sah die See nicht mehr. Das war oft das einzige Mal im Jahr, an dem ich wenigstens ein winziges Stückchen vom Meer erblickte. Meist war das, wenn unsere Klasse zur Ostseewoche fuhr.
Auf dieser Ausstellung, die auf einem riesengroßen betonierten Platz stattfand, konnte man zwar kein Wasser sehen, aber dafür gab es dort Erdnuss Flips zu kaufen, die es woanders nicht gab. Ich stopfte mich voll damit und befand mich bald im Zustand der salzigen Seligkeit. Darauf freute ich mich schon das ganze Jahr. Mit wie wenig konnten sie einen glücklich machen.

Mein Opa hatte einen Onkel gehabt, der zur See gefahren war. Er ist früh, schon vor dem Ersten Weltkrieg verstorben. Er hatte sich vom einfachen Matrosen bis zum Ersten Oberdeckoffizier hochgearbeitet, was auch immer das war. Vielleicht war er ein Anscheißertyp, vor dem sich die Anderen in Acht nehmen mussten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand aus dieser spießigen Kleinstadt, Malchin, in die weite Welt aufgebrochen war und dort wilde Abenteuer erlebt hatte.

Über seine Fahrten hat er im „Mecklenburger Intelligenzblatt“ eine Artikelserie geschrieben. Außerdem waren dort noch sentimentale Gedichte von ihm abgedruckt. Habe ich von ihm schriftstellerisches Talent geerbt? Hoffentlich nicht. Die vergilbten Zeitungsausschnitte habe ich gelesen. Es war viel von Ceylon, Kap Horn, den Falklandinseln und von Insulanern und Indianern, Gewürzbasaren, Robben, Walen, Seelöwen und vom Sturm abgeknickten Mastbäumen die Rede. Das Übliche eben.

Außerdem existierte von ihm oben auf dem Boden noch eine Muschel, die ich mir manchmal gegen das Ohr hielt. Man hörte wirklich Meeresrauschen. Hatte mein Onkel in verruchten Hafenkneipen in Havanna und Rio hochprozentigen Rum getrunken, wild nach den Klängen von Sambamusik getanzt und mit exotischen Schönheiten das Lager geteilt? Darüber konnte er im „Mecklenburger Intelligenzblatt“ nichts schreiben. Das hätte die Leute aber bestimmt mehr interessiert als die rührseligen Geschichten.

Ich vermute, er hat nichts von alledem getan, dazu war seine Herkunft wohl zu kleinbürgerlich, sondern seine Heuer gespart, um die Steuermannsschule zu besuchen. Aber zur See zu fahren, war für ihn wohl trotzdem ein Versuch seiner beengenden Umgebung zu entkommen.
An der Wand hing ein Foto von ihm, von dem ein streng wirkender Mann herabblickte, der nicht allzu glücklich wirkte. Um höher aufzusteigen, fehlte ihm das Abitur. Er stand wohl zwischen den Klassen und gehörte nicht mehr richtig zu den einfachen Matrosen, aber von den höheren Offizieren wurde er auch nicht als ihresgleichen angesehen.

Wo ich aufgewachsen bin, gab es weit und breit kein Meer, aber die Familie der Mutter meiner Mutter lebte an der See. Wir besuchten sie das erste Mal, da war ich 10 Jahre alt. Warum erst so spät, weiß ich auch nicht.
Die drei Kinder ihrer Kusine und ich waren bald unzertrennlich, und wir rannten den ganzen Tag durch den riesigen Garten ihrer Oma. In einer Scheune auf dem Gehöft stand ein Klavier, und wir ließen die Katze über die Klaviertasten laufen. Das war ein wunschloses Kinderglück, was sich so nie wieder wiederholt hat.

Das war der Hof, auf dem auch meine Großmutter aufgewachsen war, die ich aber nicht mehr kennengelernt habe und den ihr Bruder übernommen hatte. Hier hatte auch meine Mutter viele Sommerferien verbracht. Damals leisteten ihr ihre Kusine und ihr Cousin Gesellschaft. Da hat sich wohl vieles genauso abgespielt wie eine Generation später: das Fahrradfahren an die See, das Rumkugeln im Heu.

Obwohl sie es nie zugegeben hat, vermute ich, dass meine Mutter in ihren Cousin verliebt war, denn als ich sie mal nach seiner Frau fragte, sagte sie mit bitterem Unterton: „Blonde Schönheiten welken schnell.“
Diesen Onkel habe ich nie kennengelernt. Aber einmal standen meine Mutter und ich am Fuße eines Hochhauses in Rostock Lütten-Klein. Mein Mutter zeigte auf das Klingelschild „Hier wohnt mein Cousin.“ „Lass uns rauf gehen.“ schlug ich vor, aber sie weigerte sich.
„Sieh dir mal das Foto in der Zeitung an. Das ist Verwandtschaft von dir.“ Meine Mutter deutete auf ein Bild, auf dem zwei blonde Mädchen im Judoanzug zu sehen waren.
Die Kinder von ihrem Cousin waren alle flachsblond und aktive Judoka. Ich hätte sie gern mal kennengelernt.
Zwei Töchter vom ihm wurden sogar Landesmeister.
Der Cousin meiner Mutter, der bei der Feuerwehr war, schrieb manchmal etwas über Brandschutz in diesem Blatt.
Aber meine Mutter hatte ihren Cousin wohl aufgegeben. Ihr war klar, dass er mit seinem Leben voll ausgefüllt war und seine Cousine, die in den Ferien immer zu ihnen auf den Hof zu Besuch gekommen war und mit der er mit dem Fahrrad zum Baden ans Meer gefahren war, vergessen hatte. Aber sie ihn nicht.

In dem Jahr, in dem meine Mutter mich das erste Mal mit zu ihren Verwandten genommen hatte, lagen wir vier Kinder immer alle vor dem Fernseher und sahen Westfernsehen, das wir in meinem Dorf nicht empfangen konnten. Ich erinnere mich noch an einen Film mit Hans Albert, in dem er mit mächtig viel Wasser zu kämpfen hatte, aber zum Schluss alles gut in den Griff bekam und die Menschheit rettete. Ich, die weder einen Vater noch Geschwister hatte, fühlte mich geborgen inmitten meiner Verwandtschaft.

Mein Großcousin, der ein Jahr jünger war als ich, hatte sich wohl in mich verliebt. Er war ein sensibler Junge und für sein Alter so verträumt, dass seine Eltern sich schon Sorgen um ihn machten. Die drei Geschwister, zu denen noch ein Mädchen, das ein Jahr älter war als ich und ein kleiner Junge, ein sogenannter Nachkömmling, gehörten, waren unzertrennlich, und ich wurde als Vierte in ihren Bund aufgenommen.
Wir fuhren oft mit dem Fahrrad zum Strand, der nicht sehr weit entfernt war und nahmen eine Abkürzung durch die Dünen, was verboten war. In Ufernähe hatte die See hier einen Untergrund der voller spitzer Steine war. Wir legten uns bäuchlings mit einer Luftmatratze auf das flache Wasser und ruderten mit den Armen über die Steine rüber, bis wir weiter hinten dahin kamen, wo der Grund nur aus Sand und Muscheln bestand und man laufen konnte.
Meine Mutter und ich waren später noch ein paarmal zu Besuch, aber so wie in diesem Sommer wurde es nie wieder.

Zwei Jahre später waren wir wieder bei ihnen. Ich wartete gespannt auf meinen Großcousin, der mich zwei Jahre zuvor noch tränenüberströmt verabschiedet hatte. „Der ist Fußballspielen, aber zum Abendbrot kommt er.“ sagte meine Tante. Beim Abendbrot saß mir dann ein mürrischer Bursche in der Pubertät gegenüber, der mit dem sensiblen, verträumten Jungen von vor zwei Jahren nichts mehr zu tun hatte.
Die Phase hatte er wohl hinter sich gelassen. „Sag doch unseren Verwandten Guten Tag.“ forderte meine Tante ihn auf. Er gab uns kurz die Hand und verschwand. Das war das Ende unserer Freundschaft, und ich sah ihn auch bei den nächsten Besuchen nicht mehr wieder.

Mein Onkel und meine Tante, wie ich die Kusine meiner Mutter und ihren Mann nannte, sahen sich an. Wir saßen am Tisch und tranken Kaffee. Meine Mutter hatte mal wieder das Wort an sich gerissen und redete ununterbrochen, ohne Rücksicht darauf, ob jemand etwas sagen wollte.
Sie ließ niemanden zu Wort kommen. Ich kannte das schon. Was war mit meiner Mutter los? Warum merkte sie nicht, dass das niemanden interessierte. Ich schämte mich für meine Mutter und gleichzeitig tat sie mir leid. Viele Leute hatte sie so schon vor den Kopf gestoßen.

Die Freundschaft mit meinem Großcousin schien sich erledigt zu haben. Dafür freundeten seine Schwester und ich uns an. Ich schlief bei ihr im Zimmer. Sie, die niedlich und offen war und gut in ihre Umgebung reinpasste, lebte in einem Badeort mit vielen Feriengästen, und ich hörte bewundernd zu, als sie mir erzählte, wie sie und ihre Freundinnen nachts immer über den Zaun vom Zeltplatz kletterten, wenn dort Disko war.
Das kam mir wie große weite Welt vor. War meine Verwandte noch Jungfrau? Sie deutete einiges an. Was geschah nach der Disko auf dem dunklen Zeltplatz? Sie war ja erst 14. Ich bemerkte auch erstaunt, dass das das Band zwischen den drei Geschwistern lockerer geworden war. Unzertrennlich waren sie schon lange nicht mehr.

Wieder ein paar Jahre später, sie war 17 und ich 16, hatte sie einen festen Freund, der in der selben Klasse wie sie gewesen war. Wenn wir uns abends im Bett unterhielten, kannte sie kein anderes Thema mehr. Sie wusch sich dreimal am Tag die Haare und stürmte aus dem Haus, wenn er draußen vor der Tür mit seinem Moped hupte. Ich sah bloß noch, wie sie hastig auf den Soziussitz sprang und mit ihm davonrauschte. Ich mochte mein flachsblondes Großkusinchen. Sie war verliebt.

Beim nächsten Besuch, drei Jahre später, war sie mit ihm verheiratet und hatte ein Baby. Ich staunte, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Sie, die erst Zwanzig war, trug keine Jeans mehr, sondern einen merkwürdigen grauen Faltenrock und eine Perlenkette. Sie wollte wohl damit ihre neue Würde als Ehefrau und Mutter demonstrieren. Sie unterhielt sich auch nur mit ihren Eltern und meiner Mutter.
Das Mädchen, mit dem ich zusammen gelacht hatte und abends im Bett Geheimnisse ausgetauscht hatte, konnte ich in ihr auch nicht mehr wiederfinden. Ihr Mann war sehr ruhig und sagte kein einziges Wort.

Stolz stieg sie, samt Ehemann und Sohn, ins Auto, das vorm Haus parkte, obwohl sie bloß ein paar Häuser weiter wohnten und lud mich auch nicht ein, mal bei ihnen vorbeizuschauen. Wir beiden Mädchen waren ja fast wie Freundinnen gewesen und hatten uns gut verstanden. Sie hatte alles vergessen. Ich nahm es ihr nicht krumm. Sie war glücklich.
Aber mit der Verwandschaft hatte es sich wohl erledigt. Das hatte wohl auch meine Mutter festgestellt. Unsere Familienverhältnisse waren wohl zu verschieden. Außer alle Jubeljahre mal ein Pflichtschreiben lief da nichts mehr.
Meine Verwandtschaft, die ich mochte, schien im Augenblick zu leben und sah nicht zurück. Vielleicht kommt das von der rauen Küstenwinden da oben, denen sie ständig ausgesetzt waren.

Eine andere Meernixe, die vor mir den schäumenden Fluten entstieg, sprich, die ich kennenlernte, war die Tochter unserer Zimmervermieterin. Das Mädchen hieß Gesine. Ihre Mutter wohnte in Rostock, und verdiente sich etwas dazu, indem sie an Urlauber Zimmer vermietete. Von unserem Zimmer konnte ich auf das Kröpeliner Tor sehen. Unsere Vermieteterin war eine hagere Frau Anfang 40 und arbeitete in einer Staubsaugerfabrik. Ich staunte über sie, noch nie hatte ich eine Frau rauchen sehen. Bei uns auf dem Dorf rauchten bloß die Männer. Und sie war Kettenraucherin.
Unsere Vermieterin war eine unabhängige, alleinstehende Frau.
Angeblich sollte sie eine Tochter haben. Ich konnte in der riesigen Wohnung keine Spur finden, die auf ein Mädchen hindeutete, und sie erwähnte sie auch nie. Stattdessen widmete sie ihre ganze Liebe einem schwarzen Pudel. Ich kroch manchmal zu ihm in sein Körbchen und schmiegte mich an ihn.

Ihre Tochter, deren Vater angeblich gestorben war, was eher ein vornehme Umschreibung für „Hat mich sitzenlassen.“ war, war eine Enttäuschung für ihre Mutter. Als sie in die Pubertät kam, begann sie zu rebellieren.
Sie riss aus und schwänzte die Schule, und sie suchte wohl auch ein bisschen sehr und bei den Falschen nach einem Ersatzvater. So geriet sie in die Fänge der Schwarzen Pädagogik. Staatliche Stelle wiesen sie in diese Jugendwerkhöfe ein, in denen viele der ehemaligen Insassen einen so großen psychischen Knacks bekamen, dass sie noch Jahrzehnte danach in Behandlung sind. Ich habe eine Freundin, die auch im Jugendwerkhof war.
Sie hat mir oft erzählt, wie es dort zugegangen ist. Ich hörte viel über Einzelzellen, Essensentzug und Gruppenerziehung, die wohl bedeuten sollte, dass die anderen einen nachts im Schlafsaal verkloppt haben.
Auch da riss sie aus, und die Polizei fragte bei ihrer Mutter nach. Über ihre Tochter sprach sie nicht. Mit 18 wurde Gesine aus dem Jugendwerkhof entlassen. Sie bekam einen Sohn, erhielt eine Wohnung und verstand sich auch wieder besser mit ihrer Mutter.

Ich, meine Mutter, unsere Vermieterin und eine Nachbarin, eine junge Ehefrau, deren Mann, ein Soldat, wenig zu Hause war, gingen zum Bahnhof, um nach Warnemünde zu fahren, wo es einen Laden gab, wo wir Linoleum für Gesines Wohnung kaufen wollten.
Gesine wartete am Bahnhof schon auf uns. Als ich sie sah, war es für mich Liebe auf den ersten Blick. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie unsere mürrische, frustrierte Vermieterin zu ihrer lustigen, vor Leben sprühenden Tochter gekommen war.
Gesine hatte einen Narren an mir gefressen.
Während der Fahrt von Rostock nach Warnemünde saß ich stolz wie Bolle auf ihrem Schoß. Ich spürte die Wärme ihres Körpers und roch den Duft ihrer Haare, die über mein Gesicht fielen. Obwohl ich erst fünf war, hatte ich schon ein Gespür für die starke sexuelle Ausstrahlung, die von ihr ausging. Ich bemerkte, wie die Männer sie anstarrten. Und das bemerkten natürlich auch meine Mutter und die Nachbarin.

Sie machte ein großes Gewese um mich. Zum ersten Mal in meinem Leben sagte jemand mir, dass er mich niedlich findet.
Normalerweise schlurfte ich sonst immer nur missmutig, als fünftes Rad am Wagen, durch die Gegend und niemand interessierte sich für mich.
Ich glaube, dass die große Sympathie, die sich zwischen Gesine und mir einstellte, ich war ja erst fünf und sie war 18, auch daher kam, dass wir beide ohne Vater aufgewachsen sind. Unsere Väter blieben für uns beide ein Phantom und unsere Mütter wollten sich wohl dafür an uns rächen, dass sie sitzengelassen worden waren.
Als wir das Geschäft gefunden hatten und das Linoleum gekauft hatten, ging ich wunschlos glücklich hinter den anderen her und hielt mich am Ende der Rolle fest. Ich liebte.

Diese lange, schwere Rolle Linoleum wurde von den vier Frauen, mit mir im Schlepptau, bis zum Bahnhof in Warnemünde getragen. Während der Zugfahrt lag sie im Gang und alle stolperten darüber. Später schleppten wir sie noch vom Hauptbahnhof bis zur Wohnung von Sabine. Frauen ohne Männer.
Weil ich Gesine so mochte, tat es mir leid, wenn ich hörte, wie die Anderen über sie redeten. Wenn sich meine Mutter und die junge Nachbarin, die mit uns die Rolle Linoleum gekauft hatte, über sie unterhielten, fielen Begriffe wie Schlampe und Herumtreiberin.
Meine Mutter sah gar nicht gern, dass ich mich mit Gesine angefreundet hatte. Sie erklärte mir, dass sie ein sogenanntes leichtes Mädchen ist. Anständige Jungs benutzen solche Mädchen und lassen sie dann im Stich, belehrte mich meine Mutter. Dabei vergaß sie völlig, dass auch mein Vater sich verdünnisiert hatte.

Mit meinen fünf Jahren konnte ich damit natürlich nichts anfangen, hatte aber schon einen Instinkt für Gerechtigkeit und wusste, dass das Gerede von meiner Mutter völliger Quatsch war. Ich nahm mir vor, aus Solidarität mit Gesine, und um meine Mutter und die Anderen zu ärgern, später auch ein „leichtes Mädchen“ zu werden, und nie wollte ich einen anständigen Jungen heiraten. Ich ging noch nicht mal zur Schule, hatte aber schon feministische Ideen. Emma Goldmann und Simone de Beauvoir wären auf mich stolz gewesen.

In späteren Jahren übernachteten meine Mutter und ich, wenn wir in den Urlaub fuhren, bei der jungen Nachbarin, deren Ehe inzwischen den Weg alles Irdischen gegangen war, und die jetzt, als alleinerziehende Mutter, Geld brauchte. Sie wohnte inzwischen in Rostock/Lichtenhagen. Sie war eine intelligente Frau, die viel las, und sah in mir wohl schon immer eine Querulantin.
Über Gesine, nach der ich immerzu fragte, erfuhr ich nichts mehr. „Hoffentlich, haben sie sie nicht doch noch kleingekriegt.“ fürchtete ich.

Jahre später, ich lebe inzwischen in Berlin, sitze ich in Lichtenhagen in einem Treppenhaus und will dort übernachten. Dieser Stadtteil ist mir von unseren Urlaubsreisen her vertraut.
Nachdem eine Beziehung in die Brüche gegangen war, hatte ich mich spontan an die Straße gestellt und bin einfach ins Blaue getrampt. Insgesamt sind es wohl drei Wochen gewesen. Übernachtet habe ich meist im Freien oder in Hauseingängen.
Ein junger Mann, den ich beim Trampen kennenlernte, sagte zu mir: „Ein hübsches Mädchen, wie du, zieht die Männer an, aber sie kann sie nicht halten.“
Einmal hat mich auch ein Schleppkahn zwei Tage mitgenommen.
Durch Zufall landete ich auch in der Stadt am Meer, in der meine Mutter und ich immer Urlaub gemacht hatten. Vielleicht führte mich mein Unterbewusstsein zu den vertrauten Orten meiner Kindheit und frühen Jugend.

Ich lief wieder die altbekannte Strandpromenade entlang. Nachts versuchte ich in einem offenen Strandkorb zu übernachten, was mir nicht gelang, da der ganze Strand von der Küstenwache mit Suchscheinwerfern ausgestrahlt wurde.
Ich trampte auch zu diesem Ort an der Küste, aus dem meine Familie mütterlicherseits stammt und klopfte an ihre Tür. Zu meinem Glück, so sehe ich das heute, waren sie weggefahren.
Für mein letztes Geld kaufte ich ein Ticket nach Berlin. Seitdem war ich nicht mehr am Meer.
 
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Hallo Friedrichshain,

ich lese deine Geschichten eigentlich gerne. Diese fängt zwar gut an, ist teilweise auch ganz unterhaltsam, würde mir allerdings besser gefallen, wenn es im Mittelteil nicht so kreuz und quer durch das Gemüsebeet ginge. Beim Lesen habe ich mich gefragt: Was genau bzw. wessen Geschichte möchte die Autorin eigentlich erzählen? Es wird mal von dieser, mal von jener Person berichtet, aber die Fäden laufen nicht wirklich zusammen.

Auch die vielen Absätze stören.

Es tauchen Erinnerungen auf, die zwar ganz interessant sind, wo du dich aber bemühst, sie möglichst chronologisch und wahrheitsgetreu runterzurattern, so kommt es mir zumindest vor (die Geschichte mit dem Großcousin und seiner Schwester). So muss eine Geschichte aber überhaupt nicht sein. Es muss nicht alles genau so dargestellt werden, wie es sich zugetragen hat. Man darf ausschmücken und dazu erfinden. Diese Geschichte erinnert mich in großen Teilen eher an einen Tagebucheintrag.


Schöne Grüße
SilberneDelfine
 
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Hallo Silberne Delphine,
das ist eine frühe Erzählung von mir, die ich wieder ausgegraben habe. Ist mir klar, dass alles etwas durcheinander wirkt. Es geht um meine Heimat, die ich verdrängt habe, die aber immer wieder zum Vorschein kommt. Um Mädchen und ihr Verhältnis zur See. Im Grunde geht es ja nur um ein Mädchen. Um mich. Sie hat keine Familie und versucht sowas in der Kusine von ihrer Mutter, deren Mann und dem Großcousin und seinen Geschwistern zu finden. Eine glückliche, heile Familie. Ein Lichtblick für die Ich-Erzählerin.

Die Kinder, die sie nur alle paar Jahre mal sieht, verändern sich aber schnell mit dem Älterwerden. Schon nach kurzer Zeit. Die Kinderfreundschaften verblassen. Als Einziger tut ihr das leid, die Anderen sind da völlig pragmatisch, leben völlig im Jetzt und nur sie empfindet einen Verlust. Bald bricht der Kontakt, der fürs Leben hätte sein können, völlig ab. Die Küstenbewohner sind herb. War wohl nichts mit der Familiensuche. Wir hätten ja heute noch in Kontakt sein können.

Deshalb habe ich auch das Zitat aus david Copperfield an den Anfang gestellt. Auch da geht es um sorglose Wochen an der See und Kinderfreundschaften, die die Zeiten nicht überstehen und einzig allein im Gedächtnis eines gewissen englischen Autoren geblieben sind. Er hat wohl schon als Kind mit seinen Sinnen alles viel intensiver aufgefasst als seine Umgebung und Verluste von zwischenmenschlichen Beziehungen stärker empfunden.

Ein anderes Küstenmädel ist Gesine bzw. Sabine. Auch sie aus ähnlichen Verhältnissen wie die Erzählerin und mit ihrer kleinbürgerlichen Umgebung kollidiert, als sie in die Pubertät kam. Von herben, norddeutschen Gemütern in einen Jugendwerkhof eingewiesen worden, wegen nichts.
Finsterstes Spießertum. Aus solchen Kreisen kommen die Erzählerin und auch Gesine her. Das zeigt sich auch besonders darin, wie die Mutter von mir, immerhin eine Frau, die studiert hat, über das Mädchen Gesine urteilt. Eigentlich müsste sie es ja besser wissen. Als Pädagogin. Wohl eher eine Antipädagogin. Keinerlei Einblicke in die Psyche Heranwachsender. Völliger Mangel an Verständnis.
Gruß F
 
Anderer Erklärungsversuch: Die Erzählerin stammt aus Meck-Pom, genauer gesagt aus einem Dorf zwischen Greifswald und Stralsund. Meer ist hier nicht. Viel zu weit von der Küste weg. Aber trotzdem taucht das Meer auch in ihrem Leben immer mal wieder auf. Zwar nicht live, selten jedenfalls, sondern getarnt. Einmal in dem Gemälde, das in ihrer Schulklasse hängt, auf dem man es aber nicht sieht, dann in einer Muschel, die rauscht, auf dem Dachboden bei Oma. Als Foto, dass bei ebendieser an der Wand hängt, mit einem mürrischen Verwandten drauf, übrigens der, der die Muschel mitgebracht hat, und der angeblich in Kiel zur See gefahren sein soll, vor dem Ersten Weltkrieg und über seine Schiffsreisen in alle Welt auf, jetzt lange vergilbten, Zeitungsseiten berichtet hat. War im Mecklenburger Intelligenzblatt.

Die Schule besucht die Kreidefelsen und die Ostseewoche. Während der Letzteren kann sie zwar das Meer nicht sehen, sondern nur die Masten der Schiffe, als der Aufsetzbus am weit entfernten Hafenbecken vorbeifährt.

Dann, als sie die Familie ihrer Großmutter, die sie nicht mehr kennenlernen konnte, besucht. Diese unbekannte Vorfahrin ist praktisch am Meer aufgewachsen. Wo die Kusine ihrer Mutter mit ihrer Familie heute noch lebt. Mit den Kindern dieser Kusine verlebt sie unvergessliche Tage am Strand, die sich so nie wiederholen bei den wenigen weiteren Besuchen.

Eine andere Meernixe ist Sabine bzw. Gesine. Ein Mädel aus Rostock, ebenfalls alleinerzogen wie die Erzählerin, das es nicht einfach hat. Ihre Mutter vermietete meiner Mutter ein Zimmer.

Später gerät die Autorin während einer Tramptour ins Blaue, ausgelöst durch Liebeskummer, zufällig an die Stätten ihrer Kindheit. Den Strand von Warnemünde, wo sie viele Sommer verbracht hat, das Haus ihrer Verwandten in dem kleine Dorf an der Ostsee. Noch vor der Wende.

Trotz meiner Erläuterungen werden sich manche immer noch fragen: „Was bezweckt sie eigentlich mit der Story?“
F.
 
Die Schule besucht die Kreidefelsen und die Ostseewoche. Während der Letzteren kann sie zwar das Meer nicht sehen, sondern nur die Masten der Schiffe, als der Aufsetzbus am weit entfernten Hafenbecken vorbeifährt.

Dann, als sie die Familie ihrer Großmutter, die sie nicht mehr kennenlernen konnte, besucht. Diese unbekannte Vorfahrin ist praktisch am Meer aufgewachsen. Wo die Kusine ihrer Mutter mit ihrer Familie heute noch lebt. Mit den Kindern dieser Kusine verlebt sie unvergessliche Tage am Strand, die sich so nie wiederholen bei den wenigen weiteren Besuchen.
Hallo Friedrichshainerin,

das hatte ich ja alles verstanden, nur nicht, warum es so sprunghaft erzählt und von einem Ort, einer Zeit und einer Person zu einem anderen Ort, einer anderen Zeit und einer anderen Person im Schnellverfahren gewechselt wird. Ich meinte jetzt nicht, dass du mir alles nochmal haarklein erklären müsstest :);).

Um einen zusammenhängenden Lesefluss zu erzeugen, hätte man vielleicht davon schreiben können, dass es um verschiedene Meernixen geht und dann alle dem Leser vorstellen, von denen du erzählen wolltest.

Das wäre mein Vorschlag, um die Geschichte einfach besser lesbar zu machen. Was jetzt natürlich nicht heißt, dass du das so umsetzen sollst - es ist ja deine Geschichte. Ich wollte nur ein paar Kritikpunkte aufzeigen.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 



 
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