rosivo49
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„Das waren fürwahr andere Zeiten, die anders rochen und anders schmeckten – anders gesagt: sie schmeckten noch nach etwas …“,
denkt Eduard, während sein Blick ins Leere fällt und für ein paar Sekunden auf dem Papierschiffchen ruht, das er vor ein paar Tagen mechanisch, fast routiniert angefertigt hatte.
Angeborenes Basteltalent, denkt er flüchtig. Nun steht es da, auf dem Tisch. Eduard will damit spielen, wenn er wieder baden wird.
„Transportieren Papierschiffe auch mentale Nachrichten?“ Die Frage überrascht ihn. Eduard besitzt Einfallsreichtum. „Aber in welche Richtung?“, denkt er.
Nachrichten. Im Alltag sind sie vage, zurechtgestutzt, mundgerecht. Gespräche, die ihn nur durch den Tag tragen. Anpassungsgespräche. Nichts zum Aufspalten, nichts zum Graben nach Tiefe. Genau dieses Niederzerren hält Eduard nicht mehr aus – es begleitet ihn beharrlich, immer stärker.
Den Taxifahrer, der ihn zum über der Stadt thronenden Schloss fährt (hier soll er ein Amtsevent mitgestalten), hat Eduard beim Aussteigen besser bezahlt, als dieser erwartet hatte. Er suhlt sich geradezu in solchen Situationen. Doch das Aussteigen fällt ihm schwer. Seine Augen hätten hier draußen eine Überraschung gebraucht – und jemanden, irgendjemanden, dem er eine Frage hätte stellen können. Eduard dürstet nach Antworten. Er sucht förmlich ununterbrochen Antworten. Antworten auf was genau? Das weiß er selbst nicht.
Nachdem er das Taxi verlassen hat, hebt Eduard mit der rechten Hand einen Stein vom Boden auf – um diese Zeit, Viertel nach acht, ist er kalt, glatt und trocken. Kalt von der Nacht. Einen Moment lang wirft Eduard ihn von der rechten in die linke Hand. Da ruft eine Stimme nach ihm. Sein Amts- und Arbeitskollege steht hinter einer Balustrade: „Ed!“ – so nennen ihn die näheren Bekannten – „Ich bin hier oben!“
Ed winkt nur kurz. Er ist abgelenkt, denn sein linkes Auge sieht, wie sich eine Katze an sein Bein schmiegt, das Schwänzchen hochgestellt, miauend, bereit, sich an ihm zu reiben.
Der Kollege zögert, deutet auf ihn: „Oh, die mag dich! Siehst du?“
Eduard seufzt, zeigt Sportlichkeit im läppischen Spiel, beugt sich und streckt die Hand nach dem Fell des Tieres aus – das prompt davonrennt. Er dreht sich um, geht die breite Außentreppe hoch, die zum Festsaal des Schlosses führt. Dabei beschleicht ihn das Gefühl, dass das Schicksal dieses Tages längst entschieden ist.
Nach der Begrüßung mit Handschlag gehen die beiden Kollegen durch die dunklen Steinmauergänge, die zum Saal führen. Es geht um Gestaltung, Durchführung des Events. Es geht, im Amt für Außenbeziehungen der Stadt, um Freiburg, die Partnerstadt.
Als sie im Saal ankommen, sieht Eduard, dass der Raum menschenseelenleer ist. Völlig ausgeräumt, wie er selbst. Keine Heizung. Keine Lichter. Erst müssen sie die Sicherungen finden. Wie schön wäre es, stünde da schon ein Barkeeper an der Kaffeemaschine, bereit, zwei frische Tassen zu füllen.
Inzwischen ist es nach neun.
Diese Einladung gestern Abend kam ihm ungelegen – den Satz trägt Eduard immer noch mit sich herum. Dann ein schneller Blick in den Raum, nervöses Sprechen über Präsentationsmöglichkeiten an den Wänden.
Eduard sagt, versunken: „Ich bin kein Nachtwandler. Aber weißt du, als ich gestern Abend auf die Dachterrasse kam, wo das Fest stattfand, war ich voller Erwartungen. Zum ersten Mal blickte ich von da oben in die Ferne, zum Berg, zur Stadt. Du kennst den Ausdruck, den man dann macht – deppert überrascht, plötzlich durch und durch zufrieden. Dieses Gefühl in den Haaren, in der Frisur. Das Gefühl, dass du alles weißt. Und dann – Assimilieren. Plötzlich wird es unwirsch zu zusätzlicher Arbeit.
Bewegungsmangel, Alkohol, blödes Stressrauchen, schlechte Speisen – all das reduziert die Fähigkeit, Schönes wahrzunehmen. Man schwärmt vom Urlaub, den ersten Schritten am Strand. Hier aber redet man in Gesprächsdreiecken, über Kühe am Arbeitsplatz. Oder was weiß ich. Die Stimmung ruiniert. Der Blutdruck gedrückt. Wie ich solche Abende hasse!“
„Eduard“, sagt sein Kollege, „du kämpfst zu oft, so wie du dich gerade auskotzt, gegen Eitelkeit. Was machst du für ein Gesicht? Als hättest du dich selbst schändlich betrogen. Als wären deine Gedanken der Beweis mangelnder Lebenskompetenz. Großartig!“ Das ironische Lächeln kennt Eduard schon lange.
Mats – so nennen ihn alle – schaut kataton in die Leere: „Er will es nicht, aber er macht’s doch. Er will was, und tut’s aber nicht.“
„Aber ich bin doch aus freiem Willen hingegangen. Warum bin ich verärgert?“
Mats, im selben Sog, antwortet: „Vielleicht … weil keiner was Weises gesagt hat? Das suchst du doch so gerne. Also bitte – woher kommt diese Wut?“
Eduard lehnt an einem der runden Hochtische, denkt für sich: „Kannst du nichts Gescheiteres über mich sagen?“ Er stützt sich auf die Ellbogen.
„Weißt du, was es ist?“, fragt Mats, kratzt sich mit dem Nagel am Hinterkopf. „Es hat mit deiner offensichtlichen Lebensverachtung zu tun …“
„Komm“, sagt Eduard. „Lass uns gehen, den Lokalaugenschein beenden. Montag im warmen Büro können wir die Eventpläne weiterspinnen. Ja, ich weiß, du meinst es gut mit mir.“
Eduards Stimmung schwankt. Natürlich hat er auch wundervolle, sehr schöne Tage erlebt.
Dem Taxifahrer, der sie beide wieder abholt, ist es egal, worin er vertieft ist. Hauptsache, nicht auffallen.
Eduard und Mats haben das Bedürfnis zu schweigen. Ein einvernehmliches Schweigen. Beide in ihre Gedanken versunken.
denkt Eduard, während sein Blick ins Leere fällt und für ein paar Sekunden auf dem Papierschiffchen ruht, das er vor ein paar Tagen mechanisch, fast routiniert angefertigt hatte.
Angeborenes Basteltalent, denkt er flüchtig. Nun steht es da, auf dem Tisch. Eduard will damit spielen, wenn er wieder baden wird.
„Transportieren Papierschiffe auch mentale Nachrichten?“ Die Frage überrascht ihn. Eduard besitzt Einfallsreichtum. „Aber in welche Richtung?“, denkt er.
Nachrichten. Im Alltag sind sie vage, zurechtgestutzt, mundgerecht. Gespräche, die ihn nur durch den Tag tragen. Anpassungsgespräche. Nichts zum Aufspalten, nichts zum Graben nach Tiefe. Genau dieses Niederzerren hält Eduard nicht mehr aus – es begleitet ihn beharrlich, immer stärker.
Den Taxifahrer, der ihn zum über der Stadt thronenden Schloss fährt (hier soll er ein Amtsevent mitgestalten), hat Eduard beim Aussteigen besser bezahlt, als dieser erwartet hatte. Er suhlt sich geradezu in solchen Situationen. Doch das Aussteigen fällt ihm schwer. Seine Augen hätten hier draußen eine Überraschung gebraucht – und jemanden, irgendjemanden, dem er eine Frage hätte stellen können. Eduard dürstet nach Antworten. Er sucht förmlich ununterbrochen Antworten. Antworten auf was genau? Das weiß er selbst nicht.
Nachdem er das Taxi verlassen hat, hebt Eduard mit der rechten Hand einen Stein vom Boden auf – um diese Zeit, Viertel nach acht, ist er kalt, glatt und trocken. Kalt von der Nacht. Einen Moment lang wirft Eduard ihn von der rechten in die linke Hand. Da ruft eine Stimme nach ihm. Sein Amts- und Arbeitskollege steht hinter einer Balustrade: „Ed!“ – so nennen ihn die näheren Bekannten – „Ich bin hier oben!“
Ed winkt nur kurz. Er ist abgelenkt, denn sein linkes Auge sieht, wie sich eine Katze an sein Bein schmiegt, das Schwänzchen hochgestellt, miauend, bereit, sich an ihm zu reiben.
Der Kollege zögert, deutet auf ihn: „Oh, die mag dich! Siehst du?“
Eduard seufzt, zeigt Sportlichkeit im läppischen Spiel, beugt sich und streckt die Hand nach dem Fell des Tieres aus – das prompt davonrennt. Er dreht sich um, geht die breite Außentreppe hoch, die zum Festsaal des Schlosses führt. Dabei beschleicht ihn das Gefühl, dass das Schicksal dieses Tages längst entschieden ist.
Nach der Begrüßung mit Handschlag gehen die beiden Kollegen durch die dunklen Steinmauergänge, die zum Saal führen. Es geht um Gestaltung, Durchführung des Events. Es geht, im Amt für Außenbeziehungen der Stadt, um Freiburg, die Partnerstadt.
Als sie im Saal ankommen, sieht Eduard, dass der Raum menschenseelenleer ist. Völlig ausgeräumt, wie er selbst. Keine Heizung. Keine Lichter. Erst müssen sie die Sicherungen finden. Wie schön wäre es, stünde da schon ein Barkeeper an der Kaffeemaschine, bereit, zwei frische Tassen zu füllen.
Inzwischen ist es nach neun.
Diese Einladung gestern Abend kam ihm ungelegen – den Satz trägt Eduard immer noch mit sich herum. Dann ein schneller Blick in den Raum, nervöses Sprechen über Präsentationsmöglichkeiten an den Wänden.
Eduard sagt, versunken: „Ich bin kein Nachtwandler. Aber weißt du, als ich gestern Abend auf die Dachterrasse kam, wo das Fest stattfand, war ich voller Erwartungen. Zum ersten Mal blickte ich von da oben in die Ferne, zum Berg, zur Stadt. Du kennst den Ausdruck, den man dann macht – deppert überrascht, plötzlich durch und durch zufrieden. Dieses Gefühl in den Haaren, in der Frisur. Das Gefühl, dass du alles weißt. Und dann – Assimilieren. Plötzlich wird es unwirsch zu zusätzlicher Arbeit.
Bewegungsmangel, Alkohol, blödes Stressrauchen, schlechte Speisen – all das reduziert die Fähigkeit, Schönes wahrzunehmen. Man schwärmt vom Urlaub, den ersten Schritten am Strand. Hier aber redet man in Gesprächsdreiecken, über Kühe am Arbeitsplatz. Oder was weiß ich. Die Stimmung ruiniert. Der Blutdruck gedrückt. Wie ich solche Abende hasse!“
„Eduard“, sagt sein Kollege, „du kämpfst zu oft, so wie du dich gerade auskotzt, gegen Eitelkeit. Was machst du für ein Gesicht? Als hättest du dich selbst schändlich betrogen. Als wären deine Gedanken der Beweis mangelnder Lebenskompetenz. Großartig!“ Das ironische Lächeln kennt Eduard schon lange.
Mats – so nennen ihn alle – schaut kataton in die Leere: „Er will es nicht, aber er macht’s doch. Er will was, und tut’s aber nicht.“
„Aber ich bin doch aus freiem Willen hingegangen. Warum bin ich verärgert?“
Mats, im selben Sog, antwortet: „Vielleicht … weil keiner was Weises gesagt hat? Das suchst du doch so gerne. Also bitte – woher kommt diese Wut?“
Eduard lehnt an einem der runden Hochtische, denkt für sich: „Kannst du nichts Gescheiteres über mich sagen?“ Er stützt sich auf die Ellbogen.
„Weißt du, was es ist?“, fragt Mats, kratzt sich mit dem Nagel am Hinterkopf. „Es hat mit deiner offensichtlichen Lebensverachtung zu tun …“
„Komm“, sagt Eduard. „Lass uns gehen, den Lokalaugenschein beenden. Montag im warmen Büro können wir die Eventpläne weiterspinnen. Ja, ich weiß, du meinst es gut mit mir.“
Eduards Stimmung schwankt. Natürlich hat er auch wundervolle, sehr schöne Tage erlebt.
Dem Taxifahrer, der sie beide wieder abholt, ist es egal, worin er vertieft ist. Hauptsache, nicht auffallen.
Eduard und Mats haben das Bedürfnis zu schweigen. Ein einvernehmliches Schweigen. Beide in ihre Gedanken versunken.