Müde am See

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YoungMew

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Manchmal sitze ich an einem See
und tue so,
als wäre ich nur müde.

Über dem Wasser schwebt etwas,
das einmal wir war.
Zerbrechlich.
Schwerelos.
Zu nah, um es loszulassen.

Ich starre so lange,
dass Zeit ihre Form verliert.
Monate werden still.
Jahre dünn.

Irgendwann wage ich es,
den Blick zu senken.

Im Wasser sehe ich mich selbst.
Verzerrt.
Zerlegt in Wellen.
Jemand, der gelernt hat,
nach unten zu schauen,
statt festzuhalten.

Während ich mich betrachte,
sinkt unsere Verbindung.
Langsam.
Ohne Geräusch.
Als hätte sie verstanden,
dass sie hier nicht bleiben darf.

Doch dann durchbricht deine Hand die Oberfläche.

Blass.
Entschlossen.
Zu spät.

Die Verbindung schnellt in die Luft, immer höher.

Sie leuchtet.
Glüht.
Explodiert.

Und dann beginnt sie sich wieder zu senken.
Denn du bleibst nicht.

Deine Hand verschwindet
zurück in die Tiefe.
Dorthin,
wo Gefühle nicht vergehen,
sondern warten.

Und ich bleibe sitzen.
Am See.
Mit etwas über dem Wasser,
das ich nicht mehr halten darf
und etwas in mir,
das nie ganz untergeht.
 

YoungMew

Mitglied
Hallo @Aniella

Vielen Dank für deine Bewertung. Ja, es sind traurige Erinnerungen, aber das Aufschreiben hilft sie einzuordnen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Zensis

Mitglied
Hallo YoungMew,
mir gefällt das Bild in deinem Gedicht sehr gut, wahrscheinlich weil ich mich damit selbst sehr gut identifizieren kann. Ich mag das subtile "als wäre ich nur müde". Denn man ist müde, aber nicht einfach im klassischen Sinne, sondern meist ermüdet und taub von plagenden Gefühlen, Gedanken und Lebensumständen.

Ich starre so lange,
dass Zeit ihre Form verliert.
Monate werden still.
Jahre dünn.
Diese Strophe finde ich besonders gut, sie beschreibt für mich ein dissoziiren mit der Umwelt. Ein verlieren im ganz eigenen Kosmos, beinah getrennt von allem drumherum.

Im Wasser sehe ich mich selbst.
Verzerrt.
Zerlegt in Wellen.
Jemand, der gelernt hat,
nach unten zu schauen,
statt festzuhalten.
Diese Strophe passt für mich in diese Deutung ebenfalls gut hinein, da sich hier dann die Dissioziation erweitert auf das eigene selbst. Man sieht sich selbst in Einzelteile zerstückelt, verzerrt. Nichts scheint mehr so wirklich zu passen.

Doch dann durchbricht deine Hand die Oberfläche.

Blass.
Entschlossen.
Zu spät.

Die Verbindung schnellt in die Luft, immer höher.

Sie leuchtet.
Glüht.
Explodiert.

Und dann beginnt sie sich wieder zu senken.
Denn du bleibst nicht.
Dieser Part ist mir, ehrlicher Weise, sehr drüber und wirft mich raus aus den davor sehr schön gemalten Bildern. Ich glaube, du möchtest dort ein wenig zu viel ausdrücken. Stilistisch ist er mir auch zu sehr erzählend. Ich würde dir gern einen Vorschlag dazu machen, wie man das vielleicht besser lösen könnte, aber mir fällt dazu gerade leider nichts ein.

Die letzten beiden Strophen dagegen gefallen mir wieder sehr gut und bilden einen gelungenen Abschluss für das Gedicht. Sie schicken mich auch wieder zurück in die Bilder und Gefühle die du zuvor bei mir aufgebaut hast.

Ich hoffe du kannst dieser Review irgendwas abgewinnen.

Liebe Grüße
Zensis
 



 
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