rubber sole
Mitglied
„Sag mal, warum fahren wir nicht einfach weiter geradeaus? Du biegst immer schon hier ab. Da vorne, die kleine Straße weiter durch. Die sieht doch viel schöner aus. Kaum Verkehr. Und näher an der Uferpromenade ist sie auch.“
Ich muss meiner Frau im Stillen recht geben. Das Ausblenden einer dramatischen Wendung in meinem früherem Leben hat zu meiner ablehnenden Haltung geführt. Ich lebe nun schon seit einigen Jahren wieder an meinem früheren Wohnort in einer idyllischen kleinen Stadt am Rande eines Naherholungsgebiets; ich fühle mich wieder heimisch hier. Lediglich eine Stadtrandsiedlung bereitet mir Unbehagen, mit der kann ich mich nach meiner Rückkehr einfach nicht wieder anfreunden. Keineswegs weil das Ambiente dort unattraktiv wäre, eher das Gegenteil ist der Fall; diese Gegend strahlt eine ruhige, gediegene Atmosphäre aus. Dennoch, ich vermeide es auf Spaziergängen oder Radtouren mit meiner Frau diese Straße zu benutzen, hier, wo der anspruchsvolle, komfortable Lebensstil hinter den gepflegten Vorgärten mit seinen akkurat gestutzten Bäumen und Sträuchern deutlich zu erkennen ist.
Inzwischen kann ich meiner Gattin keinen plausiblen Grund mehr nennen, nicht durch diese Straße zu fahren, schon gar nicht, wenn sie, wie jetzt, explizit danach fragt. Und außerdem: Die Route ist in der Tat schöner und nah am Uferweg. Es ist der Anblick eines bestimmten Hauses, der mich veranlasst, diese Häuserreihe auf unseren Streifzügen zu meiden. Dieses spezielle Haus, ein beeindruckendes Anwesen mit architektonisch anspruchsvollem Ambiente, gelegen am Ende einer ruhigen Straße, erzeugt in mir das Gefühl von Beklommenheit. Genau dieses Schmuckstück von einem Eigenheim war für etliche Jahre der glückliche Mittelpunkt für mich und meine frühere Familie gewesen. Ich werde es meiner Frau erklären müssen.
Sie hat mich nie gedrängt, sämtliche Umstände aus dieser Zeit meines Lebens zu erzählen – nun überwand ich diese Hemmschwelle, ich beschrieb den wohl schicksalhaftesten Tag in meinem Leben, der eine dramatische Veränderung in meinem Dasein auslöste. Es begann damit, dass meine damalige Ehefrau zum dritten Mal einen anberaumten Scheidungstermin hatte platzen lassen. Die dazu jeweils passenden gesundheitlichen Gründe waren nachzuvollziehen und ärztlich attestiert. Meine frühere Gattin hatte auch keinen Grund für eine böswillige Verzögerung, wir waren uns in der Sache einig. Zudem lag ein Ehevertrag vor, der die materiellen Details regelte, etliche davon zu meinen Gunsten - dies war in aller Klarheit einvernehmlich ausformuliert. Dann nur noch wenige Tage bis zu einem neuen Termin vor Gericht. Meine bald Ex-Frau war gesundheitlich wiederhergestellt, als nun ich zu schwächeln begann. Ein eitriger Abszess im Unterkiefer hatte zur Extraktion zweier Backenzähne geführt. Äußerst unangenehm und sehr schmerzhaft, aber dennoch, ich wollte unbedingt diesen Vorladungstermin vor dem Scheidungsrichter einhalten. Und das erwies sich problematischer, als ich es hätte erahnen können; denn ich litt stark unter den Folgen dieser Sekundärinfektion, die mich normalerweise verhandlungsunfähig gemacht hätte. In meinem enormen Frust war ein Fernbleiben trotz dieser kaum zu ertragenden Beschwerden keine Option für mich.
Also erschien ich pünktlich vor Gericht. Niemand merkte mir an, dass ich völlig von der Rolle war. Als langjährig gut trainierter, robuster Party-Gänger konnte ich den Effekt psychogen wirkender Substanzen einschätzen und damit umgehen – normalerweise. Der Cocktail allerdings, den ich mir nun gegönnt hatte, eine Mischung aus diversen Schmerzmitteln, Tranquilizern, einigen Gläser Whisky als Kontra-Droge, sowie einer gut bemessenen Prise Kokain, wirkte durch synergetische Effekte der einzelnen Substanzen außerordentlich stimulierend. Ich fühlte mich wie auf einer Wolke, unbesiegbar, komplett vom Alltag abgehoben; wie ferngesteuert über der trivialen Welt der Normalsterblichen schwebend. Und in diesem Zustand hatte ich einen aufsehenerregenden Auftritt vor Gericht, wie ich später den Akten entnehmen konnte. Als mein Anwalt in seinen einleitenden Worten begann, meinen Status als angesehener Bürger zu beschreiben, der auch noch in etlichen Ehrenämtern tätig sei, und darüber hinaus als großzügiger Spender auftritt, ritt mich der Wahnsinn.
„Hören Sie auf mit dem Unfug. Ich will nichts davon hören. Und im Übrigen brauche ich Sie nicht mehr. Sie sind gefeuert!“
Durch die Reihen der Anwesenden ging ein Raunen, sie witterten eine Sensation, die ich dann auch prompt lieferte, ausgelöst durch einen nicht zu bremsenden Drang zur Offenbarung.
„Ich bin an einen Punkt gekommen, an dem ich meine wahre Bestimmung erkannt habe. All dieser materielle Kram, der ganze Schnickschnack. Tolles Haus, Nobelkarosse und der übrige Luxus-Scheiß, was soll das? Dieses selbstgefällige Suhlen im Wohlstand. Ich streb' nach anderen Werten. Ich will endlich frei sein!“
Die Beteiligten der Gegenpartei sahen sich verblüfft an, mehr an Sensation war kaum möglich. Und als der gegnerische Anwalt hier einhaken wollte, kam ich ihm mit einer weiteren Erklärung zuvor.
„Ich überlass alles ihr.“ Dabei zeigte ich auf meine nun demnächst Ex-Gattin.
„Nehmen Sie auch das ins Protokoll: Das gesamte Vermögen geht an sie. Haus, Auto und was da sonst noch ist. Ich will das nicht mehr. Und eines möchte ich klarstellen. Das hier ist kein Anfall von Schwäche. Auch kein Schenkungswahn. Ich weiß, was ich tue.“
Als ich dann auch noch auf den Anspruch des Sorgerechts für die beiden Kinder verzichtete, waren alle Beteiligten vollkommen perplex. Der Vorgang ging so in das Protokoll ein. Ich unterschrieb alles. Die Folgen realisierte ich erst viel später, als die Scheidungspapiere komplett vorlagen; rechtskräftig, eine Einspruchsmöglichkeit gab es nicht mehr - ich zog in eine andere Stadt.
Ich muss meiner Frau im Stillen recht geben. Das Ausblenden einer dramatischen Wendung in meinem früherem Leben hat zu meiner ablehnenden Haltung geführt. Ich lebe nun schon seit einigen Jahren wieder an meinem früheren Wohnort in einer idyllischen kleinen Stadt am Rande eines Naherholungsgebiets; ich fühle mich wieder heimisch hier. Lediglich eine Stadtrandsiedlung bereitet mir Unbehagen, mit der kann ich mich nach meiner Rückkehr einfach nicht wieder anfreunden. Keineswegs weil das Ambiente dort unattraktiv wäre, eher das Gegenteil ist der Fall; diese Gegend strahlt eine ruhige, gediegene Atmosphäre aus. Dennoch, ich vermeide es auf Spaziergängen oder Radtouren mit meiner Frau diese Straße zu benutzen, hier, wo der anspruchsvolle, komfortable Lebensstil hinter den gepflegten Vorgärten mit seinen akkurat gestutzten Bäumen und Sträuchern deutlich zu erkennen ist.
Inzwischen kann ich meiner Gattin keinen plausiblen Grund mehr nennen, nicht durch diese Straße zu fahren, schon gar nicht, wenn sie, wie jetzt, explizit danach fragt. Und außerdem: Die Route ist in der Tat schöner und nah am Uferweg. Es ist der Anblick eines bestimmten Hauses, der mich veranlasst, diese Häuserreihe auf unseren Streifzügen zu meiden. Dieses spezielle Haus, ein beeindruckendes Anwesen mit architektonisch anspruchsvollem Ambiente, gelegen am Ende einer ruhigen Straße, erzeugt in mir das Gefühl von Beklommenheit. Genau dieses Schmuckstück von einem Eigenheim war für etliche Jahre der glückliche Mittelpunkt für mich und meine frühere Familie gewesen. Ich werde es meiner Frau erklären müssen.
Sie hat mich nie gedrängt, sämtliche Umstände aus dieser Zeit meines Lebens zu erzählen – nun überwand ich diese Hemmschwelle, ich beschrieb den wohl schicksalhaftesten Tag in meinem Leben, der eine dramatische Veränderung in meinem Dasein auslöste. Es begann damit, dass meine damalige Ehefrau zum dritten Mal einen anberaumten Scheidungstermin hatte platzen lassen. Die dazu jeweils passenden gesundheitlichen Gründe waren nachzuvollziehen und ärztlich attestiert. Meine frühere Gattin hatte auch keinen Grund für eine böswillige Verzögerung, wir waren uns in der Sache einig. Zudem lag ein Ehevertrag vor, der die materiellen Details regelte, etliche davon zu meinen Gunsten - dies war in aller Klarheit einvernehmlich ausformuliert. Dann nur noch wenige Tage bis zu einem neuen Termin vor Gericht. Meine bald Ex-Frau war gesundheitlich wiederhergestellt, als nun ich zu schwächeln begann. Ein eitriger Abszess im Unterkiefer hatte zur Extraktion zweier Backenzähne geführt. Äußerst unangenehm und sehr schmerzhaft, aber dennoch, ich wollte unbedingt diesen Vorladungstermin vor dem Scheidungsrichter einhalten. Und das erwies sich problematischer, als ich es hätte erahnen können; denn ich litt stark unter den Folgen dieser Sekundärinfektion, die mich normalerweise verhandlungsunfähig gemacht hätte. In meinem enormen Frust war ein Fernbleiben trotz dieser kaum zu ertragenden Beschwerden keine Option für mich.
Also erschien ich pünktlich vor Gericht. Niemand merkte mir an, dass ich völlig von der Rolle war. Als langjährig gut trainierter, robuster Party-Gänger konnte ich den Effekt psychogen wirkender Substanzen einschätzen und damit umgehen – normalerweise. Der Cocktail allerdings, den ich mir nun gegönnt hatte, eine Mischung aus diversen Schmerzmitteln, Tranquilizern, einigen Gläser Whisky als Kontra-Droge, sowie einer gut bemessenen Prise Kokain, wirkte durch synergetische Effekte der einzelnen Substanzen außerordentlich stimulierend. Ich fühlte mich wie auf einer Wolke, unbesiegbar, komplett vom Alltag abgehoben; wie ferngesteuert über der trivialen Welt der Normalsterblichen schwebend. Und in diesem Zustand hatte ich einen aufsehenerregenden Auftritt vor Gericht, wie ich später den Akten entnehmen konnte. Als mein Anwalt in seinen einleitenden Worten begann, meinen Status als angesehener Bürger zu beschreiben, der auch noch in etlichen Ehrenämtern tätig sei, und darüber hinaus als großzügiger Spender auftritt, ritt mich der Wahnsinn.
„Hören Sie auf mit dem Unfug. Ich will nichts davon hören. Und im Übrigen brauche ich Sie nicht mehr. Sie sind gefeuert!“
Durch die Reihen der Anwesenden ging ein Raunen, sie witterten eine Sensation, die ich dann auch prompt lieferte, ausgelöst durch einen nicht zu bremsenden Drang zur Offenbarung.
„Ich bin an einen Punkt gekommen, an dem ich meine wahre Bestimmung erkannt habe. All dieser materielle Kram, der ganze Schnickschnack. Tolles Haus, Nobelkarosse und der übrige Luxus-Scheiß, was soll das? Dieses selbstgefällige Suhlen im Wohlstand. Ich streb' nach anderen Werten. Ich will endlich frei sein!“
Die Beteiligten der Gegenpartei sahen sich verblüfft an, mehr an Sensation war kaum möglich. Und als der gegnerische Anwalt hier einhaken wollte, kam ich ihm mit einer weiteren Erklärung zuvor.
„Ich überlass alles ihr.“ Dabei zeigte ich auf meine nun demnächst Ex-Gattin.
„Nehmen Sie auch das ins Protokoll: Das gesamte Vermögen geht an sie. Haus, Auto und was da sonst noch ist. Ich will das nicht mehr. Und eines möchte ich klarstellen. Das hier ist kein Anfall von Schwäche. Auch kein Schenkungswahn. Ich weiß, was ich tue.“
Als ich dann auch noch auf den Anspruch des Sorgerechts für die beiden Kinder verzichtete, waren alle Beteiligten vollkommen perplex. Der Vorgang ging so in das Protokoll ein. Ich unterschrieb alles. Die Folgen realisierte ich erst viel später, als die Scheidungspapiere komplett vorlagen; rechtskräftig, eine Einspruchsmöglichkeit gab es nicht mehr - ich zog in eine andere Stadt.