Noch hier drin

luc_tess

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Noch hier drin

Wildkiss Tiger Design. Jacquard-gewobenes Velours, mit kleinen Tigern darauf. Sie klettern hoch, in Gold und Schwarz. Tibetanisch. Hübsch gezeichnet. Schwer. Er schwingt noch immer. Nicht vom Draußen, von der Tür. Noch vibriert der laute Knall im Raum.

Draußen ist es still, drinnen ist es laut. In mir, in meinem Herzen. Ich höre es in den Ohren. Pochen, rauschen.
Mein Atmen kehrt zurück, löst ein Leben aus dem Vorhang, taumelnd ins Licht. Ein Nachtfalter. Grau, unscheinbar.
Orientierungslos im weichen Licht. Er sucht den Ursprung. Findet ihn in der Stehlampe. Kreisend, angelockt, verwirrt. Der Schirm steht schief. Geknickte Strebe, gefaltetes Pergament. Wann ist das passiert? Vorhin, als er –

Er. Das ist – es ist egal. Jetzt ist es egal. Vorhin war es das nicht. Das Licht wirft unruhige Schatten. Flieg nicht zu nah. Er versteht, spürt zu viel Hitze, steigt höher. Taumelnd, bis an die Decke. Von oben sieht er seine Welt. Die nur dieser Raum ist. Das Bild an der Wand. Goldener Rahmen, schmal, elegant. Wir beide darauf. Waren wir. Toskana, Sommer, Weinberg. Sein Arm um meine Schulter. Er landet am Rand. Was bedeutet das noch?

Es ist nicht echt. Kein Grün für dich, kleiner Falter. Kein Arm für mich. Flieg weiter. Was wartest du? Was glaubst du noch zu finden – zu retten? Das Gold hat keinen Wert. Er löst sich vom Rahmen. Fliegt suchende Bahnen. Senkt sich. Über den Stuhl der hilflos auf dem Boden liegt. Umkreist ihn. Nimm nicht den Stuhl. Er tut nicht gut.
Auch hier, der Samt ist falsches Grün. Such das Leben. Flieg zu mir.

Komm her zu mir. Er macht es nicht. Landet nicht. Nicht bei mir, nicht am Stuhl. Ich verstehe dich. Die Wut hängt noch daran, klebt am Holz. Nicht an mir, bloß am Holz. Und doch: Ich spüre sie, ich rieche sie. Jetzt verstehe ich – Gewalt, das ist ein Gefühl. Wir fühlen. Wir weichen aus. Wohin dann? Mein Blick folgt ihm. Durch den Raum. Zum Fenster. Raumhoch, schweres Mahagoni. Fragmente vom Draußen. Die Glastür, halb offen. Mein grauer Freund verweilt jetzt hier. Schwebend, nicht bei mir, nicht bei sich.

Draußen, unser Tisch: Zwei Gläser. Wein. Eins leer, eins mit Rest. Rot im Licht, schwarz in der Nacht. Warmes Draußen mit dem Gesang des Sommers. Schön, im Licht der Laterne. Dort ist es gut für dich. Bleib nicht bei mir. Er hört mich. Taumelt zur Öffnung. Nach draußen. Ins echte Grün, morgen. Ins Schwarze, jetzt. Ins Lebendige. Kennst du die Grille die da singt? Kennt man sich in deiner Welt? Hört und sieht man sich?

Er kommt zurück. Natürlich kommt er zurück. Das Licht. Immer das Licht. Es zieht uns alle an. Macht uns sichtbar. Und auch nicht. Bin ich dein Licht? Bleib in der Nacht. Dein Grau verbirgt dich. Das ist gut. Mich sieht man nicht, nicht im Licht, nicht in der Nacht. Ich existiere bloß.

Existiere ich? Mir war, als wärst du durch mich hindurch geflogen. Wie kommst du hierhin? Zum Tisch. In den kleinen Kreis aus Gold, der sich ewig schließt. Es ist nicht das Ding, das zählt. Nicht die Form, die kein Ende hat. Nicht der Stein, der funkelt wie ein Stern.

Es sind die Hände, die du suchen sollst. Die da liegen. Ausgestreckt und fein sortiert. Die zittern, fremd bleiben, wenn man sie nicht berührt. Sieh doch, wie er sich zitternd hebt, wie zart er ist, wie fein er fühlt.

Nur noch ein kleines Stück. Vorne ist bloß Lack. Hier hinten ist die Haut. Hier, da war der Ring. Ja hier, das weiße Band. War vom Metall umringt. Verbunden. Jetzt getrennt.
Deine Fühler tasten. Meine Haut. Spürst du mich? Bin ich warm genug? Lebendig genug für einen Falter? Deine Flügel zittern. Meine Finger zittern. Mir geht es nicht gut. Geht es dir gut?

Ich wage kaum zu atmen. Die Wut ist noch hier drin. Du sollst noch bleiben. Nur einen Moment. Nur so lang, dass ich weiß: Ich bin noch da. Dass etwas mich berührt. Dass etwas bleibt.
Aber er ist Nachtfalter. Er gehört nicht hierher. Nicht ins Licht. Nicht zu mir. Er muss fort, ins Dunkel, wo er hingehört. Wo man ihn nicht sieht. Wo er sicher ist.

Mein Finger hebt sich. Auf und ab. Als könnte er fliegen. Als könnte er zerbrechen. Als könnte ich zerbrechen. Der Falter versteht. Öffnet seine Flügel. Du bist nicht grau und unscheinbar. Schön bist du – Graubunt sogar.

Er fliegt. Zur Tür. Nach draußen. Ins Schwarze, ins Lebendige. Noch winkt sie nicht, die Hand. Ich denk’s für dich: Mein Freund, hab vielen Dank. Ein Kuss für dich. Grüß die Grille – ich bleibe noch. Im Licht, das mich nicht wärmt. In der Stille, die noch schreit.

Die Hand sinkt zurück, sie zittert nicht. Auf den Tisch. Auf das Gold, das nichts bedeutet. Der Ring liegt da. Bedeutet nicht, ist kalt und leer. Die Hand ist stark, schiebt sich nach vorn. Hält nicht an. Ein klingendes Geräusch, springend, rollend. Dann nichts. Ich sehe nicht, wo er gelandet ist.

Ich bin nur ich. Ich fühle mich. Wie zart ich bin. War berührt zum ersten Mal. Ein Wesen das nicht will, nicht braucht, nicht muss. Das fühlen kann. Mikroskopisch fein.

Draußen singt die Grille, mein Gruß hat sie erreicht. Drinnen bin ich still. Und bald schon steh ich wieder auf. Stell den Stuhl auf seine Beine und zieh den Vorhang auf. Deine Wut, das bin nicht ich. Die gehört nur dir.

Die Tiger schaukeln noch. Jetzt im stillen Wind.
 



 
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