Corinna Thiers
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Ohnmachtsgefühle
Womöglich ist ein stetig wachsendes Gefühl der Ohnmacht so ziemlich jedem bekannt. Der Eine oder Andere erlebte und vergas es in der Kindheit. Der Eine oder Andere erinnert sich noch vereinzelt an Situationen, in denen sich die Ohnmacht wie eine Bombe im Magen festsetzte und auf einmal zersprang. Danach fühlte sich der Magen an wie ein nebeliger, fader und lebloser Wald in einem längst verstaubten Märchenbuch, das schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelesen wurde. Man mochte nicht mehr essen. Trinken war auch nichts mehr. Und im Grunde wollte man nun gar nichts mehr. Ohnmacht setzt oft einen Mangel an Antrieb frei. Ein taubes, lebloses Gefühl. Dem Wunsch nachzugeben, sich dem berühmten Mauseloch nicht nur zu nähern, sondern dem Mäuschen, das darin wohlig schläft einen herben Seitenhieb zu geben und zu sagen: „Sag mal Maus, ists nicht ein bisschen frech, mein lieblich auserwähltes Löchlein zu bewohnen?“ , ist in diesem Falle durchaus herausfordernd.
Seit ich Mama geworden bin, verdienen meine Ohnmachtsgefühle eine ganz besondere Aufmerksamkeit, weil sie nicht mehr diese passive Antriebslosigkeit in mir bewirken, sondern ein zorniges Überfordert-Sein. Das sind die Momente, in denen man brüllt, noch während des Brüllens in Selbstvorwürfen erstickt und nach dem Brüllen weint und sich entschuldigen möchte oder es bereits tut, während man sich selbst manchmal, völlig bleiern, dabei selbst beobachten kann, weil man das Gefühl hat, dieser Situation als alter Ego kritisch und verurteilend beizuwohnen. Leider ist es dann schon zu spät – denn was man getan hat, ist passiert und was es im Kind bewirkt hat, das kann nur erahnt werden.
Spannend ist zudem, dass diese Form des Auslebens tiefer Ohnmacht eine enorme Sehnsucht nach Freiheit in mir freisetzt: nicht verantwortlich sein bedeutet, keine Fehler machen können. Bedeutet, sich in eine innere, kleine Höhle zurückziehen zu können, in der man selbst und die Welt vor dem Ausmaß befreit ist, das dem Zornesausbruch folgt.
Zum ersten Mal stellen sich nun in Konflikten jeglicher Art doch immer wieder Fragen nach der Sinnhaftigkeit der eigenen Gefühlsregungen und natürlich auch der Botschaften, die darin enthalten sein mögen. Fallen doch nun, wo Ohnmacht sich an Ohnmacht reiht, die Ohnmächtigkeiten allerhand anderer Lebenssituationen schmerzlich ins Auge. Oder besser, ins Herz. Denn all` diesen Verurteilungen, seien es die Eigenen oder die der Anderen, meist in der unschlagbaren Kombination vollständig zu Boden drückend, machen das Herz schwer und das Gemüt unglücklich.
Schön ist auch, wenn man Ungerechtigkeiten und den damit verbundenen Ohnmachtsgefühlen „ausgeliefert“ ist. Hui, wie schön, wenn dann ein gefühlter Vorwurfsmarathon an Beleidigungen und Unterstellungen auf einen ein“rennt“ und scheinbar gar kein Ende mehr kennt. Schon sitzen Engelchen und Teufelchen auf der linken und der rechten Schulter und flüstern geflissentlich ins linke und ins rechte Öhrchen. Das Engelchen säuselt oder summt nur ein Liedchen, während der Teufel lauthals die ausgefallendsten Schimpfwörter in Dein Ohr schreit und dabei keine Grenzen mehr kennt, je nachdem, wie lange der Marathon schon ge“laufen“ wird.
Bist Du einigermaßen reflektiert, kennst schon etwas Deine Schwächen: Kurz, hast Dich schon eine Weile mit Engelchen und Teufelchen in Dir selbst befasst, so bist Du in der Lage zu entscheiden, wem Du nachgeben wirst. Singst Du eine deeskalierende Arie in Dur oder grölst Du eine waschechte Gegenwehr in „Streit-Moll“? Wie auch immer Du verfährst: Wo eigentlich hin mit den Gefühlen, für die in dieser Auseinandersetzung dann kein Platz ist? Wenn Du Dich wehrst und eventuell den Ton nicht triffst oder der Andere nicht verstehst, worum es Dir geht, dann lebst Du mit unangenehmen Gefühlen von Schuld und/ oder Distanz. Hättest Du doch dem Anderen etwas mehr Raum geben können, um zu beschreiben wie die Dinge für ihn liegen. Ein ständiges hätte, würde, sollte durchzieht Deine Gedanken wie ein Echo. „Sag mal!“, echot es, „ bist Du da nicht etwas vorschnell?“ Na super, liebes Schuldgefühl. Willkommen. Zeit, innerlich mit den Augen zu rollen.
Wenn Du deeskalieren möchtest, hast Du da zum Einen die Dinge, die Du nicht aussprichst, weil Du ahnst, dass dieses zu erwähnen womöglich nur dazu beitrüge, den Konflikt dramatisch zu verstärken. Und dann gibt’s da noch die Dinge, die vielleicht schon längst wehtun und das Herz taub machen. Und zu guter Letzt wird unter Umständen eine Situation geboren, in der Dein Gegenüber noch getriggerter als Du selbst ist und vollkommen den Bezug zu allen Dingen verliert, Dich mit Vorwürfen erschlägt und Deine Chance Dich zu erklären durch Unterstellungen einfach niedergemetzelt wird. Irgendwann gibst Du dann auf, setzt Dich, öffnest Dir vielleicht eine Flasche Bier oder Wein und fütterst diese Gefühle der Ohnmacht mit Verzweiflung und Selbstmitleid. Tja, böse Falle. Doch viele Wege führen ins Unglück. Gott hat das Glück geschaffen, die Zufriedenheit mit dem, was er für uns erwählt hat. Gäbe es da nicht noch klein Belzi, der es liebt, den Menschen in die Suppe zu spucken und uns dann in die Öhrchen flüstert, dass das die wohl leckerste Suppe aller Zeiten sei und der bittere Beigeschmack eine hübsche Beigabe, eine neue Geschmacknuance sei, ohne die man im Leben quasi das Wichtigste, das Schönste, ja!, die Quintessenz des Seins verpasst hätte. Hmmmmmm, lecker! Wie schade, dass wir nun in einem Zeitalter leben, in dem wir dieser Stimme mehr Glauben schenken, als dem geordneten Dasein, den klaren Anweisungen Gottes.
Aber zurück zu Gefühlen, die sich regen und gern durchlebt werden wollen: Die Frage stellt sich immer wieder... wo hin mit euch, ihr Gefühlsregungen?
Es war einmal ein Eichhörnchen. Das suchte Unterschlupf in einem kleinen Mauseloch. Erst als die Maus von der Futtersuche zurückkam und entdeckte, dass in ihrem ultra-schicken Bunker ein schüchternes Eichhörnchen saß, an einer Nuss schnuffelte und mitleiderregend guckte, kuschelte sich das Mäuschen neben das Eichhörnchen und sagte: „Ich denke, Du weißt, dass Du eigentlich auf dem Baum lebst.“
Da weinte das Eichhörnchen und sagte: „Aber hier ist es schön warm. Mein Herz ist so schwer. Und da draußen schneit es.“ Da setzte sich das Mäuschen neben das Eichhörnchen und schmuste sich von der Seite an den traurigen Körper. „Ich verstehe Dich“, sagte das Mäuschen, „manchmal braucht man eben etwas Zeit, damit das Herz wieder heil werden kann.“ Und die beiden schliefen einträchtig nebeneinander einen langen, erholsamen Schlaf. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, weinte das Eichhörnchen. „Was ist denn los?“, fragte das Mäuschen das Eichhörnchen.
„Weißt Du“, sagte das Eichhörnchen „Wenn ich hinaus gehe, wird wieder alles auf mich einprasseln wie zuvor.“
Da nahm das Mäuschen das Eichhörnchen in die kleinen Arme und sagte: „Irgendwann wirst Du merken, dass alles was auf Dich einprasselt letztendlich Du selbst bist.“
„Und das, was ich nicht bin?“, fragte das Eichhörnchen.
„Nun, das ist auch in Dir.“, antwortete das Mäuschen.
„Aber das stimmt doch gar nicht!“, protestierte das Eichhörnchen. Das Mäuschen lächelte liebevoll.
Nun, was regt sich denn in mir, wenn ich in Ohnmachtsgefühlen dahin sieche? Und warum kann ich diese Gefühle nicht abstreifen?
Weil ich entweder noch nicht verstanden habe, warum sie da sind... oder nicht bereit bin, den Nutzen, den sie haben, zurückzulassen.
Tja... Es war einmal eine Mama, die hatte viel zu oft Ohnmachtsgefühle. Eines Tages stand sie an einem Ufer und ließ eine Flaschenpost zu Wasser.
Eine andere Mama fand an der anderen Uferseite eines Tages eine Flaschenpost und öffnete sie. Es stand nur ein Satz darin: „Ich habe verstanden, wozu ihr mir gedient habt und nun geht eurer Wege ohne mich.“
„Habe ich schon erwähnt, dass es heute windig ist? Morgen scheint aber sicher die Sonne und der Mond ist voll und hell.“, sagte das Mäuschen.
„Oh“, antwortete das Eichhhörnchen, „dann sehe ich von meinem Bäumchen den Mond viel besser als hier vom Mauseloch aus.“
„Ja, Dein Platz ist auf dem Baum“, antwortet Gott.
„Bitte erfülle mein Herz“, sagt das Eichhörnchen.
Und Gott erfüllte des Eichhörnchens Herz.