Pauls Grauen

Olaf Euler

Mitglied
Die Zeit zieht sich manchmal wie ein Kaugummi in die Länge. Sie dehnt sich auseinander und es geschieht nichts. Doch irgendwann kommt der Augenblick, wo sie unaufhörlich in zwei Teile zerreißt. Das Davor und Danach hängt an jeweils einer Seite herunter und dazwischen eine Lücke, die gefüllt werden will: Jetzt.

Paul hielt die Augen geschlossen und atmete tief ein. Er versuchte sich beim Ausstoßen der Luft fallen zu lassen, um die Schwelle zum Schlaf zu überschreiten. Seit Wochen lag er jede Nacht übermüdet und gedankengeplagt in seinem Bett, wälzte sich unruhig von einer Seite zur anderen.

Er war fast weg, das spürte er, als schon wieder jemand durch die Haustür des Altbaus trat und sich auf einen Fußmarsch durchs Treppenhaus begab. Die sorgsam erkämpfte Entspannung wich dem Ärger darüber, dass in seinem Bett jede Regung im Hausflur zu hören war. Mit jedem Schritt wurde er wieder munterer und die Absätze klopften geduldig wie Wassertropfen. Normalerweise verklangen sie dann bald schon wieder, doch diesmal war es anders. Das Pochen hielt an, die Schritte nahmen sogar an Fahrt auf und rasselten ihm entgegen. Es mussten mehrere Personen sein, vermutlich auf den Weg nach oben zur Studenten-WG unterm Dach.

Dann pausierten die Schritte auf seiner Etage und irgendwer machte sich an seiner Wohnungstür zu schaffen. »Noah wollte übers Wochenende doch nach Leipzig«, wunderte sich Paul und fragte sich, ob er jetzt völlig verrückt war. Waren seine Befürchtungen doch berechtigt? Während er diesen Gedankengang im Nebel seiner Müdigkeit zu erfassen versuchte, gelang es den maskierten Gestalten, deren Schritte er gehört hatte, die Wohnungstür zu öffnen und in sein Zimmer zu stürmen.

Paul lag noch überrascht im Bett, bevor er mit drei schnellen Handgriffen auf einen Stuhl gezogen und mit Gaffaband fixiert wurde. Das Tape klebte bereits auf seinen Mund, bevor er auch nur einen Schrei rausbekam.

Seit Tagen rechnete er damit, dass etwas Vergleichbares passieren konnte. Er hatte sich für paranoid gehalten, da er eine Tasche mit Kleidung, einem alten Handy und Bargeld in einem Schließfach der Landesbibliothek in der Nähe vom Dortmunder Hauptbahnhof deponierte, um von dort aus notfalls unterzutauchen. Nun war er zu dumm gewesen, um schnell genug zu reagieren. Dabei war es klar gewesen, dass er nach einem solchen Leak Probleme bekommen würde. Vermutlich kamen diese Leute sogar von ganz oben, waren vielleicht von Seehofer oder Merkel höchstpersönlich losgeschickt worden.

Während die meisten der vermummten Gestalten nach dem Einschalten der Lichter mit der Durchsuchung der Räume beschäftigt waren, blieben zwei Männer bei Paul. Einer schaute ihn mit eindringlichem Blick an und erklärte ihm dann mit ruhigem Ton: »Ich werde Ihnen gleich das Klebeband vom Mund nehmen, damit Sie uns mitteilen können, wo sich die Dateien sowie sämtliche Sicherungskopien befinden. Ebenso teilen Sie uns alle Personen mit, die Sie über den Sachverhalt informiert haben. In der Zwischenzeit spritzt Ihnen mein Kollege einen Wirkstoff, der im Laufe der nächsten 12 Stunden starke Kopfschmerzen, Übelkeit und Krämpfe verursacht. Das Unwohlsein verstärkt sich dann und führt in spätestens 48 Stunden zum Tod. Bis dahin sollten Sie uns die Gewissheit gegeben haben, dass alle relevanten Informationen gelöscht sind und Sie kein Problem mehr für uns darstellen. Nur dann werden wir Ihnen das Gegengift zur Verfügung stellen. Haben Sie mich verstanden?«

Paul nickte verängstigt, während er den Stich der Spritze spürte. Er war sich noch nicht sicher, ob er sofort klein beigeben wollte. Vielleicht machte es Sinn, Zeit zu schinden. Bisher hatte er zwar nichts von den Redaktionen gehört, denen er die Informationen zugespielt hatte. Aber vielleicht waren sie bisher noch nicht zum Öffnen der Links gekommen und würden es morgen nachholen.

Pauls Gegenüber schien seine Unentschiedenheit zu spüren und wendete sich an seinen Kollegen: »Lass ihn eine zwei spüren!«

Paul sah, wie der andere eine feine Nadel zog und sie vorsichtig unter das Nagelbett von Pauls rechten Mittelfinger ansetzte. Der Stich durchzuckte seinen Leib, sein Magen und sein Gesicht verkrampften sich, so dass er sich nur nach einem Ende des Schmerzes sehnte. Dann verzog er sich so schnell wie er kam und die Stimme tauchte wie aus einem Nebel wieder auf.

»Das war ein kleiner Vorgeschmack für Schmerzen, die wir Ihnen zufügen können. Wir schaffen es problemlos, sie bis auf eine 10 zu erhöhen, ohne dass Ihr Bewusstsein sich ausschaltet. Vielleicht hilft Ihnen das bei der Entscheidungsfindung, ob Sie mit uns kooperieren wollen. Also, wo sind die Dateien überall hinterlegt? Wer hat sie alles erhalten?«

Erst da bemerkte Paul, dass er gar keine Luft bekam. Er schaute den maskierten Mann panisch an. Dann entdeckte er seinen WG-Kollegen Noah an der Zimmertür stehend, wie er mit einer Cornflakes-Schüssel die Situation beobachtete.

»Sag’s ihm besser«, riet er ihm mit gelassen-desinteressierter Stimme und schritt, sein Müsli knuspernd, zurück ins Wohnzimmer.

Der GSG 9-Beamte war sich seiner Wirkung sicher und griff nach dem Tape um Pauls Mund.

Dieser sehnte nichts weiter als den befreienden Atemzug. Er riss den Kopf mit dem Abziehen des Klebebands zur Seite und atmete tief durch.

Schweißgebadet lag er in seinem Bett und fand langsam zu sich. Nun war er wohl doch kurz eingeschlafen. Er versuchte sich zu beruhigen, doch sein Herz hämmerte. Da half auch keine Atemübung mehr, der Körper war hochgefahren und an weiterem Schlaf nicht mehr zu denken. Ein Blick auf den Wecker verriet ihm, dass es 5 Uhr war. Somit erklärte er die Nacht für beendet.

Nachdem er sich angezogen und einen Kaffee gebrüht hatte, setzte er sich vor sein Laptop und prüfte das Mailpostfach. Weiterhin kam keine Reaktion auf die geleakten Informationen über seinen Arbeitgeber. Wie er unter staatlichem Druck den Tod unzähliger Menschen bereitwillig in Kauf nahm, um die Wirtschaft zu schützen.

Er verstand es nicht, dass niemand davon berichtete oder ihn zumindest weitere Fragen stellte. So etwas musste doch unbedingt an die Öffentlichkeit!

Paul hatte am Silvesterabend 2018 all seinen Mut zusammengenommen und die Informationen an eine renommierte Tageszeitung gesendet. Trotz denkbarer Risiken hatte er eine ausführliche Darstellung des Vorfalls sowie den Link zu allen gesicherten Belegen in einem anonymen Briefkasten hinterlegt. Irgendwie war er von einer zügigen Veröffentlichung ausgegangen, dem ein gesellschaftlicher Aufschrei folgte. Doch es passierte nichts und so verstrichen die ersten Tage des neuen Jahres und damit auch sein Urlaub.

Als er am darauffolgenden Montag mit mulmigem Gefühl zur Arbeit kam, wurde Paul sofort am Eingang abgefangen. Seine Chefin teilte ihm die Kündigung und sofortige Freistellung mit und führte eine fadenscheinige Begründung an.

Natürlich brachte Paul dies sofort mit seinem Leak in Zusammenhang. Da er nun nichts mehr zu verlieren hatte, kontaktierte er weitere Zeitungen und schrieb die Hosts seines Lieblings-Politik-Podcasts persönlich an. In deren Forum erstellte er zudem einen Post zum Thema, um eine Diskussion unter der Zuhörerschaft zu initiieren. Alles blieb ohne ersichtliche Resonanz. Zu seinem Post kamen nur vereinzelte kritische Rückfragen über die Seriosität seiner Informationen.

Paul war vom offensichtlichen Desinteresse enttäuscht und fiel gleichzeitig ohne Tagesstruktur und berufliche Perspektive in ein tiefes Loch.

Er verfolgte die Diskussionen um Claas Relotius, dessen Reportagen er so gerne gelesen hatte. Natürlich wollte er mit ihm nicht tauschen, aber zumindest wurde er mit seinen Geschichten gehört. Was hatte Claas, was er nicht hatte? Sollte er um der Gerechtigkeit willen, die Wahrheit mit einigen Zuspitzungen und Ergänzungen aufpolieren? Oder fehlte es ihm schlichtweg an Charisma oder Wortgewandtheit?

Paul erinnerte sich an seine Jugendzeit, wo er feurig seine Ideale vertrat und Menschen mit seinen Ideen in den Bann zog. Er war damals wesentlich extrovertierter, zugänglicher und klarer in seinen Positionen. Doch irgendwann wurden ihm diese scheinbaren Gewissheiten zu eng und die Wirklichkeit zu komplex. Er kam sich vor wie ein Schauspieler, der sich und den anderen nur etwas vormachte. Seine Ausstrahlung hatte damals aber eine durchaus begeisternde Wirkung auf andere gehabt. Vielleicht sollte er seine anschließend kultivierte Nüchternheit und Zaghaftigkeit wieder ablegen? Zumindest wünschte er sich etwas von dieser alten Ausstrahlung zurück.

Da Paul niemanden über seine Kündigung und seine Rolle als Whistleblower informiert hatte, verlor er sich bald in einem Gedankenstrudel. Er zerbrach sich den Kopf über seine Erlebnisse, den Leak und das Ausbleiben der medialen Aufmerksamkeit.

Sein WG-Kollege Noah realisierte schnell, dass Paul nur noch zuhause war und spürte auch, dass ihn etwas belastete. Paul blockte seine Gesprächsangebote ab, teilte ihm dann irgendwann aber zumindest seine Kündigung und sofortige Freistellung mit. Es brauchte weitere Tage, bis er ihm dann seine ganze Geschichte erzählte.

Noah zeigte einerseits Verständnis und teilte seine Empörung über den Missstand. Doch der Gegner war offensichtlich zu groß und er fand, Paul hatte das ihm mögliche getan. Daher ermutigte er ihn, das Anliegen ruhen zu lassen, anstatt sich wahnhaft darin zu verbeißen. Er hatte seine Pflicht erfüllt und nun lag es an den Verantwortlichen, wie sie mit den Informationen umgingen. Er sollte lieber schauen, wie er den Kopf frei bekam und sich um sein Wohlbefinden kümmern.

Diesen Rat versuchte Paul zu beherzigen. Da viel Bewegung an der frischen Luft ja helfen soll, widmete er sich der Fotografie und ließ sein altes Hobby aus der Studentenzeit aufleben. Er zog in den folgenden Tagen mit seiner Kamera los, um das urbane Leben von Dortmund einzufangen. Die Ablenkung tat ihm gut. Er genoss es, mit wachsamem Blick seine Umwelt zu beobachten und die Schönheit profaner Alltagssituationen in Bildern einzufangen. Ihm gelangen auch einige Schnappschüsse, die er auf seinem Instagram-Account einstellte.

Trotzdem ließ ihn der erlebte Missstand und die ausbleibende Reaktion darüber nicht los, insbesondere nachts kam Paul nicht zur Ruhe. Der Alptraum signalisierte ihm nun deutlich, dass er etwas tun musste.

Er hatte von einem gemeinnützigen Medienhaus gehört, dass investigativen Journalismus mit lokalen Beteiligungsformaten für die Bevölkerung verband. Sie hatten vergangenes Jahr in Essen einen Buchladen eröffnet, der auch als eine niedrigschwellige Möglichkeit zum Austausch mit Journalisten gedacht war.

Paul vergewisserte sich am Morgen nach seinem Alptraum, dass der Laden geöffnet hatte und fuhr nach dem Frühstück mit der Bahn nach Essen.

Während der Fahrt scrollte er durch Instagram und bemerkte, dass ein Bild von ihm einige Likes erhielt. Das Foto zeigte einen Mann in verwahrloster Kleidung, der sich von seinem Einkaufswagen mit Pfandflaschen abwendete und zu einer verwilderten Katze herunterbeugte, um sie zu füttern. Im Hintergrund war eine löchrige Wand zu sehen, die mit Graffitis bedeckt war und dahinter das Grün eines Parks erahnen ließ. Durch ein Loch in der Mauer brach das Sonnenlicht auf bezaubernde Weise durch und beleuchtete die Fütterung wie ein Scheinwerfer. So als ob die Sonne diesen Akt der Güte hervorheben wollte.

Paul war stolz auf das Foto und erinnerte sich an das kurze Gespräch mit dem Obdachlosen, dem er anschließend seine Aufnahme gezeigt hatte. Er freute sich, dass dieses Bild auch anderen gefiel.

Dann legte er sein Smartphone bei Seite und bereitete sich die restliche Fahrt auf das Gespräch im Buchladen vor. Mit der Relotius-Debatte im Hinterkopf versuchte er sich einen Spannungsbogen zurechtzulegen, so dass seine Geschichte überzeugte und zum Abschluss kein Zweifel an ihrer Relevanz bestand. Am eindrücklichsten war sicherlich die Audioaufnahme eines Gesprächs mit seiner Vorgesetzten, dass er heimlich aufgezeichnet hatte. Damit wollte er seine Darstellung abschließen. Doch welchen Einstieg sollte er wählen und wie ausführlich sollte er seine Recherchearbeit ab den ersten Verdachtsmomenten ausbreiten? Er entwickelte verschiedene Szenarien in seinem Kopf und entschied sich anschließend doch, es einfach auf sich zukommen zu lassen. Er war einfach kein Geschichtenerzähler.

Vom Hauptbahnhof waren es nur einige Meter zum Buchladen. Mit jedem Schritt wurden in Paul die Zweifel an seinem Vorhaben lauter. Es kribbelte in ihm wie vor einem Vorstellungsgespräch. Nahm er sich nicht viel zu wichtig und musste auf die Journalisten befremdlich wirken?

Er schlenderte zunächst am Schaufenster des Ladens vorbei und versuchte sich einen Überblick zu verschaffen. So früh morgens schien nichts los zu sein und bevor er es sich wieder anders überlegte, atmete er nochmals tief durch und betrat den Laden.

Im Eingangsbereich durchstöberte er die Bücher und nahm nach einiger Zeit Blickkontakt zu einer jungen Frau auf. Sie kam auf ihn zu und fragte ihn, ob sie ihm helfen könne.

»Ja, ich bin hier mit einem bestimmten Anliegen. Ich habe einen Vorfall mitbekommen, von dem die Öffentlichkeit erfahren sollte. Finde ich«, mit einem kurzen Räuspern unterbrach Paul seine Anfrage und fügte schließlich hinzu: »Und da wollte ich fragen, ob ich mit jemanden von Ihnen darüber sprechen kann. Oder brauche ich einen Termin?«

Die Frau winkte freundlich mit dem Kopf und deutete ihm an, ihr zu folgen. »Nein, Sie brauchen keinen Termin«, meinte sie, während sie Paul in ein Büro hinter dem Laden führte. »Nehmen Sie doch schon einmal Platz, ich gebe nur kurz meinem Kollegen Bescheid. Möchten Sie etwas trinken?«

Paul nahm einem Cappuccino und setzte sich. Er hörte das Zischen der Siebträgermaschine vom vorderen Teil des Geschäfts und holte sein Laptop hervor. Kurz danach kam die Frau, stellte zwei Tassen vor ihnen ab und ließ sich gegenüber von Paul nieder.

»Mein Name ist Mareike Stoll und ich habe hier mit der Eröffnung des Buchladens vor einem Jahr als Journalistin angefangen. Meine inhaltlichen Schwerpunkte sind im Bereich Familien- und Migrationspolitik. Ich höre mir aber gerne Ihr Anliegen an und dann besprechen wir die weiteren Schritte. Wenn ich das Thema mit in die Redaktion nehme, kann es aber sein, dass sich jemand anders darum kümmert. Ok? Ach ja, wenn Sie wollen, können wir auch zum „Du“ wechseln?«

Paul nickte zustimmend, sodass Mareike sich zurücklehnte und lächelnd meinte: »Dann schieß mal los. Was hast du mitbekommen, wovon die Öffentlichkeit erfahren soll?«

Das Pochen seines Herzens kam Paul absonderlich laut vor und er hoffte, dass Mareike nicht die Schweißflecken unter seinen Achseln bemerkte. Es war für ihn schon eine Herausforderung, jemanden von seinen Erlebnissen zu schreiben. Aber darüber mit einer fremden Person zu sprechen, war noch viel schwieriger. Er fühlte sich wie ein Hochstapler und Wichtigtuer, als er mit seiner Schilderung begann.

„Also, um es kurz zusammenzufassen. Ich habe beruflich an einer Sache gearbeitet, die das Leben ziemlich vieler Menschen retten und von uns allen verlängern würde. Aber die Einführung des Produkts wird aus wirtschaftlichen Gründen nicht weiterverfolgt und ich habe Indizien, dass dies aufgrund von Anweisungen aus dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat oder sogar von noch höherer Stelle geschieht.«

Mareike schaute Paul überrascht an und nickte den Kopf.

»Ok, das klingt ziemlich krass und nach etwas, dass die Bevölkerung erfahren sollte. Um was für ein Produkt geht es?«

Paul räusperte sich und erwiderte: »Um ein Nahrungsergänzungsmittel. Ich weiß, das klingt jetzt verrückt. Ich muss dafür etwas ausholen.«

Dann schilderte Paul ihr seine ganze Geschichte. Er war nach einem erfolgreichen Studium der Lebensmittelchemie und dem Ablegen des Examens von der Tochtergesellschaft eines großen Pharmaziekonzerns angeworben worden, um ein Forschungsprojekt seiner Universität aufzugreifen. Paul hatte bereits als studentische Hilfskraft für dieses Projekt gearbeitet. Er war mit seinem Team die Entwicklung eines Nahrungsergänzungsmittels zuständig, das für den Abbau von Fettleibigkeit konzipiert war. Das Präparat sollte die Verstoffwechslung unnötiger Fette, Kohlenhydrate und Proteine anregen. Nach zwei Jahren intensiver Forschung lieferte Pauls Team ein bahnbrechendes Ergebnis. Sie entwickelten einen Wirkstoff, der nicht nur die geforderte Verstoffwechslung ermöglichte, sondern anhaltend den Appetit und die Essgewohnheiten der Probanden veränderte. Zudem waren die Produktionskosten mit entsprechenden Maschinen äußerst günstig. Dieses Präparat war ein Meilenstein in der Bekämpfung zahlreicher Wohlstandserkrankungen und würde letztlich auch das Krebsrisiko in der Gesamtbevölkerung enorm mindern. Paul und die anderen fieberten euphorisch der weiteren Zulassung des Wirkstoffs entgegen, als es relativ plötzlich und ohne ersichtlichen Grund eingestellt wurde. Das Team wurde voneinander isoliert und in andere Abteilung versetzt. Außerdem mussten sie eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben. Die anderen schienen dies widerspruchslos hinzunehmen, zumindest reagierte niemand auf Pauls Kontaktversuche und er schien der Einzige zu sein, der das Vorgehen offen hinterfragte. Nach nebulösen Begründungen seiner Vorgesetzen begann er mit teils illegalen Recherchen, wobei er einmal auch erwischt worden war. Er konnte herausfinden, dass die Ansage direkt aus dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat kommen musste, es zumindest zwischen dem Geschäftsführer und hohen Beamten des Ministeriums persönliche Begegnungen und Mails gegeben hatte. Zwei Mailverläufe hatte Paul sogar vom Bildschirm abfotografiert, auch wenn sie keine direkten Belege für eine behördliche Einflussnahme lieferten.

Als er seine Chefin offen mit seinen Verdachtsmomenten konfrontierte und sich gegen den Entschluss stellte, versuchte sie ihn zu überzeugen, indem sie ihm ein dystopisches Szenario vor Augen führte. Paul entsperrte kurz den Bildschirm seines Laptops und startete die Aufnahme an der passenden Stelle:

»Herr Kohlhase, allein die vorhersehbaren Auswirkungen für so viele Wirtschaftszweige bei Einführung des Produkts wären unverantwortlich. Das könnte die gesamte Volkswirtschaft ins Wanken bringen. Überlegen Sie mal, wer alles von den veränderten Ernährungsgewohnheiten betroffen wäre und auch, was das für Pharma-Unternehmen wie unseren Mutterkonzern bedeuten würde. Das muss, wenn überhaupt, langfristig vorbereitet werden. Aber darüber hinaus müssen wir auch die Folgewirkungen der Konsumenten genügend antizipieren. Neben der vermeintlichen Reduzierung von Krebsrisiken und den anderen positiven Effekten sind weitere individuelle Auswirkungen kaum vorhersehbar. Was macht das zum Beispiel mit dem Wohlbefinden und dem Sozialleben der Menschen? Gibt es langfristige körperliche Beschwerden, die wir bisher nicht feststellen konnten? Es geht nicht darum ihre Arbeit kleinzureden oder Zweifel an den bisherigen Forschungsergebnissen zu hegen, Herr Kohlhase. Sie haben großartiges geleistet. Aber das gesamte Outcome muss berücksichtigt werden. Unsere Entscheidung fußt auf dem Gesamtbild. Es geht nicht bloß um die Verhinderung einzelner Krankheiten, so wichtig das auch sein mag. Daher steht die Entscheidung fest, dass das Projekt zunächst einmal zurückgestellt wird und ich hoffe, Sie können dies nun endlich akzeptieren. Wenn…«

Paul stoppte die Aufnahme und schaute Mareike neugierig an. Da sie das Gehörte noch immer auf sich wirken ließ, fügte er trocken hinzu: »Diese weiteren unabsehbaren Auswirkungen für die Konsumenten sind natürlich Augenwischerei. Dafür gibt es bisher überhaupt keine Anhaltspunkte. Es sind die ökonomischen Interessen, die dagegensprechen, das Krebsrisiko der Bevölkerung drastisch zu minimieren und Erkrankten, die auf eine Ernährungsumstellung angewiesen sind, zu helfen.«

Mareike nickte nachdenklich und fragte zögerlich: »Aber konkrete Beweise, dass die Entscheidung unter Einflussnahme des Ministeriums gefällt worden ist, hast du nicht, oder? Das wird hier nämlich nicht deutlich.«

Paul schüttelte den Kopf. »Die Begegnungen, die Mails, das fiel alles in die Zeit und kann kaum ein Zufall sein. Warum sonst sollte sich das Ministerium auf einmal für ein so kleines Nischenunternehmen des Konzerns interessieren? Und die Stimmung war ja erst auch ganz anders. Wir wurden in höchsten Tönen gelobt und galten als das Innovationsprojekt. Aber ja, natürlich war ich bei keinem der Treffen dabei und habe bei meinen Recherchen nicht mehr gefunden als die abfotografierten Mails.«

Hilflos blickte Paul in Mareikes mitleidiges Gesicht, das ihm die Schwachstellen seiner Geschichte signalisierte. Ihre anschließenden Worte hörte er wie eine Urteilsverkündigung vor Gericht, auch wenn sie von ihr sicherlich nicht so gemeint waren: »Das ist natürlich eine moralisch fragwürdige Entscheidung, die dein Arbeitgeber getroffen hat und ich verstehe, wie schlimm das für die betroffenen Zielgruppen und auch für euch als Team ist, die ihr da so viel Arbeitszeit und Engagement reingesteckt habt. Ich kann es nicht abschließend beurteilen und nehme dein Anliegen mit in die Redaktionssitzung. Dort werden wir uns beraten und uns dann melden. Es kann aber sein, dass wir die Spur nicht weiterverfolgen werden. So blöd es klingt, an dem stichfest belegten Teil der Geschichte ist nichts verboten. Und die Story ist vermutlich auch zu komplex, als dass sie für Empörung sorgen wird. Also, Paul, ich danke dir wirklich für dein Vertrauen und dass du dir die Zeit genommen hast. Aber ich möchte ehrlich sein, damit du dir keine falschen Hoffnungen machst.«

Paul versuchte den mächtigen Kloß im Hals runterzuschlucken. Mareikes Einschätzung bestätigte letztlich sein Imposter-Syndrom. Er schien seine Arbeit und sein Verständnis von Gerechtigkeit einfach zu wichtig zu nehmen. Ihm wurde heiß und er fühlte sich unwohl. Mit freundlichen Worten verabschiedete er sich von Mareike und eilte aus dem Buchladen.

Ziellos irrte er durch die Stadt und ließ das Gespräch auf sich wirken. Mareikes Reaktion war wie ein Schnitt, der seine alten Fantasien wie ein Geschwür aus seinem Herzen schnitt. Er blickte den inneren Bildern hinterher und nahm Abschied von ihnen. Wie er sich in einem Gefängnis befand und bedeutende Zeilen in sein Tagebuch schrieb. Oder wie er bei einer Pressekonferenz vor lauter Mikrofonen verlegen zu seiner Hartnäckigkeit Stellung bezog. Oder wie er mit einem Demonstrationszug durch das Berliner Regierungsviertel zog und in einem Megafon die unrechte Priorisierung volkswirtschaftlicher Interessen anprangerte.

Er hätte sich gern als jemand gesehen, der für die Wahrheit und Gerechtigkeit einstand und den Mächtigen zu gefährlich wurde. Doch da war niemand, dem er gefährlich werden konnte oder der seine Vorstellungen von Wahrheit und Gerechtigkeit als bemerkenswert erachtete. Pressefreiheit bot nicht nur die Möglichkeit zu recherchieren, aufzudecken und unbequeme Meinungen auszusprechen, dachte sich Paul. Es beinhaltete auch die Freiheit, nicht jeder Spur zu folgen und Geschichten zu überhören. Zu komplex, zu nebulös oder – bei aller moralischen Anstößigkeit – zu langweilig.

Mareikes Einschätzung war zwar nicht das letzte Wort, für Paul war sie aber eine Offenbarung. Er wusste nun, woran er war. Zwar konnte er es weiterhin nicht nachvollziehen, aber er spürte eine Freiheit, diese Geschichte ruhen zu lassen.

Der seidene Faden war gerissen, das unerhörte Aufbegehren seines gekränkten Geistes verhallte in einer immer komplizierter werdenden Wirklichkeit. Kein Martyrium hatte ja auch was für sich, auch wenn er die Leerstelle noch nicht füllen konnte.

Seine Schritte wurden langsamer und Ruhe zog in sein Herz ein. Er würde seinen Glauben an diese Gesellschaft und an die Medien nicht verlieren, seine eigenen Vorstellungen von Wahrheit und von Gerechtigkeit aber ebenso wenig aufgeben. Es wirkte vielleicht ambivalent, aber er würde auch seine Kritik und Zweifel an allen drei Instanzen beibehalten — der Gesellschaft, der Medien und den eigenen Vorstellungen. Gerade das wirkte wie ein Schlüssel, um zur Ruhe zu kommen und sich weiterhin eingebunden zu fühlen.

In der Bahn zurück nach Dortmund blickte er mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen und genoss jedes schwarze Zucken der Schatten, die sich über seine Netzhaut bewegten. Er zückte sein Handy und bemerkte, dass sein Bild auf Instagram von einem bekannten deutschen Streetart-Kollektiv repostet worden war. Es hatte mittlerweile ungewöhnlich viele Likes und Kommentare erhalten. Dann entdeckte er die Nachricht von einem prominenten Podcaster. Der fragte ihn an, ob er mit ihm eine Sendung machen wollte, zu seiner Kunst und was ihn dabei antrieb. Vielleicht war das die Spur, die er aufnehmen sollte, um seinen Leerstand zu füllen und mit seinen Vorstellungen von Wahrheit und Gerechtigkeit jetzt gehört zu werden.
 



 
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