Pazifische Weite

rubber sole

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Die Gewissheit, die erste Hälfte einer Weltumseglung erfolgreich hinter sich gebracht zu haben, fühlte sich gut an. Thore genoss es, nach mehreren Monaten alleine auf See, wieder unter Menschen zu sein, sich in festen Strukturen zu bewegen. Den zweiten Teil dieses Abenteuers, getragen von der Kraft seiner Träume, würde er entspannt angehen – eine festgezurrte Agenda hatte er nicht abzuarbeiten. Jetzt in Suva, der Hauptstadt der Fidschiinseln, wollte er neue Energie schöpfen. So schlenderte er durch die belebte Victoria Parade und kehrte in eins der dort befindlichen Lokale ein. Das legere Flair dieses Pubs sprach ihn an. Unter der Decke surrten Ventilatoren, hinter dem Tresen lief ein leise gestellter Fernseher mit der Übertragung eines Rugbyspiels. An einem der Ecktische sah er vier Europäer, die sich hier offensichtlich entspannt vergnügten. Thore hörte eindeutig deutsche Idiome aus den Gesprächen heraus und trat näher.

Neu hier?“, das war eher eine Feststellung als Frage - so sprach ihn eine Frau mit welligen langen Haaren an, und weiter:

Ich bin Laura.“

Thore. Segler.“

Klar. Was sonst?“, grinste ein anderer aus der Runde. „Kai“.

Dann eine hier auf der Insel wohl gängige Eingangsformel, „Auf Durchreise, oder für länger?“

Mal sehen, was sich so ergibt.“

Und, wo kommst du gerade so her?“, fragte ein anderer.

Na ja, zuletzt von Vanua Levu. Davor Panamakanal und Atlantik. Im Prinzip von Europa aus um den halben Globus.“ Sie luden ihn ein, Platz zu nehmen. „Klingt spannend, erzähl doch mal.“

Und Thore begann zu erzählen, berichtete ausführlich von seiner Zeit auf dem Meer. Sie erhielten eine fesselnde Beschreibung eines spektakulären Segelabenteuers, gefüllt mit Details über maritimes Alltagsleben, über Passatwinde, Flauten, Strömungen, die Tagesabläufe in einer unendlich leeren Weite – Weisheiten übers Segeln lieferte Thore gleich mit:

Über den Wind kann man nicht bestimmen, aber man kann die Segel richten.“

Bist du auch noch Philosoph?“, fragte Kai grinsend.

Nee, früher mal Lehrer. Aber dahinter steckt eher Physik“, ergänzte Thore.

Sie hatten viel Spaß im Laufe des Abends und genossen diesen mit einigen weiteren Runden gekühltem Fiji-Beer. Auf dieses ungezwungene Beisammensein folgten weitere ähnlicher Art. Im Laufe der Zeit schlich sich dann schon mal ein leicht irritierender Unterton ein. Vor allem, wenn es um Dinge außerhalb des Themas Segeln ging, wie Begebenheiten des alltäglichen Lebens auf der Insel. Hier lenkte Thore das Gespräch mit seiner dominanten Rhetorik immer wieder auf sein Spezialgebiet. Und auch sonst: Schwärmte jemand von einem Tauchgang am Riff, blendete sich Thore mit präzisen Details zu Druckverhältnissen beim Tauchen ein.

Laura sprach diese Auffälligkeit eines Tages an, „Weißt du“, sagte sie, „manchmal möchten wir uns nur unterhalten, einfach so“.

Das möchte ich doch auch“, erwiderte Thore „Aber man muss Zusammenhänge doch klar erkennen“.

Kai hob sein Glas, sagte mit einem süffisanten Lächeln: „Auf den Durchblick!

Dann der Tag, an dem sich die Stimmung innerhalb der Gruppe veränderte. Kai kam an diesem Nachmittag mit einem Gegenstand in der Hand in die Bar.

Seht euch das hier an, ihr werdet es nicht glauben.“

Er holte eine helle Glasflasche aus einem Jutebeutel. Deren wulstiger Boden war mit einer markanten Prägung versehen. „Sieht echt alt aus“, stellte Laura fest.

Thore hielt die Flasche gegen das Licht. „Scheint aus Südamerika zu sein, dem Siegel nach. Vielleicht aus Peru. Oder aus Chile?“

Sie entfernten vorsichtig den ummantelten Korken. Das Papier darin sah alt und vergilbt aus, aber sie konnte einige Details entziffern: geografische Koordinaten sowie Wortteile eines Notrufs in englischer Sprache. Ein Name, das Datum und die ausgeschriebene Lagebestimmung waren auf dem brüchigen Papier unkenntlich.

Vielleicht nur ein Scherz?“, bemerkte einer aus der Runde.

Oder doch ein Notruf?“ Thore hatte die Daten in sein Smartphone getippt und las das Ergebnis vor - es war ein Punkt im westlichen Pazifik, weit entfernt von jeder größeren Insel.

Kai zuckte mit den Schultern und grinste: „Oh, Inselromantik. Robinson 2.0“.

Thore sah ihn an. In seinen Augen war jetzt Unruhe zu erkennen, ihn trieb offensichtlich etwas um. Dann teilte er den Freunden seinen Entschluss mit. „Ich fahr dahin.“

Kai schüttelte ungläubig den Kopf. „Wegen so einer Flaschenpost? Irgendwo aus dem Nichts?“

Genau deswegen.“ Er lächelte, als er fortfuhr: „Der Ozean ist ein Raum. Oder wie ein Buch, in dem man lesen kann.“

Aber man muss nun wirklich nicht alles wissen“, waren Lauras abschließende Worte zu diesem Thema.

Einige Tage später brach Thore mit seiner Yacht auf. Die Clique hatte ihn nicht umstimmen können; ihre Argumente wie, Risiko pur, Verschwendung von Zeit und Nerven, hatte er abgetan; sie konnten dem ablegenden Segler nur noch hinterherwinken. Die nächste Nachricht erreichte sie Monate später von den Pitcairn Islands.

Alles Roger. Verpflegung aufgefrischt. Bin auf Kurs. Noch ca. 650 Seemeilen bis zu den Koordinaten. Melde mich dann.“

Danach war Schluss. Sechzehn Monate später fand ein Fischer eine weitere Flasche am Strand von Viti Levu. Er brachte sie in die Stadt, von wo aus sich die Nachricht rasch verbreitete; auch die Clique um Laura und Kai erfuhr davon. Es war eine Flasche mit ähnlichem Inhalt. Das Papier schien zwar neueren Ursprungs, aber auch diesmal war die Nachricht nicht komplett lesbar. Der Flaschenhals war allerdings nicht so gut verschlossen wie bei der ersten, das Material hatte offensichtlich Feuchtigkeit gezogen; von den Koordinaten konnte man lediglich einen Teil entziffern.

Das glaub ich jetzt nicht“, flüsterte Laura.

Kai war blass geworden. „Könnte Zufall sein.“

Die internationale Presse sprang auf die Geschichte an: „Geheimnisvolle Flaschenpost aus der Weite des Pazifiks“, lautete die Schlagzeile. Die Nachricht von einem verschwundenen deutschen Segler ging um die Welt. Aufgrund der Bedeutung dieses Unglücks wurde eine groß angelegte Suchkampagne eingeleitet – eine Bemühung mit wenig Erfolgsaussichten. Monate später entdeckte ein Aufklärungsflugzeug auf einer unbewohnten Insel Wrackteile, welche der Yacht eines Thore S. zugeordnet werden konnten. Die Position war nur wenige Seemeilen von den ersten Koordinaten entfernt. Einige Jahre darauf erhielt die 'Fiji Times' in Suva einen Brief aus dem Nachlass eines Kai H. aus Noosa in Australien, in dem dieser gestand, vor Jahren in Suva eine Flaschenpost gefälscht zu haben und seinen Freund Thore nicht von dessen Aufklärungsfahrt abgehalten zu haben.
 



 
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