Sally - Teil 1

Jaybee

Mitglied
Werner
Mein Vater heißt Werner Gantner.
Hieß.
Ich muss das immer korrigieren. Der Reflex ist noch da, dreißig Jahre später. Mein Vater heißt – nein. Hieß. Werner Gantner, geboren 1954 in Saarbrücken, gestorben 1983 auf der B41 zwischen Saarbrücken und Völklingen, weil ein LKW-Fahrer eingeschlafen war.

Ich war zwei.

Ich erinnere mich nicht an ihn. Kein Gesicht, keine Stimme, kein Geruch. Nur ein Foto, das meine Mutter im Schlafzimmer stehen hatte. Auf dem Schrank, wo man hinschauen musste, wenn man wollte. Ein junger Mann, Anfang zwanzig, dunkle Haare, ein Lachen, das ich nicht kannte. Der Mann, der mein Vater war und es nie sein konnte.Laura erinnert sich. Sie war neun, als Werner starb. Alt genug, um zu verstehen, was passiert ist, jung genug, um sich für den Rest ihres Lebens zu fragen, warum. Manchmal, wenn wir zusammen bei Mama saßen, hat Laura angefangen zu erzählen. Wie er roch – nach Rasierwasser und Motoröl, weil er immer an seinem Opel schraubte. Wie er lachte – laut, von unten raus, sodass der ganze Raum mitlachte. Wie er Laura auf den Schultern trug, durch Burbach, an der Saar entlang, und sie die Größte war auf der ganzen Welt.

Ich hab zugehört. Aber es waren nicht meine Erinnerungen. Es waren geliehene Geschichten über einen Mann, den ich auf einem Foto kannte und sonst nirgends.Manchmal hat Laura mitten im Erzählen aufgehört. Hat mich angeschaut. Hat gemerkt, dass sie von einem Vater erzählt, den sie hatte und ich nicht. Dann hat sie gesagt: „Ach, egal.“ Und das Thema gewechselt.
Es war nicht egal.

Martina Gantner, geborene Hoffmann, hat nie wieder geheiratet.
Nicht aus Treue – das hat sie mir irgendwann gesagt, als ich alt genug war, um es zu verstehen. Sondern weil sie keine Zeit hatte. Weil man keine Zeit hat, wenn man allein arbeitet und allein kocht und allein zwei Töchter großzieht in einer Zweizimmerwohnung in Burbach, wo die Wände dünn sind und das Geld noch dünner.
Zwei Töchter. Neun und zwei. Und plötzlich kein Werner mehr.

Laura hat mir später erzählt, dass Mama in den ersten Wochen nach dem Unfall nicht geweint hat. Jedenfalls nicht so, dass man es sah. Sie hat funktioniert. Hat die Beerdigung organisiert, die Papiere ausgefüllt, die Versicherung angerufen, den Kühlschrank gefüllt. Erst Monate später, mitten in der Nacht, hat Laura sie gehört. Durch die dünnen Wände. Ein Schluchzen, das klang wie etwas, das bricht und nicht wieder ganz wird.

Laura war neun. Sie hat sich die Decke über den Kopf gezogen und so getan, als würde sie schlafen.
Mama hat am nächsten Morgen Pfannkuchen gemacht.

„Hauptsach gudd gess“, hat meine Mutter immer gesagt. Hauptsache gut gegessen. Als wäre das die Antwort auf alles. Schlechter Tag? Hauptsach gudd gess. Kein Geld? Hauptsach gudd gess. Kein Mann, kein Vater, kein Werner mehr?
Hauptsach gudd gess.

Ich hab das lange für eine Floskel gehalten. Später hab ich verstanden, dass es eine Haltung war. Die Haltung einer Frau, die nicht viel hatte, aber dafür sorgte, dass der Teller voll war. Jeden Tag. Egal wie.
Meine Mutter konnte kochen. Nicht wie ich später. Nicht Sterne und Soßen und Präzision. Einfach kochen. Kartoffeln, Gemüse, manchmal Fleisch, wenn es ging. Linsensuppe im Winter. Pfannkuchen am Sonntag, weil Sonntag der einzige Tag war, an dem sie nicht hetzte.
Und Gefillde. Kartoffelklöße, gefüllt mit Leberwurst, in Brühe gekocht. Das war Mamas Gericht. Das Gericht, das es gab, wenn etwas zu feiern war und manchmal auch, wenn nichts zu feiern war, einfach weil Dienstag war und Dienstag genau so gut ist wie jeder andere Tag für Gefillde.
Ich wusste damals nicht, dass Gefillde anderswo niemand kennt. Dass es Saarland ist, nur Saarland, unser Ding. Für mich war es einfach Essen. Das Essen meiner Mutter. Das Essen, das bedeutete: Wir sind zu Hause und es ist genug.

Burbach in den Achtzigern war – ja. Wer Burbach kennt, weiß es. Wer es nicht kennt, dem erkläre ich es so: Stell dir eine Stadt vor, die mal geglaubt hat, dass die Kohle nie ausgeht. Und dann geht die Kohle aus. Und was bleibt, ist eine Stadt, die nicht mehr weiß, wer sie ist.
Wir wussten, wer wir waren. Wir waren Burbacher. Das reichte.
Die Hütte hatte schon vor meiner Geburt zugemacht, aber sie stand noch da, rostig und riesig, wie ein Tier, das gestorben ist, aber nicht umfällt. Die Männer, die dort gearbeitet hatten, saßen jetzt in den Kneipen oder vor den Häusern oder nirgends. Manche hatten neue Arbeit gefunden. Viele nicht.
Unsere Straße hatte sechs Häuser. In dreien wohnte jemand, der bei der Hütte gewesen war. Herr Schmitt nebenan, der morgens um acht schon sein erstes Bier aufmachte und so tat, als würde er den Garten machen. Herr Klein gegenüber, der eines Tages einfach nicht mehr rauskam und von dem niemand redete. Und Herr Wagner drei Häuser weiter, der seinen Opel polierte – jeden Tag, obwohl er nirgends mehr hinfuhr.
Und am Wochenende, wenn der FCS spielte, waren alle wieder wer.
Ich hatte seit meinem elften Lebensjahr eine Dauerkarte für die Fankurve und schwor mir: Blau-Schwarz bis in den Tod. Das war kein Hobby. Das war Burbach.

Mama hat nie über die Männer geredet. Nicht verächtlich, nicht mitleidig. Sie hat sie einfach nicht kommentiert. Sie hatte keine Zeit für Kommentare. Sie hatte die Wäscherei.
Meine Mutter arbeitete in einer Wäscherei an der Saarbrücker Straße. Keiler hieß sie. Früh rein, spät raus, Hände kaputt von der Hitze und dem Wasser.
Wenn sie nach Hause kam, roch sie nach fremder Wäsche und nach dem Versuch, durchzukommen. Ich hab diesen Geruch geliebt. Weil er bedeutete: Sie ist da. Sie ist heil. Alles gut.
Fast alles gut.

Mama hat nie geklagt. Nicht über die Arbeit, nicht über das Geld, nicht über die Tatsache, dass sie mit Mitte dreißig allein war mit zwei Kindern und einem toten Mann und einer Zukunft, die aus nichts bestand außer dem nächsten Tag. Sie hat gemacht. Morgens aufgestanden, uns fertig gemacht – Laura für die Schule, mich für den Kindergarten –, in die Wäscherei, acht Stunden, nach Hause, gekocht, aufgeräumt, ins Bett. Jeden Tag. Fünf Tage die Woche. Jahre.
Nur einmal hab ich sie schwach gesehen. Ich war vielleicht zehn. Ich kam aus der Schule und sie saß am Küchentisch. Einfach nur da. Die Hände auf dem Tisch, die Augen irgendwo. Nicht traurig. Nicht müde. Leer.

Ich hab mich neben sie gesetzt. Hab nichts gesagt. Was sagt man, wenn man zehn ist und die eigene Mutter aussieht wie ein Mensch, dem gerade einfällt, dass das alles ist? Dass da nichts mehr kommt. Nur das hier. Jeden Tag.
Dann hat sie aufgeschaut. Hat mich angesehen. Und hat gesagt:
„Was essen wir heute?“
Hauptsach gudd gess.

Laura ist nach der Schule weg.
Nicht sofort. Nicht über Nacht. Aber man hat es gespürt. Ab fünfzehn, sechzehn hat Laura angefangen, nach draußen zu schauen. Nicht nach Burbach-draußen, nicht nach Saarbrücken-draußen. Weiter. Nach einer Welt, die nicht nach Kohle roch und nicht nach aufgegebenen Männern und nicht nach Wäscherei.
Sie hat eine Ausbildung als Arzthelferin gemacht. In Saarbrücken, beim Dr. Renner in der Bahnhofstraße. Brav, solide, vernünftig. Und dann, mit einundzwanzig, hat sie gesagt: Ich geh nach Bayern.
Mama hat nichts gesagt. Hat nur genickt. Das Nicken, das alles sagt und nichts erklärt.
Ich war vierzehn. Meine große Schwester ging weg, und ich verstand nicht, warum. Bayern. Was soll da sein, was hier nicht ist?

Später hab ich es verstanden. Alles.

In Bayern war alles, was hier nicht war. Zukunft. Möglichkeit. Luft.
Laura hat in Rosenheim eine Stelle in einer Praxis gefunden. Hat sich eine kleine Wohnung geleistet. Hat angerufen, jeden Sonntag, pünktlich um elf, sodass Mama den Hörer schon in der Hand hatte, bevor es klingelte.
Und ich war allein mit Mama. Allein in Burbach. Allein mit den Pfannkuchen am Sonntag und den dünnen Wänden und der Frage, was aus mir werden soll.

Ich bin vierzehn.
Die Schule ist mir egal. Nicht, weil ich dumm bin – das hat mir die Lehrerin, Frau Müller, einmal gesagt, auf dem Gang, leise, sodass keiner es hörte: „Du bist nicht dumm, Sally. Du bist nur woanders.“
Ich hab sie angeschaut und gedacht: Ja. Genau. Ich bin woanders. Nur weiß ich nicht, wo.
Die Mädchen, die ich kenne, wissen auch nicht, wo. Wir sind zusammen woanders. Tanja, Kerstin, Britt, ich.
Wir hängen rum. Hinter dem Einkaufszentrum, an der Saar, irgendwo, wo keine Erwachsenen sind und man tun kann, als wäre man frei.
Kerstin hat Zigaretten. Immer. Woher, frag nicht. Kerstin hat immer alles. Kerstin ist die Art Mädchen, die mit fünfzehn aussieht wie achtzehn und mit achtzehn aussehen wird wie fünfundzwanzig. Aber das wissen wir noch nicht. Wir sind vierzehn und alles ist noch möglich.
Ich hab zum ersten Mal geraucht an einem Dienstagnachmittag im Oktober 1995. Hinter dem Edeka in der Bergstraße. Klick. Es hat furchtbar geschmeckt, und ich hab gehustet, und Tanja hat gelacht, und Kerstin hat gesagt: „Wird besser.“
Kerstin hatte recht. Es wurde besser.
Meine Mutter hat es eine Woche später gemerkt. Sie hat nichts gesagt. Sie hat mich nur angeschaut mit dem Blick, den Mütter haben, wenn sie wissen, dass Reden nichts bringt. Der Blick, der sagt: Ich seh’s. Ich weiß es. Und ich hoffe, dass du weißt, was du tust.
Ich wusste es nicht.

Was mich rettet, ist ein Herd.
Nicht gleich. Nicht dramatisch. Nicht so wie in Filmen, wo jemand eine Erleuchtung hat und plötzlich alles klar ist. Es passiert langsam. Schleichend. Wie alles Wichtige.
Meine Mutter kommt eines Abends nach Hause, später als sonst, und sie ist erschöpft auf eine Art, die mir Angst macht. Nicht krank. Nur leer. Als wäre das Durchkommen heute zu viel gewesen.
Ich hab an dem Abend Kartoffelsuppe gemacht. Keine Ahnung warum. Ich hatte Hunger, die Kartoffeln lagen da, und irgendetwas in mir hat gedacht: Ich mach das jetzt. Nicht so, wie Mama sie macht. Anders. Ich hab Lauch dazugetan, weil Lauch da war, und einen Schuss von der Milch, und Muskat, weil die Dose im Schrank stand und ich dachte: Warum nicht.
Meine Mutter kommt rein. Riecht die Suppe. Bleibt in der Tür stehen.
Schaut mich an.
Und dann setzt sie sich. Einfach so. An den Küchentisch, ohne die Jacke auszuziehen, ohne die Tasche abzustellen. Setzt sich und wartet.
Ich stelle ihr den Teller hin. Sie isst. Sagt nichts. Isst einfach.
Als sie fertig ist, schaut sie hoch.
„Gut“, sagt sie.
Nicht: Danke. Nicht: Wie hast du das gemacht. Nur: Gut.
Hauptsach gudd gess.

Ich hab in diesem Moment nicht gedacht: Ich will Köchin werden. Das wäre zu groß, zu filmisch. Ich hab nur gedacht: Das hier kann ich. Das hier ist meins.
Am nächsten Sonntag hab ich die Pfannkuchen gemacht. Mama hat zugeschaut, vom Küchentisch aus, mit einer Tasse Kaffee. Hat nichts gesagt. Hat mich machen lassen. Als ich ihr den Teller hingestellt hab, hat sie den Pfannkuchen angeschaut, ein Stück abgeschnitten, probiert.
Dann hat sie genickt. Langsam. Das Nicken, das alles sagt.
„Besser als meine“, hat sie gesagt. Und das war das größte Kompliment, das Martina Gantner je verteilt hat.
Den Rest hat die Zeit erledigt.
Klick.

Meine erste Kippe des Tages. Vierundzwanzig Jahre alt, schwanger, allein in Bayern, und ich rauche auf dem Balkon von Lauras Wohnung und denke an meine Mutter. Martina Gantner. Die Frau, die nie wieder geheiratet hat und Pfannkuchen am Sonntag gemacht hat und deren Hände immer nach fremder Wäsche rochen.
Laura schläft noch. Ihre Wohnung in der Nähe von Rosenheim ist klein, aber Laura hat sie schön gemacht. Gardinen, Bilder, eine Pflanze auf der Fensterbank, die tatsächlich lebt. Laura ist die Schwester, die es geschafft hat. Die rausgekommen ist aus Burbach, raus aus dem Saarland, rein in ein Leben, das nach Zukunft riecht statt nach Vergangenheit.
Und jetzt steht ihre kleine Schwester auf dem Balkon. Schwanger. Rauchend. Ohne Plan. Ich schaute meine Hände an, Hände, die nicht nur Zigaretten hielten. Hände, die seit sieben Jahren Messer schwingen.
Ich hab Mama und Laura noch nicht gesagt, von wem.
Ich weiß ja selbst nur den Vornamen.
Jan.
So fängt es an.
 



 
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