schreibtischtraum

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Dimpfelmoser

Mitglied
schreibtischtraum

herbstliches heizungsklopfen
irritiert die sommersimulation
hinterm glas
ersucht eine wanze um einlass
amorphes zucken moderiert mich
in den jour fixe

die sinnsuche mäandert trist
durch projektpläne und terminkalender
ich protokolliere klimatisierte inhaltsleere
und wünsche mich in eine kernschmelze
sie sitzt ja immer noch
glotzt durch diesen spalt
zwischen Mahlzeit und Feierabend

im kaffee badet ein rest eigenlob
der kachelknast applaudiert und implodiert
die flüstert doch irgendwas
bald hast du’s geschafft
ich sollte das fenster öffnen
oder einfach mal den stecker ziehn
vielleicht weiß sie ja bescheid
und gibt mir mein leben zurück
am tassengrund nur noch ertrunkene
belanglosigkeit

wie lange es schon klingelt
oder schon wieder
noch drei minuten bis zum nächsten date
ich könnte es einfach abschalten
ich könnte mich einfach
nanu, sie ist weg
wollte wohl doch nicht rein
aber ich sollte nun
diese wolke da, sie erinnert mich an
du … wer warst du gleich nochmal
vielleicht bin ich morgen krank
wanze müsste man sein
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Dimpfelmoser,
aus Sicht einer alten Wanzenforscherin:
So ein kleines Tier, gern an die Wärme gebunden, an den Menschen, an eine Menschlichkeit, an eine Freiheit, weil da brütend in seinem Schweiß, in seiner Nacht. So sucht sie von außen Einlass in die Welt eines Wärmers, der selbst hinter Glas sitzt, in einer "sommersimulation". Da in der Ferne ein Heizungsklopfen erinnert, dass es ein künstlich bewohnter Raum ist, mit all seinen Pflichten und Eintönigkeit. Bestens klimatisiert straucheln wir der Inhaltsleere entgegen. Sie wartet nicht, sie füllt den Kanal. Jemand wartet auf die Kernschmelze, den alles zerstörenden Eintritt in ein anderes Leben, es will eine Schmelze, nicht das Sterben an sich. Eine Beschwerde kommt auf, weil dieses Tier noch immer dasitzt, glotzt, als hätten wir es wieder zum Ungeziefer berufen.
Ein Fenster öffnet sich, es öffnet sich zuerst, danach der Wunsch, den Stecker zu ziehen. Am Rande des Wahnsinns steht ein Kachelknast, der Beifall ruft und ihn in sich zusammenfaltet. Dann geschieht etwas zwischen Wanze und Mensch:
ich könnte mich einfach
nanu, sie ist weg
wollte wohl doch nicht rein
aber ich sollte nun
Die Wanze will nicht mehr rein, jemand spricht "ich könnte mich einfach". Beide brechen an dieser Stelle ab, der eine sprachlich, das andere Wesen in seiner Bewegung. Doch es gibt eine gemeinsame Sicht, dort, wohin die Wanze wollte, dort ist es nicht mehr warm und da wo es nicht mehr warm ist, bleibt auch nicht mehr ein Mensch.
In dieser Gemeinsamkeit ist das "du" nicht mehr Wolkenerinnerung, sondern Ich.
Denn noch nie hat jemand über Freiheitskrankheit gesprochen, so sprach die Wanze zum "sollte nun".
Liebe Grüße,
ubertas
 

Dimpfelmoser

Mitglied
Liebe Ubertas,

ein herzliches Dankeschön für deinen erforschenden Kommentar und die Wertung meiner kleinen Träumerei am Nachmittagsschreibtisch. Tja, die Wanze hat ja insgesamt ein eher negatives Image. Dabei ist sie doch eigentlich ein sehr schönes, und auch eher unaufdringliches Wesen ...

Liebe Grüße
Dimpfelmoser
 



 
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