20.12.2024
Noch nie zuvor habe ich eine so laute Stille erlebt.
In meinem Kopf ist ein Vakuum und irgendwo dahinter prügeln sich Gedankenfetzen um ihre Notwendigkeit.
„Alles ist gut“, höre ich mich sagen, immer und immer wieder, wie ein Mantra.
Es gibt keine Erklärung dafür, was ich gesehen habe oder warum ausgerechnet ich immer noch stehe. Es gibt kein gestern und morgen, es gibt nur hier und jetzt. Und hier und jetzt muss ich kluge Entscheidungen treffen, um überleben zu können. Um nicht so zu enden wie die Menschen um mich herum, die die Kälte des Bodens vielleicht gar nicht spüren können, weil ihre Winterjacken zu dick oder sie nicht bei Bewusstsein sind. Später sollte ich feststellen, wie egoistisch das ist.
Doch hier und jetzt blicke ich in angstverzerrte Gesichter und aufgerissene, leere Augen. Die Stille wird durchbrochen von Schüssen und ich muss mich damit abfinden, jetzt vielleicht doch noch zu sterben. Nein, das sind keine Schüsse, ich höre das Einreißen eines Bauzauns und sehe fliehende Menschen. Plötzlich ist alles sehr eng um mich herum, obwohl da niemand neben mir ist. Ich verstehe, dass alle davonlaufen, aber hier zwischen den Hütten ist kein Platz für ein Auto. Mein Körper merkt sich das für später: Sicherheit ist dort, wo kein Auto hinkommt.
„Wir müssen helfen!“, höre ich.
„Wir können nicht helfen“, sage ich. Doch eigentlich meine ich: Ich kann nicht sehen, wie Menschen bluten, brechen, sterben.
Wann ist der richtige Moment, um sein Versteck zu verlassen? Ich stelle lächerliche Berechnungen an, die lediglich den Anschein erzeugen sollen, dass ich die Kontrolle über mein Leben und Sterben habe.
Als die Sirene losgeht, weiß ich, dass hier etwas geschehen ist, über das später die Medien berichten werden. Ich rede mir ein, dass das schrille Geräusch das Ende dieser Schreckensgeschichte bedeutet.
Ich wechsle mein Mantra von „Alles ist gut“ zu „Die Sanitäter kommen“. Dann gehen wir durch die nächste Gasse zum Ausgang, bis wir feststellen, dass die Menschen an den Seiten mit Tierfellen bedeckt sind. Wir suchen uns einen anderen Weg, weil das Leid in unseren Herzen mittlerweile überquillt. Draußen drehe ich mich kurz um und sehe viele Helden, die überall auf dem Boden knien oder zu Rettungswägen rennen oder in den Gängen patrouillieren. Wir gehen zu den Fahrrädern mit dem Ziel, uns in Sicherheit zu bringen. Von der Schlittschuhbahn höre ich Gelächter und fröhliche Musik. Von der Absurdität wird mir schlecht.
Ein kleiner Junge sagt: „Ich hoffe, das war nur ein Böller.“ Ich wünsche mir, dass er bis zu seinem Lebensende angelogen wird.
Ein Mann möchte uns trösten, doch aus seinem Mund kommt Hass. Wir bekommen Angst und flüchten, auch wenn er uns gar nicht gemeint hat.
Wir kommen Zuhause an. „Ich bin in Sicherheit“ ist mein neues Mantra, diesmal nur in meinen Gedanken.
Das Leben danach besteht aus Umarmungen, Nicken, Lächeln, lauten Gedanken, Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten.
Ich bemerke, dass überall da draußen Scheinwerfer auf mich zurasen, weil sie mich beim letzten Mal verfehlt haben. Ich erwische mich dabei, wie ich mich auf Statistiken berufe, die die Menschen auf dem Boden nicht beschützt haben. Ich denke über das Schicksal nach, über Schutzengel und Gott. Keine einzige Träne verlässt meinen Körper, ich bin verschlossen und irgendwie habe ich den Schlüssel verloren.
Ich weine erst, als wütende Menschen die Schuld nicht beim Täter suchen. Mein Mitgefühl verwandelt sich in Weltschmerz. Meine Brust tut weh, weil nichts einfach und alles kompliziert ist. Ich flüchte mich in fiktive Welten, doch die Realität holt mich immer wieder ein.
Nach vier bis sechs Wochen ist es vorbei, sage ich mir. Vier Wochen vergehen. Sechs Wochen vergehen. Ich horche in mich hinein und frage, ob alles wieder gut ist. Als abends der nächste Scheinwerfer an mir vorbeirast, habe ich meine Antwort.
Ich stehe morgens auf, als wäre nichts passiert. Ich gehe zur Arbeit, als wäre nichts passiert. Ich treffe mich mit Freunden, als wäre nichts passiert. Ich stoße an, als wäre nichts passiert. Ich gehe wieder schlafen, als wäre nichts passiert.
Doch es passiert immer etwas, jederzeit, überall.
Ich bin nur ein verschwindend kleiner Teil dieser Welt mit meinem eigenen mikroskopischen Ausschnitt der Wirklichkeit. Manchmal ist dieser Gedanke beruhigend und manchmal möchte ich schreien vor Hilflosigkeit. Dann setze ich mich hin und schreibe.
Noch nie zuvor habe ich eine so laute Stille erlebt.
In meinem Kopf ist ein Vakuum und irgendwo dahinter prügeln sich Gedankenfetzen um ihre Notwendigkeit.
„Alles ist gut“, höre ich mich sagen, immer und immer wieder, wie ein Mantra.
Es gibt keine Erklärung dafür, was ich gesehen habe oder warum ausgerechnet ich immer noch stehe. Es gibt kein gestern und morgen, es gibt nur hier und jetzt. Und hier und jetzt muss ich kluge Entscheidungen treffen, um überleben zu können. Um nicht so zu enden wie die Menschen um mich herum, die die Kälte des Bodens vielleicht gar nicht spüren können, weil ihre Winterjacken zu dick oder sie nicht bei Bewusstsein sind. Später sollte ich feststellen, wie egoistisch das ist.
Doch hier und jetzt blicke ich in angstverzerrte Gesichter und aufgerissene, leere Augen. Die Stille wird durchbrochen von Schüssen und ich muss mich damit abfinden, jetzt vielleicht doch noch zu sterben. Nein, das sind keine Schüsse, ich höre das Einreißen eines Bauzauns und sehe fliehende Menschen. Plötzlich ist alles sehr eng um mich herum, obwohl da niemand neben mir ist. Ich verstehe, dass alle davonlaufen, aber hier zwischen den Hütten ist kein Platz für ein Auto. Mein Körper merkt sich das für später: Sicherheit ist dort, wo kein Auto hinkommt.
„Wir müssen helfen!“, höre ich.
„Wir können nicht helfen“, sage ich. Doch eigentlich meine ich: Ich kann nicht sehen, wie Menschen bluten, brechen, sterben.
Wann ist der richtige Moment, um sein Versteck zu verlassen? Ich stelle lächerliche Berechnungen an, die lediglich den Anschein erzeugen sollen, dass ich die Kontrolle über mein Leben und Sterben habe.
Als die Sirene losgeht, weiß ich, dass hier etwas geschehen ist, über das später die Medien berichten werden. Ich rede mir ein, dass das schrille Geräusch das Ende dieser Schreckensgeschichte bedeutet.
Ich wechsle mein Mantra von „Alles ist gut“ zu „Die Sanitäter kommen“. Dann gehen wir durch die nächste Gasse zum Ausgang, bis wir feststellen, dass die Menschen an den Seiten mit Tierfellen bedeckt sind. Wir suchen uns einen anderen Weg, weil das Leid in unseren Herzen mittlerweile überquillt. Draußen drehe ich mich kurz um und sehe viele Helden, die überall auf dem Boden knien oder zu Rettungswägen rennen oder in den Gängen patrouillieren. Wir gehen zu den Fahrrädern mit dem Ziel, uns in Sicherheit zu bringen. Von der Schlittschuhbahn höre ich Gelächter und fröhliche Musik. Von der Absurdität wird mir schlecht.
Ein kleiner Junge sagt: „Ich hoffe, das war nur ein Böller.“ Ich wünsche mir, dass er bis zu seinem Lebensende angelogen wird.
Ein Mann möchte uns trösten, doch aus seinem Mund kommt Hass. Wir bekommen Angst und flüchten, auch wenn er uns gar nicht gemeint hat.
Wir kommen Zuhause an. „Ich bin in Sicherheit“ ist mein neues Mantra, diesmal nur in meinen Gedanken.
Das Leben danach besteht aus Umarmungen, Nicken, Lächeln, lauten Gedanken, Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten.
Ich bemerke, dass überall da draußen Scheinwerfer auf mich zurasen, weil sie mich beim letzten Mal verfehlt haben. Ich erwische mich dabei, wie ich mich auf Statistiken berufe, die die Menschen auf dem Boden nicht beschützt haben. Ich denke über das Schicksal nach, über Schutzengel und Gott. Keine einzige Träne verlässt meinen Körper, ich bin verschlossen und irgendwie habe ich den Schlüssel verloren.
Ich weine erst, als wütende Menschen die Schuld nicht beim Täter suchen. Mein Mitgefühl verwandelt sich in Weltschmerz. Meine Brust tut weh, weil nichts einfach und alles kompliziert ist. Ich flüchte mich in fiktive Welten, doch die Realität holt mich immer wieder ein.
Nach vier bis sechs Wochen ist es vorbei, sage ich mir. Vier Wochen vergehen. Sechs Wochen vergehen. Ich horche in mich hinein und frage, ob alles wieder gut ist. Als abends der nächste Scheinwerfer an mir vorbeirast, habe ich meine Antwort.
Ich stehe morgens auf, als wäre nichts passiert. Ich gehe zur Arbeit, als wäre nichts passiert. Ich treffe mich mit Freunden, als wäre nichts passiert. Ich stoße an, als wäre nichts passiert. Ich gehe wieder schlafen, als wäre nichts passiert.
Doch es passiert immer etwas, jederzeit, überall.
Ich bin nur ein verschwindend kleiner Teil dieser Welt mit meinem eigenen mikroskopischen Ausschnitt der Wirklichkeit. Manchmal ist dieser Gedanke beruhigend und manchmal möchte ich schreien vor Hilflosigkeit. Dann setze ich mich hin und schreibe.