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Stimmengewirr erfüllte die heiße Luft und vibrierte wie eine gespannte Bogensehne. Die Menschenmenge wartete auf den Höhepunkt den nachmittäglichen Unterhaltungsprogramms.
Tara blinzelte, denn vom wolkenlosen Himmel brannte eine grelle Sonne.
Sie träumte, das wusste sie. Es war nicht nur die Tatsache, dass alle Menschen um sie herum die völlig falschen Klamotten trugen und aussahen, als wären sie einem Historienschinken entsprungen. Auch das Wetter war nicht aktuell. Seit sie in ihrem Urlaubsort angekommen war, hatte es nur geregnet. Die Wettervorhersage war Welten von "Sonnenschein" entfernt.
Jemand drückte sich an ihr vorbei und rannte sie dadurch beinahe um, doch bemerkte weder sie noch ihren Protest. Als sich Tara nach ihm umdrehte, fiel ihr Blicke auf eine Art Bühne, etwa 20m entfernt, auf der mehrere Männer standen:
Zuerst ein hagerer Typ im langen, schwarzen Talar, der ein großes Buch in den gefalteten Händen hielt. Neben ihm ein kleinerer Dicker in fescher, historischer Uniform, dem Schweiß in Strömen unter der gepuderten Perücke heraus übers hochrote Gesicht lief. Daneben die Quadratur eines Mannes mit schwarzer Kapuze über dem Kopf.
Jara schluckte, als sie das Accessoire sah, das er mit sich führte: Eine gewaltige Axt.
Hinter den Dreien erhob sich das filigrane Gestell eines Galgens samt Seil und Schlinge.
Wie kam ihr urlaubsreifes Gehirn nur auf so eine wirre Komposition?
Nach den letzten, stressigen Wochen hätte sie ja mit einer Menge Mist gerechnet. Auch wegen der anstrengenden Zugfahrt und dem unglaublichen Essen im Bordrestaurant.
Aber eine Hinrichtung?!?
Trommelschläge drangen in ihr Ohr. Gleichzeitig hoben sich Stimmung und Spannung um sie herum. Jeder hier wusste anscheinend, von wo aus der arme Teufel, den man hinrichten wollte, seinen letzten Gang antrat.
Hälse wurden gereckt. Männer wie Frauen stellten sich gleichermaßen auf die Zehenspitzen, Tara hingegen bezweifelte, dass sie bis zum Ende sehen wollte, was sich da anbahnte und wartete sehnsüchtig auf eine traumtypische Überraschung.
Doch nichts dergleichen passierte. Sie hätte jetzt sogar ein regenbogenfarbenes Einhorn akzeptiert, das sie davontrug. Obwohl sie mit über 20 aus dem "Glitzerstaub-Alter" heraus war.
Stattdessen erreichte ein Tross aus mehreren Wächtern, von denen bisher nur die Dreispitze zu sehen gewesen waren, und ein Gefangener die Bühne.
Umringt von fünf Bewaffneten, stolperte ein Mann auf das Podest. Seine Erscheinung schrie so sehr nach "Pirat", dass sich Tara schämte. Der letzte "Fluch der Karibik"-Film-Marathon, den sie vor zwei Wochen mit ihren Freundinnen veranstaltet hatte, hatte scheinbar mehr Spuren in ihrem Gehirn hinterlassen, als sie zugeben wollte.
"Wach auf!" sagte sie sich.
Doch sie hörte nicht auf sich selbst.
Noch während man vorne auf der Bühne eine, anscheinend lange Liste aller Vergehen des Gefangenen verlas, wurden um Tara herum die Stimmen lauter und lauter. Menschen riefen Schimpfwörter und böse Verwünschungen nach vorne. Manche von ihnen schüttelten lamentierend die Faust. Andere warfen mit dem sprichwörtlichen faulen Obst.
Insgesamt machten sie dabei so einen Radau, dass Tara gar nicht verstand, was genau verlesen wurde.
Aber sie konnte den Mann, dessen letzte Stunde geschlagen hatte gut erkennen:
Seine Kleidung waren nur noch Fetzen. Auch wenn er bis auf Haut und Knochen abgemagert war, hatte man ihn in schwere Ketten gelegt.
Sein Gesicht war bei all den verfilzten Haaren und dem verwilderten, ehemals blonden Bart kaum zu erkennen.
Umso auffälliger war seine Haltung.
Stolz und scheinbar unbeeindruckt von allem, stand er aufrecht und ließ seine Blicke über die grölende Menge schweifen.
Plötzlich entdeckte er Tara und fixierte ihren Blick. Die junge Frau fröstelte, als die stahlblauen Augen sie nicht mehr losließen.
Das war nicht richtig.
Wie konnte so etwas nur in ihrem Traum passieren?
"Irgendwelche letzten Worte?" fragte der Hagere im Talar.
Tara hatte nicht verstanden, was alles in den vergangenen Minuten auf der Bühne gesprochen worden war, doch mit einem Mal schien alles totenstill.
Die Worte des Verurteilten klangen so klar und laut, als würde sie direkt neben ihm und seinen Richtern stehen:
"Zeit meines Lebens war ich immer stolz auf das, was ich war. Immer habe ich zu meinen Kameraden gehalten und nie habe ich auch nur einen ausgeliefert."
Er brach ab, doch bevor der anwesende Vertreter des Gesetzes (die dicke Uniform) etwas sagen konnte, fuhr er in einem veränderten, furchtbaren Ton fort:
"Ich verfluche euch, ihr habt mich verraten. Das sollt ihr mir büßen.
Lauft, lauft soweit ihr könnt, doch ich finde euch und euer Schicksal wird schrecklich sein."
Er hatte nicht mit den Anwesenden gesprochen, dennoch erhob sich wieder Geschrei. Es wurde so laut, dass Tara sich die Ohren zuhielt und instinktiv die Augen schloss.
Dann war alles vorbei.
Während noch die Erkenntnis in ihr Bewusstsein sickerte, dass das soeben Erlebte mehr als ein Traum gewesen sein musste, wachte sie auf.
Wo war sie?
Aber natürlich. Im Urlaub. In einem kleinen Zimmer mit Blümchentapete, und Möbeln, die älter waren, als sie selbst. Das "romantische" Hotel, ruhig und idyllisch war die Idee von Jonas, ihrem Ex gewesen. Und als sie gestern Mittag angekommen war, war diese Gaststätte mit Fremdenzimmer ein Grund mehr gewesen, warum er jetzt ihr Ex war.
Verschlafen schaute Tara auf ihr Handy. Es war halb drei nachts. Genervt ließ Sie sich in die Kissen zurückfallen und fluchte. Dann holte sie sich ein Glas Wasser aus dem kleinen Bad (inklusive Badewanne), das zum Zimmer gehörte. Man hatte es liebevoll renoviert - mit Fliesen und Armaturen, die todschick gewesen waren, in den 90ern.
Das Wasser half gegen die trockene Kehle und bald schlief Tara wieder ein.
Alles in allem war es eine bescheuerte Idee gewesen, den Urlaub, den sie zu zweit geplant hatten, alleine anzutreten. Das Kaff, in dem sie gelandet war, lag, ohne größere Stadt in Reichweite, irgendwo an der Ostseeküste.
Immerhin hatte es eine Bahnstation an der zweimal am Tag die Regionalbahn hielt. Sonst wäre Tara, in Ermangelung eines eigenen fahrbaren Untersatzes nie hierher gekommen.
Ansonsten gab es hier nicht wirklich viel.
Die Zimmer, zumindest ihres, waren alt, aber penibel sauber und alles in allem funktionstüchtig. W-Lan oder Mobilnetz fand man hier so gut wie gar nicht.
Dafür war die Luft salzwasserhaltig und irgendwie schwer einzuatmen.
Die Wirtin war im verschlafenen Nest um so quirliger und freundlicher. Sie begrüßte Tara am nächsten Morgen in einer Wirtsstube, die erstaunlich groß war.
"Und?" wollte sie freundlich lächelnd wissen. "Haben Sie etwas Schönes geträumt in Ihrer ersten Nacht hier? Haben Sie denn für heute schon Pläne?" Dabei servierte sie Tara eine große Kanne Kaffee.
Vor dem ersten Schluck war Tara morgens prinzipiell gar nicht ansprechbar. Nach dieser Nacht würde sie bestimmt mehr als das benötigen, um einigermaßen fit zu werden.
"Keine Ahnung, gibt ja nicht viel," hätte sie eigentlich antworten wollen. Ihr Hirn war jedoch viel zu langsam. Noch ehe die junge Frau das Wort 'Koffein' auch nur denken konnte, begann die Wirtin bereits, eine Einführung in die Sehenswürdigkeiten des Ortes zu geben:
"Unsere Kirche ist momentan ja geschlossen. Der Pastor in Briesow drüben hat sich den Magen verdorben, und muss das Bett hüten."
"Ob der wohl auch hier gegessen hat?" fragte sich Tara. Sie hatte gestern Abend nichts mehr gegessen, der Kaffee zumindest war heftig, viel zu dünn und allem Anschein nach entkoffeiniert.
"Aber ins Museum könnten Sie gehen." Die Wirtin redete unbeeindruckt ohne Pause weiter. "Der alte Klaas hat den Laden fest im Griff und führt Sie bestimmt gerne durch. - Er wohnt da auch. Die Straße runter, können Sie gar nicht verfehlen."
Tara machte ein verknittertes Gesicht, das Dankbarkeit ausdrücken sollte und nickte.
Draußen war alles grau von Regen. Schon beim Öffnen der Vorhänge in ihrem Zimmer war ihr die Lust auf Aktivitäten außerhalb der Pension vergangen.
Ein heißes Bad, ein gutes Buch und lasst mich alle in Ruhe! Das war ihrer Meinung nach die passende Beschäftigung für so einen Tag.
Ein Schauer rann Tara über den Rücken. Kein Wunder, irgendwer hatte gerade die Tür aufgestoßen und die "gesunde" sehr feuchte Seeluft erfüllte den Raum.
"Ah, moin Klaas." Die Wirtin verstrahlte mehr Fröhlichkeit als eine Horde Schulmädchen. "Wir haben gerade von dir geredet. Unsere Besucherin hier, Frau Bäumler interessiert sich für dein Museum."
Das durfte doch nicht wahr sein! Wie konnte sie das einfach so behaupten?
Taras Gericht zeigte ein bittersüßes Lächeln, als sie sich zu den Mann umdrehte.
Er antwortete, ehrlich erfreut mit einem breiten Grinsen in dem nur drei Schneidezähne fehlten.
"Das is' aber schön." Seine Stimme hatte ebenso viele Kritter wie sein Gesicht. "Moin die Dame. Freut mich.
Ich brauch' vorher noch einen Tee, dann kann's losgehen. - Gerti, machst du mir einen?"
Die angesprochene Wirtin verschwand in der Küche, während sich Tara resigniert ihrem Frühstück zuwenden wollte.
Doch noch bevor sie herausgefunden hatte, welche Sorten genau auf der gemischten Wurst - und Käseplatte waren, stand Klaas neben ihr.
"Was dagegen?" fragte er.
Mit einer Geste bedeutete Tara ihm, sich zu setzen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dem alten Mann war es egal, was sie antwortete.
"Auch kein Morgenmensch." diagnostizierte er zielsicher.
Gerti, die Wirtin stellte einen Pott Tee vor ihm hin und verzog sich ohne weiteren Kommentar wieder. Kaum war sie außer Sicht, griff Klaas in die Innentasche seines Wettermantels und holte einen Flachmann heraus.
Schneller, als sie es ihm zugetraut hätte, kippte er zuerst sich und danach Tara etwas in die Tasse.
Genauso rasch steckte er die Flasche wieder weg. Verschwörerisch lächelnd stieß er mit ihr an.
Tara nippte notgedrungen an ihrem so gepimpten Kaffee. Nein, es schmeckte nicht schlechter, aber auch nicht besser, und so trank sie es aus.
Auf das zahnreduzierte Lächeln ihres Tischnachbarn achtete sie dabei nicht, bezweifelte mittlerweile aber, dass man die Worte "Abstinenz" und "Vegetarier" hier jemals bereits gehört hatte.
Wenig später stiefelte sie Klaas durch den strömenden Regen hinterher. Das Frühstück, vor allen Dingen Kaffee und Schnaps hatten sie ordentlich aufgewärmt und den "An"- Schalter für ihren Kopf gefunden.
"So, hereinspaziert!" Klaas war stolz wie Oskar, als er ihr den Vortritt ließ, um das graue Regenwetter gegen einen muffigen, aber recht hohen und vor allen Dingen trockenen Flur zu tauschen.
In diesem Moment war es Tara recht. Sie hing ihre tropfenden Jacke an die Garderobe und trat sich sorgfältig die nassen Schuhe ab.
Dann folgte sie Klaas in einen düsteren, vollgestellten Raum. Vor den hohen Fensterscheiben hingen jene Art von hässlichen Vorhängen aus unzerstörbarer Polyester-Spitze, welche seit mindestens 50 Jahren dem Zahn der Zeit und jeder Waschmaschine widerstanden. Sie ließen von draußen kaum Licht herein.
Auch die Neonröhren, die jetzt an der hohen, dunklen Decke zögernd zum Leben erwachten, funktionierten jeder Energiewende zum Trotz.
Im Raum hatte man, und Tara war sich sicher, dass es Klaas persönlich gewesen war, Stellwände verteilt. Auf ihnen waren Luft- und Landschaftsaufnahmen des beschaulichen Ortes zu sehen.
"Ostenhagen - Geschichte seit 1945" lautete der Titel der Ausstellung. Festgehalten auf einer handgeschriebenen Pappe auf der ersten Wand.
Hier hatte der 2. Weltkrieg, die Sowjets und später die volkswirtschaftlichen Genossen der DDR gewütet. Man hatte zerstört, geplündert, enteignet und zweckentfremdet.
Laut Klaas hatten die braven Bürger Ostenhagens alles ertragen und mitgemacht. Natürlich nur aus Angst, denn in ihren Herzen waren sie immer aufrecht und freiheitsliebend geblieben. Glaubte man ihm, waren hier alle heimliche Regime-Gegner gewesen. Auf ihre Art waren sie dann auch alle maßgeblich an der deutschen Einheit beteiligt gewesen. Bei den Schlagworten "Aufbau Ost" und "Leuchtfeuer der Demokratie" hörte Tara schon gar nicht mehr zu.
Sie seufzte. Klaas hätte ihr alles erzählen können, es wäre ihr gleich gewesen. In der Schule war Geschichte nur deswegen ein Leistungskurs von ihr gewesen, weil ihr Erd- und Sozialkunde noch weniger lagen.
Klaas erging sich gerade in farbenfrohen Schilderungen einer hochherrschaftlichen Villa, die zu DDR-Zeiten als staatliches Erholungsheim fungiert hatte und nun im nahen Forst vor sich hin rottete.
"Obwohl," erinnerte er sich. "Ich glaube, ein Pärchen hat sie mittlerweile gekauft…"
"Und davor?" fragte sie unvermittelt.
"Wie, davor?" Für einen Moment hatte sie den Alten aus dem Konzept gebracht.
"Na, vor 1945. - Da gab es dieses Kaff -sorry- diesen Ort doch auch schon, oder?"
"Türlich. - Gegründet um 1640." Er überlegte und maß sie dabei mit Blicken. "Die junge Dame interessiert sich für ältere Geschichte?"
Diese Frage hätte Tara auf keinen Fall glaubhaft bejahen können. Also zuckte sie nur unbestimmt mit den Schultern. Seinen Eifer wollte sie eigentlich nicht befeuern, doch die Alternative zum Museum war nass und kalt.
"Dann übergehen wir den Raum mit den einheimischen Pflanzen und Tieren wohl am besten und widmen uns sofort der "dunklen" Geschichte Ostenhagens?!"
Tara nickte ergeben. Wenn sie um ausgestopfte Reiher und mutmaßlich tausend Blütenfotos herum kam, (wie sie sie aus dem Heimatmuseum ihres Geburtsortes her kannte) sollte es ihr recht sein.
Und wie dunkel konnte diese Geschichte schon sein?
Ihr Führer verließ den Raum und sie standen wieder im Flur, an dessen Wänden die Portraits der verflossenen Bürgermeister hingen.
Die zweite Tür ignorierend, zog Klaas einen alten Bartschlüssel aus der Westentasche und schloss die dritte Tür in der Reihe auf. Sie war kleiner, als die beiden vorhergehenden und quietschte geräuschvoll beim Aufschwingen.
"Kommen nicht oft Leute hierher…" Tara war der staubige Lufthauch nicht entgangen, der ihr aus dem Halbdunkel des Raumes entgegen schlug.
Klaas lächelte sein typisches Lächeln. Er wusste bestimmt, dass "sein" Museum eher Liebhaberei, als von echter historischer Bedeutung war.
"Ne. - Die meisten sind nach den Sensationen vorne schon ausreichend überwältigt."
"Oder eingeschlafen," dachte Tara. "Habe ich den Vortritt?" wollte sie wissen.
Der alte Mann an ihrer Seite nickte und betätigte den Lichtschalter, der dieses Mal im Flur angebracht war.
"Türlich, Mädchen, ich weiß ja, was da drin ist. - Außerdem möcht' ich nicht der Erste sein, den er sieht."
"Wer er?" fragte Tara zögernd. Ihr war Klaas' seltsamer Satzbau nicht entgangen, doch dieser schob sie einfach in den Raum hinein.
Dort wurde Taras Frage beantwortet.
Neben ein paar wirklich alten Ausstellungsstücken, Waffen, Eisengerätschaften und Holzgegenständen, die den wesentlich kleineren Raum füllten, prangte an der Säule zwischen den beiden mannshohen Fenstern ein ebenso großes Ölgemälde.
Der Mann, den man darauf verewigt hatte, kam Tara bekannt vor: "Das ist…"
"Hieronymus Glaser."
Klaas war hinter ihr herein getreten und kicherte. "Hätte ihn ja gerne woanders hin gehängt, Mädchen. Aber hier ist das einzige Plätzchen, wo er hinpasst."
Das Gemälde war, laut maschinen-geschriebenen Schildchen, aus dem 18. Jahrhundert. Es zeigte einen blonden, groß gewachsenen Mann von etwa 30 Jahren. Er hatte einen gepflegten Vollbart und trug, um diese Zeit modische, schwarze Kleidung. Dazu gehörte auch ein Dreispitz und ein Säbel am Geschirr.
Als Tara ihm in die Augen schaute, schlug ihre Erinnerung zu. Dieses stählerne Blau hatte sie schon einmal gesehen!
"Ist er ...?"
"Ja," bestätigte Klaas, obwohl noch nicht einmal Tara sicher war, was sie hatte fragen wollen. "Er ist der berühmteste und berüchtigste Sohn der Stadt!" (Stadt... was für eine Übertreibung!)
"Ende des 17. Jahrhunderts in ärmlichen Verhältnissen geboren, ging er mit 12 Jahren zur See und hat es dabei bis zum Kapitän gebracht."
"Aha." Taras Interesse galt immer noch dem Blick des Mannes auf dem Bild. Der Künstler hatte die Augen so gemalt, dass sie den Betrachter immerfort anblickten, egal, wo man stand. Fast hatte man das Gefühl, Hieronymus Glaser würde einen mit den Augen verfolgen.
Irritiert wandte sich Tara ab. "Herr Glaser war Kapitän auf See?"
"Kapitän zur See. Ja," bestätigte der Alte, zufrieden und aufgeregt, seine Geschichten endlich erzählen zu
dürfen. "Er hat es zuerst ins Mittelmeer und dann sogar bis in die Karibik geschafft."
Mit einer Geste wies Klaas auf eine altertümliche (vor 1960 gedruckte) Weltkarte. Darauf waren mit goldenen Heftzwecken mindestens fünfzehn verschiedene Orte markiert.
Eine Zwecke war mit schwarzem Lack übermalt worden.
"Was war dort?" Eine kleine Inselgruppe ohne Namen irgendwo bei den Bermudas.
"Da hat man ihm aufgeknöpft, den Strolch."
"Strolch?" Noch einmal blickte Tara zu dem Gemälde, dessen raffiniert gemalten Augen sie auch jetzt ins Visier nahmen.
Glaser wirkte entschlossen und stolz. Aber nicht wie ein Verbrecher…
"Natürlich, Mädchen." Der alte Klaas lachte wieder. "Er war doch ein Pirat."
"Bitte?!" Fassungslos erkannte sie jetzt den Mann auf dem Bild. Es war der Verurteilte aus ihrem Traum!
"Seeräuber oder Filibuster, Kaperfahrer oder meinetwegen Bukanier." Klaas lächelte. "Nenn es, wie du magst.
An all den markierten Stellen hat er zugeschlagen und dabei mal die Einen, und dann wieder die Anderen beraubt. Holländer, Briten, Spanier, Franzosen - Hafenstädte oder Schiffe, das war ihm gerade wurscht.
Nachdem Hieronymus Glaser das Kommando über ein halbes Dutzend Schiffe erlangt hatte, haben er und seine Mannschaft alles ausgeraubt, was ging."
Inzwischen hatte sie der alte Mann zu einem Schiffsmodell gezogen. Ein hölzerner, etwa 30 cm großer 3-Master, der unter einer Art Käseglocke mit ausgeblichenen, grauen Segeln das Flaggschiff der Flotte nachbilden sollte.
"Ich habe noch nie etwas von einem Piraten namens Hieronymus Glaser gehört," gab Tara zu. Hierbei verschwieg sie, dass sich ihr Wissen über diese Art von Gesetzesbrechern allein aus Kinderbüchern und diversen Hollywood-Streifen speiste.
"Ach klar." Galant wurde sie zum nächsten Ausstellungsstück geleitet:
Ein Glaskasten, der ein hand-gebasteltes Diorama enthielt. Es war ein Platz, umgeben von einem papier-weißen Prospekt, der versuchte, Gebäude im Kolonialstil zu imitieren. In der Mitte stand ein Podest mit Galgen. Bevölkert wurde die Kulisse von ein paar wenigen Püppchen, von denen keiner eine Wache oder gar einen Piraten/ Gefangenen darstellte. Anscheinend hatte der Fleiß des Bastlers nicht so weit gereicht. Taras Erinnerungen an letzte Nach kehrten dennoch zurück.
Die Menschenmenge, tausend wütende Stimmen, Trommeln…
"Mit seinem bürgerlichen Namen konnte er natürlich keinen Blumentopf gewinnen." Klaas genoss es, dass seine Zuhörerin immer gespannter wurde. "Deshalb nannte er sich, sobald er Pirat wurde BLAKE."
Der Name krachte wie Donnerhall in Taras Ohren.
Erschrocken sah sie zu Klaas, doch der alte Mann musterte sie nur unschlüssig. Er hatte nichts als seine eigene knattrige Stimme gehört.
Sie nahm sich zusammen. Wahrscheinlich hatte ihr Gehirn ihr nur einen Streich gespielt.
"Was ist dann passiert?" fragte Tara.
Klaas holte tief Luft und setzte offensichtlich zum großen Finale an:
"Etwa 20 Jahre, nachdem er hier im Ostenhagen an Bord gegangen war, ging er den Briten ins Netz.
Er hatte sich unvorsichtigerweise in einer Hafenkneipe total besoffen und wurde verhaftet, als er in eine Schlägerei geriet,"
"Die hätten mich nie gekriegt, wenn ich nüchtern gewesen wäre!" polterte da plötzlich eine Stimme.
Tara schreckte wieder hoch, aber außer Klaas war niemand zu sehen.
Der Alte hatte auch dieses Mal nichts bemerkt und fuhr ungerührt fort:
"Und dann haben sie ihn eingekerkert und gefoltert." Er machte eine dramatische Pause, die ihre Wirkung jedoch verfehlte. "Der Gouverneur wollte, dass Glaser seine Mannschaft verriet, den Aufenthaltsort seiner Schiffe preisgab und alles Gold herausrückte, das er erbeutet hatte.
Aber nichts war."
"Wie?"
"Na, er hat nichts gesagt. Weder wo die angeblichen Schätze, noch seine Kumpanen waren. - Hat wohl gehofft, die würden ihn befreien."
"Und, haben sie?" fragte Tara, obwohl sie die Antwort kannte.
"Ne," Klaas winkte ab. "Die haben den Teufel getan."
"Und deshalb hat er sie verflucht." Es war ihr einfach rausgerutscht. Forschend sah sie Klaas an.
Dann nickte der Alte. "Seine berühmten letzte Worte:
- Ich verfluche euch, denn ihr habt mich verraten, das sollt ihr mir büßen! - "
Wieder klang es in Taras Ohren, als würde nicht Klaas die Worte sprechen. - Es klang vielmehr, als wären es zwei Stimmen.
"Lauft, lauft soweit ihr könnt, doch ich finde euch und euer Schicksal wird schrecklich sein."
Ein schauerliches Lachen hallte durch Taras Kopf und ließ sie ein drittes Mal zusammenzucken.
Als sie wieder vom Diorama hochsah, verschlug es ihr den Atem.
"Mädchen, was ist denn?" fragte Klaas besorgt. "Du siehst ja aus, als hättest du einen Geist gesehen,"
Und genau das hatte Tara auch.
Hinter dem alten Mann stand plötzlich ein Zweiter. - Groß, blond und mit einem durchdringenden Blick. Genauso, wie auf dem Gemälde.
Beißender Gestank stach ihr in die Nase.
"Igitt!" Tara riss die Augen auf und sah Gerti, die sich über sie gebeugt hatte. Die Wirtsfrau hielt ihr irgendetwas unter die Nase. Das hatte so schrecklich gerochen. Tara verzog angewidert das Gesicht.
War sie ohnmächtig gewesen?
"Bin da!" erklärte sie und schob Gertis Arm weg.
"Was ist passiert?" Die Zimmerdecke in der kleinen Pension erkannte Tara auf jeden Fall wieder. Auch im jetzigen Halbdunkel. Jemand hatte wohl die Vorhänge zugezogen.
Der Kopf von Klaas, mitsamt zahnreduziertem Lächeln schob sich in ihr Sichtfeld. Er sah erleichtert aus.
"Du bist umgefallen, Mädchen." So, wie er das sagte, klang es irgendwie harmlos.
"Klaas hat dann die freiwillige Feuerwehr verständigt," wusste die Wirtin. "Also Hannes und seine Jungs. Die haben Sie dann hier her gebracht."
"Wie lange war ich weg?"
"Nich' lang." behauptete der Alte. "Vielleicht 'ne viertel Stunde. Was hat dich denn so umgehauen, Mädchen? Bist immer noch kalkweiß."
Was sollte sie darauf antworten?
Tara war sich sicher, dass ihr mehr als nur 15 Minuten in ihrer Erinnerung fehlten. Um Zeit zu schinden setzte sie sich umständlich in ihrem Bett auf.
"Ich," begann sie, als sie eine Gestalt entdeckte, die auf dem Stuhl am Fenster saß. Es war der Pirat!
Als er ihren Blick bemerkte, hob er die Hand zum Gruß an den Hut und ließ ein Nicken erkennen.
Tara entfuhr ein spitzer Schrei.
Klaas und Gerti folgten ihrem Blick und sahen hinüber zum Fenster. Doch sie entdeckten nichts Ungewöhnliches.
Die Erscheinung war verschwunden.
"Komm mit Klaas." Die Wirtin stand auf. "Ich denke, mein Gast braucht noch ein bisschen Ruhe. Zumindest vor uns.
Frau Bäumler," damit wandte sie sich an Tara. "Der Doktor Jansen kommt gleich vorbei und schaut nach Ihnen. - Falls sonst noch etwas ist, können Sie mich gerne rufen."
Fast hätte Tara darauf gewettet, die Wirtin würde ihr eine Glocke ans Bett stellen. Doch diese deute nur auf das Telefon, das auf dem Nachttisch stand.
"Dann mal gute Besserung, Mädchen," wünschte Klaas. Schon hatten sich beide verabschiedet.
Letzten Endes hätte Tara sie gerne zum Bleiben überredet. Es war mit einem Mal unheimlich im sonst gemütlichen Halbdunkel. Ihr Hals war wie zugeschnürt und ihre Gedanken rasten.
Seit wann sah sie Geister?
Seit wann gab es denn, um Himmels Willen Geister?
Nervös griff Tara nach dem Glas Wasser, das auf dem Nachttisch neben dem Telefon stand. So etwas konnte, ja durfte doch einfach nicht wahr sein…
2
Mit dem ersten Schluck fasste die junge Frau einen Entschluss: Sie würde keine Angst haben und sich von einem angeblichen Geist ins Bockshorn jagen lassen!
Ach was Geist… Es gab doch überhaupt keine Geister!
"Komm raus, wo auch immer du steckst!" rief sie halblaut. "Ich habe keine Angst vor dir!"
Einen Herzschlag lang blieb alles still. Gerade, als Tara aufatmete und dachte, sie hätte es besser wissen sollen, fragte eine Stimme:
"Nicht?!"
Sie erschrak bis ins Mark. Dann aber reckte sie kühn den Kopf.
"Bestimmt nicht."
Da tauchte die Gestalt am Fußende ihres Bettes wieder auf. Einfach so. Von einem Augenblick auf den Anderen, ohne Vorwarnung, Geräusch oder sonstigen dramatischen Effekt.
Tara nahm noch einen kräftigen Schluck Wasser, verschluckte sich und begann zu husten. Schnell schossen ihr die Tränen in die Augen.
"Starkes Zeug?" fragte der Mann, halb spöttisch, halb interessiert. Er kam näher, um am Glas zu schnüffeln.
Sie wendete sich hustend ab. "Wasser," korrigierte sie automatisch und sah, wie sein Gesicht einen angewiderten Ausdruck annahm.
"Igitt!"
"Du musst es ja nicht trinken," erklärte sie.
"Will ich auch nicht," schnappte er zurück.
Als sie ihn richtig betrachtete, fiel Tara auf, dass er anders aussah, als auf dem Portrait, älter. Die Haare waren zerzauster und der Bart wilder. Wobei der Maler nicht geschönt hatte, war der Blick. Seine Augen, die stechend blau, frech und klar in die Welt schauten, dass man das Gefühl hatte, er könnte damit überall hindurch sehen.
Ansonsten war er groß gewachsen, hatte eine schlanke Figur, eine geradezu stolze Haltung, wettergegerbte Haut und war komplett schwarz gekleidet. Genau die selbe Mode, wie auf dem Ölbild im Museum.
"Du bist also Hieronymus Glaser." Es war eine Feststellung.
Der Angesprochene verzog das Gesicht. "Kapitän H. Blake," berichtigte er. Dabei sprach er das "H" englisch aus.
"Und du bist Tara Bäumler."
Sie nickte. "Woher weißt du das?"
"Ich gehe in diesem Kaff hier ein und aus. Wo und wann ich will. - Da war ich eben am Bahnhof, als du angekommen bist."
Tara fuhr hoch. "Du stalkst mich! Sag mal, geht's noch?!"
"Bei Geistern heißt das Heimsuchung. Außerdem bist du die Erste, die mich sehen kann. Das weiß ich genau, schließlich spuke ich nicht erst seit gestern hier."
"Ach nicht?" gab sie patzig zurück. Tara war nur wenig an seiner Geschichte interessiert.
In diesem Moment klopfte es.
"Ja, bitte?" rief sie und musste kämpfen, um nicht allzu wütend zu klingen.
Die Tür ging auf und ein älterer, fülliger Herr stand in Rahmen. Er knipste das Zimmerlicht an.
"Guten Tag, Jansen mein Name," stellte er sich in routinierten Tonfall vor. "Doktor Jansen. - Wie geht es Ihnen?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, schloss er die Tür hinter sich und trat an Taras Bett.
"Gut," versicherte diese. Nichtsdestotrotz packte der Doktor seine Arzttasche auf das Bett und holte Fieberthermometer, Stethoskop und eine Taschenlampe heraus. Dazu kam natürlich ein kleiner Block, auf dem er all seine durchgeführten Untersuchungen vermerkte. In seiner geschäftsmäßigen Bedächtigkeit erinnerte er Tara an ein Walross.
Blake indes stand lässig an die Wand gelehnt und lachte sich ins Fäustchen. "Der gute alte Jansen. - Pass auf, Kleine, sonst bescheinigt er dir noch einen Nervenzusammenbruch und schickt dich in die Klapse."
Obwohl er laut gesprochen hatte, fnur der Doktor ohne eine sichtbare Reaktion fort und bewies Tara so, dass nur sie den Piraten-Geist hören konnte.
"Verschwinde!" zischte Tara in Richtung des Geistes.
"Bitte?" fragte Jansen und nahm das Stethoskop aus den Ohren.
"Nichts, Herr Doktor." Tara lächelte. "Aber mir geht es gut, ehrlich.
Wahrscheinlich war die muffige Luft im Museum schuld, dass ich umgekippt bin."
"Ja ja, der alte Klaas sollte wirklich besser lüften. Aber ich untersuche Sie trotzdem gründlich. Aah machen, bitte." Damit steckte er ihr einen Spatel in den Mund. "Nicht, dass wir etwas übersehen."
Mit rollenden Augen ließ Tara die Untersuchung über sich ergehen.
Der Geist war dabei grinsend stehen geblieben und vertrieb sich die Zeit, indem er ungeniert in der Nase bohrte.
"Alles in Ordnung, Frau Bäumler," diagnostizierte Jansen. "Haben Sie ihre Krankenkassenkarte dabei? Falls nicht, schreibe ich Ihnen eine Rechnung und schicke sie per Post."
Resigniert seufzend reichte sie dem Doktor die Karte aus dem Geldbeutel. Dieser kramte ein kleines mobiles Lesegerät aus der Tasche und steckte sie hinein. Binnen Sekunden war das Formelle erledigt.
"So," meinte er abschließend, während er seine Tasche packte. "Sie bleiben für den Rest des Tages bitte im Bett."
Mit einem Gedanken an das graue Regenwetter, das hinter den geschlossenen Vorhängen lauerte, nickte Tara ergeben.
"Später schicke ich Ihnen Gerti mit einem leichten Essen hoch, aber jetzt sollten Sie erst einmal schlafen."
Wieder nickte Tara. Sie wollte tatsächlich ihre Ruhe. Doch die Verabschiedung vom Arzt, der das Licht wieder ausschaltete, als er ging, war nur der erste Schrift dorthin. Kaum war er hinaus, fokussierte Tara den Geist:
"So, und du machst jetzt auch einen Abgang!"
Blake hob erstaunt die Augenbrauen. "Ich?! Nein, auf keinen Fall!
Du bist seit gut 20 Jahren der erste Mensch, der mich sieht. Ich hab' keinen Bock, wieder alleine herumzugeistern."
"Du redest wie ein unverschämter Rotzbengel. Ich werde mich nicht mit dir unterhalten. Es wäre doch anzunehmen, so ein dreihundert Jahre alter Geist hätte ein bisschen mehr Anstand."
"Anstand? - Hallo?! Pirat, schon vergessen? Mit Anstand wär' ich wohl eher Pastor geworden. Lass stecken…
Außerdem spuke ich hier in Ostenhagen schon seit dem 17.9.1999, und habe kein Interesse…"
"Was?" Tara fuhr auf und bemerkte, dass ihr Kreislauf nur schwer hinterher kam. Warum, war er ausgerechnet an ihrem Geburtstag hier aufgetaucht?
"Klar." Blake fläzte sich in den Korbsessel, der am Fenster stand und knallte seine kniehohen Stiefel auf den Couchtisch davor. Anscheinend glaubte er, dass sie interessiert sei. "Nachdem die mich aufgeknüpft hatten, dachte ich ja, ich würd' auf geradem Weg in die Hölle fahren. Aber nichts da.
Mein Fluch hat funktioniert.
Sieben Männer hätten mich retten können. Sie waren die Fähigsten und Mutigsten in der Mannschaft. Die, welche ich als Freunde bezeichnet habe.
Ich hab' gehofft und gewartet. Aber kein Mensch kam, Keiner hat versucht, mich zu befreien. Elende Feiglinge!" Er fluchte saftig.
"Als ich merkte, dass ich als Geist überall hin konnte, habe ich jeden einzelnen von ihnen gejagt." Seine beunruhigenden Augen funkelten bei diesen Worten, und er grinste böse dazu.
Tara jagte er damit einen Schauer über den Rücken. Sie begriff, dass Hieronymus Glaser ein gnadenloser und gefürchteter Mann gewesen sein musste.
"Und weiter?"
"Über die Planke hab' ich sie geschickt. Einen nach dem Anderen.
Bald kannte ich alle Geistertricks: Gruselige Erscheinung, Lichterflackern, Dinge bewegen, eiskalter Lufthauch, Schauergeheul - du verstehst?
Alle hab' ich sie gekriegt. Alle!" Dann lachte er wieder. Doch es klang nicht mehr nur fies, sondern ein wenig wehmütig am Ende.
"Den letzten Mann hab' ich auf dem Scheißhaus erwischt und zack!"
Er klatschte in die Hände, wartete auf Taras erneute Nachfrage. Als sie schwieg, fuhr er dennoch fort:
"Plötzlich war da nichts mehr. - Für mich sekundenlange Schwärze, für den Rest der Welt gute 300 Jahre.
Und dann kamst du," schloss er.
Taras Gehirn arbeitete, unter Protest. "Mich willst du aber nicht ins Jenseits schicken?"
"Vielleicht? - Ne lass mal." Er winkte ab. "Gerächt habe ich mich zu Genüge. Ich kenn' dich ja nicht mal."
Sie atmete auf und ließ sich in die Kissen zurück sinken. Für einen Moment hatte er ihr Angst eingejagt, obwohl er ihr irgendwie sympathisch war.
"Seit 20 Jahren - na, noch ein paar mehr - bin ich jetzt schon hier. Die Zeiten haben sich geändert, daran gewöhnt man sich.
Aber ich bekomm' nichts mehr hin. Also kein Geisterkram mehr. Kein Schwein hat bisher mitgekriegt, dass ich da bin. - Und du auch erst, seit du im Museum warst.
Jetzt frag' ich mich die ganze Zeit, was das soll."
"Ich mich auch," murmelte Tara, aber er hörte es nicht. Mit der Gesamtsituation überfordert, so fühlte sie sich gerade.
Mal davon abgesehen, dass ihr Weltbild vor nicht ganz zehn Minuten den Abflug gemacht hatte… Anscheinend hatte sie jetzt noch noch einen Geist an der Backe, der so gar nicht geisterhaft war. Egoistisch, frech und keine Spur von Reue für die begangenen Taten.
Sie musste ihn wieder los werden, irgendwie. Soviel stand fest. Nur wie?
Ihr Kopf begann immer stärker zu schmerzen, besonders, als sie sich fragte, warum sie. Morgen würde sie sich darum kümmern, aber erst dann.
Tara gähnte. Der Geist des Piraten lag immer noch mehr im Sessel, als dass er saß.
"Verzieh' dich," forderte Tara. Sie schloss die Augen. "Ich will jetzt schlafen, also hau’ ab." Unverschämt konnte sie auch, wenn es sein musste.
"Ja, und was soll ich dann machen?"
"Ist mir egal, ich hab' Kopfschmerzen."
"Aber..." Er sprang auf, bereit zu protestieren. Doch Tara schien schon zu schlafen, und tat es wenig später auch, obwohl es erst früher Nachmittag war.
Beleidigt löste sich Blake in Luft auf.
Dieses Mal träumte Tara nichts, oder sie erinnerte sich nicht daran, als es Stunden später an die Tür klopfte.
"Ja?!" Im Zimmer war es ein gutes Stück dunkler geworden. Das beständig schlechte Wetter sorgte dafür. Es war gerade mal Juli, ihre zwei Wochen Sommerurlaub, Montag Abend… Und sie lag wie eine Schwerkranke im Bett und sollte noch 10 Tage in diesem Kaff bleiben.
Was hatte sich Jonas nur dabei gedacht? Das fragte sich Tara wohl schon zum hundertsten Mal.
Hatte er überhaupt gedacht? Oder sie, als sie die Buchung auf ihren Namen und mit ihrem Geld übernommen hatte?
Gerti, die hereinkam, sah, dass ihr Gast in Gedanken war. Sie stellte das "leichte" Abendessen auf einem Tablett auf den Nachtisch, wo es langsam eng wurde.
Tara schnupperte an Hühnersuppe und dunklem Brot. Dann bemerkte sie den Lärm, der von der Gaststube empordrang.
"Viel los heute?"
"Das Übliche. Das Gasthaus ist sehr beliebt. Außerdem gibt es sonst keine Möglichkeit im Ort, abends auszugehen."
"Da kann ich später auch mal runterkommen."
"Besser nicht, Frau Bäumler. Doktor Jansen sitzt auch da unten. Und er trinkt nicht genug, als dass er seine bettlägerige Patientin übersieht."
"Bettlägerig?!" Tara schnaubte empört. "Also gut. Aber nur für heute."
"Das ist klar." Gerti zwinkerte. "Morgen müssen Sie sich mit einer Flasche Korn bei der ganzen freiwilligen Feuerwehr für ihre Rettung bedanken."
"Mach' ich," versprach Tara.
Nach dem Essen im Bett schlief sie bald wieder ein. "Ihren" Geist sah sie heute nicht mehr.
Stimmengewirr erfüllte die heiße Luft und vibrierte wie eine gespannte Bogensehne. Die Menschenmenge wartete auf den Höhepunkt den nachmittäglichen Unterhaltungsprogramms.
Tara blinzelte, denn vom wolkenlosen Himmel brannte eine grelle Sonne.
Sie träumte, das wusste sie. Es war nicht nur die Tatsache, dass alle Menschen um sie herum die völlig falschen Klamotten trugen und aussahen, als wären sie einem Historienschinken entsprungen. Auch das Wetter war nicht aktuell. Seit sie in ihrem Urlaubsort angekommen war, hatte es nur geregnet. Die Wettervorhersage war Welten von "Sonnenschein" entfernt.
Jemand drückte sich an ihr vorbei und rannte sie dadurch beinahe um, doch bemerkte weder sie noch ihren Protest. Als sich Tara nach ihm umdrehte, fiel ihr Blicke auf eine Art Bühne, etwa 20m entfernt, auf der mehrere Männer standen:
Zuerst ein hagerer Typ im langen, schwarzen Talar, der ein großes Buch in den gefalteten Händen hielt. Neben ihm ein kleinerer Dicker in fescher, historischer Uniform, dem Schweiß in Strömen unter der gepuderten Perücke heraus übers hochrote Gesicht lief. Daneben die Quadratur eines Mannes mit schwarzer Kapuze über dem Kopf.
Jara schluckte, als sie das Accessoire sah, das er mit sich führte: Eine gewaltige Axt.
Hinter den Dreien erhob sich das filigrane Gestell eines Galgens samt Seil und Schlinge.
Wie kam ihr urlaubsreifes Gehirn nur auf so eine wirre Komposition?
Nach den letzten, stressigen Wochen hätte sie ja mit einer Menge Mist gerechnet. Auch wegen der anstrengenden Zugfahrt und dem unglaublichen Essen im Bordrestaurant.
Aber eine Hinrichtung?!?
Trommelschläge drangen in ihr Ohr. Gleichzeitig hoben sich Stimmung und Spannung um sie herum. Jeder hier wusste anscheinend, von wo aus der arme Teufel, den man hinrichten wollte, seinen letzten Gang antrat.
Hälse wurden gereckt. Männer wie Frauen stellten sich gleichermaßen auf die Zehenspitzen, Tara hingegen bezweifelte, dass sie bis zum Ende sehen wollte, was sich da anbahnte und wartete sehnsüchtig auf eine traumtypische Überraschung.
Doch nichts dergleichen passierte. Sie hätte jetzt sogar ein regenbogenfarbenes Einhorn akzeptiert, das sie davontrug. Obwohl sie mit über 20 aus dem "Glitzerstaub-Alter" heraus war.
Stattdessen erreichte ein Tross aus mehreren Wächtern, von denen bisher nur die Dreispitze zu sehen gewesen waren, und ein Gefangener die Bühne.
Umringt von fünf Bewaffneten, stolperte ein Mann auf das Podest. Seine Erscheinung schrie so sehr nach "Pirat", dass sich Tara schämte. Der letzte "Fluch der Karibik"-Film-Marathon, den sie vor zwei Wochen mit ihren Freundinnen veranstaltet hatte, hatte scheinbar mehr Spuren in ihrem Gehirn hinterlassen, als sie zugeben wollte.
"Wach auf!" sagte sie sich.
Doch sie hörte nicht auf sich selbst.
Noch während man vorne auf der Bühne eine, anscheinend lange Liste aller Vergehen des Gefangenen verlas, wurden um Tara herum die Stimmen lauter und lauter. Menschen riefen Schimpfwörter und böse Verwünschungen nach vorne. Manche von ihnen schüttelten lamentierend die Faust. Andere warfen mit dem sprichwörtlichen faulen Obst.
Insgesamt machten sie dabei so einen Radau, dass Tara gar nicht verstand, was genau verlesen wurde.
Aber sie konnte den Mann, dessen letzte Stunde geschlagen hatte gut erkennen:
Seine Kleidung waren nur noch Fetzen. Auch wenn er bis auf Haut und Knochen abgemagert war, hatte man ihn in schwere Ketten gelegt.
Sein Gesicht war bei all den verfilzten Haaren und dem verwilderten, ehemals blonden Bart kaum zu erkennen.
Umso auffälliger war seine Haltung.
Stolz und scheinbar unbeeindruckt von allem, stand er aufrecht und ließ seine Blicke über die grölende Menge schweifen.
Plötzlich entdeckte er Tara und fixierte ihren Blick. Die junge Frau fröstelte, als die stahlblauen Augen sie nicht mehr losließen.
Das war nicht richtig.
Wie konnte so etwas nur in ihrem Traum passieren?
"Irgendwelche letzten Worte?" fragte der Hagere im Talar.
Tara hatte nicht verstanden, was alles in den vergangenen Minuten auf der Bühne gesprochen worden war, doch mit einem Mal schien alles totenstill.
Die Worte des Verurteilten klangen so klar und laut, als würde sie direkt neben ihm und seinen Richtern stehen:
"Zeit meines Lebens war ich immer stolz auf das, was ich war. Immer habe ich zu meinen Kameraden gehalten und nie habe ich auch nur einen ausgeliefert."
Er brach ab, doch bevor der anwesende Vertreter des Gesetzes (die dicke Uniform) etwas sagen konnte, fuhr er in einem veränderten, furchtbaren Ton fort:
"Ich verfluche euch, ihr habt mich verraten. Das sollt ihr mir büßen.
Lauft, lauft soweit ihr könnt, doch ich finde euch und euer Schicksal wird schrecklich sein."
Er hatte nicht mit den Anwesenden gesprochen, dennoch erhob sich wieder Geschrei. Es wurde so laut, dass Tara sich die Ohren zuhielt und instinktiv die Augen schloss.
Dann war alles vorbei.
Während noch die Erkenntnis in ihr Bewusstsein sickerte, dass das soeben Erlebte mehr als ein Traum gewesen sein musste, wachte sie auf.
Wo war sie?
Aber natürlich. Im Urlaub. In einem kleinen Zimmer mit Blümchentapete, und Möbeln, die älter waren, als sie selbst. Das "romantische" Hotel, ruhig und idyllisch war die Idee von Jonas, ihrem Ex gewesen. Und als sie gestern Mittag angekommen war, war diese Gaststätte mit Fremdenzimmer ein Grund mehr gewesen, warum er jetzt ihr Ex war.
Verschlafen schaute Tara auf ihr Handy. Es war halb drei nachts. Genervt ließ Sie sich in die Kissen zurückfallen und fluchte. Dann holte sie sich ein Glas Wasser aus dem kleinen Bad (inklusive Badewanne), das zum Zimmer gehörte. Man hatte es liebevoll renoviert - mit Fliesen und Armaturen, die todschick gewesen waren, in den 90ern.
Das Wasser half gegen die trockene Kehle und bald schlief Tara wieder ein.
Alles in allem war es eine bescheuerte Idee gewesen, den Urlaub, den sie zu zweit geplant hatten, alleine anzutreten. Das Kaff, in dem sie gelandet war, lag, ohne größere Stadt in Reichweite, irgendwo an der Ostseeküste.
Immerhin hatte es eine Bahnstation an der zweimal am Tag die Regionalbahn hielt. Sonst wäre Tara, in Ermangelung eines eigenen fahrbaren Untersatzes nie hierher gekommen.
Ansonsten gab es hier nicht wirklich viel.
Die Zimmer, zumindest ihres, waren alt, aber penibel sauber und alles in allem funktionstüchtig. W-Lan oder Mobilnetz fand man hier so gut wie gar nicht.
Dafür war die Luft salzwasserhaltig und irgendwie schwer einzuatmen.
Die Wirtin war im verschlafenen Nest um so quirliger und freundlicher. Sie begrüßte Tara am nächsten Morgen in einer Wirtsstube, die erstaunlich groß war.
"Und?" wollte sie freundlich lächelnd wissen. "Haben Sie etwas Schönes geträumt in Ihrer ersten Nacht hier? Haben Sie denn für heute schon Pläne?" Dabei servierte sie Tara eine große Kanne Kaffee.
Vor dem ersten Schluck war Tara morgens prinzipiell gar nicht ansprechbar. Nach dieser Nacht würde sie bestimmt mehr als das benötigen, um einigermaßen fit zu werden.
"Keine Ahnung, gibt ja nicht viel," hätte sie eigentlich antworten wollen. Ihr Hirn war jedoch viel zu langsam. Noch ehe die junge Frau das Wort 'Koffein' auch nur denken konnte, begann die Wirtin bereits, eine Einführung in die Sehenswürdigkeiten des Ortes zu geben:
"Unsere Kirche ist momentan ja geschlossen. Der Pastor in Briesow drüben hat sich den Magen verdorben, und muss das Bett hüten."
"Ob der wohl auch hier gegessen hat?" fragte sich Tara. Sie hatte gestern Abend nichts mehr gegessen, der Kaffee zumindest war heftig, viel zu dünn und allem Anschein nach entkoffeiniert.
"Aber ins Museum könnten Sie gehen." Die Wirtin redete unbeeindruckt ohne Pause weiter. "Der alte Klaas hat den Laden fest im Griff und führt Sie bestimmt gerne durch. - Er wohnt da auch. Die Straße runter, können Sie gar nicht verfehlen."
Tara machte ein verknittertes Gesicht, das Dankbarkeit ausdrücken sollte und nickte.
Draußen war alles grau von Regen. Schon beim Öffnen der Vorhänge in ihrem Zimmer war ihr die Lust auf Aktivitäten außerhalb der Pension vergangen.
Ein heißes Bad, ein gutes Buch und lasst mich alle in Ruhe! Das war ihrer Meinung nach die passende Beschäftigung für so einen Tag.
Ein Schauer rann Tara über den Rücken. Kein Wunder, irgendwer hatte gerade die Tür aufgestoßen und die "gesunde" sehr feuchte Seeluft erfüllte den Raum.
"Ah, moin Klaas." Die Wirtin verstrahlte mehr Fröhlichkeit als eine Horde Schulmädchen. "Wir haben gerade von dir geredet. Unsere Besucherin hier, Frau Bäumler interessiert sich für dein Museum."
Das durfte doch nicht wahr sein! Wie konnte sie das einfach so behaupten?
Taras Gericht zeigte ein bittersüßes Lächeln, als sie sich zu den Mann umdrehte.
Er antwortete, ehrlich erfreut mit einem breiten Grinsen in dem nur drei Schneidezähne fehlten.
"Das is' aber schön." Seine Stimme hatte ebenso viele Kritter wie sein Gesicht. "Moin die Dame. Freut mich.
Ich brauch' vorher noch einen Tee, dann kann's losgehen. - Gerti, machst du mir einen?"
Die angesprochene Wirtin verschwand in der Küche, während sich Tara resigniert ihrem Frühstück zuwenden wollte.
Doch noch bevor sie herausgefunden hatte, welche Sorten genau auf der gemischten Wurst - und Käseplatte waren, stand Klaas neben ihr.
"Was dagegen?" fragte er.
Mit einer Geste bedeutete Tara ihm, sich zu setzen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dem alten Mann war es egal, was sie antwortete.
"Auch kein Morgenmensch." diagnostizierte er zielsicher.
Gerti, die Wirtin stellte einen Pott Tee vor ihm hin und verzog sich ohne weiteren Kommentar wieder. Kaum war sie außer Sicht, griff Klaas in die Innentasche seines Wettermantels und holte einen Flachmann heraus.
Schneller, als sie es ihm zugetraut hätte, kippte er zuerst sich und danach Tara etwas in die Tasse.
Genauso rasch steckte er die Flasche wieder weg. Verschwörerisch lächelnd stieß er mit ihr an.
Tara nippte notgedrungen an ihrem so gepimpten Kaffee. Nein, es schmeckte nicht schlechter, aber auch nicht besser, und so trank sie es aus.
Auf das zahnreduzierte Lächeln ihres Tischnachbarn achtete sie dabei nicht, bezweifelte mittlerweile aber, dass man die Worte "Abstinenz" und "Vegetarier" hier jemals bereits gehört hatte.
Wenig später stiefelte sie Klaas durch den strömenden Regen hinterher. Das Frühstück, vor allen Dingen Kaffee und Schnaps hatten sie ordentlich aufgewärmt und den "An"- Schalter für ihren Kopf gefunden.
"So, hereinspaziert!" Klaas war stolz wie Oskar, als er ihr den Vortritt ließ, um das graue Regenwetter gegen einen muffigen, aber recht hohen und vor allen Dingen trockenen Flur zu tauschen.
In diesem Moment war es Tara recht. Sie hing ihre tropfenden Jacke an die Garderobe und trat sich sorgfältig die nassen Schuhe ab.
Dann folgte sie Klaas in einen düsteren, vollgestellten Raum. Vor den hohen Fensterscheiben hingen jene Art von hässlichen Vorhängen aus unzerstörbarer Polyester-Spitze, welche seit mindestens 50 Jahren dem Zahn der Zeit und jeder Waschmaschine widerstanden. Sie ließen von draußen kaum Licht herein.
Auch die Neonröhren, die jetzt an der hohen, dunklen Decke zögernd zum Leben erwachten, funktionierten jeder Energiewende zum Trotz.
Im Raum hatte man, und Tara war sich sicher, dass es Klaas persönlich gewesen war, Stellwände verteilt. Auf ihnen waren Luft- und Landschaftsaufnahmen des beschaulichen Ortes zu sehen.
"Ostenhagen - Geschichte seit 1945" lautete der Titel der Ausstellung. Festgehalten auf einer handgeschriebenen Pappe auf der ersten Wand.
Hier hatte der 2. Weltkrieg, die Sowjets und später die volkswirtschaftlichen Genossen der DDR gewütet. Man hatte zerstört, geplündert, enteignet und zweckentfremdet.
Laut Klaas hatten die braven Bürger Ostenhagens alles ertragen und mitgemacht. Natürlich nur aus Angst, denn in ihren Herzen waren sie immer aufrecht und freiheitsliebend geblieben. Glaubte man ihm, waren hier alle heimliche Regime-Gegner gewesen. Auf ihre Art waren sie dann auch alle maßgeblich an der deutschen Einheit beteiligt gewesen. Bei den Schlagworten "Aufbau Ost" und "Leuchtfeuer der Demokratie" hörte Tara schon gar nicht mehr zu.
Sie seufzte. Klaas hätte ihr alles erzählen können, es wäre ihr gleich gewesen. In der Schule war Geschichte nur deswegen ein Leistungskurs von ihr gewesen, weil ihr Erd- und Sozialkunde noch weniger lagen.
Klaas erging sich gerade in farbenfrohen Schilderungen einer hochherrschaftlichen Villa, die zu DDR-Zeiten als staatliches Erholungsheim fungiert hatte und nun im nahen Forst vor sich hin rottete.
"Obwohl," erinnerte er sich. "Ich glaube, ein Pärchen hat sie mittlerweile gekauft…"
"Und davor?" fragte sie unvermittelt.
"Wie, davor?" Für einen Moment hatte sie den Alten aus dem Konzept gebracht.
"Na, vor 1945. - Da gab es dieses Kaff -sorry- diesen Ort doch auch schon, oder?"
"Türlich. - Gegründet um 1640." Er überlegte und maß sie dabei mit Blicken. "Die junge Dame interessiert sich für ältere Geschichte?"
Diese Frage hätte Tara auf keinen Fall glaubhaft bejahen können. Also zuckte sie nur unbestimmt mit den Schultern. Seinen Eifer wollte sie eigentlich nicht befeuern, doch die Alternative zum Museum war nass und kalt.
"Dann übergehen wir den Raum mit den einheimischen Pflanzen und Tieren wohl am besten und widmen uns sofort der "dunklen" Geschichte Ostenhagens?!"
Tara nickte ergeben. Wenn sie um ausgestopfte Reiher und mutmaßlich tausend Blütenfotos herum kam, (wie sie sie aus dem Heimatmuseum ihres Geburtsortes her kannte) sollte es ihr recht sein.
Und wie dunkel konnte diese Geschichte schon sein?
Ihr Führer verließ den Raum und sie standen wieder im Flur, an dessen Wänden die Portraits der verflossenen Bürgermeister hingen.
Die zweite Tür ignorierend, zog Klaas einen alten Bartschlüssel aus der Westentasche und schloss die dritte Tür in der Reihe auf. Sie war kleiner, als die beiden vorhergehenden und quietschte geräuschvoll beim Aufschwingen.
"Kommen nicht oft Leute hierher…" Tara war der staubige Lufthauch nicht entgangen, der ihr aus dem Halbdunkel des Raumes entgegen schlug.
Klaas lächelte sein typisches Lächeln. Er wusste bestimmt, dass "sein" Museum eher Liebhaberei, als von echter historischer Bedeutung war.
"Ne. - Die meisten sind nach den Sensationen vorne schon ausreichend überwältigt."
"Oder eingeschlafen," dachte Tara. "Habe ich den Vortritt?" wollte sie wissen.
Der alte Mann an ihrer Seite nickte und betätigte den Lichtschalter, der dieses Mal im Flur angebracht war.
"Türlich, Mädchen, ich weiß ja, was da drin ist. - Außerdem möcht' ich nicht der Erste sein, den er sieht."
"Wer er?" fragte Tara zögernd. Ihr war Klaas' seltsamer Satzbau nicht entgangen, doch dieser schob sie einfach in den Raum hinein.
Dort wurde Taras Frage beantwortet.
Neben ein paar wirklich alten Ausstellungsstücken, Waffen, Eisengerätschaften und Holzgegenständen, die den wesentlich kleineren Raum füllten, prangte an der Säule zwischen den beiden mannshohen Fenstern ein ebenso großes Ölgemälde.
Der Mann, den man darauf verewigt hatte, kam Tara bekannt vor: "Das ist…"
"Hieronymus Glaser."
Klaas war hinter ihr herein getreten und kicherte. "Hätte ihn ja gerne woanders hin gehängt, Mädchen. Aber hier ist das einzige Plätzchen, wo er hinpasst."
Das Gemälde war, laut maschinen-geschriebenen Schildchen, aus dem 18. Jahrhundert. Es zeigte einen blonden, groß gewachsenen Mann von etwa 30 Jahren. Er hatte einen gepflegten Vollbart und trug, um diese Zeit modische, schwarze Kleidung. Dazu gehörte auch ein Dreispitz und ein Säbel am Geschirr.
Als Tara ihm in die Augen schaute, schlug ihre Erinnerung zu. Dieses stählerne Blau hatte sie schon einmal gesehen!
"Ist er ...?"
"Ja," bestätigte Klaas, obwohl noch nicht einmal Tara sicher war, was sie hatte fragen wollen. "Er ist der berühmteste und berüchtigste Sohn der Stadt!" (Stadt... was für eine Übertreibung!)
"Ende des 17. Jahrhunderts in ärmlichen Verhältnissen geboren, ging er mit 12 Jahren zur See und hat es dabei bis zum Kapitän gebracht."
"Aha." Taras Interesse galt immer noch dem Blick des Mannes auf dem Bild. Der Künstler hatte die Augen so gemalt, dass sie den Betrachter immerfort anblickten, egal, wo man stand. Fast hatte man das Gefühl, Hieronymus Glaser würde einen mit den Augen verfolgen.
Irritiert wandte sich Tara ab. "Herr Glaser war Kapitän auf See?"
"Kapitän zur See. Ja," bestätigte der Alte, zufrieden und aufgeregt, seine Geschichten endlich erzählen zu
dürfen. "Er hat es zuerst ins Mittelmeer und dann sogar bis in die Karibik geschafft."
Mit einer Geste wies Klaas auf eine altertümliche (vor 1960 gedruckte) Weltkarte. Darauf waren mit goldenen Heftzwecken mindestens fünfzehn verschiedene Orte markiert.
Eine Zwecke war mit schwarzem Lack übermalt worden.
"Was war dort?" Eine kleine Inselgruppe ohne Namen irgendwo bei den Bermudas.
"Da hat man ihm aufgeknöpft, den Strolch."
"Strolch?" Noch einmal blickte Tara zu dem Gemälde, dessen raffiniert gemalten Augen sie auch jetzt ins Visier nahmen.
Glaser wirkte entschlossen und stolz. Aber nicht wie ein Verbrecher…
"Natürlich, Mädchen." Der alte Klaas lachte wieder. "Er war doch ein Pirat."
"Bitte?!" Fassungslos erkannte sie jetzt den Mann auf dem Bild. Es war der Verurteilte aus ihrem Traum!
"Seeräuber oder Filibuster, Kaperfahrer oder meinetwegen Bukanier." Klaas lächelte. "Nenn es, wie du magst.
An all den markierten Stellen hat er zugeschlagen und dabei mal die Einen, und dann wieder die Anderen beraubt. Holländer, Briten, Spanier, Franzosen - Hafenstädte oder Schiffe, das war ihm gerade wurscht.
Nachdem Hieronymus Glaser das Kommando über ein halbes Dutzend Schiffe erlangt hatte, haben er und seine Mannschaft alles ausgeraubt, was ging."
Inzwischen hatte sie der alte Mann zu einem Schiffsmodell gezogen. Ein hölzerner, etwa 30 cm großer 3-Master, der unter einer Art Käseglocke mit ausgeblichenen, grauen Segeln das Flaggschiff der Flotte nachbilden sollte.
"Ich habe noch nie etwas von einem Piraten namens Hieronymus Glaser gehört," gab Tara zu. Hierbei verschwieg sie, dass sich ihr Wissen über diese Art von Gesetzesbrechern allein aus Kinderbüchern und diversen Hollywood-Streifen speiste.
"Ach klar." Galant wurde sie zum nächsten Ausstellungsstück geleitet:
Ein Glaskasten, der ein hand-gebasteltes Diorama enthielt. Es war ein Platz, umgeben von einem papier-weißen Prospekt, der versuchte, Gebäude im Kolonialstil zu imitieren. In der Mitte stand ein Podest mit Galgen. Bevölkert wurde die Kulisse von ein paar wenigen Püppchen, von denen keiner eine Wache oder gar einen Piraten/ Gefangenen darstellte. Anscheinend hatte der Fleiß des Bastlers nicht so weit gereicht. Taras Erinnerungen an letzte Nach kehrten dennoch zurück.
Die Menschenmenge, tausend wütende Stimmen, Trommeln…
"Mit seinem bürgerlichen Namen konnte er natürlich keinen Blumentopf gewinnen." Klaas genoss es, dass seine Zuhörerin immer gespannter wurde. "Deshalb nannte er sich, sobald er Pirat wurde BLAKE."
Der Name krachte wie Donnerhall in Taras Ohren.
Erschrocken sah sie zu Klaas, doch der alte Mann musterte sie nur unschlüssig. Er hatte nichts als seine eigene knattrige Stimme gehört.
Sie nahm sich zusammen. Wahrscheinlich hatte ihr Gehirn ihr nur einen Streich gespielt.
"Was ist dann passiert?" fragte Tara.
Klaas holte tief Luft und setzte offensichtlich zum großen Finale an:
"Etwa 20 Jahre, nachdem er hier im Ostenhagen an Bord gegangen war, ging er den Briten ins Netz.
Er hatte sich unvorsichtigerweise in einer Hafenkneipe total besoffen und wurde verhaftet, als er in eine Schlägerei geriet,"
"Die hätten mich nie gekriegt, wenn ich nüchtern gewesen wäre!" polterte da plötzlich eine Stimme.
Tara schreckte wieder hoch, aber außer Klaas war niemand zu sehen.
Der Alte hatte auch dieses Mal nichts bemerkt und fuhr ungerührt fort:
"Und dann haben sie ihn eingekerkert und gefoltert." Er machte eine dramatische Pause, die ihre Wirkung jedoch verfehlte. "Der Gouverneur wollte, dass Glaser seine Mannschaft verriet, den Aufenthaltsort seiner Schiffe preisgab und alles Gold herausrückte, das er erbeutet hatte.
Aber nichts war."
"Wie?"
"Na, er hat nichts gesagt. Weder wo die angeblichen Schätze, noch seine Kumpanen waren. - Hat wohl gehofft, die würden ihn befreien."
"Und, haben sie?" fragte Tara, obwohl sie die Antwort kannte.
"Ne," Klaas winkte ab. "Die haben den Teufel getan."
"Und deshalb hat er sie verflucht." Es war ihr einfach rausgerutscht. Forschend sah sie Klaas an.
Dann nickte der Alte. "Seine berühmten letzte Worte:
- Ich verfluche euch, denn ihr habt mich verraten, das sollt ihr mir büßen! - "
Wieder klang es in Taras Ohren, als würde nicht Klaas die Worte sprechen. - Es klang vielmehr, als wären es zwei Stimmen.
"Lauft, lauft soweit ihr könnt, doch ich finde euch und euer Schicksal wird schrecklich sein."
Ein schauerliches Lachen hallte durch Taras Kopf und ließ sie ein drittes Mal zusammenzucken.
Als sie wieder vom Diorama hochsah, verschlug es ihr den Atem.
"Mädchen, was ist denn?" fragte Klaas besorgt. "Du siehst ja aus, als hättest du einen Geist gesehen,"
Und genau das hatte Tara auch.
Hinter dem alten Mann stand plötzlich ein Zweiter. - Groß, blond und mit einem durchdringenden Blick. Genauso, wie auf dem Gemälde.
Beißender Gestank stach ihr in die Nase.
"Igitt!" Tara riss die Augen auf und sah Gerti, die sich über sie gebeugt hatte. Die Wirtsfrau hielt ihr irgendetwas unter die Nase. Das hatte so schrecklich gerochen. Tara verzog angewidert das Gesicht.
War sie ohnmächtig gewesen?
"Bin da!" erklärte sie und schob Gertis Arm weg.
"Was ist passiert?" Die Zimmerdecke in der kleinen Pension erkannte Tara auf jeden Fall wieder. Auch im jetzigen Halbdunkel. Jemand hatte wohl die Vorhänge zugezogen.
Der Kopf von Klaas, mitsamt zahnreduziertem Lächeln schob sich in ihr Sichtfeld. Er sah erleichtert aus.
"Du bist umgefallen, Mädchen." So, wie er das sagte, klang es irgendwie harmlos.
"Klaas hat dann die freiwillige Feuerwehr verständigt," wusste die Wirtin. "Also Hannes und seine Jungs. Die haben Sie dann hier her gebracht."
"Wie lange war ich weg?"
"Nich' lang." behauptete der Alte. "Vielleicht 'ne viertel Stunde. Was hat dich denn so umgehauen, Mädchen? Bist immer noch kalkweiß."
Was sollte sie darauf antworten?
Tara war sich sicher, dass ihr mehr als nur 15 Minuten in ihrer Erinnerung fehlten. Um Zeit zu schinden setzte sie sich umständlich in ihrem Bett auf.
"Ich," begann sie, als sie eine Gestalt entdeckte, die auf dem Stuhl am Fenster saß. Es war der Pirat!
Als er ihren Blick bemerkte, hob er die Hand zum Gruß an den Hut und ließ ein Nicken erkennen.
Tara entfuhr ein spitzer Schrei.
Klaas und Gerti folgten ihrem Blick und sahen hinüber zum Fenster. Doch sie entdeckten nichts Ungewöhnliches.
Die Erscheinung war verschwunden.
"Komm mit Klaas." Die Wirtin stand auf. "Ich denke, mein Gast braucht noch ein bisschen Ruhe. Zumindest vor uns.
Frau Bäumler," damit wandte sie sich an Tara. "Der Doktor Jansen kommt gleich vorbei und schaut nach Ihnen. - Falls sonst noch etwas ist, können Sie mich gerne rufen."
Fast hätte Tara darauf gewettet, die Wirtin würde ihr eine Glocke ans Bett stellen. Doch diese deute nur auf das Telefon, das auf dem Nachttisch stand.
"Dann mal gute Besserung, Mädchen," wünschte Klaas. Schon hatten sich beide verabschiedet.
Letzten Endes hätte Tara sie gerne zum Bleiben überredet. Es war mit einem Mal unheimlich im sonst gemütlichen Halbdunkel. Ihr Hals war wie zugeschnürt und ihre Gedanken rasten.
Seit wann sah sie Geister?
Seit wann gab es denn, um Himmels Willen Geister?
Nervös griff Tara nach dem Glas Wasser, das auf dem Nachttisch neben dem Telefon stand. So etwas konnte, ja durfte doch einfach nicht wahr sein…
2
Mit dem ersten Schluck fasste die junge Frau einen Entschluss: Sie würde keine Angst haben und sich von einem angeblichen Geist ins Bockshorn jagen lassen!
Ach was Geist… Es gab doch überhaupt keine Geister!
"Komm raus, wo auch immer du steckst!" rief sie halblaut. "Ich habe keine Angst vor dir!"
Einen Herzschlag lang blieb alles still. Gerade, als Tara aufatmete und dachte, sie hätte es besser wissen sollen, fragte eine Stimme:
"Nicht?!"
Sie erschrak bis ins Mark. Dann aber reckte sie kühn den Kopf.
"Bestimmt nicht."
Da tauchte die Gestalt am Fußende ihres Bettes wieder auf. Einfach so. Von einem Augenblick auf den Anderen, ohne Vorwarnung, Geräusch oder sonstigen dramatischen Effekt.
Tara nahm noch einen kräftigen Schluck Wasser, verschluckte sich und begann zu husten. Schnell schossen ihr die Tränen in die Augen.
"Starkes Zeug?" fragte der Mann, halb spöttisch, halb interessiert. Er kam näher, um am Glas zu schnüffeln.
Sie wendete sich hustend ab. "Wasser," korrigierte sie automatisch und sah, wie sein Gesicht einen angewiderten Ausdruck annahm.
"Igitt!"
"Du musst es ja nicht trinken," erklärte sie.
"Will ich auch nicht," schnappte er zurück.
Als sie ihn richtig betrachtete, fiel Tara auf, dass er anders aussah, als auf dem Portrait, älter. Die Haare waren zerzauster und der Bart wilder. Wobei der Maler nicht geschönt hatte, war der Blick. Seine Augen, die stechend blau, frech und klar in die Welt schauten, dass man das Gefühl hatte, er könnte damit überall hindurch sehen.
Ansonsten war er groß gewachsen, hatte eine schlanke Figur, eine geradezu stolze Haltung, wettergegerbte Haut und war komplett schwarz gekleidet. Genau die selbe Mode, wie auf dem Ölbild im Museum.
"Du bist also Hieronymus Glaser." Es war eine Feststellung.
Der Angesprochene verzog das Gesicht. "Kapitän H. Blake," berichtigte er. Dabei sprach er das "H" englisch aus.
"Und du bist Tara Bäumler."
Sie nickte. "Woher weißt du das?"
"Ich gehe in diesem Kaff hier ein und aus. Wo und wann ich will. - Da war ich eben am Bahnhof, als du angekommen bist."
Tara fuhr hoch. "Du stalkst mich! Sag mal, geht's noch?!"
"Bei Geistern heißt das Heimsuchung. Außerdem bist du die Erste, die mich sehen kann. Das weiß ich genau, schließlich spuke ich nicht erst seit gestern hier."
"Ach nicht?" gab sie patzig zurück. Tara war nur wenig an seiner Geschichte interessiert.
In diesem Moment klopfte es.
"Ja, bitte?" rief sie und musste kämpfen, um nicht allzu wütend zu klingen.
Die Tür ging auf und ein älterer, fülliger Herr stand in Rahmen. Er knipste das Zimmerlicht an.
"Guten Tag, Jansen mein Name," stellte er sich in routinierten Tonfall vor. "Doktor Jansen. - Wie geht es Ihnen?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, schloss er die Tür hinter sich und trat an Taras Bett.
"Gut," versicherte diese. Nichtsdestotrotz packte der Doktor seine Arzttasche auf das Bett und holte Fieberthermometer, Stethoskop und eine Taschenlampe heraus. Dazu kam natürlich ein kleiner Block, auf dem er all seine durchgeführten Untersuchungen vermerkte. In seiner geschäftsmäßigen Bedächtigkeit erinnerte er Tara an ein Walross.
Blake indes stand lässig an die Wand gelehnt und lachte sich ins Fäustchen. "Der gute alte Jansen. - Pass auf, Kleine, sonst bescheinigt er dir noch einen Nervenzusammenbruch und schickt dich in die Klapse."
Obwohl er laut gesprochen hatte, fnur der Doktor ohne eine sichtbare Reaktion fort und bewies Tara so, dass nur sie den Piraten-Geist hören konnte.
"Verschwinde!" zischte Tara in Richtung des Geistes.
"Bitte?" fragte Jansen und nahm das Stethoskop aus den Ohren.
"Nichts, Herr Doktor." Tara lächelte. "Aber mir geht es gut, ehrlich.
Wahrscheinlich war die muffige Luft im Museum schuld, dass ich umgekippt bin."
"Ja ja, der alte Klaas sollte wirklich besser lüften. Aber ich untersuche Sie trotzdem gründlich. Aah machen, bitte." Damit steckte er ihr einen Spatel in den Mund. "Nicht, dass wir etwas übersehen."
Mit rollenden Augen ließ Tara die Untersuchung über sich ergehen.
Der Geist war dabei grinsend stehen geblieben und vertrieb sich die Zeit, indem er ungeniert in der Nase bohrte.
"Alles in Ordnung, Frau Bäumler," diagnostizierte Jansen. "Haben Sie ihre Krankenkassenkarte dabei? Falls nicht, schreibe ich Ihnen eine Rechnung und schicke sie per Post."
Resigniert seufzend reichte sie dem Doktor die Karte aus dem Geldbeutel. Dieser kramte ein kleines mobiles Lesegerät aus der Tasche und steckte sie hinein. Binnen Sekunden war das Formelle erledigt.
"So," meinte er abschließend, während er seine Tasche packte. "Sie bleiben für den Rest des Tages bitte im Bett."
Mit einem Gedanken an das graue Regenwetter, das hinter den geschlossenen Vorhängen lauerte, nickte Tara ergeben.
"Später schicke ich Ihnen Gerti mit einem leichten Essen hoch, aber jetzt sollten Sie erst einmal schlafen."
Wieder nickte Tara. Sie wollte tatsächlich ihre Ruhe. Doch die Verabschiedung vom Arzt, der das Licht wieder ausschaltete, als er ging, war nur der erste Schrift dorthin. Kaum war er hinaus, fokussierte Tara den Geist:
"So, und du machst jetzt auch einen Abgang!"
Blake hob erstaunt die Augenbrauen. "Ich?! Nein, auf keinen Fall!
Du bist seit gut 20 Jahren der erste Mensch, der mich sieht. Ich hab' keinen Bock, wieder alleine herumzugeistern."
"Du redest wie ein unverschämter Rotzbengel. Ich werde mich nicht mit dir unterhalten. Es wäre doch anzunehmen, so ein dreihundert Jahre alter Geist hätte ein bisschen mehr Anstand."
"Anstand? - Hallo?! Pirat, schon vergessen? Mit Anstand wär' ich wohl eher Pastor geworden. Lass stecken…
Außerdem spuke ich hier in Ostenhagen schon seit dem 17.9.1999, und habe kein Interesse…"
"Was?" Tara fuhr auf und bemerkte, dass ihr Kreislauf nur schwer hinterher kam. Warum, war er ausgerechnet an ihrem Geburtstag hier aufgetaucht?
"Klar." Blake fläzte sich in den Korbsessel, der am Fenster stand und knallte seine kniehohen Stiefel auf den Couchtisch davor. Anscheinend glaubte er, dass sie interessiert sei. "Nachdem die mich aufgeknüpft hatten, dachte ich ja, ich würd' auf geradem Weg in die Hölle fahren. Aber nichts da.
Mein Fluch hat funktioniert.
Sieben Männer hätten mich retten können. Sie waren die Fähigsten und Mutigsten in der Mannschaft. Die, welche ich als Freunde bezeichnet habe.
Ich hab' gehofft und gewartet. Aber kein Mensch kam, Keiner hat versucht, mich zu befreien. Elende Feiglinge!" Er fluchte saftig.
"Als ich merkte, dass ich als Geist überall hin konnte, habe ich jeden einzelnen von ihnen gejagt." Seine beunruhigenden Augen funkelten bei diesen Worten, und er grinste böse dazu.
Tara jagte er damit einen Schauer über den Rücken. Sie begriff, dass Hieronymus Glaser ein gnadenloser und gefürchteter Mann gewesen sein musste.
"Und weiter?"
"Über die Planke hab' ich sie geschickt. Einen nach dem Anderen.
Bald kannte ich alle Geistertricks: Gruselige Erscheinung, Lichterflackern, Dinge bewegen, eiskalter Lufthauch, Schauergeheul - du verstehst?
Alle hab' ich sie gekriegt. Alle!" Dann lachte er wieder. Doch es klang nicht mehr nur fies, sondern ein wenig wehmütig am Ende.
"Den letzten Mann hab' ich auf dem Scheißhaus erwischt und zack!"
Er klatschte in die Hände, wartete auf Taras erneute Nachfrage. Als sie schwieg, fuhr er dennoch fort:
"Plötzlich war da nichts mehr. - Für mich sekundenlange Schwärze, für den Rest der Welt gute 300 Jahre.
Und dann kamst du," schloss er.
Taras Gehirn arbeitete, unter Protest. "Mich willst du aber nicht ins Jenseits schicken?"
"Vielleicht? - Ne lass mal." Er winkte ab. "Gerächt habe ich mich zu Genüge. Ich kenn' dich ja nicht mal."
Sie atmete auf und ließ sich in die Kissen zurück sinken. Für einen Moment hatte er ihr Angst eingejagt, obwohl er ihr irgendwie sympathisch war.
"Seit 20 Jahren - na, noch ein paar mehr - bin ich jetzt schon hier. Die Zeiten haben sich geändert, daran gewöhnt man sich.
Aber ich bekomm' nichts mehr hin. Also kein Geisterkram mehr. Kein Schwein hat bisher mitgekriegt, dass ich da bin. - Und du auch erst, seit du im Museum warst.
Jetzt frag' ich mich die ganze Zeit, was das soll."
"Ich mich auch," murmelte Tara, aber er hörte es nicht. Mit der Gesamtsituation überfordert, so fühlte sie sich gerade.
Mal davon abgesehen, dass ihr Weltbild vor nicht ganz zehn Minuten den Abflug gemacht hatte… Anscheinend hatte sie jetzt noch noch einen Geist an der Backe, der so gar nicht geisterhaft war. Egoistisch, frech und keine Spur von Reue für die begangenen Taten.
Sie musste ihn wieder los werden, irgendwie. Soviel stand fest. Nur wie?
Ihr Kopf begann immer stärker zu schmerzen, besonders, als sie sich fragte, warum sie. Morgen würde sie sich darum kümmern, aber erst dann.
Tara gähnte. Der Geist des Piraten lag immer noch mehr im Sessel, als dass er saß.
"Verzieh' dich," forderte Tara. Sie schloss die Augen. "Ich will jetzt schlafen, also hau’ ab." Unverschämt konnte sie auch, wenn es sein musste.
"Ja, und was soll ich dann machen?"
"Ist mir egal, ich hab' Kopfschmerzen."
"Aber..." Er sprang auf, bereit zu protestieren. Doch Tara schien schon zu schlafen, und tat es wenig später auch, obwohl es erst früher Nachmittag war.
Beleidigt löste sich Blake in Luft auf.
Dieses Mal träumte Tara nichts, oder sie erinnerte sich nicht daran, als es Stunden später an die Tür klopfte.
"Ja?!" Im Zimmer war es ein gutes Stück dunkler geworden. Das beständig schlechte Wetter sorgte dafür. Es war gerade mal Juli, ihre zwei Wochen Sommerurlaub, Montag Abend… Und sie lag wie eine Schwerkranke im Bett und sollte noch 10 Tage in diesem Kaff bleiben.
Was hatte sich Jonas nur dabei gedacht? Das fragte sich Tara wohl schon zum hundertsten Mal.
Hatte er überhaupt gedacht? Oder sie, als sie die Buchung auf ihren Namen und mit ihrem Geld übernommen hatte?
Gerti, die hereinkam, sah, dass ihr Gast in Gedanken war. Sie stellte das "leichte" Abendessen auf einem Tablett auf den Nachtisch, wo es langsam eng wurde.
Tara schnupperte an Hühnersuppe und dunklem Brot. Dann bemerkte sie den Lärm, der von der Gaststube empordrang.
"Viel los heute?"
"Das Übliche. Das Gasthaus ist sehr beliebt. Außerdem gibt es sonst keine Möglichkeit im Ort, abends auszugehen."
"Da kann ich später auch mal runterkommen."
"Besser nicht, Frau Bäumler. Doktor Jansen sitzt auch da unten. Und er trinkt nicht genug, als dass er seine bettlägerige Patientin übersieht."
"Bettlägerig?!" Tara schnaubte empört. "Also gut. Aber nur für heute."
"Das ist klar." Gerti zwinkerte. "Morgen müssen Sie sich mit einer Flasche Korn bei der ganzen freiwilligen Feuerwehr für ihre Rettung bedanken."
"Mach' ich," versprach Tara.
Nach dem Essen im Bett schlief sie bald wieder ein. "Ihren" Geist sah sie heute nicht mehr.