Über Körper, Schweigen und das späte Brennen der Erkenntnis

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Über Körper, Schweigen und das späte Brennen der Erkenntnis

Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass mein Körper überhaupt etwas mit mir zu tun hat.
Nicht biologisch – gesellschaftlich.

Als Frau habe ich meinen Körper über viele Jahre nicht bewohnt, sondern verwaltet. Er war etwas, das funktionierte, das man ankleidete, versteckte, entschärfte. Weiblichkeit war für mich kein Raum, sondern ein Maßstab, an dem ich nicht teilnahm. Nicht aus Trotz. Aus Anpassung.

Erst sehr spät – erst durch die Liebe zu einer Frau – begann ich zu verstehen, was Bodyshaming eigentlich ist. Nicht als Schlagwort, sondern als Struktur. Meine Partnerin hat mir davon erzählt, hat Worte dafür gehabt, wo ich nur Gewöhnung kannte. Ich hatte nie gelernt, mich als Frau mit Körper zu denken. Ich hatte gelernt, mich als Frau trotz Körper zu bewegen.

Seitdem brennt etwas. Kein Zorn. Eine Erkenntnis.

Ich lese Texte heute anders. Ich höre Beschreibungen anders. Ich merke, wie oft Frauenkörper nur dann vollständig gedacht werden, wenn sie wohlgeformt sind, normnah, lesbar. Wenn ihre Weiblichkeit sich in vertrauten Linien bewegt. Alles andere wird nicht beschimpft – es wird ausgelassen. Und dieses Auslassen ist leise, aber wirksam.

Ich bin korpulent. Ich bin älter. Und ich erlebe bis heute, dass mein Frausein in Frage gestellt wird – nicht offen, nicht aggressiv, sondern beiläufig. In Damentoiletten. In Blicken. In diesem kurzen Zögern, das sagt: Du passt nicht ganz in das Bild, das ich gelernt habe.

Dieser Moment ist kein persönlicher Angriff. Er ist ein Echo.

Ein Echo eines Frauenbildes, das über Jahrhunderte geformt wurde – vor allem von Männern. In Texten, Theorien, Lehrplänen. In Kunst, Medizin, Philosophie. Weiblichkeit wurde beschrieben, definiert, katalogisiert. Und diese Beschreibungen haben sich gesetzt. Sie sind in Köpfen gelandet, in Gewohnheiten, in Erwartungen. Auch in meinen eigenen.

Das Entscheidende ist: Diese Bilder wirken selbst dann, wenn niemand sie aktiv verteidigt. Sie leben weiter in Beispielen, Metaphern, Erzählungen. In scheinbar harmlosen Texten. In gut gemeinten Illustrationen. In der stillen Annahme, dass bestimmte Körper „gemeint“ sind – und andere nicht.

Bodyshaming ist deshalb für mich kein lauter Akt. Es ist ein System leiser Grenzziehungen. Ein permanentes Erinnern daran, dass Weiblichkeit etwas ist, das man erfüllen kann – oder verfehlen.

Was sich für mich verändert hat, ist nicht die Welt. Es ist mein Blick.
Ich kann nicht mehr nicht sehen, wo Normen sprechen.
Ich kann nicht mehr unberührt lesen, wo Körper bewertet werden, ohne benannt zu werden.
Ich kann nicht mehr schweigen, wo mein Frausein nur unter Vorbehalt gilt.

Dieses Feuer ist kein Vorwurf. Es ist Selbstaneignung.
Ich beanspruche meinen Körper als weiblich – nicht trotz seiner Form, sondern mit ihr.
Und ich beanspruche das Recht, Texte, Bilder und Beschreibungen zu hinterfragen, die mir jahrzehntelang gesagt haben, dass ich eine Abweichung bin.

Vielleicht ist das spät.
Aber es ist echt.
Und es brennt.
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Buddy Lee,
schade, dass Du keine Geschichte daraus gemacht hast. So bleibt es ein Statement. Nur so als Gedankensplitter, ohne ausführlich auf das Thema eingehen zu wollen: Annorexen fühlen sich in ihrem Körper nicht wohl, auch wenn sie schon fast bis zum Skelett gehungert sind. Eigen- und Fremdwahrnehmung können einem Streiche spielen.
Mit liebem Gruß
Anders
 

trivial

Mitglied
Liebe Buddy,

ich überlegte, unter einem anderen Beitrag zu antworten, dachte dann aber, das würde das ursprüngliche Thema zu sehr verlassen. Darum poste ich meine Gedanken hier und schließe dann an Deinen Text an.

Ich frage mich, ob folgender Text ähnlich abwertend gelesen würde:

Ein Wesen bei Hamburg im Gras,
aß immerzu, aß ohne Maß,
so wuchs es enorm
in Inhalt und Form,
und hatte ein ganz schönes Maß.

Wenn Kontext und Form gleich bleiben, stellt sich für mich die Frage, ob die Antwort darauf letztlich nur Ja oder Nein sein kann – und welche Konsequenzen jeweils daraus folgen.


Ich lese in Deinen Worten viel Kampf, auch wenn Du mehrfach schreibst, es sei keiner. Mir stellt sich dabei eine Frage:
Wenn subjektive Normen negiert werden, wirken sie dadurch nicht manchmal erst konstituierend?
Oder: Verschwinden Normen, wenn sie ignoriert werden?

Du beschreibst die objektifizierung der Frau setzt ihr aber keine wirkliche Subjektivität entgegen, eher eine Subjektivität, die noch stark von internalisierten Normen geprägt ist, fast eine okkupierte Objektivität.

Ich möchte in keiner Weise Deine Erfahrung abstreiten, sondern kritisch die Konsequenzen daraus verstehen:
Wenn der Kampf gegen internalisierte Normen nicht gleichzeitig die strukturelle Grundlage transformiert, verstärkt er dann deren Präsenz – anstatt sie zu überwinden?

Historisch wurde die Frau als „das andere Geschlecht“ über den Mann definiert, während er seine Rolle ausfüllte, sie aber nur als Rolle existierte.

Für mich liegt die emanzipatorische Konsequenz nicht darin, die Rolle der Frau zu negieren, sondern sie selbstermächtigend zu definieren.
Das ist wahrlich eine große und fast unzumutbare Forderung, aber leider eine notwendige, da subjektive Identität und gesellschaftliche Rollen untrennbar verbunden sind.

Ich hoffe, es klingt nicht verblendet oder reaktionär – so ist es wirklich nicht gemeint. Ich wollte nur offen ansprechen, was ich nicht verstehe oder kritisch sehe.

(Was ich meinerseits als Kompliment an Dich verstehe, Dinge die ich blöd oder unsinnig finde, da denke ich nicht so intensiv drüber nach :))

Im großen und ganzen möchte ich Dir Danke – für diesen Einblick und den Mut, dass Du ihn hier mit uns geteilt hast.

Liebe Grüße
Rufus
 
Liebe Buddy,

ich überlegte, unter einem anderen Beitrag zu antworten, dachte dann aber, das würde das ursprüngliche Thema zu sehr verlassen. Darum poste ich meine Gedanken hier und schließe dann an Deinen Text an.

Ich frage mich, ob folgender Text ähnlich abwertend gelesen würde:

Ein Wesen bei Hamburg im Gras,
aß immerzu, aß ohne Maß,
so wuchs es enorm
in Inhalt und Form,
und hatte ein ganz schönes Maß.

Wenn Kontext und Form gleich bleiben, stellt sich für mich die Frage, ob die Antwort darauf letztlich nur Ja oder Nein sein kann – und welche Konsequenzen jeweils daraus folgen.


Ich lese in Deinen Worten viel Kampf, auch wenn Du mehrfach schreibst, es sei keiner. Mir stellt sich dabei eine Frage:
Wenn subjektive Normen negiert werden, wirken sie dadurch nicht manchmal erst konstituierend?
Oder: Verschwinden Normen, wenn sie ignoriert werden?

Du beschreibst die objektifizierung der Frau setzt ihr aber keine wirkliche Subjektivität entgegen, eher eine Subjektivität, die noch stark von internalisierten Normen geprägt ist, fast eine okkupierte Objektivität.

Ich möchte in keiner Weise Deine Erfahrung abstreiten, sondern kritisch die Konsequenzen daraus verstehen:
Wenn der Kampf gegen internalisierte Normen nicht gleichzeitig die strukturelle Grundlage transformiert, verstärkt er dann deren Präsenz – anstatt sie zu überwinden?

Historisch wurde die Frau als „das andere Geschlecht“ über den Mann definiert, während er seine Rolle ausfüllte, sie aber nur als Rolle existierte.

Für mich liegt die emanzipatorische Konsequenz nicht darin, die Rolle der Frau zu negieren, sondern sie selbstermächtigend zu definieren.
Das ist wahrlich eine große und fast unzumutbare Forderung, aber leider eine notwendige, da subjektive Identität und gesellschaftliche Rollen untrennbar verbunden sind.

Ich hoffe, es klingt nicht verblendet oder reaktionär – so ist es wirklich nicht gemeint. Ich wollte nur offen ansprechen, was ich nicht verstehe oder kritisch sehe.

(Was ich meinerseits als Kompliment an Dich verstehe, Dinge die ich blöd oder unsinnig finde, da denke ich nicht so intensiv drüber nach :))

Im großen und ganzen möchte ich Dir Danke – für diesen Einblick und den Mut, dass Du ihn hier mit uns geteilt hast.

Liebe Grüße
Rufus
Lieber Rufus,

zunächst einmal wünsche ich Dir ein gutes Neues Jahr
und ich danke dir für deine ausführlichen Gedanken und die Ernsthaftigkeit, mit der du meinen Text gelesen hast – das weiß ich tatsächlich sehr zu schätzen.


Ich glaube, ein Teil unserer Irritation liegt darin, dass wir auf unterschiedlichen Ebenen sprechen. Du fragst nach strukturellen Konsequenzen, nach Normen, nach Emanzipation im großen historischen und theoretischen Rahmen.


Ich hingegen habe bewusst aus der Perspektive der Erfahrung geschrieben – aus dem Moment des Lesens heraus, aus der Wirkung von Sprache auf einen Körper, der gesellschaftlich markiert ist. Nicht als Theorie, sondern als Wahrnehmung.


Mein Text will keine Normen ignorieren oder wegdenken. Er beschreibt, wie präsent sie sind – gerade dann, wenn man ihnen in scheinbar spielerischer Form begegnet. Und dass es einen Unterschied macht, wer liest und wie gelesen wird.


Du hast recht: Die Selbstermächtigung, sich selbst zu definieren, ist ein notwendiger und zugleich enorm fordernder Schritt. Mein Text ist kein Gegenentwurf dazu, sondern eher ein Zwischenschritt: das Benennen dessen, was wirkt, bevor man es transformieren kann.


Insofern sehe ich darin keinen Kampf, sondern ein Sichtbarmachen. Vielleicht ist das weniger systemisch, als du es dir wünschst – aber es ist ehrlich.


Danke dir für den respektvollen Austausch und deine Offenheit.


Liebe Grüße
Buddy
 

jon

Mitglied
Im Großen und Ganzen mag ich den Text: Der Sound ist meine Kragenweite, die Sprache ist eigen. Aber gerade weil sie das ist, solltest du sie präziser einsetzen. Anders als bei „Mainstream-Sprache" kannst du dich ja nicht auf „das sagt man halt so“ berufen.


Weiblichkeit war für mich kein Raum,
Für mich ist Weiblichkeit auch kein Raum. In einem Raum kann man sich z. B. bewegen – Weiblichkeit kann sich zwar bewegen (also verschieden sein und sich sogar im Lauf der Zeit ändern), aber ich wüsste nicht, was sich in ihr bewegt.

sondern ein Maßstab, an dem ich nicht teilnahm.
An Maßstäben nimmt niemand teil. Man kann sie nur setzen oder sich nach (nicht) ihnen ausreichten.

Erst sehr spät – erst durch die Liebe zu einer Frau – begann ich zu verstehen, was Bodyshaming eigentlich ist.
Was dann kommt, heißt eher, dass das Verstehen durch die geliebte Frau kommt. Das ist was anderes.

Wenn ihre Weiblichkeit sich in vertrauten Linien bewegt.
In Bahnen bewegen, auf Linien bewegen. Aber: Meinst du das wirklich? Oder meinst der hier eher „im Rahmen“, „in Mustern“?

Ich bin korpulent. Ich bin älter. Und ich erlebe bis heute, dass mein Frausein in Frage gestellt wird – nicht offen, nicht aggressiv, sondern beiläufig. In Damentoiletten. In Blicken. In diesem kurzen Zögern, das sagt: Du passt nicht ganz in das Bild, das ich gelernt habe.
„Korpulent“ und „älter“ sind nicht das, warum in der Damentoilette jemandens Frausein in Frage gestellt wird. Das sind eher Elemente, wegen denen man in einer Bar als Nicht-Frau beargwöhnt wird. Oder auf einer Datingplattform. Oder im Dessousladen. Oder …
 
Zuletzt bearbeitet:

trivial

Mitglied
Liebe Jon,

eine Rolle ist immer größer als der sichtbare Teil einer Identität, die sie ausfüllt – ein Bewegungsraum.
Wird eine Rolle jedoch als vollständig und von außen festgelegt entworfen, kann daraus das beklemmende Gefühl entstehen, sich innerhalb dieser Grenzen nicht bewegen zu können.

Ein solches Rollenbild, das außerhalb der Person definiert wird, ist zugleich relativ und absolut;
relativ, weil es sich nur im Verhältnis zu einem Anderen bestimmt,
absolut, weil es als geschlossenes Maß gesetzt wird.

Maßstab und Raum ;)

Ein relatives Konzept einer absoluten Rolle – ein streng umgrenzter Raum, von außen vermessen.

Ich nehme an, dass die geliebte Frau keine Pädagogin war, die ihr die Welt erklärte, sondern dass die intime Beziehung selbst zum Resonanzraum wurde, in dem diese Erkenntnis möglich war.

In diesem Kontext verstehe ich Buddys Werden und ihre Kritik an „Weiblichkeit“ als Verlauf – als Bewegung auf einem normierten Pfad und als gelebte Erfahrung, nicht als Normfläche, die statisch von außen beschrieben wird.

Als Linien, als Silhouette – nicht als starrer Rahmen.

Wenn sie beschreibt, an bestimmten Orten Verletzung zu erleben, dann ist das ihre Wahrnehmung, ihr Erleben durch die Augen anderer. Diese Erfahrung nachträglich an andere Orte zu verlegen, würde implizit bedeuten, sie zu korrigieren.

Auch wenn ich manches an ihrem Text kritisch sehe, halte ich es für problematisch, einen Erfahrungsbericht wie eine Tatsachenanalyse zu lesen. Das legt einen Maßstab an, der dem Gesagten nicht entspricht – andererseits ist es wohl nur mein persönlicher Maßstab.

Liebe Grüße
Rufus

P.S.: Allen miteinander noch ein verspätetes frohes neues Jahr.
 

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Mitglied
Als Frau habe ich meinen Körper über viele Jahre nicht bewohnt, sondern verwaltet. Er war etwas, das funktionierte, das man ankleidete, versteckte, entschärfte. Weiblichkeit war für mich kein Raum, sondern ein Maßstab, an dem ich nicht teilnahm.
Servus, Buddy Lee!

Du meinst "Weiblichkeit" hier, wie sie von der breiten Gesellschaft in unserer Kultur definiert wird und geprägt wurde, oder?
Ich finde es spannend, dass du es aktiv formulierst: du hast nicht teilgenommen an diesem Maßstab. So kann man das ja eigentlich - möchte man sprachlich korrekt sein - nicht sagen; ein Maßstab wird an einen angelegt - man ist daher automatisch in der passiven Rolle. Und das kommt dem, wie ich es wahrnehme und wie "es" funktioniert, doch näher. Dieser Maßstab, der einfach "da" ist. Unreflektiert und allgegenwärtig in all seiner Begrenzung und Begrenztheit.

So gegenwärtig und unreflektiert, dass meine eigene Mutter mir bei jeder Gelegenheit zu vermitteln versucht hat, wo ich in meiner "Weiblichkeit" versagt habe bzw. eine Enttäuschung war. Meinen Körper anzukleiden, habe ich daher bis vor wenigen Jahren noch als einen Akt der "Schadensminimierung" empfunden. Während meine jüngere Schwester, hübsch und feminin, ihre Freude am Sich-Stylen oder Hübsch-Machen von Anfang an zelebrierte, passte ich nicht ins gängige Bild: zu burschikos (und das mit sehr fraulicher Figur), erst zu mollig, später zu muskulös, dann - krankheitsbedingt - zu rundlich...egal wie - ich sah nie aus, wie "frau" auszusehen hatte. Und ich wusste auch nie, wie sich das Frau-Sein für mich anfühlen könnte oder sollte, ohne mich dabei "verkleidet" fühlen zu müssen.

Im heutigen Geschlechterverständnis würde ich mich wohl als gender-nonkonform einordnen, aber das war eigentlich kein Problem-Thema für mich. Ich war - und bin - schon Frau. Wenn auch auf andere Art. Aber ich hatte schon in Teenagerjahren öfters den Gedanken: ach, wär ich doch ein Junge, dann hätte ich es viel leichter.
Was wohl bei Doktrinen wie "Als Frau darfst du nicht so große Schritte beim Gehen machen. Das ist unfein!", oder "Mädchen stecken keine Hände in die Hosentaschen!", "Mädchen pfeifen nicht!" (kein Witz!), "Mädchen werden nicht laut! Sonst fürchtet man sich vor ihnen.", ....nicht verwunderlich war. Ich habe das vorgebetet bekommen, nie verstanden und - aus wohl unbewusstem Trotz - dann erst recht gemacht. Und mache es heute noch. Stimmt nicht - ich bin leiser geworden. Ein Vorteil des Älter-Werdens: man erkennt, dass man nur noch dort kämpfen muss, wo man es für sich wirklich will. ;)

Erst rückblickend erkenne ich, dass es als Mädchen dieses andauernde unbeabsichtigte "Aus-der-Rolle-Fallen" war, das mich sehr belastet hat. Ich entsprach nicht den Erwartungen und eckte an. Das bedeutete auf gewisse Weise Dauerstress. Und hat verunsichert.
Irgendwann habe ich das Anecken aber bewusst zu kultivieren begonnen und absichtlich provoziert. Nicht laut oder aggressiv. Durch bewusst auffallende Kleidung, Schlagfertigkeit und raspelkurze Haarschnitte vor allem. So nach dem Motto "Seht ruhig alle her: hier bin ich und ich bin so, wie ich es sein möchte anstatt gefällig. Wer mich nicht so mag, wie ich bin, braucht mir gleich gar nicht zu nahe kommen!".

Und damit bin ich bis heute recht gut gefahren. Oberflächliche Typen haben einen großen Bogen um mich gemacht. Das hat mir - wie ich bei Freundinnen beobachten durfte - viel Ärger erspart.

Aber ich schweife ab.
Die Weiblichkeit als einen Raum zu sehen, in dem ich mich/frau sich bewegen könnte...das ist eine Art es auszudrücken, die für mich schon wieder eine Einschränkung bedeutet und daher fremdle ich damit ein wenig. Aber ich gehe davon aus, du meinst das hier ja auch genau so. Dann ist es für mein Empfinden allerdings zu wenig deutlich gemacht.

Was sich für mich verändert hat, ist nicht die Welt. Es ist mein Blick.
Ich kann nicht mehr nicht sehen, wo Normen sprechen.
Ich kann nicht mehr unberührt lesen, wo Körper bewertet werden, ohne benannt zu werden.
Da geht es mir ähnlich. Ich kann allerdings nicht sagen, wodurch und wann genau sich mein Blick diesbezüglich sensibilisiert hat.
Ev. ist es ja das Durchschreiten der Menopause gewesen (da ging es mir wirklich dreckig für einige Jahre). Da habe ich deutlicher zu hinterfragen begonnen, was es eigentlich bedeutet, in unserer Gesellschaft Frau zu sein...

Vielleicht ist das spät.
Aber es ist echt.
Und es brennt.
Tut es.

Liebe Grüße,
fee
 

jon

Mitglied
Hallo Rufus,
ich bezweifle ja nicht, dass die Verletzung in der Damentoilette empfunden wurde, nur die Ursachenzuschreibung ist falsch. Korpulenz und erloschene Jugend sind dort nun mal nicht Thema, das heißt, es muss noch andere optische "Nicht-Fraulichkeiten" geben.
 

trivial

Mitglied
Jetzt bin ich höchst selten im sozialen Gefüge "Damentoilette" unterwegs, aber ist die Ursache nicht gerade die internalisierte Norm, die subjektiv verletzt – etwa durch Blicke oder latente Wahrnehmung – und nicht durch offensichtliche, äußerliche Merkmalen?

Nun wäre meine anmaßende emanzipatorische Konsequenz, diese Norm bewusst zu erkennen und selbstermächtigend zu überschreiten, statt sich weiterhin an normativen Markern messen und verwunden zu lassen.

Jede erneute Externalisierung der Ursache verortet die Verletzung als Scham im Blick der anderen und macht subjektive Emanzipation unmöglich – es wäre keine Loslösung, sondern lediglich der Übergang von einer Bindungsform in eine andere.
 

jon

Mitglied
Du willst es nicht verstehen, oder? "Äußeres" ist mehr als die im Text erwähnten Dinge "Alter" und "Figur".
Also nochmal: Auf Damentoilette trifft man - außer vielleicht in Clubs & Co. - in erster Linie ältere Damen, die den Model-Maßen vor mehr oder weniger langer Zeit entwachsen sind. Diese reagieren also mitnichten - wie im Text suggeriert - auf höheres Alter und Korpulenz "mit Blicken". Sie reagieren eher auf schrilles Outfit oder auf als deutlich maskulin wahrgenommene Kleidung und Frisur.

Diskussionsversuche mit mir über Konsequenzen etc. kannst du dir sparen. Darum geht es bei meinen Hinweisen überhaupt nicht.
 
„Korpulent“ und „älter“ sind nicht das, warum in der Damentoilette jemandens Frausein in Frage gestellt wird. Das sind eher Elemente, wegen denen man in einer Bar als Nicht-Frau beargwöhnt wird. Oder auf einer Datingplattform. Oder im Dessousladen. Oder …

Was mich an deiner Argumentation befremdet, ist weniger deine Lesart als der Anspruch, sie zur gültigen Erklärung zu erheben – auch für andere.

Dein Kommentar folgt einer sehr engen Norm von Weiblichkeit: Wer diesem Raster nicht entspricht, wird implizit als männlich gelesen. Genau diese Denkfigur stellt der Text infrage.
 

jon

Mitglied
Was mich an deiner Argumentation befremdet, ist weniger deine Lesart als der Anspruch, sie zur gültigen Erklärung zu erheben – auch für andere.

Dein Kommentar folgt einer sehr engen Norm von Weiblichkeit: Wer diesem Raster nicht entspricht, wird implizit als männlich gelesen. Genau diese Denkfigur stellt der Text infrage.
Herrjeh! Es geht nicht – ich wiederhole: NICHT – um mein Bild von Weiblichkeit, sondern um einen Strukturfehler im Text. So schwer ist das doch nun wirklich nicht zu verstehen, nicht für Leute jedenfalls, die – wie du anderer Stelle – auf den Unterschied zwischen Textanalyse und "Wertung" pochen. Es sei denn, sie kennen diesen Unterschied in Wirklichkeit gar nicht.

Ich verabschiede mich an dieser Stelle von deinen Texten und Kommentaren. Dir fehlen offenbar grundlegende Fähigkeiten für sinnvolle Textarbeit.
 

jon

Mitglied
Hallo Rufus,

nochmal zurück zu dem Raum:

Die Interpretation, dass Weiblichkeit ein Von-Bis ist, kann ich nachvollziehen.

Dann heißt der Satz "Für mich war Weiblichkeit kein Raum", dass es für das erzählende Ich kein Von-Bis gab, dass Weiblichkeit de facto mit festen Punkten definiert wurde (also z. B. 90-60-90, lange Haare, BMI = 23 …).
Das wiederum würde bedeuten, dass dieses Ich sich von lauter Nicht-Weiblichen umgeben gefühlt haben musste, weil es alle Frauen/Menschen, die diese Punkte nicht erfüllen, als nicht-weiblich wahrgenommen hätte.
Das wiederum würde eher von einer massiv gestörten Wahrnehmung zeugen, weniger von einem gefühlten Ausschluss aus der Gruppe der Weiblichen.

Nun ging ich davon aus, dass das nicht die gewünschte Aussage war und "Für mich war Weiblichkeit kein Raum" so nicht gemeint ist.

Man könnte auch argumentieren, es sei "Weiblichkeit war kein Raum für mich, sondern für andere" gemeint sein könnte. Nur steht da eben "Weiblichkeit war für mich kein Raum, sondern ein Maßstab …", was auch diese Deutung aushebelt.

Das führt zurück zu meiner Interpretation.


Warum ich das nochmal aufgreife? Um zu zeigen, dass es mir um die konkrete Formulierung geht, um das, was da steht. Sprache ist ohnehin nicht algebraisch eindeutig, um so wichtiger ist es, im Rahmen des Möglichen präzise zu sein. Vor allem, wenn man so eigenwillig schreibt wie Buddy Lee Doerfer.
 



 
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