Über unruhiges Wasser

rubber sole

Mitglied
Zum ersten Mal seit vielen Jahren verbrachte ich meinen Geburtstag alleine. Ich war seit einem Jahr Frühpensionär, hatte das Leben seit meiner Scheidung umgestellt. Die früher rauschenden Geburtstagsfeiern waren Vergangenheit; so hatte ich an den heutigen Tag keine besonderen Erwartungen. Ich plante lediglich, den Abend in einer Musikkneipe zu verbringen, die für ihre gut sortierte Oldie-Playlist bekannt war. Die wenigen Geburtstagswünsche war ich zügig durchgegangen, hatte das E-Mailfach durchgesehen und tippte, einfach so, mein Geburtsdatum in eine Suchmaschine. Da erschien nichts Spektakuläres, kein bedeutsames politisches Ereignis, nicht einmal der Geburtstag eines Prominenten. Der einzige halbwegs interessante Eintrag für den 26. Januar 1970 war die Veröffentlichung des Songs 'Bridge over Troubled Water' von Simon & Garfunkel – immerhin, dieses Lied mag ich sehr.

Ich lehnte mich entspannt zurück und musste bei diesem Titel an eine frühere Zeit in Boston, USA denken, an die Brücke über den Charles River, neben der ich als Austauschschüler, schwer verliebt, mit meiner Freundin Linda oft gesessen hatte. Wir hatten dabei über Themen unseres jungen Lebens, über Hoffnungen, Wünsche und Deutungen gesprochen, die uns gerade so in den Sinn kamen – 'Bridge over Troubled Water', einer unserer Lieblingssongs, war irgendwie immer dabei.

Was meinst du, welche Brücke ist gemeint?“, hatte Linda mich mal gefragt. „Oder ist es eine Metapher, in der jemand Trost in schwierigen Zeiten anbietet, eine Brücke zur Unterstützung?“ Sie hatte eine Vorliebe für bildhafte Sprache.

Weiß nicht. Vielleicht ist es wirklich eine Metapher. Oder war er genau hier, und meinte tatsächlich unsere Brücke?“, hatte ich lachend geantwortet.

Dann wären wir ja mitten drin“, sagte sie und legte ihren Arm zärtlich auf meine Schulter. An welche Brücke Paul Simon bei Entstehung des Lieds wirklich gedacht hatte, oder wodurch er sich sonst inspirieren ließ, war für uns nebensächlich.

Am heutigen Abend ging ich dann wie geplant in die besagte Musikkneipe. Mich sprach die Atmosphäre dieses Lokals im Stil der Siebziger Jahre sofort an. Ich war angenehm überrascht, als mich ein bekanntes Gesicht hinter der Theke begrüßte, Lena, die Tochter meines Nachbarn.

Alles Gute zum Geburtstag“, wünschte sie mir.

Herzlichen Dank. Dass du daran denkst? Darf ich mir einen Titel wünschen?

Klar, schieß los.“

Bridge over Troubled Water, von Simon & Garfunkel.“

Lena nickte zustimmend: „Einer der Klassiker bei uns.“

Diesen Song hörte ich an diesem Abend noch mehrere Male, sehr zu meiner Freude; getragen von dieser Musik verbrachte ich einen gelungenen Abend. Als ich die Kneipe später mit meinem Lied im Ohr verließ, wurde ich die Melodie nicht los, ich trug sie noch am nächsten Tag als Ohrwurm in mir. Einige Tage danach, ich traf meine Adoptiveltern zum nachträglichen Geburtstagsessen, kam wieder diese Melodie in mir hoch, die sich offensichtlich fest mit meinem Geburtsdatum verlinkt hatte. Ich sagte den beiden alten Leuten an diesem Abend, dass ich Fragen über früher, aus der Zeit vor meiner Adoption hätte:

Macht es euch was aus, jetzt über sowas zu reden?“

Überhaupt nicht. Um was geht's?“

Sie hatten mir anlässlich meiner Volljährigkeit damals erklärt, dass meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen wären. Die Tatsache, dass ich andere leibliche Eltern gehabt hatte, genügte mir seinerzeit, Näheres wollte ich nicht wissen. Ich konnte mit dieser denkwürdigen Aufklärung letztlich gut umgehen, denn ich hatte ja Eltern - diese beiden eben. Am Tag nach dem Essen saßen wir noch einmal in ihrer Wohnung zusammen, wir blätterten in einem Ordner mit alten Zeitungsausschnitten. Diese klangen sehr sachlich, für uns drei jedoch außerordentlich emotional.

Tragischer Unfall. Auto stürzt von Brücke. Junges Paar konnte nur tot geborgen werden“.

So lautete die Schlagzeile damals. Meine Eltern waren auf einer Brücke zu Tode gekommen, auf dem Heimweg von einem Bridge-Turnier - ausgerechnet. Brücke als Symbol hatte mich von nun an fest im Griff. Ich fuhr an den Unfallort, wollte auf dem Fahrrad über besagte Brücke fahren, schaffte es aber nicht, ich musste absteigen. Mein Herz fing an zu rasen, ich atmete hektisch, bekam Schweißausbrüche, Schwindel ließ mich schwanken - ich konnte mich in dieser Panikattacke noch geradeso am Fahrrad festhalten.

Nur ein leichter Schwindelanfall.... Geht gleich wieder“, log ich einen Passanten an, der mir Hilfe anbot.

Doch meine Befindlichkeit war schwerwiegender gestört, diese Angststörung manifestierte sich – sie überkam mich künftig bei jeder Art von Brücke, die ich überqueren wollte. Ich erlebte in der Folge, was bislang undenkbar gewesen war, suchte psychiatrische Hilfe. Fachliche Diagnose: Gephyrophobie, Furcht vor Brücken.

Es gibt Therapien“ erfuhr ich eingangs. Und auf meine Frage, „Wie lange?“, zögerte die Therapeutin, um dann zu antworten: „Schwer zu sagen. Kommt auf die Vorgehensweise an. Kann durchaus langwierig sein“.

Und es wurde ein langer Weg, weil mir zunächst nichts nachhaltig half, auch die anfängliche Konfrontationstherapie nicht. Die Psychotherapeutin schlug daraufhin als alternative Behandlungsmethode eine Musiktherapie vor:

Nicht über, sondern mit Musik werden wir da rangehen. Dazu spezielle Atemübungen.“

Ich war zunächst skeptisch: „Solange ich dabei nicht singen muss?“.

Und sie begann einfühlsam. Wir sprachen zunächst über meine Musikvorlieben und kamen bald zu 'Bridge over Troubled Water' sowie anderen Balladen mit ruhigen, klaren Harmoniefolgen.

Erst hören, dann erinnern, und dann verknüpfen“, lautete die Vorgabe.

Viele Sitzungen später fühlte ich in ruhigeren Bildern, zerstörende eines Unfallortes zerfielen, andere formten sich zu festen Strukturen. Pfeiler und Geländer, das Wasser, als Teil der Metapher, glättete sich geschmeidig, die Verbindung zur Angst löste sich, die Brücke führte nicht mehr zum Absturz. Dazu lief dezent im Hintergrund der Refrain meines 'Brückensongs', begleitet von ruhigen Anweisungen der Psychologin. Ich verspürte nun ein sanftes Ziehen in der Brust, das in Wellen abebbte, und beim Übergang zwischen einzelnen Tönen des Intros löste sich die Spannung. Ich beschrieb ihr dieses Gefühl, worauf diese antwortete:

Das ist es. Sie spüren die Brücke nun als Verbindung, als Übergang.“

Ich hoffte, ich wäre schon weiter“.

Sie sind schon drüber. Sie realisieren es nur noch nicht“.
 

Anders Tell

Mitglied
Die Brücke hast Du als Metapher gut aufgebaut ohne in überfrachteter Symbolik zu landen. Das Lied war auch eines der ersten, das ich kennen lernte, als ich mich für diese Musik begann zu interessieren. Zeitgleich mit Cat Stevens. Alles höre ich heute noch gerne.
 

jon

Mitglied
Ich komme mit der Reihenfolge nicht klar.
Am heutigen Abend ging ich dann wie geplant in die besagte Musikkneipe.
Das heißt: Das Erzähl-Jetzt (heute) ist der Tag, an der er (oder sie? egal) in die Kneipe ging. Wann passierte das mit der Enthüllung über die leiblichen Eltern und die anschließenden Jahre mit der Phobie und Therapie? "Einige Tage später" - also nach dem Erzähl-Jetzt. Dann wäre das - bleibt man stringent - ein Blick in die Erzähl-Zukunft, nur wird es nicht so erzählt.


Noch was anderes:
Zum ersten Mal seit vielen Jahren verbrachte ich meinen Geburtstag alleine. Ich war seit einem Jahr Frühpensionär, hatte das Leben seit meiner Scheidung umgestellt.
Darüber bin ich gestolpert. Und über die Kursivschreibung der Dialoge - wozu das denn?
 

petrasmiles

Mitglied
Hallo rubber sole,

habe ich gern gelesen -stimmige Geschichte - nur das mit dem Zeitstrahl -wie von jon angemerkt - hat mich auch irritiert.

Liebe Grüße
Petra

@Anders Tell
Da hast Du mir aber einen Floh ins Ohr gesetzt ... I can't keep it in ...
 



 
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