Unerwarteter Gast

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apscheron

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„Hallo, komm bitte schnell auf Station G1 – jemand ist in den Frauenduschraum eingedrungen.“ Die Stimme der Krankenschwester klang aufgeregt, fast panisch. Es war mein Nachtdienst als Sicherheitsmitarbeiter im Krankenhaus, und ich eilte sofort in die erste Etage. Manchmal, vor allem im Winter, suchen Obdachlose oder Süchtige hier Unterschlupf. Wenn man sie erwischt, werden sie hinausgeworfen. Fast wie ein Katz-und-Maus-Spiel – eines, das beiden Seiten auf gewisse Weise Freude zu machen scheint.

Als ich den Duschraum betrat, fiel mein Blick sofort auf die alte, unordentliche Kleidung auf dem Boden, das Rauschen des Wassers in einer der Kabinen war zu hören. Die Tür stand offen, und ich konnte sehen, wie ein junger Mann, etwa zwanzig Jahre alt und völlig nackt, den Duschkopf über seinem Kopf hielt und leise vor sich hin summte. Vielleicht war es Arabisch. Er schien mich nicht zu bemerken und bewegte sich leicht im Takt. Sein bestes Stück schwang im Rhythmus der Melodie hin und her, zeichnete dabei einen deutlichen Bogen von einem Oberschenkel zum anderen.
Ein singender jünger Araber, völlig nackt in der Frauendusche mitten in der Nacht - das Bild hatte etwas Skurriles an sich.

Ich stand dort, sah ihm zu und fragte mich, ob er überhaupt ahnte, dass er entdeckt worden war. Das Wasser lief ihm über das Gesicht, auf dem ein glückseliges Lächeln lag … vielleicht, dachte ich, war dies der glücklichste Moment, den er seit Langem erlebt hatte.

Die Krankenschwester war leise von hinten herangetreten, warf einen Blick hinein, lief plötzlich rot an und rannte hinaus. Nach einer Minute kam sie zurück und reichte mir wortlos ein großes Badetuch und ein Stück Seife. In diesem Moment öffnete der Eindringling die Augen; sein Gesicht wechselte innerhalb eines Augenblicks von einem Ausdruck völliger Zufriedenheit zu unverhohlener Angst. Er sagte kein Wort, atmete nur schwer. Etwas in mir hielt mich davon ab, ihn sofort zu vertreiben, wie es in solchen Fällen üblich ist. Ich zeigte ihm fünf Finger, überreichte ihm Seife und Handtuch und trat zur Seite. Fünf Minuten sollten reichen, dachte ich. Auf dem gesamten Weg zum Ausgang verbeugte sich der unerwartete Gast immer wieder, legte die Hand aufs Herz und drückte so seine unendliche Dankbarkeit aus.

Zu Hause angekommen, nahm ich eine heiße Dusche, aß eine Kleinigkeit und versuchte, etwas zu lesen. Doch bald legte ich das Buch weg. Etwas hinderte mich daran, mich auf die Lektüre zu konzentrieren. Die Bilder gingen mir immer wieder durch den Kopf. Ich dachte daran, wie selbstverständlich wir jene kleinen Annehmlichkeiten nehmen, die unser Leben so angenehm machen, und wie unvorstellbar es für uns scheint, ohne sie zu leben. Für einen Moment des Glücks braucht jeder von uns jedoch etwas anderes, und konstantes heißes Wasser in der Dusche oder eine stabile Heizung im Winter gehören für uns sicherlich nicht dazu. Doch für jemanden könnte selbst das schon genug sein.

Alles erkennt man im Vergleich, so heißt es.
Doch das Gefühl blieb. Warum lässt mich dieses innere Unbehagen, das Gefühl einer gewissen Schuld, nicht los? Als trüge ich eine Verantwortung dafür, dass ich im Warmen duschen kann, im Gegensatz zu denen, die wir jeden Tag aus der Wärme in die Kälte schicken, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Und ich frage mich: Ist das gerecht?

Ich maße mir nicht an, diese Menschen auf der Straße für ihren Lebensstil zu beurteilen. Ich kenne weder ihre Hintergründe noch die Umstände, die sie dazu gebracht haben, so zu leben.
Trotzdem – sie sind keine Tiere. Sie sind Menschen. Und sie sollten auch so behandelt werden.
Vielleicht ist das das Mindeste, was ich in meiner Situation tun kann. Egal, was die Vorschriften sagen. Punkt.
 
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Doch das Gefühl blieb. Warum lässt mich dieses innere Unbehagen, das Gefühl einer gewissen Schuld, nicht los? Als trage ich eine Verantwortung dafür, dass ich im Warmen duschen kann, im Gegensatz zu denen, die wir jeden Tag aus der Wärme in die Kälte schicken, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Und ich frage mich: Ist das gerecht?
Das mit dem Schuldkomplex musste ja kommen. Hätte ansonsten eine gute Geschichte werden können, aber nein, Hauptsache, der Protagonist fühlt sich schuldig.
Wahrscheinlich stammst du aus meiner Generation, der von klein auf eingeredet wurde, man müsse sich schlecht fühlen, weil es einem ja so gut ging und anderen so schlecht.
Ohne diesen moralisierend erhobenen Zeigefinger hätte ich die Geschichte gut gefunden. Die Kunst ist, hier in die Rolle eines neutralen Erzählers zu schlüpfen (schaffen aber nur wenige).

Übrigens, es muss heißen „als trüge ich", da es Konjunktiv ist, nicht „als trage ich".

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 
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petrasmiles

Mitglied
Lieber apscheron,

ich bin gerade auf einem 'Gewissens'-Trip in dem Sinne, dass ich mir über unser moralisches Handeln Gedanken mache, und da kommt mir Deine Geschichte gerade recht!

Ja, vielleicht ist es das so schwer angehängte schlechte Gewissen, das SilberneDelfine beanstandet, ein bisschen dick aufgetragen.

Aber grundsätzlich halte ich es für genau die moralische Instanz in uns, die uns einen Moment innehalten und darüber nachdenken lässt über die Konsequenzen unserer Handlungsweise. Hat der Sicherheitsmann eine andere Wahl, als Eindringlinge wieder zu entfernen? Nein. Hat er als Mensch die Möglichkeit, trotz seines Auftrags einen anderen Menschen würdevoll zu behandeln? Ja. Und das hat er getan.

Und nein, das Leben ist nicht gerecht und wir haben noch nicht einmal einen Anspruch darauf. Darum sind wir ja darauf angewiesen, dass unsere Mitmenschen menschlich handeln, und nicht den nassen, nackten Mann zur Türe raus werfen und sein Kleiderbündel hinterher, sondern dass wir den Spielraum nutzen, den wir auch unter Sachzwängen haben, um uns menschlich zu verhalten.

Dein Protagonist hat diese Hürde ja gemeistert - er ist menschlich gewesen, und darum braucht er auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Er hat Anlass, über die Gerechtigkeit zu sinnieren, mehr aber auch nicht. Natürlich kann er zu dem Ergebnis kommen, dass er so einen Job nicht weitermachen kann, weil er grundsätzlich in Konflikt gerät zwischen seinem Auftrag und seinem Gewissen. Wenn er denn die Wahl hat.

Trotzdem - oder deshalb - eine schöne Geschichte.

Liebe Grüße
Petra
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Petra,
vielen Dank für Deine Meinung. Ich habe es genauso empfunden, wie Du es beschrieben hast. LG Nazim
Lieber Nazim,

danke, dass Du mir antwortest, aber zur Nettikette gehört hier auch dazu, den 'Besuchern' zu antworten, die etwas sagen, was man nicht 1:1 nachempfinden kann. Aber vielleicht bist Du ja schon dabei.

Liebe Grüße
Petra
 

apscheron

Mitglied
Liebe(r) SilberneDelfine,
Danke für deine ehrliche Meinung. Es ist wirklich schwer, neutral zu bleiben, besonders wenn man selbst einer der Protagonisten auf der Szene ist. Er beschreibt seine Gefühle so, wie er sie tatsächlich empfindet. Und er ist voller Zweifel. Denn er muss so etwas so oft tun, dass die Gefühle abgestumpft sein könnten, wie es im Leben oft der Fall ist. Aber er wehrt sich innerlich dagegen, und dieser innere Widerstand ermöglicht es ihm vielleicht, ein Mensch zu bleiben, mit gewissen moralischen Grenzen zwischen Gut und Böse.

LG Nazim
 



 
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