Vitrinen-Momente

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Papiertiger

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Ich muss, wenn ich mich recht erinnere, so ungefähr 14 Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinen Eltern im Urlaub war. Es war ein kleiner Ort im bayerischen Wald. Viel schöne Natur, gutes Essen mit köstlichen Semmelknödeln, Ruhe und Erholung. Für mich war das eindeutig zu wenig Technik, Fortschritt und Aufregung. Wie kleine Inseln oder wie Fenster in die große Welt wirkten auf mich die Schaufenster der inhabergeführten, muckeligen Geschäfte, in denen Elektronik verkauft wurde, auch Videospiele. Im Schaufenster stand dann etwa die Pappverpackung eines Spiels für das Super Nintendo. Aufwendig gezeichnete Cover und für einen Schüler horrende Preise wurden für so ein Cartridge verlangt. Und Mann, war das attraktiv und aufregend für mich! Später ergänzten Musikalben diese Begeisterung, lösten sie manchmal auch gänzlich ab, zumal die Texte der Songs oft tiefgründiger waren als die Geschichte vieler Spiele.

Viele, sehr viele Jahre später war ich in einem solchen, kleinen Ort und in den Schaufenstern standen inzwischen praktisch nur noch Smartphones und Tablet-PC. Und obwohl diese so viel leistungsfähiger, faszinierender und nützlicher sind als die Videospiele früher wirkten diese Auslagen des Einzelhandels fad. Vielleicht weil das „Schaufenster-Bummeln“ längst durch das Scrollen im Internet ersetzt wurde. Sicher auch, aufgrund kindlicher Nostalgie und einem Überdruss und Überfluss an Dingen und Krempel.

Diese Momente fielen mir gerade ein, als ich hier in Ruhe und ohne Terminstress an diesem Sonntag schön warm drinnen sitze und aus dem Fenster schaue. Der gestrige Schneefall hat die Dächer in etwas verwandelt, das aussieht wie diese Vollei-Fertigwaffeln aus dem Supermarkt, auf die jemand Puderzucker gestreut hat. Das hat was von einem Märchen und so schweifen meine Gedanken und mir kommen Gedanken in den Sinn wie: Warum habe ich heute so viel Freude an „Vitrinen-Momenten“? Ich schaue etwa ein YouTube-Video und irgendwo in den USA filmt jemand einen kleinen Shop, indem ein zusammengebautes Lego-Set in einer Vitrine steht. Erst durch ein kleines, aufgeklebtes Preisschild wird dieser Eindruck, für mich zumindest abgerundet und ich denke: Oh! Das ist interessant, das hätte ich auch gerne! Würde ich das selbe Set irgendwo in einem voll geräumten Haushalt erblicken, ich würde denken: Noch so ein Staubfänger. Ein wenig wurde wir wohl alle konditioniert uns für neue oder alte Produkte zu begeistern, was Pawlows Hunden ihre Glocke, ist uns gut gemachte Werbung. Das finde ich nicht schlimm, ich kann inzwischen damit umgehen.

Ich habe den halben Vormittag verträumt und verdaddelt. Allein sein, lesen und über Geschichten nachzudenken kann unglaublich schön sein. Aber nun ist mir doch nach etwas Gesellschaft. Und so gehe ich in ein nettes, kleines Café. Ich bekomme einen Platz angeboten. Dezente, gechillte Musik sorgt für zusätzliche Entspannung. Es duftet nach frischem Kaffee und die Vitrinen sind gefüllt mit aufwendig hergestellten Torten, liebevoll dekorierten Keksen und frisch und fruchtig aussehenden Kuchen. Mein Blick durchdringt eine Vitrine. Dahinter bemerke ich sie. Eine Frau, so bezaubernd, so elegant. Das hier könnte ein Vitrinen-Moment werden. Falls ich mich traue, sie anzusprechen. Falls sie mir keine sofortige Abfuhr erteilt. Und ich muss aufpassen, sie nicht durch mein Verhalten in eine metaphorische Vitrine zu platzieren, denn da gehören hübsche Waren hinein. Schöne Erinnerungsstücke ebenfalls. Also, raus aus Deinem Glaskasten, hinaus ins echte Leben.
 
Schöner, symphatischer, authentischer Text über die kleinen großen Momente des Lebens. Ich mag es auch, dass Worte wie "Krempel" und "verdaddelt" darin vorkommen. Ich kann mich mit den in der Geschichte beschriebenen kleinen großen Momente identifizieren. Die Geschichte hat es mir leicht gemacht. Das ist schon eine Kunst für sich.
 



 
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