Wach auf

Wach auf

Sie lag auf dem Sofa.
Das Handy in der Hand.

Der Daumen bewegte sich automatisch.
Stundenlang.
Wischen.
Wischen.
Immer wieder wischen.

Gesichter.
Szenen.
Momente.
Handlungen ohne Nachhall.

Dann erschien er.
Ganz nah.
Das Gesicht – ein Satyr im Sonnenschein.

Langer, grauer Bart.
Auf dem Kopf ein Kranz aus feinen Ästen,
darin winzige weiße Blüten.

Kein Filter.
Keine Pose.

Er lächelte.
Auch seine Fältchen im Gesicht.
Mit blitzklaren Sternenaugen.

Nicht in die Kamera.
Ihr zu.
In sie hinein.

„Wach auf“, sagte er.
Leise. Fast amüsiert.
„Wach auf.
Wach auf.
Wach auf.“

Der Reel war kurz.
Zu kurz.
Zu schön, um wegzuwischen.

Sie startete ihn neu.
Noch einmal.
Viermal.
Immer wieder.

Immer dasselbe Lächeln.
Dasselbe „Wach auf“.

Als wüsste er, wie lange Menschen brauchen,
um sich selbst zu verstehen.
Als wüsste er, wie lange Menschen brauchen,
um sich aufzurichten.
Als wüsste er, wer sie ist
und was hinter ihr liegt.
Als wüsste er, dass sie ihren Mut verloren hatte.
Als würde er die Zukunft kennen und sagen:
„Hab keine Angst.
Alles wird gut.“

Er war kein Satyr.
Und doch etwas Archaisches.
Nicht Mythos – Erinnerung.

Sie wusste, wovon er sprach.
Von einem Leben im Halbschlaf.
Aufstehen.
Funktionieren.

Das Notwendige tun.
Das Wesentliche meiden.
Sich im Grau einrichten
und es Sicherheit nennen.

Langsames Sterben ist bequem.
Es verlangt keine Entscheidung.
Aufwachen schon –
es hat Folgen.

Man sieht, was man verdrängt hat.
Man spürt, was man vermieden hat.
Und man weiß plötzlich,
dass Nicht-Handeln auch eine Wahl war.

Sie ließ das Handy sinken.
Der Raum blieb derselbe.
Sie nicht.

Die Angst kam nicht vor dem Aufwachen –
sie kam danach.

Wegsehen war keine Option mehr.

Wach auf.
 

jon

Mitglied
Warum ist das so zerhackt? (Nein: Das steigert die Wirkung nicht, vor allem die Umbrüche mitten im Satz wirken eher störend.)
 



 
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