Was wäre, wenn...?

adalace

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Im Moment des Todes, wenn einer stirbt, heißt es, zieht das eigene Leben an einem vorbei – alles, was man erlebt, gedacht, gefühlt hat, alles, was einen zum Menschen gemacht hat, sieht man noch ein letztes Mal. Aber ich glaube, es gibt viele Arten zu sterben, und keine gleicht der anderen.

Ich starb an einem sonnigen Sommertag. Ich war 11 Jahre alt. Mein kurzes Leben zog nicht an mir vorbei, es fühlte sich eher wie Fliegen an – so sanft, als wäre ich eine Feder, die zu Boden schwebt. Sterben war kinderleicht.

Wir waren im Urlaub in den Bergen. Mein Vater fuhr seinen ganzen Stolz, einen hellblauen Opel, die enggewundenen Serpentinen hoch zum nächsten Dorf und wies uns auf Dinge entlang der Straße hin – einen Adler, der weit oben seine Kreise zog, einen Baum, der am Straßenrand wuchs, als würde er über dem Abgrund schweben. Auf der rechten Seite ragten steile, granitharte Felswände empor, links zerfransten die Ränder der unbefestigten Bergstraße. An jeder Windung konnte man 100, 200 Meter hinuntersehen, dann schoben sich karge, steinige Felsvorsprünge dazwischen, ohne dass man erkennen konnte, wie tief es noch hinunterging.

Plötzlich rief mein Vater: „Haltet euch fest!“, aber es gab nichts zum Festhalten. Ich fiel, nein, schwebte – und ein bisschen war es so, wie wenn man im Flugzeug sitzt und durch eine dichte Wolkenwand fliegt – nur ohne das Rauschen der Klimaanlage und das tiefe Brummen der Motoren. Stattdessen: vollkommene, friedliche Stille.

Ein Film von Claude Chabrol heißt „Alice ou la dernière fugue“. Eine junge Frau verunglückt mit ihrem Auto auf der Landstraße. Leicht verletzt rettet sie sich in strömendem Regen zu einem verlassenen Haus, wo sie freundlich willkommen geheißen wird. Am nächsten Morgen sind die Bewohner verschwunden. Die junge Frau streift durch das Haus und kommt in den Garten, der von einer hohen Mauer eingefasst ist. Sie versucht darüber zu klettern, rutscht aber immer wieder ab. Schließlich gibt sie auf und geht zurück ins Haus. Dort trifft sie auf einen Butler. Er sagt ihr, dass sie einen Unfall hatte und in diesem Moment sterbend in ihrem Auto liegt. Nur wenn es ihr gelungen wäre, die Mauer zu überwinden, hätte sie überlebt. Die letzte Einstellung des Films ist eine langsame Zufahrt auf das Auto, in dem die junge Frau ihr Leben zu Ende träumt.

Als ich wieder zu mir kam, saß ich nicht mehr im Auto, sondern stand draußen in der Sonne, neben unserem hellblauen Opel. Er lag auf dem Dach, über uns die Bergstraße. Helfer, die vom Dorf herbeigeeilt kamen, sagten uns, unser Wagen sei von der Straße abgekommen. Wir hatten Glück: Statt mehrere Hundert Meter tief zu stürzen, hatte sich unser Wagen überschlagen und war auf einem Felsvorsprung liegengeblieben. Ich sah mich um. Es war immer noch ein schöner, sonniger Sommertag, die Luft spröde von der trockenen Hitze und würzig von den Nadelbäumen ringsherum. Irgendwo weinte meine Mutter, und ich dachte, wie schön das Schweben gewesen war und wie schade, dass es vorbei war.

Ich bin mit 11 Jahren gestorben – aber ich träumte mein Leben weiter, wurde ein Teenager, verliebte mich einmal, zweimal, mehrmals, ich büffelte für die Schule, versemmelte Klassenarbeiten, machte mein Abi, ging zum Studieren in eine andere Stadt, wurde eine junge Frau, liebte und entliebte mich, ich ging auf Reisen und bemühte mich, das Leben in all seinen Farben, Klängen und Geschmäckern in mir aufzunehmen und festzuhalten.

Aber manchmal, nachts, kehre ich zurück zu der Straße in den Bergen - Felswände wie Mauern, die niemand überwinden kann, Bäume, die über dem Abgrund schweben. Ich bin schwerelos, leicht wie eine Feder, und alles ist friedlich und still.
 



 
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