Ein stiller Anfang
Normalerweise mag ich Weihnachten wie alle: Urlaub, bezahlte Feiertage, Essen, das man sich nur einmal im Jahr erlaubt.
Cool.
Aber dieses Jahr… dieses Jahr hat mich irgendwas erwischt.
Ich weiß bis heute nicht, ob es der Geist der Weihnacht war oder ob ich einfach nur etwas Falsches gegessen hatte.
Beim Wocheneinkauf, kurz vor dem ersten Advent, überkam mich eine kurze geistige Umnachtung.
Ich kaufte einen Adventskranz.
Einen aus echter Tanne.
Mit vier Kerzen.
Ich nahm ihn mit, fest entschlossen, dass das dieses Jahr ein richtig klassisches Weihnachten wird.
Manchmal hasse ich mich für solche Eingebungen.
Zu Hause stellte ich das Ding hin und wartete darauf, dass es vorweihnachtliche Stimmung verbreitet.
Ergebnis: …nichts.
Ich erwog kurz, die Bude noch mit mehr Deko vollzustellen.
Aber in dem Moment schaltete mein Nachbar gegenüber seine „Balkon wird von einem Alien-UFO übernommen“-Lichtshow an.
Blitzend, blinkend, pulsierend – wie wenn man in einem Technoclub einen Cocktail aus LSD und Speed bestellt hätte.
Ich entschied mich spontan gegen diese Art von Stimmung.
Ich wartete.
1. Advent
Ich zog die Vorhänge zu, damit mich die Alien-Lichtshow meiner Nachbarn nicht in einen epileptischen Anfall treibt.
Dann entzündete ich die erste Kerze.
Feierlich.
So feierlich, wie man eben in Jogginghose sein kann.
Die Kerze brannte.
Ihre drei Freunde sahen gelangweilt zu.
Weihnachtsstimmung?
Naja… Es war… ein Anfang.
Nikolaus
Dieser Feiertag überrascht mich jedes Jahr.
Ich plane nichts.
Stelle nichts raus.
Vergesse alles.
Ich bin also entweder ein schlechter Christ – oder ein vorbildlicher Atheist.
Dieses Jahr wurde ich trotzdem „beschenkt“.
Meine Nachbarin Frau Neumann fragt, ob ich auf ihre Katze aufpassen kann.
Warum?
Weil sie „auf Selbstfindungsreise“ geht.
In den Schwarzwald.
Um ihr inneres Krafttier zu finden.
Ich sage ihr nicht, dass ihr Krafttier vermutlich eine genervte Brieftaube ist, die einfach nichts mehr zustellt.
Die Katze bedankt sich.
In Form eines Stiefels voller Wertschätzung.
Noch warm.
Noch duftend.
Noch pädagogisch äußerst fragwürdig.
Sie hat mir in den Schuh gekackt.
Ich stehe da, halte den Schuh wie eine explosive Zeichnung aus einem EsoterikWorkshop und frage mich, ob das jetzt Dank, Kritik oder einfach Kunst ist.
Die Katze schaut mich an. Mit diesem Blick, der sagt: „Du hast mich nicht zu füttern vergessen. Du hast mich nicht zu streicheln vergessen. Und trotzdem… du bist einfach nicht würdig.“
Dann wendet sie sich ab, springt aufs Regal und schläft.
Ich hingegen brauche ungefähr drei Tage, um wieder Vertrauen in die gesamte Tierwelt zu fassen.
2. Advent
Zwei Kerzen.
Weihnachtsstimmung… noch immer irgendwo im Rückstau.
Der Kranz entwickelt langsam ein Eigenleben.
Die Tannenzweige trocknen aus, krümmen sich, strecken sich in alle Richtungen – als würden sie versuchen, dem Kranz zu entkommen.
Sie knistern beim Blickkontakt, lassen Nadeln fallen wie Stripteasetänzerinnen.
Nur… weniger aufregend.
Oder einfach etwas trockener.
Der Weihnachtsmarkt
Ich beschließe, meine Stimmung aufzupumpen.
Also: Weihnachtsmarkt.
Ich betrete den Platz.
Es ist, als würde Godzilla durch Tokio laufen.
Menschenmassen, die sich abgesprochen haben, genau dort stehen zu bleiben, wo ich hindurch möchte.
Ich kaufe Glühwein.
Neun Euro – plus Pfand.
Ich frage mich, ob das inzwischen ein Château Rothschild ist.
Ich koste. Meine Geschmacksnerven verabschieden sich sofort.
Geschmack: Frostschutzmittel, Orange, Zimt und… Enttäuschung.
Dann drängt mich jemand, Christstollen zu probieren.
„Ganz frisch!“, sagt er.
Frisch ist ein dehnbarer Begriff.
Die Konsistenz ebenso wie der Geschmack erinnert stark an Bitumen, das man in einer feuchten Ecke eines verschütteten Weltkriegsbunkers gefunden hat.
Mit Rosinen, die schon 1944 moralisch kapituliert hatten.
Ich verspreche dem Verkäufer, wiederzukommen.
Er glaubt es mir weniger als ich mir selbst.
Weiter.
Gebrannte Mandeln, kandierte Früchte. Eine geniale Erfindung: etwas halbwegs Gesundes mit so viel Zucker überziehen, dass es einen diabetischen Notfall auslösen könnte. Und das zu Preisen, bei denen man erwartet, dass unter der Zuckerkruste ein Sportwagen versteckt ist.
Ich gebe auf.
Auf dem Heimweg kaufe ich eine Rostbratwurst. Sie schmeckt wie die fünf Überstunden, die ich dafür machen muss um sie zu bezahlen.
3. Advent
Drei Kerzen.
Der Kranz wirkt inzwischen wie Saurons Hand beim Griff nach dem einen Ring.
Die Nadeln knistern beim Atmen.
Weihnachtsstimmung eben.
Letzte Qualen vor Weihnachten
Panik!
Ich brauche Geschenke!
Für alle!
Also betrete ich Läden, die aussehen wie Museumsdepots für Dinge, die man nicht mehr erklärt.
Ich kaufe irgendwas. Hauptsache bunt, stabil, unter 30 Euro.
Es werden große Weihnachtssocken aus Polyester.
Wie in amerikanischen Filmen.
Ich habe keinen Kamin wo ich die anhängen kann. Aber eine Wäscheleine am Fenster tut’s bestimmt.
Dann der Weihnachtsbaum.
Er sieht beim Kauf schon aus, als wolle er Weihnachten nicht mehr erleben.
Seine Äste und Nadeln haben eindeutig eine suizidale Grundhaltung.
Einen anderen gibt es nicht mehr.
Die Verkäuferin sagt: „Der ist frisch geschlagen.“
Vermutlich… 2012.
Heiligabend
Alles bereit.
Theoretisch.
Praktisch… nein.
Der Kranz ist trocken wie Zwieback aus der Sahel-Zone.
Der Baum nadelt beim Atmen.
Ich zünde alle vier Kerzen am Adventskranz an.
Kerze Nummer eins ist schon so weit runter, dass man Angst bekommt.
Ich verlasse den Raum – nur kurz.
Zum Pinkeln.
Noch ehe ich die Klotür erreiche: „WUFF!“
Ein Geräusch wie eine Kreuzung aus heiserem Hund und beleidigtem Drachen, der plötzlich niesen muss.
Gleichzeitig ein Lichtblitz.
Wie Blitzpulver in einer Balgkamera.
Ich renne zurück.
Der Adventskranz ist nicht mehr da. Er ist Vergangenheit.
Er ist explodiert wie ein pyromanischer Hamster.
Es riecht nach Rauch, Tanne und geschmolzener Tischdecke.
Die Druckwelle hat die letzten Nadeln meines Baumes in eine für Jahre beständige Weihnachtsdeko verwandelt, die sich energisch in Gardine und Teppich verkrallt.
Die Zimmerdecke ist jetzt ein Fresko. Titel: „Asche zu Asche, aber laut.“
Die Süßigkeitssocken schmoren unter den Überresten des Baumes.
Ich lösche.
Mit Wasser.
Viel Wasser.
In genau diesem Moment kommt die Familie. Sie sehen: Die halbverbrannte Wohnung. Die angekokelten Geschenke. Den apathischen Baum im Nacktmodus. Den schwarzen Kranzfleck. Das Armageddon an der Decke.
Keiner sagt etwas.
Es ist dieser Moment.
Dieser stille Moment.
Bevor jemand lacht.
Oder weint.
Oder die Hausratversicherung anruft.
Wir stehen alle im Wohnzimmer und sehen uns um.
Es wirkt weniger wie Weihnachten – und mehr wie ein Krippenspiel, das ein pyromanischer Praktikant inszeniert hat, der eigentlich im Innenabriss arbeitet.
Der Adventskranz ist nur noch ein schwarzer Kreis. Der Baum eine Art stacheliger Zahnstocher.
Die Geschenke haben angesengte Tattoos wie rebellische Teenager.
Uns umgibt ein Geruch von Lagerfeuer im Tannenwald, Endzeit und Verzweiflung.
Dann klingelt es. Feuerwehr.
„Wir haben einen Notruf bekommen.“
„Von wem?“ frage ich.
Der Mann deutet wortlos mit dem Daumen nach oben – Richtung Wohnung meiner Nachbarin.
Die, so erklärt er, hätte „ein seltsames Leuchten“ gesehen und seien sicher gewesen, dass ich entweder
a) einen Dämon beschwöre,
b) in die Luft fliege oder
c) der heilige Geist bei mir eingekehrt sei.
Die Feuerwehr schaut sich um.
Gesamteindruck meiner Wohnung: Mordor zur Weihnachtszeit.
Der Feuerwehrmann nickt und sagt nur: „Ist halt Advent.“
Dann tauscht er mit mir diesen Blick aus der Kategorie “Das ist uns allen schon passiert, wir reden nie wieder darüber.”
Sie fahren wieder.
Die Familie atmet auf.
Ich hebe eine einzelne Tannennadel auf, die sich offenbar als letzte ihres Volkes geopfert hat.
Sie ist warm.
Fast rührend.
In diesem Moment wird mir klar: Dieses Jahr hat sogar Weihnachten aufgegeben.
Meine Tante sagt: „Weißt du… ich find’s gar nicht schlimm. Bei dir weiß man wenigstens, dass es nie langweilig wird.“
Ein anderer murmelt: „Das sieht aus wie Bethlehem nach der dritten Plage.“
Und plötzlich lachen wir.
Nicht laut.
Aber echt.
Wir setzen uns. Dann singt jemand, ganz vorsichtig: „Stille Nacht…“ Und so sitzen wir da.
Resigniert.
Verbrannt.
Und futtern Süßigkeiten aus Weihnachtsstrümpfen wie Amerikaner, die gerade den Weltuntergang überlebt haben.
Die Süßigkeiten haben übrigens eine untrennbare Verbindung mit den Sockenresten eingegangen und erinnern mittlerweile eher an archäologische Fundstücke.
Jeder bekommt exakt eine Süßigkeit.
Größe: Weihnachtsstrumpf.
Form: Unbestimmbar.
Geschmack: feuchtes Zucker-Polyester-Gemisch.
Und wir preisen die Stille Nacht.
Die, wenn man ehrlich ist, noch nie so laut war.
Und ich denke mir: Vielleicht ist das genau mein Weihnachten.
Nicht schön.
Nicht perfekt.
Nicht festlich.
Aber definitiv unvergesslich.
Normalerweise mag ich Weihnachten wie alle: Urlaub, bezahlte Feiertage, Essen, das man sich nur einmal im Jahr erlaubt.
Cool.
Aber dieses Jahr… dieses Jahr hat mich irgendwas erwischt.
Ich weiß bis heute nicht, ob es der Geist der Weihnacht war oder ob ich einfach nur etwas Falsches gegessen hatte.
Beim Wocheneinkauf, kurz vor dem ersten Advent, überkam mich eine kurze geistige Umnachtung.
Ich kaufte einen Adventskranz.
Einen aus echter Tanne.
Mit vier Kerzen.
Ich nahm ihn mit, fest entschlossen, dass das dieses Jahr ein richtig klassisches Weihnachten wird.
Manchmal hasse ich mich für solche Eingebungen.
Zu Hause stellte ich das Ding hin und wartete darauf, dass es vorweihnachtliche Stimmung verbreitet.
Ergebnis: …nichts.
Ich erwog kurz, die Bude noch mit mehr Deko vollzustellen.
Aber in dem Moment schaltete mein Nachbar gegenüber seine „Balkon wird von einem Alien-UFO übernommen“-Lichtshow an.
Blitzend, blinkend, pulsierend – wie wenn man in einem Technoclub einen Cocktail aus LSD und Speed bestellt hätte.
Ich entschied mich spontan gegen diese Art von Stimmung.
Ich wartete.
1. Advent
Ich zog die Vorhänge zu, damit mich die Alien-Lichtshow meiner Nachbarn nicht in einen epileptischen Anfall treibt.
Dann entzündete ich die erste Kerze.
Feierlich.
So feierlich, wie man eben in Jogginghose sein kann.
Die Kerze brannte.
Ihre drei Freunde sahen gelangweilt zu.
Weihnachtsstimmung?
Naja… Es war… ein Anfang.
Nikolaus
Dieser Feiertag überrascht mich jedes Jahr.
Ich plane nichts.
Stelle nichts raus.
Vergesse alles.
Ich bin also entweder ein schlechter Christ – oder ein vorbildlicher Atheist.
Dieses Jahr wurde ich trotzdem „beschenkt“.
Meine Nachbarin Frau Neumann fragt, ob ich auf ihre Katze aufpassen kann.
Warum?
Weil sie „auf Selbstfindungsreise“ geht.
In den Schwarzwald.
Um ihr inneres Krafttier zu finden.
Ich sage ihr nicht, dass ihr Krafttier vermutlich eine genervte Brieftaube ist, die einfach nichts mehr zustellt.
Die Katze bedankt sich.
In Form eines Stiefels voller Wertschätzung.
Noch warm.
Noch duftend.
Noch pädagogisch äußerst fragwürdig.
Sie hat mir in den Schuh gekackt.
Ich stehe da, halte den Schuh wie eine explosive Zeichnung aus einem EsoterikWorkshop und frage mich, ob das jetzt Dank, Kritik oder einfach Kunst ist.
Die Katze schaut mich an. Mit diesem Blick, der sagt: „Du hast mich nicht zu füttern vergessen. Du hast mich nicht zu streicheln vergessen. Und trotzdem… du bist einfach nicht würdig.“
Dann wendet sie sich ab, springt aufs Regal und schläft.
Ich hingegen brauche ungefähr drei Tage, um wieder Vertrauen in die gesamte Tierwelt zu fassen.
2. Advent
Zwei Kerzen.
Weihnachtsstimmung… noch immer irgendwo im Rückstau.
Der Kranz entwickelt langsam ein Eigenleben.
Die Tannenzweige trocknen aus, krümmen sich, strecken sich in alle Richtungen – als würden sie versuchen, dem Kranz zu entkommen.
Sie knistern beim Blickkontakt, lassen Nadeln fallen wie Stripteasetänzerinnen.
Nur… weniger aufregend.
Oder einfach etwas trockener.
Der Weihnachtsmarkt
Ich beschließe, meine Stimmung aufzupumpen.
Also: Weihnachtsmarkt.
Ich betrete den Platz.
Es ist, als würde Godzilla durch Tokio laufen.
Menschenmassen, die sich abgesprochen haben, genau dort stehen zu bleiben, wo ich hindurch möchte.
Ich kaufe Glühwein.
Neun Euro – plus Pfand.
Ich frage mich, ob das inzwischen ein Château Rothschild ist.
Ich koste. Meine Geschmacksnerven verabschieden sich sofort.
Geschmack: Frostschutzmittel, Orange, Zimt und… Enttäuschung.
Dann drängt mich jemand, Christstollen zu probieren.
„Ganz frisch!“, sagt er.
Frisch ist ein dehnbarer Begriff.
Die Konsistenz ebenso wie der Geschmack erinnert stark an Bitumen, das man in einer feuchten Ecke eines verschütteten Weltkriegsbunkers gefunden hat.
Mit Rosinen, die schon 1944 moralisch kapituliert hatten.
Ich verspreche dem Verkäufer, wiederzukommen.
Er glaubt es mir weniger als ich mir selbst.
Weiter.
Gebrannte Mandeln, kandierte Früchte. Eine geniale Erfindung: etwas halbwegs Gesundes mit so viel Zucker überziehen, dass es einen diabetischen Notfall auslösen könnte. Und das zu Preisen, bei denen man erwartet, dass unter der Zuckerkruste ein Sportwagen versteckt ist.
Ich gebe auf.
Auf dem Heimweg kaufe ich eine Rostbratwurst. Sie schmeckt wie die fünf Überstunden, die ich dafür machen muss um sie zu bezahlen.
3. Advent
Drei Kerzen.
Der Kranz wirkt inzwischen wie Saurons Hand beim Griff nach dem einen Ring.
Die Nadeln knistern beim Atmen.
Weihnachtsstimmung eben.
Letzte Qualen vor Weihnachten
Panik!
Ich brauche Geschenke!
Für alle!
Also betrete ich Läden, die aussehen wie Museumsdepots für Dinge, die man nicht mehr erklärt.
Ich kaufe irgendwas. Hauptsache bunt, stabil, unter 30 Euro.
Es werden große Weihnachtssocken aus Polyester.
Wie in amerikanischen Filmen.
Ich habe keinen Kamin wo ich die anhängen kann. Aber eine Wäscheleine am Fenster tut’s bestimmt.
Dann der Weihnachtsbaum.
Er sieht beim Kauf schon aus, als wolle er Weihnachten nicht mehr erleben.
Seine Äste und Nadeln haben eindeutig eine suizidale Grundhaltung.
Einen anderen gibt es nicht mehr.
Die Verkäuferin sagt: „Der ist frisch geschlagen.“
Vermutlich… 2012.
Heiligabend
Alles bereit.
Theoretisch.
Praktisch… nein.
Der Kranz ist trocken wie Zwieback aus der Sahel-Zone.
Der Baum nadelt beim Atmen.
Ich zünde alle vier Kerzen am Adventskranz an.
Kerze Nummer eins ist schon so weit runter, dass man Angst bekommt.
Ich verlasse den Raum – nur kurz.
Zum Pinkeln.
Noch ehe ich die Klotür erreiche: „WUFF!“
Ein Geräusch wie eine Kreuzung aus heiserem Hund und beleidigtem Drachen, der plötzlich niesen muss.
Gleichzeitig ein Lichtblitz.
Wie Blitzpulver in einer Balgkamera.
Ich renne zurück.
Der Adventskranz ist nicht mehr da. Er ist Vergangenheit.
Er ist explodiert wie ein pyromanischer Hamster.
Es riecht nach Rauch, Tanne und geschmolzener Tischdecke.
Die Druckwelle hat die letzten Nadeln meines Baumes in eine für Jahre beständige Weihnachtsdeko verwandelt, die sich energisch in Gardine und Teppich verkrallt.
Die Zimmerdecke ist jetzt ein Fresko. Titel: „Asche zu Asche, aber laut.“
Die Süßigkeitssocken schmoren unter den Überresten des Baumes.
Ich lösche.
Mit Wasser.
Viel Wasser.
In genau diesem Moment kommt die Familie. Sie sehen: Die halbverbrannte Wohnung. Die angekokelten Geschenke. Den apathischen Baum im Nacktmodus. Den schwarzen Kranzfleck. Das Armageddon an der Decke.
Keiner sagt etwas.
Es ist dieser Moment.
Dieser stille Moment.
Bevor jemand lacht.
Oder weint.
Oder die Hausratversicherung anruft.
Wir stehen alle im Wohnzimmer und sehen uns um.
Es wirkt weniger wie Weihnachten – und mehr wie ein Krippenspiel, das ein pyromanischer Praktikant inszeniert hat, der eigentlich im Innenabriss arbeitet.
Der Adventskranz ist nur noch ein schwarzer Kreis. Der Baum eine Art stacheliger Zahnstocher.
Die Geschenke haben angesengte Tattoos wie rebellische Teenager.
Uns umgibt ein Geruch von Lagerfeuer im Tannenwald, Endzeit und Verzweiflung.
Dann klingelt es. Feuerwehr.
„Wir haben einen Notruf bekommen.“
„Von wem?“ frage ich.
Der Mann deutet wortlos mit dem Daumen nach oben – Richtung Wohnung meiner Nachbarin.
Die, so erklärt er, hätte „ein seltsames Leuchten“ gesehen und seien sicher gewesen, dass ich entweder
a) einen Dämon beschwöre,
b) in die Luft fliege oder
c) der heilige Geist bei mir eingekehrt sei.
Die Feuerwehr schaut sich um.
Gesamteindruck meiner Wohnung: Mordor zur Weihnachtszeit.
Der Feuerwehrmann nickt und sagt nur: „Ist halt Advent.“
Dann tauscht er mit mir diesen Blick aus der Kategorie “Das ist uns allen schon passiert, wir reden nie wieder darüber.”
Sie fahren wieder.
Die Familie atmet auf.
Ich hebe eine einzelne Tannennadel auf, die sich offenbar als letzte ihres Volkes geopfert hat.
Sie ist warm.
Fast rührend.
In diesem Moment wird mir klar: Dieses Jahr hat sogar Weihnachten aufgegeben.
Meine Tante sagt: „Weißt du… ich find’s gar nicht schlimm. Bei dir weiß man wenigstens, dass es nie langweilig wird.“
Ein anderer murmelt: „Das sieht aus wie Bethlehem nach der dritten Plage.“
Und plötzlich lachen wir.
Nicht laut.
Aber echt.
Wir setzen uns. Dann singt jemand, ganz vorsichtig: „Stille Nacht…“ Und so sitzen wir da.
Resigniert.
Verbrannt.
Und futtern Süßigkeiten aus Weihnachtsstrümpfen wie Amerikaner, die gerade den Weltuntergang überlebt haben.
Die Süßigkeiten haben übrigens eine untrennbare Verbindung mit den Sockenresten eingegangen und erinnern mittlerweile eher an archäologische Fundstücke.
Jeder bekommt exakt eine Süßigkeit.
Größe: Weihnachtsstrumpf.
Form: Unbestimmbar.
Geschmack: feuchtes Zucker-Polyester-Gemisch.
Und wir preisen die Stille Nacht.
Die, wenn man ehrlich ist, noch nie so laut war.
Und ich denke mir: Vielleicht ist das genau mein Weihnachten.
Nicht schön.
Nicht perfekt.
Nicht festlich.
Aber definitiv unvergesslich.