WhoRu

5,00 Stern(e) 3 Bewertungen

luc_tess

Mitglied
Mein Job ist monoton. Ich fahre, ich denke. Bin mit mir allein. Mit mir und meinen Gedanken. Tagelang. Nächtelang.


Heute regnet es derart, dass ich glaube, zwischen den gewaltigen Tropfen könnten Fische sein. Der Sturm jagt die Fischsuppe quer über die Landschaft. Von Nord nach Süd, also von rechts nach links. Sodass sie genau ans Eck klatscht, sich dort teilt und in fingerdicken Bächen waagerecht über das Glas getrieben wird. Zwei schwarze Krakenarme quälen sich durch den eisigen Überfluss und wischen rhythmisch hin und her. Das schummrige Rot wechselt zu grellem Grün. Ich wische zum hundertsten Mal mit dem alten T-Shirt über die feuchte Scheibe. Ich lege einen Gang ein, unwillig setzt sich mein Transporter in Bewegung, es macht uns beiden keinen Spaß, bei diesem Wetter noch weiter in den Gegenwind zu fahren.


Dreckswetter ist es, es hat Schuld daran, dass ich noch unterwegs sein muss. Ohne die vielen Staus und Unfälle, die das Blitzeis abwechselnd mit sintflutartigem Regen immer wieder provozierte, wäre ich schon vor zwei Stunden am Ziel gewesen. So aber liegen noch sechzig Kilometer vor mir. Dann endlich kann ich bei der Überfahrt von Travemünde nach Trelleborg auf der schwankenden Fähre meine Pause genießen.


In Travemünde ist es schlimmer als eine Stunde zuvor an der roten Ampel. Der zornige Sturm stürzt sich frontal auf mich, nur um mich dann von allen Seiten zu umwirbeln. Der Regen hat aufgehört, jetzt sind es taschentuchgroße Schneeflocken, die mir ins Gesicht klatschen und dann nass schmelzend in meinen Kragen rutschen. Und in die Ohren, auf die Augen, in den Mund. Der Wind dreht sich wie eine Tänzerin. Ich stehe in einer Wartespur. Nichts geht weiter. Irgendein Problem.


Ich kann weiterfahren, auf dem Schiff ist außer der normalen hektischen Betriebsamkeit Ruhe, ich werde eingewiesen. Das große Wohnmobil aus Island steht zu weit links, nervös kommt ein Einweiser. Deutet mir ungeduldig, ich solle doch nach rechts fahren. Ich fluche, muss umständlich rangieren. LKW-Fahrer hupen.


Ich nehme die Sporttasche. Die schmale, harte Pritsche ist auch diesmal schmal und hart. Das Brett, das man hochklappen kann, um bei schwerem Seegang nicht aus dem Bett zu fallen, klemmt wie immer. Truck Cabin, billig, unterhalb der Fahrzeugdecks, unter der Wasserlinie ist am billigsten. Sechs Betten, eine Tür, eine Neonröhre.


Ausgerechnet in dieser Zelle aus Blech fühle ich mich pudelwohl. Das Schiff schaukelt hier im Hafen kaum wahrnehmbar hin und her, später auf See wird es zu rollen und zu stampfen beginnen, mit dem Bug die schweren Brecher teilen, gegen die See ankämpfen.


Etwa die Hälfte der Passagiere sucht dann einen Platz, um halbwegs gepflegt zu kotzen, aber ich liebe es. Ich wickle mich in meine Decke und fühle mich mit geschlossenen Augen wie im Mutterleib. Die Mutter ist sportlich, aber nicht unvernünftig, sie beginnt den Spaziergang sanft und steigert langsam das Tempo, bevor sie dann fröhlich über Stock und Stein läuft. Ich werde hin und her geschaukelt. Ganz ohne Angst genieße ich es.


Weil ich hier geborgen bin, das Urvertrauen ins Leben fühle. »Auf hoher See ist man in der Hand Gottes«, murmle ich und spüre mit wohligem Schauer die Macht der Elemente an die Bordwand schlagen. Mir ist bewusst, dass es die Bestimmung eines Schiffes ist, zu sinken, und dass es Aufgabe des Meeres war, dafür zu sorgen. Ganz klare Fronten sind das, in diesem Spiel mit der Natur geht es bloß darum, Zeit zu gewinnen. Das Unvermeidliche ist hinauszuzögern, nicht zu verhindern.


Die Regeln sind mit der Zeit zu verstehen, das Meer ist Musik, ich kann sie spielen hören, wenn ich am Bug stehe. Es gibt eine Grundlinie, der folgt das Anrollen der Wellen, man braucht nur lange genug hinzufühlen, dann beginnt der eigenwillige Takt Sinn zu bekommen. Die doppelt so hohen Brecher, die scheinbar ohne irgendeiner Logik zu folgen immer wieder auftauchen, erschrecken einen dann nicht mehr. Man spürt sie kommen, das ist keine so hohe Kunst.


Die meisten Kapitäne drosseln das Tempo, wenn die unlogischen Wellen kommen. Die Art der Schaumkronen, die Flugbahn der Salzflocken, die dunklen Streifen in den Wellen und das donnernde Dröhnen bei schwerer See, all das verstehe ich zu lesen und zu hören.


Der Schlag war anders. Heftiger, mächtiger, aber zugleich weicher, weil er nicht frontal traf. Ich erschrecke, ich zittere. Wieso zittere ich? Es ist warm unter der Decke. Ich bin es nicht, der zittert, das Bett vibriert, und ich vibriere mit. So wie der Boden, an dem es verschraubt ist. Ich fasse an die Wand, auch die ist ängstlich. Mit leisem Klacken löst sich die Neonröhre aus ihrer Fassung. Als sie klirrend zerspringt, ist es stockdunkel. Für zwanzig Sekunden, dann geht das Notlicht an.


Ich schlüpfe in meine Schuhe, die Scherben darin stechen schmerzhaft. Keine Zeit verlieren! Ich packe meine Tasche und laufe raus auf den Gang. Aus der Beschallungsanlage kommt scheppernd, mit viel Pathos gesungen, ein Lied von Zucchero und Sheryl Crow. The rainy sky, tomorrow will be blue.


Das Notsignal beendet das Lied, bei dem ich immer an Karin denken muss, weil auch ich ihr den Himmel am liebsten jeden Tag blau angemalt hätte. Zumindest früher war das so. Nicht so stahlblau wie hier in diesem Gang, der jetzt im schwachen Licht ohnehin grau ist, sondern azurblau, mit weißen Schleiern darauf und einem sonnenhellen Fleck in der Ecke. So würde ich ihn malen, aber nicht jetzt, jetzt heißt es losrennen, bevor zu viele Menschen die Gänge verstopfen, schnell nach oben laufen.


Das Schiff knirscht unwirklich laut, und noch bevor es damit zu Ende kommt, legt sich ein ekelhaftes Kreischen darüber. Ich renne, jetzt ohne Tasche. Ich stoße um, was im Weg ist. Die Verlorenen, die mir entgegenlaufen, nach unten ins Schiff flüchten wollen, zwinge ich in meine Richtung.


Ich schaffe es, mit rasendem Herz und Adern, die zum Zerplatzen gefüllt sind, auf das obere Fahrzeugdeck, renne über den schräger werdenden Boden. Schlagseite, Scheiße! Ich schlittere wieder nach unten. Das wird nicht mehr gerade, denke ich, als ich schmerzhaft mit den Rippen gegen eine stählerne Säule knalle.


Das Schiff schwankt gefährlich, der Kapitän dreht es mit der gefluteten, tieferen Seite gegen die Elemente. In voller Fahrt. Wieso drosselt der Idiot nicht? Er versucht es mit dem Sturm und den Wellen wieder aufzurichten.


Ich kämpfe gegen den Schmerz und laufe weiter, weil ich das Wasser jetzt schon kommen höre, rauschend und gurgelnd bahnt es sich seinen Weg. Die Fahrzeuge beginnen an den Gurten und Spannseilen zu ziehen, bald werden die nachgeben, dann ist alles Gewicht auf einer Seite. Ab da geht es ganz schnell, das ganze Ding kippt um, und wer rechts ist, kommt nicht mehr nach oben. Weil rechts dann unten ist.


Ich schnappe mir die Jacke, die mir ein Decksarbeiter wortlos mit weit aufgerissenen Augen entgegenstreckt. Krachend geben die ersten Spannseile nach. Eine Reihe Autos rutscht nach unten. Ich versuche, über die Autos nach oben zu klettern. Metall reibt, Glas splittert. Menschen schreien, manche brüllen vor Schmerz.


Es ist ein schaumig brodelnder Eintopf aus Fahrzeugteilen, Ladung aus den LKWs und Menschen, die da nicht sein wollen. Sie versuchen verzweifelt, aus dem Wasser zu kommen, wie zu kleine Insekten rutschen sie auf dem steiler werdenden Boden immer wieder zurück in ihr Schicksal.


Ein heftiger Knall erschüttert das Schiff, ich bin benommen, so laut war er. Ich schüttle den Kopf, der Nebel vor meinen Augen wandelt sich zu Wasser. Mit ohrenbetäubendem Tosen strömt die schwarze Masse ungebremst herein. Das Schiff legt sich in diesem Lärm lautlos zur Seite, die Schreie der Menschen sind noch zu fühlen, nicht mehr zu hören.


Ein Gurt gibt nach. Wie eine Peitsche schlägt das längere Ende nach mir, ich falle vom Auto, an dem ich hochklettere, ins eisige Wasser. Ich schlucke viel davon, bevor ich es schaffe, wieder aufzutauchen. Ein oranger Container, keine zwei Meter vor mir. Wie eine Insel.


Die Insel treibt auf die Öffnung zu, die es davor nicht gab. Sie treibt schneller als ich. Ich kraule hinterher, mit der verzweifelten Kraft des ums Überleben Kämpfenden erreiche ich sie fast. Ich bekomme sie nicht zu greifen. Die kleine orangefarbene Hoffnung schlüpft durch das Loch nach draußen. Ohne mich.


Die seitliche Bordwand sinkt langsam als schwarze Wand vor mir herunter, wie ein Vorhang im Theater nimmt sie mir, eine Sekunde, bevor ich draußen gewesen wäre, die Sicht auf das Leben.


Lässt mich zurück im völlig dunklen Zuschauerraum, mich und die anderen. Wir sind im sinkenden Schiff gefangen, in einer Luftblase an der Bordwand. Manche verstehen es noch nicht und schreien um Hilfe. Zitternde Finger finden meine Schulter, tasten sich weiter und greifen nach meiner linken Hand. Loretta, sagt die Stimme, die zu der Hand gehört. Heimo, antworte ich. Das ist der Moment, in dem es alle verstehen. Die letzten Schreie verstummen. Lars, sagt jemand, Karol, Peter, Amelia.


Jemand weint.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Rumpelsstilzchen

Foren-Redakteur
Teammitglied
Eiiigentlich...
...ist das eine klassische Shortstory. Und als solche perfekt gelungen!
Ich bin hemmungslos begeistert (was nicht so oft vorkommt)!
Muss Doc mal fragen, ob sie das Stückchen bei ihren Kurzen aufnehmen möchte...

Hut gelüpft
fort gehüpft
 

luc_tess

Mitglied
Vielen lieben Dank, für das tolle Feedback. War wirklich eine Kurzgeschichte ursprünglich (noch etwas mächtiger), wurde aber auf die Essenz reduziert um als Prolog zu dienen. Kill your darlings also, ganz freiwillig.
 

Rumpelsstilzchen

Foren-Redakteur
Teammitglied
Vielen lieben Dank, für das tolle Feedback. War wirklich eine Kurzgeschichte ursprünglich (noch etwas mächtiger), wurde aber auf die Essenz reduziert um als Prolog zu dienen. Kill your darlings also, ganz freiwillig.
ich habe da so 'n Spruch:

Sinnreich sei das Wort, treffend und .
(Es sei denn natürlich, man möchte den Romantiker a la E. Th. Hoffmann mimen...)

Hat so hoch gesungen
ist er glatt zersprungen
 

Shallow

Mitglied
Hallo @luc_tess,

was für ein Einstieg, spannend geschrieben mit einem überzeugenden Schluss. Der Titel hat sich mir nicht erschlossen und von wenigen stilistischen Dingen
(und noch bevor es damit zu Ende kommt / Das Schiff legt sich in diesem Lärm lautlos zur Seite) abgesehen, ist das aus meiner Sicht eine sehr gelungene story. Hat großen Spaß gemacht zu lesen, schönen Gruß

Shallow
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Spannende Geschichte!!

Nur die vielen Absätze stören den Lesefluss. Hier könnten einige sinngebend entfernt werden!

Gruß DS
 

luc_tess

Mitglied
Hallo @luc_tess,

was für ein Einstieg, spannend geschrieben mit einem überzeugenden Schluss. Der Titel hat sich mir nicht erschlossen und von wenigen stilistischen Dingen
(und noch bevor es damit zu Ende kommt / Das Schiff legt sich in diesem Lärm lautlos zur Seite) abgesehen, ist das aus meiner Sicht eine sehr gelungene story. Hat großen Spaß gemacht zu lesen, schönen Gruß

Shallow
Danke für die nette Rückmeldung. Ich habe deine Anregungen aufgenommen. Der Titel ist mein Arbeitstitel (ist ein größeres Projekt), es geht um den Verlust von Identität. Du hast recht, "zu Ende kommt" klingt wirklich sperrig, vor allem wenn es ein Geräusch beschreibt. Und lautlos - da frage ich mich im Moment noch, wie das dort hingekommen ist.
 

luc_tess

Mitglied
Spannende Geschichte!!

Nur die vielen Absätze stören den Lesefluss. Hier könnten einige sinngebend entfernt werden!

Gruß DS
Hallo Doc, danke für das Verschieben in den richtigen Bereich. Die Absätze sehen hier wirklich mächtig aus. Copy & paste ist aus Pages heraus oft für Überraschungen gut. Bei mir am Bildschirm ist deutlich weniger Weißraum. Wo würdest du sinngebend eingreifen?
 

Rumpelsstilzchen

Foren-Redakteur
Teammitglied
Nur die vielen Absätze stören den Lesefluss.
So unterschiedlich ist die Rezeption:
Jeder Absatz fokussiert auf einen Wahrnehmungsausschnitt des komplexchaotischen Geschehens. In meinen Augen geschickt eingesetztes Stilmittel, womit die menschliche Aufmerksamkeit sehr treffend abgebildet wird. Wir erleben die Welt eben nicht nicht kontinuierlich, sondern "getaktet".

addendum:
Die Größe der Absätze ist sicher ein wenig arg, aber grundsätzlich: siehe oben.

hin
und
wech
 



 
Oben Unten