Ein Märchen zum Vorlesen und selbst Lesen.
Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren, als die Magie noch durch die Wälder strich…
Der Hebst war ins Land gezogen und tauchte alles in ein Meer aus Farben. Das Laub raschelte unter den Füßen und ein milder Wind schubste die letzten bunten Blätter von den Bäumen. Die Pilze steckten ihre Köpfchen vorwitzig durch das feuchte Moos und ließen sich die Sonne auf die Kappen scheinen. Überall lagen Eicheln, Bucheckern und Kastanien.
Diese Jahreszeit war schön, brachte aber auch viel Arbeit für die vielen kleinen Waldbewohner. Die Sammelei der Baumfrüchte dauerte tagelang. Beim Kontrollgang durfte auch nicht nur eine Eichel oder Nuss gefunden werden, die nicht eingesammelt war, denn das bedeutete Strafarbeit! Und auch das Sortieren und Stapeln der Waldfrüchte war unendlich mühsam und langwierig. Es dauerte noch länger als das Sammeln. Dabei war es wichtig sehr genau aufzupassen, damit nicht aus Versehen etwas in den falschen Schacht geworfen wurde.
„Nur eine falsche Frucht verdirbt den Geschmack aller anderen! Wenn ihr nicht Hungers sterben wollt, dann denkt an meine Worte und seid achtsam!“ drohte der Lagermeister immer wieder. Er war furchteinflößend und seine Worte verbreiteten unter den Jungen und Mädchen tatsächlich die Angst zu verhungern. Also arbeiteten sie fleißig, auch jetzt, da sie gerade einmal unbeobachtet waren. Sie trugen Nüsse, Kastanien, Eicheln und Bucheckern zu den ausgehöhlten dicken Ästen und ließen sie hindurch in die Lagerkeller rutschen. Sie arbeiteten mit zusammengepressten Lippen, leise und mit ernstem Blick.
Nur ein Kind lachte bei der Arbeit. Es stand in mitten der Früchte auf dem Sammelplatz und warf sie von dort aus direkt in die Öffnungen. Die Augen des Kindes blitzten vor Freude auf, während es Nuss für Nuss in den Rohren versengte. Es warf mit einer derartigen Geschicklichkeit und Treffsicherheit, dass die Vermutung nahe lag es habe viel Übung. Die anderen kleinen Arbeiter duckten sich unter den Geschossen hinweg und mussten ein um das andere Mal fürchten dabei ihre eigene Last fallen zu lassen. Einige von ihnen zischten leise es solle aufhören, das sei gefährlich und überdies verboten! Aber bei anderen konnte man auch ein verstohlenes Lächeln und Bewunderung in ihren Augen erkennen. Plötzlich flog die Tür auf und der Lagermeister erschien mit seinem wehenden Mantel und dem großen langen Stock, den der auch sogleich heftig auf den Boden stieß. Ein gewaltiges Donnern erklang, die knorrigen Wände der Sammelhalle erzitterten und alle Kinder blieben wie angewurzelt stehen. Alle bis auf eines, das noch mitten im Wurf war und jauchzte, als die Haselnuss treffsicher in ihrem Ziel verschwand.
„Wildfang – wie kannst du es wagen!“ polterte der Großlagermeister. „Du hast keine Achtung vor den Gaben der Natur! Aber das wird sich nun ändern, wenn du erst ihre Kraft zu spüren bekommst!“ Zwei seiner Gefolgsleute hatten sich bereits in Bewegung gesetzt und packten Wildfang nun von links und rechts an den Armen. Der Lagermeister funkelte das Kind böse an, als es an ihm vorbei durch die Tür geschoben wurde und er diese dann mit einem gewaltigen Knall ins Schloss fallen ließ.
Blankes Entsetzen zeigte sich auf den Gesichtern der anderen Kinder aber keines getraute sich auch nur ein Wort zu sagen und so gingen sie wieder an die Arbeit unter dem gestrengen Blick ihres Aufsehers.
„Lasst mich los, ihr Taugenichtse! Ihr sollt mich runter lassen!“ Wildfang zappelte und strampelte so gut es ging, aber es war nicht möglich sich aus dem festen Griff der beiden Diener zu befreien. „Ich will zur Königin, hört Ihr? Ihr sollt mich gefälligst loslassen!“ Die beiden antworteten nicht sondern steckten Wildfang in einen Weidenkäfig, der draußen vor der Sammelhalle an einem dicken Baum stand. Sie schoben den Riegel vor, zurrten den Lederriemen fest und gingen zurück, ohne sich um das Geschrei zu kümmern.
Der Käfig war eigentlich für die Kobolde gedacht und daher viel zu klein. Das war der einzige Vorteil den es gegen die Kobolde gab, sie waren klein. Leider waren sie auch schlau, schnell, hinterhältig und stark. Aber aus diesen Käfigen konnten sie nicht ausbrechen. Diese Käfige waren aus extra dicken Weidenruten geflochten und sehr stabil. Niemand konnte aus diesen Käfigen ausbrechen, auch Wildfang nicht. Erschöpft und traurig rollte sich Wildfang auf dem Boden des Käfigs zusammen und schlief ein. Die freche rot-weiße Fliegenpilzkappe rutschte vom Kopf und gab den Blick frei auf ein spitzes Wichtelohr und einen langen schwarzen Zopf – Winnie Wildfang war ein Mädchen!
Als sie wach wurde brach bereits die Dämmerung herein. Winnie rieb sich die Augen. Sie versuchte sich zurecht zu finden und hieb dann sofort wieder auf die Weidengitter ein. Doch alles Rütteln und Rufen half nichts – die Tür blieb verriegelt und niemand kam um sie zu befreien. Sie setzte sich wieder auf den Boden und dachte nach, wie sie es versprochen hatte.
Die Nebel senkten sich auf den Waldboden und mit ihm unheimliche Schatten und Geräusche. Winnie Wildfang war nicht ängstlich, ganz im Gegenteil. Sie war ein mutiges kleines Wichtelmädchen, das sich schon wild entschlossen gegen die räuberischen Kobolde gestellt hatte. In den Raunächten half sie tapfer das Gemach der Königin vor den Wintergeistern zu bewachen, die in wilder Jagd durch den Wald preschten. Sie war sogar so mutig, dass es hin und wieder richtig gefährlich wurde. „Dummer, unvernünftiger Leichtsinn!“ schalten dann die Erwachsenen.
Nur die Königin war ihr immer wohlgesonnen, auch wenn sich wieder einmal jemand über Winnie beschwert hatte. Das letzte Mal hatte sie Winnie ernst angesehen und gesagt: „Du weißt - Übermut tut selten gut! Du musst endlich lernen, den Unterschied zwischen Mut und Übermut zu erkennen! Das ist wichtig, damit du nicht dich und wohlmöglich auch noch andere in Gefahr bringst! Erst wenn man gründlich über etwas nachgedacht hat, sollte man sich entscheiden mutig zu sein. Wenn man etwas tut, obwohl man genau weiß, was passieren kann, ist man vorsichtiger und handelt überlegter. Nur dann ist es gut mutig zu sein! Hast du das verstanden, Winnie?“
Winnie hatte ganz beschämt auf ihre Füße geschaut, denn sie traute sich nicht, der Königin ins Gesicht zu sehen. Winnie mochte ihre Königin sehr, sehr gern und es tat ihr wirklich leid, wenn sie ihr Ärger machte.
Doch dann hatte ihr die Königin liebevoll über den Kopf gestreichelt und lächelnd gesagt: „Du machst deinem Namen wirklich alle Ehre, mein kleiner Wildfang!“, und Winnie wusste, dass sie ihr nicht böse war. Winnie nahm sich fest vor, sich in Zukunft vernünftig zu benehmen und nachzudenken bevor sie mutig sein wollte. Das mit dem vernünftig sein hatte heute nicht ganz so gut geklappt, musste sie zugeben. Aber nachdenken, das ging, dafür war hier im Käfig Zeit genug.
Als der Nebel so dicht wurde, dass kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen war, ließ sich plötzlich ein deutliches Knacken vernehmen. Das Wichtelmädchen wollte erst rufen, dass es Hilfe brauche, spitzte dann aber die Ohren noch ein wenig mehr und wagte kaum zu atmen. Das Knacken wiederholte sich und wurde lauter. Es klang nach schweren, ungelenken Schritten. Ganz anders als die leichten, flüchtigen Bewegungen der Wichtel. Auch anders als der watschelnde Gang der Kobolde. Das, was da auf den Baum zukam, hinter dem der Weidenkäfig stand, war größer. Viel größer! Die Schatten verdichteten sich und Winne konnte erkennen, dass es der Waldschrat war, der das zarte Moos vor dem Eingang zur Sammelhalle zertrat. Mit beiden Pranken packte er die große Eiche und schüttelte sie so kräftig, dass sie vor Schmerzen ächzte. Dann bückte er sich hinunter zum Eingang am Fuße des Stamms und schob seine gewaltige Hand hinein in die Sammelhalle. Die Schreie der Wichtel und das Bersten der Holztüren waren weithin zu hören. Links und rechts neben dem Waldschrat klappten die Geheimtüren im Moosboden und in den Wurzeln der alten Eiche auf. Die Wichtel huschten heraus und liefen so schnell sie konnten, um dem bösartigen Übeltäter zu entkommen.
Winnie fand Ihre Stimme wieder und rief, es möge sie jemand befreien, jemand solle Ihren Käfig aufsperren und sie herauslassen. Aber in diesem Durcheinander war nichts anderes zu vernehmen als das tiefe, grausige Brummen des Waldschrats. Mit aller Kraft trat sie gegen die Weidenruten und zerrte am Lederriemen. Sie tastete den Boden ab und steckte ihre Finger suchend durch die Gitterstäbe. Plötzlich stieß sie auf etwas Hartes. Auf Knien rutsche sie näher an das Gitter heran, streckte sich, verbog sich das Handgelenk und biss sich vor Anstrengung auf die Lippen. Dann war es ihr gelungen und sie hatte einen spitzen, scharfkantigen Stein in den Käfig gezogen. Mit Ihrer ganzen Kraft ratschte sie den Stein über zwei Weidenstäbe des Käfigs. Es war sehr anstrengend und Winnie kam aus der Puste, aber der Stein rieb die Rinde der Weide auf und die Stäbe bekamen einen Knick. Winnie drückte sich gegen die eine Seite des Käfigs und stemmte beide Beine so fest sie konnte gegen die geknickte Stelle. Endlich brachen die Zweige auseinander. Es war eng, aber Winnie schaffte es, sich durch das Loch zu zwängen und sich so zu befreien.
Schwer atmend, aber unbemerkt von Wichteln und Waldschrat schlich sie an die Eiche heran. Hier aus der Nähe sah der Bösewicht noch viel angsteinflößender aus. Aber er war so damit beschäftigt, tief in den Lagerkeller hinunterzugreifen und alle Wintervorräte zu ergattern, dass er nicht darauf achtete, was um ihn herum geschah. Er achtete nicht auf die verzweifelt davon stürmenden Wichtel. Er achtete nicht darauf, wie er den Waldboden mit seinen dicken Knien niederdrückte und die Bewohner in die Enge trieb. Und er achtete auch nicht darauf, dass gleich neben ihm, direkt an der großen Wurzel, ein Wichtelmädchen durch den Geheimgang zurück in den Lagerkeller lief!
Winnie stolperte über die kreuz und quer kullernden Eicheln, fiel hin und schlug sich das Knie auf. Beim Aufstehen stieß sie mit dem Kopf an die Decke und bemerkte, dass es der Arm des Diebes war, der von oben in den Keller ragte. Sofort rammte das tapfere Wichtelmädchen ihm ihren Stein, den sie aus dem Käfig mitgenommen hatte, in die Haut. „Auuu!“ brüllte der Unhold und zuckte ein wenig. Winnie drückte sich an der Wand an dem haarigen Ungeheuer vorbei und schaffte es aus der Lagertüre in den Vorraum der Waffenhalle zu schlüpfen. Hier war es etwas heller und die Speere an den Wänden waren deutlich zu erkennen. Sie lief daran vorbei und stürmte die Treppen nach oben in die Küche. Der Koch und seine Küchenjungen kauerten hinter dem Geschirrschrank.
„Ihr müsst mir helfen!“ rief Winnie schon von der Türe aus. „Wir müssen diese Bestie vertreiben!“ Der Koch lugte um die Ecke und seine rote Nase leuchtete wie ein polierter Kürbis. Zitternd und mit weichen Knien krochen die drei hinter dem Küchenschrank hervor. „Wie stellst du dir das vor?“ Sogar die Stimme des dicken Kochs klang ängstlich: „Das ist doch ein Riese und wir sind hier nur zu dritt!“ Auch einer der Küchenjungen war wohl dieser Meinung, denn er lugte hinter dem Rücken des Kochs hervor und nickte eifrig.
„Seid nicht so ängstlich!“ rief Winnie streng. „Wie du schon sagst – Ihr seid drei und mit mir sind wir schon zu viert und der Waldschrat ist allein! Zusammen schaffen wir das!“ Ermutigt durch Winnies Tapferkeit ließen sich der Koch und die beiden Jungen von ihrem Kampfgeist anstecken und gemeinsam trugen sie schnell das ganze Feuerholz vom Herd zum Fenster.
Draußen lag immer noch der Waldschrat auf den Knien und grub mit seiner groben Hand im Inneren des Baumes. Der Boden wackelte und das Stöhnen der Eiche klang schauerlich durch die Nacht. Winnie sprang zur Tür, sah sich noch einmal um und erteilte den Befehl: „Ihr haltet Euch hier bereit! Sobald ich pfeife, werft ihr die Holzscheite aus dem Fenster auf den Waldschrat! Zielt gut und werft fest und schnell!“
Dann rannte sie die Treppe hinunter in die Waffenkammer und riss dort die Speere von den Wänden. Unter jedem Arm so viele Speere wie sie nur tragen konnte, lief sie hinüber in den Lagerraum. Dort stellte sie sich breitbeinig hin, nahm einen Speer fest in jede Hand und pfiff durchdringend durch die Zähne.
Der feine Ton drang schmerzhaft in die Ohren des Übeltäters. „Aua! Oh, was hat mich denn da gebissen?! Aua!“ jaulte der Bösewicht und versuchte seine Hand aus dem Baum zu ziehen, um sie sich auf seine Ohren zu halten. Aber Winnie hatte bereits den ersten Speer mit aller Kraft in seinen dicken Arm geschleudert und dort war er stecken geblieben. Der Dieb zog und zerrte, aber jetzt steckte er fest. Immer mehr Speere warf Winnie in vollem Schwung und so konnte er nicht entfliehen.
Oben in der Küche hatte der Pfiff auch den Koch und seine Küchenwichtel aufgeschreckt.
„Los, los, Kinderchen, werft, werft!“ rief der Koch und fuchtelte ungestüm mit seinem Kochlöffel. Die kleinen Helfer taten wir ihnen geheißen und warfen mit vereinten Kräften die Holzscheite aus dem Fenster. „Uuhuuu!“ heulte und jammerte der Waldschrat, „Au, au, au!“ Das Holz traf ihn schmerzhaft am Kopf und auf den Schultern. Sein Arm mit den Speeren darin brannte und in seinen Ohren klang immer noch dieser fürchterlich hohe Pfiff.
Die Wichtel, die sich in Sicherheit bringen wollten, hielten im Laufen inne und sahen sich um. Da huschte doch etwas durch das Moos? Es war Winnie. Sie hatte alle Speere in den Arm des Riesen geworfen und war nun wieder draußen. Aber sie flüchtete nicht! Nein, ganz im Gegenteil – sie lief direkt auf den Waldschrat zu und verschwand zwischen seinen großen Schuhen! Ach du Schreck! Hoffentlich wurde sie nicht zertreten! Der Waldschrat brüllte immer noch. Durch das Ziehen und Zerren hatte er es geschafft, dass die Speere abgebrochen waren und er seine Pranke aus dem Baum ziehen konnte. Sofort kam wieder Bewegung in die Wichtel. Der Unhold stand auf und drehte sich wütend um. Er hob ein Bein, als wolle er aufstampfen – da bremste ihn etwas und er schlug der Länge nach krachend auf den Waldboden.
Im ersten Moment herrschte absolute Stille.
Jeder Baum, jeder Strauch, sogar der Wind verharrte und jeder Wichtel hielt den Atem an.
Als ihnen die Luft schon knapp wurde bewegte sich der Bösewicht ein wenig. Stöhnend und ächzend kam er mit zitternden Gliedmaßen auf die Beine. Seine Augen waren weit aufgerissen und blickten verständnislos auf seine verknoteten Schnürsenkel. Unsicher bückte er sich hinunter, als erneut ein langer schriller Pfiff durch die Stille schnitt.
„Auuuu, Auuuuu, Auuuuuuuu!“ brüllte da der Waldschrat und hielt sich die großen Hände über die Ohren. Dann rappelte er sich mühsam auf und humpelte mit kleinen Schritten und laut jammernd in den dunklen Wald und die Nacht davon.
Ein Seufzer der Erleichterung wehte durch den Nebel und langsam kamen die Wichtel aus ihren Verstecken, oder drehten auf ihrem Weg um, zurück zur Eiche. Direkt vor dem Eingang zur Sammelhalle stand Winnie. „Wir haben es geschafft!“ strahlte sie und winkte den Küchenwichteln, die oben aus dem Fenster sahen. „Ohne dich hätten wir es nie gewagt uns gegen diesen Bösewicht zu wehren!“ riefen sie. Immer mehr kleine Waldbewohner umringten Winnie, schüttelten ihr die Hand oder klopften ihr anerkennend auf die Schulter.
„Was ist hier los?“ ertönte plötzlich die strenge Stimme des Lagermeisters. Er und seine Helfer kamen als Letzte zurück, denn sie waren am weitesten weggelaufen. Doch die Wichtel achteten nicht auf ihn. Sie hatten bemerkt, wie feige er in Wirklichkeit war!
Und wer einen Waldschrat in die Flucht schlagen konnte, der brauchte einen Lagermeister nicht zu fürchten! Sie waren stolz auf Winnie und froh, dass sie es geschafft hatte sie alle zu beschützen.
„Auf zur Königin!“ riefen sie, „Wir müssen ihr berichten was geschehen ist!“ Sie nahmen Winnie in ihre Mitte und fröhlich lachend marschierten sie, vorbei am verdutzen Lagermeister und seinen bösen Gesellen, in Richtung Schloss.
Die Königin kam ihnen schon ganz aufgeregt entgegen. „Oh welch ein Glück!“ rief sie, „Ihr seid alle am Leben!“ Die Schritte und das Gebrüll des Waldschrats waren bis in ihre Gemächer zu spüren gewesen und sie wollte sicher gehen, dass es allen gut ging.
Der Lagermeister indes, wollte sich vor der Königin nicht blamieren und war den Wichteln eilig hinterhergelaufen. Jetzt schob er die Gruppe unsanft beiseite, stellte sich breitbeinig vor die Königin und zeigte mit seinem Stock auf Winnie: „Sie hat den Waldschrat mit Nüssen beworfen, nur deshalb war er so wütend! Hätte ich nicht den Mut bewiesen, mich zwischen dieses ungeratene Kind und den Waldschrat zu stellen, wären wir alle ums Leben gekommen!“
Den Wichteln verschlug es die Sprache bei dieser frechen Lüge.
„Winnie“, sagte die Königin bedächtig, „so ein Benehmen ist nicht zu dulden.“ Sie vertraute allen Wichteln und stellte daher die Behauptung ihres Lagermeisters nicht in Frage.
„Du hast uns alle mit deinem Tun in große Gefahr gebracht. Alle werden lange und schwer arbeiten müssen, um die Schäden zu beheben, die der Waldschrat durch deine Schuld angerichtet hat. Dafür musst du, so leid es mir tut, bestraft werden.“ Winnie sah ungläubig zu ihrer Königin auf und ihr kamen die Tränen. Niemals zuvor hatte sie so mit ihr gesprochen.
Der Lagermeister grinste böse. Die Königin war traurig, dass durch Winnies Übermut so etwas Schreckliches passiert war und nahm auf ihrem roten Polstersessel Platz. Den hatten ihre erschrockenen und überraschten Hofwichtel hinter ihr hergetragen, als sie so schnell aus dem Schloss gelaufen war.
Plötzlich entstand Unruhe zwischen den immer noch sprachlosen Wichteln. Der Koch schwang seinen Kochlöffel in der Luft und stapfte laut schimpfend nach vorne.
„Da hört sich ja wohl alles auf, Frau Königin! So geht das doch nicht!“ Als er dann direkt vor ihr stand schien sein Mut zu schwinden. Die Königin sah ihn überrascht an und er stammelte leiser: „Na ja, ich meine, so war das doch gar nicht. Winnie, also Winnie war doch diejenige die den Waldschrat besiegt hat, und, und der da“, und er zeigte mit seinem Löffel zitternd auf den drohend dreinblickenden Aufseher, „der war doch die ganze Zeit nicht dabei.“
Und dann, ganz leise, so dass es nur die Königin hören konnte, flüsterte er: „Ich habe aus dem Küchenfenster genau gesehen, dass er sich hinter dem Holunderbusch versteckt hat.“ Als die Königin aufblickte und den Lagermeister fragend ansah, bekam der es mit der Angst zu tun und stürmte, gefolgt von seinen Helfern, davon. Da wusste die Königin, dass der böse Mann gelogen hatte.
Inzwischen hatten sich auch die anderen Wichtel von ihrem Schreck erholt und überschlugen sich mit ihren Erzählungen. Sie plapperten alle drauflos – vom schrecklichen Waldschrat und den verknoteten Schnürsenkeln, von Winnies Treffsicherheit und dem Weidenkäfig, den Holzscheiten, die aus dem Fenster flogen und so weiter und so weiter.
Die Königin hatte Mühe in dem ganzen Durcheinander alles mitzubekommen und nach einer Weile sagte sie: „Lasst uns alle ins Schloss gehen. Nach dieser Aufregung habt Ihr Euch alle eine Stärkung verdient!“
Fröhlich marschierten sie los und einige Wichtel halfen den Dienern mit dem schweren Polstersessel und wechselten sich mit dem Tragen ab. Denn heute hatten sie gelernt, dass man zusammen auch schwere Dinge schaffen kann.
Es wurde eine lange Nacht im Audienzzimmer der Königin. Sie ließ für ihre tapferen Wichtel Heublumentee und Wipfelhonigkekse bringen und sie erzählten und lachten und freuten sich, dass sie alles so gut überstanden hatten.
Und Winnie Wildfang durfte die ganze Zeit mit der Königin auf ihrem roten Polstersessel sitzen und bekam den größten und süßesten Wipfelhonigkeks von allen.
Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren, als die Magie noch durch die Wälder strich…
Der Hebst war ins Land gezogen und tauchte alles in ein Meer aus Farben. Das Laub raschelte unter den Füßen und ein milder Wind schubste die letzten bunten Blätter von den Bäumen. Die Pilze steckten ihre Köpfchen vorwitzig durch das feuchte Moos und ließen sich die Sonne auf die Kappen scheinen. Überall lagen Eicheln, Bucheckern und Kastanien.
Diese Jahreszeit war schön, brachte aber auch viel Arbeit für die vielen kleinen Waldbewohner. Die Sammelei der Baumfrüchte dauerte tagelang. Beim Kontrollgang durfte auch nicht nur eine Eichel oder Nuss gefunden werden, die nicht eingesammelt war, denn das bedeutete Strafarbeit! Und auch das Sortieren und Stapeln der Waldfrüchte war unendlich mühsam und langwierig. Es dauerte noch länger als das Sammeln. Dabei war es wichtig sehr genau aufzupassen, damit nicht aus Versehen etwas in den falschen Schacht geworfen wurde.
„Nur eine falsche Frucht verdirbt den Geschmack aller anderen! Wenn ihr nicht Hungers sterben wollt, dann denkt an meine Worte und seid achtsam!“ drohte der Lagermeister immer wieder. Er war furchteinflößend und seine Worte verbreiteten unter den Jungen und Mädchen tatsächlich die Angst zu verhungern. Also arbeiteten sie fleißig, auch jetzt, da sie gerade einmal unbeobachtet waren. Sie trugen Nüsse, Kastanien, Eicheln und Bucheckern zu den ausgehöhlten dicken Ästen und ließen sie hindurch in die Lagerkeller rutschen. Sie arbeiteten mit zusammengepressten Lippen, leise und mit ernstem Blick.
Nur ein Kind lachte bei der Arbeit. Es stand in mitten der Früchte auf dem Sammelplatz und warf sie von dort aus direkt in die Öffnungen. Die Augen des Kindes blitzten vor Freude auf, während es Nuss für Nuss in den Rohren versengte. Es warf mit einer derartigen Geschicklichkeit und Treffsicherheit, dass die Vermutung nahe lag es habe viel Übung. Die anderen kleinen Arbeiter duckten sich unter den Geschossen hinweg und mussten ein um das andere Mal fürchten dabei ihre eigene Last fallen zu lassen. Einige von ihnen zischten leise es solle aufhören, das sei gefährlich und überdies verboten! Aber bei anderen konnte man auch ein verstohlenes Lächeln und Bewunderung in ihren Augen erkennen. Plötzlich flog die Tür auf und der Lagermeister erschien mit seinem wehenden Mantel und dem großen langen Stock, den der auch sogleich heftig auf den Boden stieß. Ein gewaltiges Donnern erklang, die knorrigen Wände der Sammelhalle erzitterten und alle Kinder blieben wie angewurzelt stehen. Alle bis auf eines, das noch mitten im Wurf war und jauchzte, als die Haselnuss treffsicher in ihrem Ziel verschwand.
„Wildfang – wie kannst du es wagen!“ polterte der Großlagermeister. „Du hast keine Achtung vor den Gaben der Natur! Aber das wird sich nun ändern, wenn du erst ihre Kraft zu spüren bekommst!“ Zwei seiner Gefolgsleute hatten sich bereits in Bewegung gesetzt und packten Wildfang nun von links und rechts an den Armen. Der Lagermeister funkelte das Kind böse an, als es an ihm vorbei durch die Tür geschoben wurde und er diese dann mit einem gewaltigen Knall ins Schloss fallen ließ.
Blankes Entsetzen zeigte sich auf den Gesichtern der anderen Kinder aber keines getraute sich auch nur ein Wort zu sagen und so gingen sie wieder an die Arbeit unter dem gestrengen Blick ihres Aufsehers.
„Lasst mich los, ihr Taugenichtse! Ihr sollt mich runter lassen!“ Wildfang zappelte und strampelte so gut es ging, aber es war nicht möglich sich aus dem festen Griff der beiden Diener zu befreien. „Ich will zur Königin, hört Ihr? Ihr sollt mich gefälligst loslassen!“ Die beiden antworteten nicht sondern steckten Wildfang in einen Weidenkäfig, der draußen vor der Sammelhalle an einem dicken Baum stand. Sie schoben den Riegel vor, zurrten den Lederriemen fest und gingen zurück, ohne sich um das Geschrei zu kümmern.
Der Käfig war eigentlich für die Kobolde gedacht und daher viel zu klein. Das war der einzige Vorteil den es gegen die Kobolde gab, sie waren klein. Leider waren sie auch schlau, schnell, hinterhältig und stark. Aber aus diesen Käfigen konnten sie nicht ausbrechen. Diese Käfige waren aus extra dicken Weidenruten geflochten und sehr stabil. Niemand konnte aus diesen Käfigen ausbrechen, auch Wildfang nicht. Erschöpft und traurig rollte sich Wildfang auf dem Boden des Käfigs zusammen und schlief ein. Die freche rot-weiße Fliegenpilzkappe rutschte vom Kopf und gab den Blick frei auf ein spitzes Wichtelohr und einen langen schwarzen Zopf – Winnie Wildfang war ein Mädchen!
Als sie wach wurde brach bereits die Dämmerung herein. Winnie rieb sich die Augen. Sie versuchte sich zurecht zu finden und hieb dann sofort wieder auf die Weidengitter ein. Doch alles Rütteln und Rufen half nichts – die Tür blieb verriegelt und niemand kam um sie zu befreien. Sie setzte sich wieder auf den Boden und dachte nach, wie sie es versprochen hatte.
Die Nebel senkten sich auf den Waldboden und mit ihm unheimliche Schatten und Geräusche. Winnie Wildfang war nicht ängstlich, ganz im Gegenteil. Sie war ein mutiges kleines Wichtelmädchen, das sich schon wild entschlossen gegen die räuberischen Kobolde gestellt hatte. In den Raunächten half sie tapfer das Gemach der Königin vor den Wintergeistern zu bewachen, die in wilder Jagd durch den Wald preschten. Sie war sogar so mutig, dass es hin und wieder richtig gefährlich wurde. „Dummer, unvernünftiger Leichtsinn!“ schalten dann die Erwachsenen.
Nur die Königin war ihr immer wohlgesonnen, auch wenn sich wieder einmal jemand über Winnie beschwert hatte. Das letzte Mal hatte sie Winnie ernst angesehen und gesagt: „Du weißt - Übermut tut selten gut! Du musst endlich lernen, den Unterschied zwischen Mut und Übermut zu erkennen! Das ist wichtig, damit du nicht dich und wohlmöglich auch noch andere in Gefahr bringst! Erst wenn man gründlich über etwas nachgedacht hat, sollte man sich entscheiden mutig zu sein. Wenn man etwas tut, obwohl man genau weiß, was passieren kann, ist man vorsichtiger und handelt überlegter. Nur dann ist es gut mutig zu sein! Hast du das verstanden, Winnie?“
Winnie hatte ganz beschämt auf ihre Füße geschaut, denn sie traute sich nicht, der Königin ins Gesicht zu sehen. Winnie mochte ihre Königin sehr, sehr gern und es tat ihr wirklich leid, wenn sie ihr Ärger machte.
Doch dann hatte ihr die Königin liebevoll über den Kopf gestreichelt und lächelnd gesagt: „Du machst deinem Namen wirklich alle Ehre, mein kleiner Wildfang!“, und Winnie wusste, dass sie ihr nicht böse war. Winnie nahm sich fest vor, sich in Zukunft vernünftig zu benehmen und nachzudenken bevor sie mutig sein wollte. Das mit dem vernünftig sein hatte heute nicht ganz so gut geklappt, musste sie zugeben. Aber nachdenken, das ging, dafür war hier im Käfig Zeit genug.
Als der Nebel so dicht wurde, dass kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen war, ließ sich plötzlich ein deutliches Knacken vernehmen. Das Wichtelmädchen wollte erst rufen, dass es Hilfe brauche, spitzte dann aber die Ohren noch ein wenig mehr und wagte kaum zu atmen. Das Knacken wiederholte sich und wurde lauter. Es klang nach schweren, ungelenken Schritten. Ganz anders als die leichten, flüchtigen Bewegungen der Wichtel. Auch anders als der watschelnde Gang der Kobolde. Das, was da auf den Baum zukam, hinter dem der Weidenkäfig stand, war größer. Viel größer! Die Schatten verdichteten sich und Winne konnte erkennen, dass es der Waldschrat war, der das zarte Moos vor dem Eingang zur Sammelhalle zertrat. Mit beiden Pranken packte er die große Eiche und schüttelte sie so kräftig, dass sie vor Schmerzen ächzte. Dann bückte er sich hinunter zum Eingang am Fuße des Stamms und schob seine gewaltige Hand hinein in die Sammelhalle. Die Schreie der Wichtel und das Bersten der Holztüren waren weithin zu hören. Links und rechts neben dem Waldschrat klappten die Geheimtüren im Moosboden und in den Wurzeln der alten Eiche auf. Die Wichtel huschten heraus und liefen so schnell sie konnten, um dem bösartigen Übeltäter zu entkommen.
Winnie fand Ihre Stimme wieder und rief, es möge sie jemand befreien, jemand solle Ihren Käfig aufsperren und sie herauslassen. Aber in diesem Durcheinander war nichts anderes zu vernehmen als das tiefe, grausige Brummen des Waldschrats. Mit aller Kraft trat sie gegen die Weidenruten und zerrte am Lederriemen. Sie tastete den Boden ab und steckte ihre Finger suchend durch die Gitterstäbe. Plötzlich stieß sie auf etwas Hartes. Auf Knien rutsche sie näher an das Gitter heran, streckte sich, verbog sich das Handgelenk und biss sich vor Anstrengung auf die Lippen. Dann war es ihr gelungen und sie hatte einen spitzen, scharfkantigen Stein in den Käfig gezogen. Mit Ihrer ganzen Kraft ratschte sie den Stein über zwei Weidenstäbe des Käfigs. Es war sehr anstrengend und Winnie kam aus der Puste, aber der Stein rieb die Rinde der Weide auf und die Stäbe bekamen einen Knick. Winnie drückte sich gegen die eine Seite des Käfigs und stemmte beide Beine so fest sie konnte gegen die geknickte Stelle. Endlich brachen die Zweige auseinander. Es war eng, aber Winnie schaffte es, sich durch das Loch zu zwängen und sich so zu befreien.
Schwer atmend, aber unbemerkt von Wichteln und Waldschrat schlich sie an die Eiche heran. Hier aus der Nähe sah der Bösewicht noch viel angsteinflößender aus. Aber er war so damit beschäftigt, tief in den Lagerkeller hinunterzugreifen und alle Wintervorräte zu ergattern, dass er nicht darauf achtete, was um ihn herum geschah. Er achtete nicht auf die verzweifelt davon stürmenden Wichtel. Er achtete nicht darauf, wie er den Waldboden mit seinen dicken Knien niederdrückte und die Bewohner in die Enge trieb. Und er achtete auch nicht darauf, dass gleich neben ihm, direkt an der großen Wurzel, ein Wichtelmädchen durch den Geheimgang zurück in den Lagerkeller lief!
Winnie stolperte über die kreuz und quer kullernden Eicheln, fiel hin und schlug sich das Knie auf. Beim Aufstehen stieß sie mit dem Kopf an die Decke und bemerkte, dass es der Arm des Diebes war, der von oben in den Keller ragte. Sofort rammte das tapfere Wichtelmädchen ihm ihren Stein, den sie aus dem Käfig mitgenommen hatte, in die Haut. „Auuu!“ brüllte der Unhold und zuckte ein wenig. Winnie drückte sich an der Wand an dem haarigen Ungeheuer vorbei und schaffte es aus der Lagertüre in den Vorraum der Waffenhalle zu schlüpfen. Hier war es etwas heller und die Speere an den Wänden waren deutlich zu erkennen. Sie lief daran vorbei und stürmte die Treppen nach oben in die Küche. Der Koch und seine Küchenjungen kauerten hinter dem Geschirrschrank.
„Ihr müsst mir helfen!“ rief Winnie schon von der Türe aus. „Wir müssen diese Bestie vertreiben!“ Der Koch lugte um die Ecke und seine rote Nase leuchtete wie ein polierter Kürbis. Zitternd und mit weichen Knien krochen die drei hinter dem Küchenschrank hervor. „Wie stellst du dir das vor?“ Sogar die Stimme des dicken Kochs klang ängstlich: „Das ist doch ein Riese und wir sind hier nur zu dritt!“ Auch einer der Küchenjungen war wohl dieser Meinung, denn er lugte hinter dem Rücken des Kochs hervor und nickte eifrig.
„Seid nicht so ängstlich!“ rief Winnie streng. „Wie du schon sagst – Ihr seid drei und mit mir sind wir schon zu viert und der Waldschrat ist allein! Zusammen schaffen wir das!“ Ermutigt durch Winnies Tapferkeit ließen sich der Koch und die beiden Jungen von ihrem Kampfgeist anstecken und gemeinsam trugen sie schnell das ganze Feuerholz vom Herd zum Fenster.
Draußen lag immer noch der Waldschrat auf den Knien und grub mit seiner groben Hand im Inneren des Baumes. Der Boden wackelte und das Stöhnen der Eiche klang schauerlich durch die Nacht. Winnie sprang zur Tür, sah sich noch einmal um und erteilte den Befehl: „Ihr haltet Euch hier bereit! Sobald ich pfeife, werft ihr die Holzscheite aus dem Fenster auf den Waldschrat! Zielt gut und werft fest und schnell!“
Dann rannte sie die Treppe hinunter in die Waffenkammer und riss dort die Speere von den Wänden. Unter jedem Arm so viele Speere wie sie nur tragen konnte, lief sie hinüber in den Lagerraum. Dort stellte sie sich breitbeinig hin, nahm einen Speer fest in jede Hand und pfiff durchdringend durch die Zähne.
Der feine Ton drang schmerzhaft in die Ohren des Übeltäters. „Aua! Oh, was hat mich denn da gebissen?! Aua!“ jaulte der Bösewicht und versuchte seine Hand aus dem Baum zu ziehen, um sie sich auf seine Ohren zu halten. Aber Winnie hatte bereits den ersten Speer mit aller Kraft in seinen dicken Arm geschleudert und dort war er stecken geblieben. Der Dieb zog und zerrte, aber jetzt steckte er fest. Immer mehr Speere warf Winnie in vollem Schwung und so konnte er nicht entfliehen.
Oben in der Küche hatte der Pfiff auch den Koch und seine Küchenwichtel aufgeschreckt.
„Los, los, Kinderchen, werft, werft!“ rief der Koch und fuchtelte ungestüm mit seinem Kochlöffel. Die kleinen Helfer taten wir ihnen geheißen und warfen mit vereinten Kräften die Holzscheite aus dem Fenster. „Uuhuuu!“ heulte und jammerte der Waldschrat, „Au, au, au!“ Das Holz traf ihn schmerzhaft am Kopf und auf den Schultern. Sein Arm mit den Speeren darin brannte und in seinen Ohren klang immer noch dieser fürchterlich hohe Pfiff.
Die Wichtel, die sich in Sicherheit bringen wollten, hielten im Laufen inne und sahen sich um. Da huschte doch etwas durch das Moos? Es war Winnie. Sie hatte alle Speere in den Arm des Riesen geworfen und war nun wieder draußen. Aber sie flüchtete nicht! Nein, ganz im Gegenteil – sie lief direkt auf den Waldschrat zu und verschwand zwischen seinen großen Schuhen! Ach du Schreck! Hoffentlich wurde sie nicht zertreten! Der Waldschrat brüllte immer noch. Durch das Ziehen und Zerren hatte er es geschafft, dass die Speere abgebrochen waren und er seine Pranke aus dem Baum ziehen konnte. Sofort kam wieder Bewegung in die Wichtel. Der Unhold stand auf und drehte sich wütend um. Er hob ein Bein, als wolle er aufstampfen – da bremste ihn etwas und er schlug der Länge nach krachend auf den Waldboden.
Im ersten Moment herrschte absolute Stille.
Jeder Baum, jeder Strauch, sogar der Wind verharrte und jeder Wichtel hielt den Atem an.
Als ihnen die Luft schon knapp wurde bewegte sich der Bösewicht ein wenig. Stöhnend und ächzend kam er mit zitternden Gliedmaßen auf die Beine. Seine Augen waren weit aufgerissen und blickten verständnislos auf seine verknoteten Schnürsenkel. Unsicher bückte er sich hinunter, als erneut ein langer schriller Pfiff durch die Stille schnitt.
„Auuuu, Auuuuu, Auuuuuuuu!“ brüllte da der Waldschrat und hielt sich die großen Hände über die Ohren. Dann rappelte er sich mühsam auf und humpelte mit kleinen Schritten und laut jammernd in den dunklen Wald und die Nacht davon.
Ein Seufzer der Erleichterung wehte durch den Nebel und langsam kamen die Wichtel aus ihren Verstecken, oder drehten auf ihrem Weg um, zurück zur Eiche. Direkt vor dem Eingang zur Sammelhalle stand Winnie. „Wir haben es geschafft!“ strahlte sie und winkte den Küchenwichteln, die oben aus dem Fenster sahen. „Ohne dich hätten wir es nie gewagt uns gegen diesen Bösewicht zu wehren!“ riefen sie. Immer mehr kleine Waldbewohner umringten Winnie, schüttelten ihr die Hand oder klopften ihr anerkennend auf die Schulter.
„Was ist hier los?“ ertönte plötzlich die strenge Stimme des Lagermeisters. Er und seine Helfer kamen als Letzte zurück, denn sie waren am weitesten weggelaufen. Doch die Wichtel achteten nicht auf ihn. Sie hatten bemerkt, wie feige er in Wirklichkeit war!
Und wer einen Waldschrat in die Flucht schlagen konnte, der brauchte einen Lagermeister nicht zu fürchten! Sie waren stolz auf Winnie und froh, dass sie es geschafft hatte sie alle zu beschützen.
„Auf zur Königin!“ riefen sie, „Wir müssen ihr berichten was geschehen ist!“ Sie nahmen Winnie in ihre Mitte und fröhlich lachend marschierten sie, vorbei am verdutzen Lagermeister und seinen bösen Gesellen, in Richtung Schloss.
Die Königin kam ihnen schon ganz aufgeregt entgegen. „Oh welch ein Glück!“ rief sie, „Ihr seid alle am Leben!“ Die Schritte und das Gebrüll des Waldschrats waren bis in ihre Gemächer zu spüren gewesen und sie wollte sicher gehen, dass es allen gut ging.
Der Lagermeister indes, wollte sich vor der Königin nicht blamieren und war den Wichteln eilig hinterhergelaufen. Jetzt schob er die Gruppe unsanft beiseite, stellte sich breitbeinig vor die Königin und zeigte mit seinem Stock auf Winnie: „Sie hat den Waldschrat mit Nüssen beworfen, nur deshalb war er so wütend! Hätte ich nicht den Mut bewiesen, mich zwischen dieses ungeratene Kind und den Waldschrat zu stellen, wären wir alle ums Leben gekommen!“
Den Wichteln verschlug es die Sprache bei dieser frechen Lüge.
„Winnie“, sagte die Königin bedächtig, „so ein Benehmen ist nicht zu dulden.“ Sie vertraute allen Wichteln und stellte daher die Behauptung ihres Lagermeisters nicht in Frage.
„Du hast uns alle mit deinem Tun in große Gefahr gebracht. Alle werden lange und schwer arbeiten müssen, um die Schäden zu beheben, die der Waldschrat durch deine Schuld angerichtet hat. Dafür musst du, so leid es mir tut, bestraft werden.“ Winnie sah ungläubig zu ihrer Königin auf und ihr kamen die Tränen. Niemals zuvor hatte sie so mit ihr gesprochen.
Der Lagermeister grinste böse. Die Königin war traurig, dass durch Winnies Übermut so etwas Schreckliches passiert war und nahm auf ihrem roten Polstersessel Platz. Den hatten ihre erschrockenen und überraschten Hofwichtel hinter ihr hergetragen, als sie so schnell aus dem Schloss gelaufen war.
Plötzlich entstand Unruhe zwischen den immer noch sprachlosen Wichteln. Der Koch schwang seinen Kochlöffel in der Luft und stapfte laut schimpfend nach vorne.
„Da hört sich ja wohl alles auf, Frau Königin! So geht das doch nicht!“ Als er dann direkt vor ihr stand schien sein Mut zu schwinden. Die Königin sah ihn überrascht an und er stammelte leiser: „Na ja, ich meine, so war das doch gar nicht. Winnie, also Winnie war doch diejenige die den Waldschrat besiegt hat, und, und der da“, und er zeigte mit seinem Löffel zitternd auf den drohend dreinblickenden Aufseher, „der war doch die ganze Zeit nicht dabei.“
Und dann, ganz leise, so dass es nur die Königin hören konnte, flüsterte er: „Ich habe aus dem Küchenfenster genau gesehen, dass er sich hinter dem Holunderbusch versteckt hat.“ Als die Königin aufblickte und den Lagermeister fragend ansah, bekam der es mit der Angst zu tun und stürmte, gefolgt von seinen Helfern, davon. Da wusste die Königin, dass der böse Mann gelogen hatte.
Inzwischen hatten sich auch die anderen Wichtel von ihrem Schreck erholt und überschlugen sich mit ihren Erzählungen. Sie plapperten alle drauflos – vom schrecklichen Waldschrat und den verknoteten Schnürsenkeln, von Winnies Treffsicherheit und dem Weidenkäfig, den Holzscheiten, die aus dem Fenster flogen und so weiter und so weiter.
Die Königin hatte Mühe in dem ganzen Durcheinander alles mitzubekommen und nach einer Weile sagte sie: „Lasst uns alle ins Schloss gehen. Nach dieser Aufregung habt Ihr Euch alle eine Stärkung verdient!“
Fröhlich marschierten sie los und einige Wichtel halfen den Dienern mit dem schweren Polstersessel und wechselten sich mit dem Tragen ab. Denn heute hatten sie gelernt, dass man zusammen auch schwere Dinge schaffen kann.
Es wurde eine lange Nacht im Audienzzimmer der Königin. Sie ließ für ihre tapferen Wichtel Heublumentee und Wipfelhonigkekse bringen und sie erzählten und lachten und freuten sich, dass sie alles so gut überstanden hatten.
Und Winnie Wildfang durfte die ganze Zeit mit der Königin auf ihrem roten Polstersessel sitzen und bekam den größten und süßesten Wipfelhonigkeks von allen.