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Leselupe.de > Horror und Psycho
80%
Eingestellt am 06. 10. 2004 16:03


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brain
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„Hang my head, drown my fear,
┬┤till you all just disappear!”

Soundgarden

Auf die eine oder andere Weise wird es enden, hier und heute.
Nach langem Ringen mit mir selbst, habe ich mich dazu entschlossen, den Schlussstrich zu ziehen, denn ich habe das Ende gesehen. Das Ende der Kette vieler miteinander verwobener Missverst├Ąndnisse und Gewissheiten, die mich stetig nach unten gezerrt hat, in die Tiefe, aus welcher es kein Entrinnen gibt. Merkw├╝rdig, dass gerade diese Kette mich seit je her fasziniert und zum Nachsinnen angeregt hat, obgleich sie die zerst├Ârerischste Untiefe menschlichen Ermessens ist, chronisch um sich greifend wie eine unheilbare Krankheit, deutlich sp├╝rbar, jedoch gleichzeitig unfassbar und folglich zwingend existent, wie die Seele eines jeden vergebens hoffenden Menschen. Doch ich schweife ab.
Es ist nicht meine Absicht, mich in unbedeutende Details zu verlieren...

+

„Was h├Ąltst du von...,Vivian┬┤?“
„Mhhh“, meinte er schmunzelnd und lie├č den Namen durch seine grauen Zellen wandern. „Klingt nicht schlecht.“
„Klingt nicht schlecht?“, rief sie emp├Ârt belustigt, „das klingt gro├čartig.“
„Wir haben doch noch Zeit, mehr als genug.“ Er streichelte ihre Stirn, spielte mit ihrem Pony und k├╝sste sie. Dann streichelte er ihren kleinen, kugelrunden Bauch.
„Ja, wir haben noch“, kicherte sie „...Zeit, aber...wer wei├č, was morgen ist? Vielleicht...“
„Nein, nein, nein, keine Schwarzmalerei. Lass uns wei├č sehen, ja?“
Sie schien es sich kurz zu ├╝berlegen und nickte dann l├Ąchelnd.

+

„Kommen sie nicht n├Ąher. Ich schw├Âre bei Gott, ich werde springen. Ich meine es ernst.“
„Ich bleibe hier stehen, OK? Ich will nur mit ihnen reden.“
„Wenn sie n├Ąher kommen, machen sie alles nur noch schlimmer. Ich...“
„Wie ist ihr Name?“
Der Angesprochene stutzte, dachte kurz nach und sagte stockend und widerwillig: „Montgomery. Meine Freunde...haben mich Monty genannt.“
„Haben sie so genannt?“
„Sie...sind tot.“ Ein gequ├Ąltes Grinsen, das in dieser Situation absto├čend und unpassend wirkte. „So tot, wie ich bald sein werde.“
Dieses Grinsen brachte Jerry fast aus der Fassung. So was hatte er noch nicht erlebt.
Der Mann, Monty, der in verzweifelter Haltung gekr├╝mmt vor ihm stand, kam ihm nicht unbedingt wie jemand vor, der sich freiwillig dazu entschlossen hatte auf den Sims des Daches zu steigen. Vielmehr schien er gefangen zu sein in einer Abfolge aus Bewegungen und Emotionen, fast wie eine Marionette, die sich ihrer F├Ąden halb bewusst war und die Hoffnung aufgegeben hatte, jemals eine Schere zu finden um sich ihrer zu entledigen.
In der Ferne braute sich ein Gewitter zusammen. Die Luft war erf├╝llt von Elektrizit├Ąt und es schien beinahe so, als h├Ątte die Welt den Atem angehalten um dem Schauspiel folgen zu k├Ânnen, das sich auf dem Dach des Peoria-Buildings abspielte, das dreiundzwanzig Stockwerke der Wolken zerkratzte.
„Ich will nur reden.“
Jerry tastete sich langsam vor. Jedes Wort musste gut ├╝berlegt sein.
Die Luft war Gemisch aus Feuchtigkeit und Hitze. Sommerwind.
„Ich habe gesagt, dass sie bleiben sollen, wo sie sind. Es ist...ich glaube ich bin ansteckend.“ Seine Augen schimmerten vor Tr├Ąnen. Er sah aus, wie jemand, der etwas wusste, das ihm das Weiterleben unm├Âglich machte, ohne jedoch den Willen leben zu wollen verloren zu haben, als m├╝sste jeden Moment die Welt untergehen und als w├Ąre der Tod die einzige M├Âglichkeit einem noch grausameren Schicksal zu entgehen.
Blitze durchzuckten den fernen, sich n├Ąhernden Horizont. Dumpfes Wetterleuchten, das auf sie zu trieb, sich vorw├Ąrts schob und die Luft auflud.

+

„Hey, S├╝├če.“
„Was denn...ist was...“. Sie g├Ąhnte lange und ausgiebig und sah aus wie ein Engel, der sich in der Bettdecke verfangen hatte. „...ist was passiert?“
Sie konnte kaum die Augen offen halten, als er sich ├╝ber sie beugte und sie k├╝sste.
„Unfall auf der Interstate. Vaughan hat mich angepiept. Sie brauchen jeden Mann.“
„Nein, nein...“, g├Ąhnte sie ihm schlaftrunken entgegen. „Ich brauche...meinen Mann...hier.“
Sie klopfte halbherzig auf seine Bettseite, die noch ganz warm war. Er l├Ąchelte. „Schlaf wieder ein, S├╝├če. Zum Fr├╝hst├╝ck bin ich wieder da.“
Er k├╝sste sie auf die Stirn.
„Versprochen.“ Ohne die Augen zu ├Âffnen, w├Ąlzte sie ihren auf dem Kissen ruhenden Kopf benommen hin und her. Ein deutliches Zeichen daf├╝r, dass Madame ganz und gar nicht einverstanden war, mit dem was vor sich ging. Ihre Stirn lag in Falten.
„Du kannst nicht Jeden retten...du kannst nicht...“ und da schlief sie auch schon wieder.
Er fragte sich, ob das Kind, das sie in gut f├╝nf Monaten zur Welt bringen w├╝rde, ebenfalls schlief und tr├Ąumte. Z├Ąrtlich strich er ihr ├╝ber die Stirn.
Dann verlie├č er die Wohnung.

+

Jerry kannte die Prozedur, die sich hier abspielte.
Alles was er jetzt brauchte war Zeit.
Er hatte mehrere Verhaltensstrategien in der Hinterhand, die er an den richtigen Stellen auszuspielen gedachte, doch auch wenn er auf dem Gebiet der Notfallseelsorge ein Spezialist war, so war er sich dennoch bewusst einen Eiertanz vor sich zu haben, einen Drahtseilakt, bei dem es kein Netz und keinen doppelten Boden gab.
Nichts war so unumkehrbar und endg├╝ltig, wie der Entschluss eines Menschen sich das Leben zu nehmen.
In der Theorie nannte man den Weg zu dieser Entscheidung das pr├Ąsuizidale Syndrom, das sich in drei Phasen abspielte. In der ersten Phase spukte einem der Gedanke sich t├Âten zu k├Ânnen, f├╝r den Fall in einem Konflikt unterlegen zu sein, als eine Art Notausgang im Kopf herum. Die zweite Phase verfestigte die Todessehnsucht, bis sie den ├ťberlebenstrieb niedergerungen hatte. Zu guter Letzt blieb schlie├člich nur noch die Frage, wann es geschah.
Jerry war diesem Syndrom selbst beinahe unterlegen, doch es war eigentlich, bis auf dieses eine Mal, immer eine Frage der Antriebslosigkeit geblieben. Seitdem hatte er jedem potentiellen Selbstm├Ârder ansehen k├Ânnen, wie weit dieser innerhalb der pr├Ąsuizidalen Verhaltenskette vorangeschritten war, hatte ein Bauchgef├╝hl entwickelt, doch in diesem Fall war er ratlos.
Der Mann, der vor ihm auf dem Sims stand, hatte mit Jerrys Bauch nichts zu schaffen.
Er schien sich keinesfalls sicher zu sein, dass das was er tat richtig oder notwendig war, vielmehr spiegelte sich in seiner Mimik und Gestik ein Zwiespalt zwischen dem was geschah und dem was m├Âglicherweise in ihm vorging.
Dieser Mann wollte leben, doch nicht um jeden Preis.
„Es pflanzt sich fort...in den K├Âpfen der Menschen...“, sagte er mit abwesender Stimme.
Und dann kippte er einfach nach vorne.
Er fiel sehr lange.

+

„Dr. Collier auf Station vier. Dr. Collier...“
Er beschleunigte seinen Schritt. Vaughan, der Assistenzarzt, kam ihm bereits entgegen. „Da sind sie ja. Tut mir leid, dass ich sie aus dem Bett holen musste, aber Stuart ist in Montreal und Fester...“ „Schon gut. Wie sieht┬┤s aus?“ „Vier Schwerverletzte. Eine Frau, ihr Mann und die Kinder. Mehrere Frakturen, eine Gehirnersch├╝tterung. Das ging alles so verdammt schnell, ich...ist alles noch ziemlich chaotisch hier, hat uns voll ├╝berrumpelt.“ Er r├Ąusperte sich und suchte nach seiner Fassung, die er anscheinend irgendwo in der N├Ąhe des Kaffeeautomaten verloren hatte, bei dem Versuch die M├╝digkeit mit Hilfe von Koffein zu vertreiben. Bereitschaftsdienst konnte eine richtige Tortur sein. Erst geschah gar nichts und dann alles auf einmal, als w├╝rden sich die Unfallopfer absprechen, mit Uhrenvergleich und allem Drum und Dran. „Also...auf der F├╝nf liegt die Mutter. Sie hat innere Blutungen, sieht echt nich gut aus. Au├čerdem ne Schnittwunde am rechten Oberschenkel. Die Jungs von der Feuerwehr haben sie verletzt, als sie sie aus dem Fahrzeug schneiden wollten. Sie liegt im Koma. Die anderen...“, er machte eine ausladende Handbewegung. „Wir haben sie auf der ganzen Etage verteilt. Wir...“ Er fuhr sich durch die Haare und machte einen sichtlich gestressten Eindruck. Collier nickte einfach. „Auf.“ Sein Blick war ernst und gefasst. „Gehen wir┬┤s an.“

+

„Wie w├Ąr’s mit...,Lucy┬┤?“
Mina schmunzelte, wie ├╝ber einen gelungenen Scherz.
„Schatz...wir haben...“
„Schhh“, ihr Finger legte sich auf seine Lippen und lie├č ihn schweigen, „...ich wei├č!“




+

Es dauerte ganze zwei Stunden um die Situation in den Griff zu bekommen und Collier war einigerma├čen zufrieden mit seiner Arbeit. Der Frau, die im Koma lag, h├Ątten sie wegen eines Blutstaus fast das Bein amputieren m├╝ssen, was sich jedoch gl├╝cklicherweise verhindern lie├č.
Bei den Kindern, zwei Jungs im Vorschulalter, war die Sache besonders heikel gewesen, aber das hatte weniger etwas mit ihren Verletzungen als vielmehr mit dem behandelnden Arzt zu tun. Bei einem Notruf, tat man sein Bestes, sein Menschenm├Âglichstes, um zu retten, was zu retten war, doch wenn es sich auch noch um ein Kind handelte, dann waren alle Beteiligten ganz besonders engagiert. Patienten starben, das war in manchen F├Ąllen unabwendbar und wie Mina ihm immer wieder predigte: er konnte nicht jeden retten, doch der Tod eines Kindes hatte f├╝r Collier und die meisten anderen Betroffenen eine ganz eigene, grausame Dimension.
Mit einem Kind starb eine ganze Welt, die es nie w├╝rde erbauen und die niemals jemand w├╝rde sehen oder erleben k├Ânnen.
Diesmal war noch einmal alles soweit gut gegangen, alle Herzen schlugen noch und der Doc und der Kerl von der Bereitschaft, Ted war sein Name, trafen sich am Kaffeeautomat wieder, als die Hektik der lautlosen Panik gewichen war, oder wie Mina es nannte, das „Gef├╝hl des Wartens auf die Genesung“.
Gerade als sich die Situation wieder beruhigt hatte, brach der zweite Sturm los und diesmal drohte er die Nervenschiffe kentern zu lassen.
Die Nachricht einer Massenkarambolage rauschte durch den ├äther des Krankenhausfunks. Als Dr. Collier die notd├╝rftigen, hektischen Beschreibungen des Unfallszenarios vernahm, w├Ąhnte er sich in einer Kriegsreportage und das Irrsingerweise direkt vor seiner Haust├╝r, in der N├Ąhe der Prosperity, dem Einkaufscenter von Harmsville.
├ťber zwanzig Personenkraftwagen, ein vollbesetzter Doppeldeckerbus, zwei Motorradfahrer, ein Geisterfahrer. Ein buntes Gemisch verbogenen Stahls und gebrochener Knochen. Von mehreren Toten war die Rede.
So viel zur Theorie.
Die Stationst├╝ren flogen auf und Bahre f├╝r Bahre wurde hineingerollt. Hartgesottene Notarztaugen blickten verst├Ârt und entsetzt umher.
Die Realit├Ąt ├╝bertraf die Schrecken des Funkspruches bei Weitem.
So viel zur Praxis.

+

„Also...da war dieser Kerl...“
„Welcher Kerl?“
„Na, der den sie aus dem Fluss gezogen haben, letzten Sommer.“
„Mhhh...welcher von denen?“
„Der mit der Kojakfrisur.“
„Ach, der Kerl.“
„Ja. Also, da war er halt und...“
Harp sch├╝ttelte den Kopf. „...Mann, der sah schlimm aus!“
„Ja, das ist wahr, echt ├╝bel“, pflichtete Jerry ihm bei. „Schlimmer als der, der von der Br├╝cke gesprungen ist.“
„Ja, eben so aufgequollen und die Fische hatten ihm ein Auge rausgelutschtundso.“Er machte eine andeutende Handbewegung vor seinem Auge und einschleimiges und ploppendes Ger├Ąusch.
Jerry sch├╝ttelte sich angewidert. „Is ja eklig.“
„Mann...“, Kopfsch├╝tteln, „...der wollte auf Nummer sicher gehen. Hatte so einen Overall an, mit vielen Taschen und so. Die hat er dann gef├╝llt. Mit Bleikugeln. Ich wei├č nicht wie viele es waren, aber es muss mehr als gereicht haben.“ Hier baute er immer eine bedeutungsvolle Pause ein.
„Er ist an der Br├╝cke ins Wasser gesprungen, wo der Fluss die Grenze von Chester und Harmsville ist und er ist genau da gefunden worden, auf dem Grund des Flusses. Sechzehn Tage sp├Ąter. Die Str├Âmung hat ihn nicht weitergetrieben.“
„Woher wei├č man, wo er reingesprungen ist?“
„Tja, also...man wei├č es nicht, aber es ist eine beliebte Stelle und diese...Dinge...Sie wiederholen sich gerne...von Zeit zu Zeit.“
Wieder eine Pause, diesmal eine l├Ąngere.
„Der Gedanke daran, dass Selbstmord eine Art von Notbremse sein k├Ânnte, ohne ihn ernsthaft in Erw├Ągung zu ziehen, ist der t├╝ckischste den es gibt. Er bei├čt sich fest und...w├Ąchst...immer weiter.“
Harp blickte verdrossen und setzte hinzu:„├ťberwiegend montags.“
Auch er hatte seine Erfahrungen gemacht, hatte gegen einen Baum fahren wollen um sich das Leben zu nehmen, sich selbst totzuschlagen. Das war es auch, was Harp und Jerry eigentlich verband: sie waren beide Opfer, die zu Rettern werden wollten. Heute noch in der Notaufnahme von Santa Fey, doch innerhalb der n├Ąchsten vier oder f├╝nf Jahre in einem Krankenhaus als leitender Arzt einer Notfallstation. Drei Jahre sp├Ąter lernte er seine zuk├╝nftige Frau Mina kennen.
Seitdem war alles gut.

+

Auf die eine oder andere Weise wird es enden, heute noch, so schnell wie nur irgend m├Âglich. Das Wetterleuchten ist wieder da und ich habe das merkw├╝rdige Gef├╝hl, dass es mich gewittert hat und nun knisternd nach mir und den anderen 80%igen sucht, wie ich mich und meine Leidensgenossen der Einfachheit wegen mal so nennen will, diejenigen, die es nicht geschafft und somit eine ungel├Âste Aufgabe hinterlassen hatten.
So etwas lie├č einen nicht los, in hundert Jahren nicht, nie.
Nat├╝rlich konnte man das Ganze psychopathologisch und sozialpsychiatrisch untersuchen und wahrscheinlich feststellen, dass die durchschnittliche Suizidrate einer Gesellschaft mit dem Wohlstand steigt, und irgendwie war hier ja nahezu jeder mehr oder weniger wohlhabend, aber das machte nichts, es kratzte nur am Weltbild. Es ging einem so verdammt gut hier, dass es kaum zum Aushalten war.

+

„Dr Collier? Ihre Frau hat angerufen und auf den AB gesprochen...soll...ich...“
Angesichts des Tohuwabohus dutzender Bahren, kam sie doch ziemlich au├čer Puste. Das Blut ├╝berall.
„Jetzt...nicht!...“ und dann ging nichts mehr. Er setzte seine Scheuklappen auf und tat, was zu tun war.
Es war eine Menge zu tun.
Dr. Jerry Collier stellte sich der Situation und seiner Verantwortung als leitender Oberarzt und fing an die Verletzten zu klassifizieren und nach Dringlichkeit zu unterteilen.
Er unterteilte in Schwerverletzte, die sofort versorgt werden mussten, Leichtverletzte, die warten konnten und die, bei denen Alles vergebens gewesen w├Ąre, die Verbrannten und Verst├╝mmelten. Es waren so viele.
Kinder wurden bevorzugt behandelt, trotzdem starb eines von den f├╝nf, die eingeliefert worden waren. Zwei andere waren auf dem Weg hierher verblutet, im Rettungswagen auf der Bahre liegend, mit Sirene und Blaulicht durch die Schattengeladene Nacht donnernd.
Daf├╝r waren sechs andere Menschen gestorben, die niemand behandeln konnte, weil wirklich jeder auf den Beinen war und half wo er nur konnte. Man hatte schlicht keine Zeit um sich um sie zu k├╝mmern und gab ihnen Morphium gegen die Schmerzen.

+

„Wie hei├čt die Kleine?“ fragte Dr. Collier den anwesenden AiPler.
„├ähm“, bl├Ąttern, „...Rebecca Joy. Ein Wunder, dass sie es geschafft...“
„Kein Wunder. Eine Frau ist gestorben, damit wir ihr das Leben retten konnten. Die Frau war verbrannt, am ganzen K├Ârper, bis zur Unkenntlichkeit. Wir gaben ihr Morphium und haben sie ihrem Schicksal ├╝berlassen um diesen kleinen Engel vor dem Tod zu bewahren.“
Kurzes Schweigen. Der Piet├Ąt wegen.

+

„Kommen sie nicht n├Ąher...“
Jerry dr├╝ckte sich an die Hauswand, hielt sich mit einer Hand am Sims fest.
„Okay, ich will nur mit ihnen reden.“
“Ja klar, das h├Ątte ich jetzt auch gesagt, Klugschei├čer! Was w├╝rden sie tun, wenn...?“ ...du kannst nicht jeden retten...
„...sie haben keine Ahnung...gehen sie weg!“
Der Kerl, der Jerrys Platz auf der Retterseite eingenommen hatte, wirkte sichtlich verwirrt, jung und unerfahren, doch er fing sich.
„Er...erz├Ąhlen sie es mir!“
Wolken formierten sich in der Ferne zu einer statischen Angriffsfront, die knisternd vorw├Ąrts stob und die Welt in Zwielicht tauchte.
„Haben sie schon mal von pr├Ąsuizidalen Verhaltensweisen geh├Ârt? Da ist nirgends die Rede von Kooperationsbereitschaft oder Kommunikation. Also Klappe halten!“
„Ich will doch nur...“
„Ach“, spie Jerry ver├Ąchtlich aus.
„Gehen sie weg, es ist...anders als sie glauben!“
Sein Blick verlor sich in der n├Ąher kommenden Brandung des Sturmes.
Statisches Knistern.
„Haben sie schon von der „R├╝ckfallquote f├╝r die Loser“ geh├Ârt, f├╝r die, die es versucht und nicht geschafft haben? 20% halten durch und versuchen es nie wieder, aber die anderen...die anderen...“
Er seufzte schwer.
„Alles...wiederholt sich...es pflanzt sich fort...in den K├Âpfen der Menschen.“

+

Wie gesagt: Auf die eine oder andere Weise wird es enden.
Alles was bleiben wird sind unsere Zeilen. Meine, die ich gerade niederschreibe und der eine Satz, den Mina mir hinterlassen hatte.
„Wie w├Ąr’s mit ,Rebecca┬┤?“
Sie hatte sich so sehr auf die Geburt ihrer Tochter gefreut. Freut sie sich noch immer?
Das Knistern im Haus ist unertr├Ąglich aufdringlich, seit ich hier sitze und darauf warte, dass sie zur├╝ckkommt, doch mein Glaube daran wird mit jedem Augenblick der verstreicht schw├Ącher, so wie der Wind st├╝rmiger weht.
Sie war noch mal losgefahren um Gurken zu kaufen, steht im PS.
Ausgerechnet Gurken.
Ich ├╝berlege wo sie einkaufen w├╝rde und denke immer wieder: blo├č nicht die Prosperity, blo├č nicht da.
Ich wei├č nicht, was ich tun w├╝rde.

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MDSpinoza
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Kleine Anmerkung: "selektiert" wurde auf der Rampe in Auschwitz. Dies Wort sollten wir den Nazis ├╝berlassen. In einer Katastrophensituation wird eine Triage durchgef├╝hrt und die Patienten werden klassifiziert.
__________________
Lieber ein verf├╝hrter Verbraucher als ein verbrauchter Verf├╝hrer...

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brain
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Hi MDS.
Aber das ist doch genau das, was Dr. Collier tun muss, ├╝ber Leben und Tod entscheiden, Selektieren. Das ist nix politisches, sondern notwendig in der beschriebenen Notfallsituation um ├╝berhaupt jemanden retten zu k├Ânnen.
mfG
Alex

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MarleneGeselle
???
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Hallo Brain,

was die Sache mit dem Selektieren angeht, muss ich Spinoza Recht geben. Das Wort ist in Deutschland immer noch derart negativ belegt, dass es beim besten Willen nicht benutzt werden kann - in keinem Zusammenhang.

Selektiert wurde nicht nach ├ťberlebensm├Âglichkeit oder Hoffnungslosigkeit, selektiert wurde nach lebenswert oder "unwertem Leben". Von der Sache her ist das etwas anderes, um nicht zu sagen noch viel Schlimmeres. Wobei es schon alleine ein Tabubruch ist, sich da n├Ąher auszulassen.

Ihr seht, noch knappe sechzig Jahre nach dem tausendj├Ąhrigen Reich ist nichts vorbei.

Gr├╝├če
Marlene

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brain
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Hi MG.
Doch, es ist vorbei - es sie denn man reitet weiter darauf herum. Aus├čerdem - was h├Ątte der Arzt sonst tun sollen? Jeder, den er nicht behandeln konnte musste sterben, also wie soll ich es sonst nennen. Ausw├Ąhlen? Knobeln? Ich wei├č nicht. Einfach zu sagen, dass ein Wort negativ belastet sei weil man es mit etwas Negativem verbindet reicht mir da nicht.
Liebe Gr├╝├če:-)
Brain
PS: Gibt es eigentlich auch noch was ├╝ber die Geschichte zu sagen oder ist die am Ende gar nicht so wichtig?

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MarleneGeselle
???
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Hallo Brain,

ja, du hast Recht.

Eine prima Geschichte wurde zur Nebensache, weil ein einziges Wort, egal wie man dazu steht oder nicht, die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen hat.

Ob das in Zukunft auch so ist??

Marlene

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