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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auf der Holzbank vor dem Bauernhaus
Eingestellt am 08. 01. 2017 22:25


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Mistralgitter
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Auf der Holzbank vor dem Bauernhaus

Ungewöhnlich heiß und sonnig war es heute den Tag über, während wir unseren Ausflug machten. Jetzt sitze ich müde vor dem Bauernhaus auf einer der beiden Holzbänke. Sie ist noch angenehm warm. Zwei Katzen liegen lang ausgestreckt neben mir und träumen. Letzte Sonnenstrahlen tasten sich an den bunten Wandmalereien über den Fenstern entlang. Sie beleuchten auch die verzierten Dachgiebel. Es ist ein schöner Platz zum Wohnen und Urlaubmachen hier oben auf halber Höhe zwischen den Bergen und dem Tal.

Drüben erheben sich die kantigen Gipfel der Voralpen. Auf der anderen Seite schaut man auf die Dörfer und Städte hinab. Sie sehen so winzig aus. Tief unter mir zieht lautlos die Autobahn vorbei. In der Ferne schimmern die Wasserflächen der beiden Seen. Wie klein komme ich mir vor in dieser großen Landschaft!

Ich beobachte einen winzigen Käfer neben mir. Er ist auf seinem Rücken genauso grau zerfurcht wie die verwitterte Holzlatte der Bank. Ihm gelingt das Fliegen nicht mehr. Zwar öffnet er die Flügel, aber er kommt nicht weit. Kläglich hopst er zur Seite oder sogar rückwärts. Ich finde das seltsam. Schließlich fällt er zwischen die Steinplatten und verschwindet in den Ritzen. Wie schnell so ein kleines Leben vergeht!

Inzwischen ist mir eine Ameise ins Hosenbein gekrabbelt. Zum Glück finde ich sie schnell und schnipse sie weg. Bald danach entdecke ich eine Spinne auf meinem Ärmel. Ich fürchte mich zwar nicht vor ihr, aber so richtig angenehm finde ich ihre Anwesenheit nun doch nicht und schüttele sie ab. Ein Vogel hat im Vorbeifliegen auf meine Hose gekleckert. Das ist weniger schön. Immerhin bleibt ein Fleck zurück. Für eine kurze Zeit setzt sich eine Fliege auf mein Knie. Sie putzt sich und fliegt weiter. So viel kleines unbedeutendes Leben! Erstaunlich.

Ich höre, wie jemand mit Geschirr klappert. Julia und Tine spülen anscheinend ab und räumen die Küche auf. Tine ist meine Tochter, Julia ihre Freundin. Wir machen gemeinsam Ferien. Wir leben bescheiden. Weniges genügt uns. Kopfsalat, Möhren, Gurken, Kartoffeln, Hackfleisch, Tomaten, Nudeln, Butter, Käse und die frisch gemolkene Milch vom Hof - damit lässt es sich gut leben. Marmelade, Honig, Kaffee und Brot haben wir von zu Hause mitgebracht. Daneben haben wir nur einfache Wünsche: Ab und zu einen saftigen Zwetschgenkuchen in einem Cafe oder den obligatorischen bayrischen Schweinsbraten mit Knödeln im nahen Wirtshaus. Und natürlich Weißwürste und Weißbier, also einiges, was wir sonst nicht essen, was aber irgendwie zu der klischeehaften Vorstellung von dieser Umgebung hierher gehört.

Meist sind die beiden Mädchen still und hängen ihren Gedanken nach. Manchmal albern sie herum. Es stört mich nur, wenn sie überheblich daherreden und alles besser wissen. Das legt sich hoffentlich noch eines Tages. Sie werden älter und vernünftiger, denke ich. Bis dahin warte ich geduldig.

In großen Bögen kreisen über mir unermüdlich die Schwalben. Sie gleiten still durch die Lüfte. Es ist Pfingstsonntag. Unter mir reckt die Kirche ihren Turm aus dem Dorf heraus zum Himmel. Ich aber schaue von oben herab. Wenn nur die Bauern nicht wären! Sie fahren mit ihren Traktoren das gemähte Grünfutter zu den Ställen. Natürlich ist das wichtig. Aber sie stören mich. Die Traktoren machen Staub, Gestank und Lärm. Und das an einem Feiertag! -

Unten im Fest-Zelt neben der Kirche war gestern Abend laute Musik. Wir hörten sie bis zu uns herauf. Nennt man es „Fest“, wenn man deftige Blas-Musik hören kann? Wenn man viel essen und noch mehr trinken kann? Nennt man es „Fest“, wenn man laut brüllen muss, um sich zu unterhalten?
„Das hört man nicht mehr, wenn man drin sitzt“, sagte die Bäuerin auf meine Frage. „Ich gehe immer noch gerne hin. Immer schon. Die Musik, die Leute. Ich mag das. Es werden auch alte Bräuche und Tänze vorgeführt. Seid ihr noch nicht da gewesen?“, fragte sie uns. Ich kann daran nichts Schönes finden. Die Mädchen auch nicht. Wir gingen nicht hin.

Wie feiert man Pfingsten und den Heiligen Geist? Wer weiß das schon? Selbst wir leben so, als wüssten wir es nicht. Ostern oder Weihnachten, das sind Feste mit Inhalt. Aber der Heilige Geist und das seltsame Pfingstgeschehen – wer versteht davon etwas? Für die meisten bedeutet Pfingsten nur noch ein verlängertes Wochenende, sonst nichts. „O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.“ Wir hätten zumindest dieses Lied singen sollen.

Doch gleich nach dem FrĂĽhstĂĽck heute Morgen brachen wir auf. Wir hatten es eilig. So fanden wir am ehesten einen schattigen Parkplatz am See, bevor die anderen PfingstausflĂĽgler kamen. Wir setzten uns in ein Cafe am Seeufer. Ich aĂź ein Eis und Julia und Tine prĂĽften, ob der Kaffee hier ein gutes Aroma hatte. Doch sie verzogen schnell die Gesichter. Es schmeckte ihnen nicht.
„Hier könnt ihr doch keinen besonders guten Kaffee erwarten“, belehrte ich sie. „Was habt ihr euch gedacht? Es geht den Leuten nur um das schnelle Geld mit den Tagesgästen. Nicht um Qualität.“ Sie fanden meine Worte blöd und schauten mich mürrisch an. Sie waren unzufrieden. Kein guter Beginn für unseren Ausflug. Inzwischen hatte sich die Luft unter der strahlenden Sonne aufgeheizt. Es wurde für die Jahreszeit viel zu warm.

Julia schien es egal zu sein, wohin wir gingen. Sie gab das Tempo an, ohne nach rechts oder links zu schauen. Mit forschem Schritt lief sie mit Tine voraus. Notgedrungen schleppte ich mich hinterher. Sie blieben nicht stehen. Ich aber wollte den herrlichen Blick über den See genießen. Sie gingen achtlos an dem blühenden Schlossgarten vorbei. Ich aber blinzelte sehnsüchtig über die Hecke zu den Rosensträuchern. Julia dagegen konnte sich lange in den kleinen Läden aufhalten. Den richtigen Schmuck zum Pulli oder Kleid wollte sie finden. Das war ihr wichtiger. Oder sie suchte nach passenden Schuhen. Das war ihr lieber als am Seeufer oder durch die Berge zu wandern. Ein T-Shirt für wenig Geld zu ergattern machte sie glücklich. Solche Wünsche trieben sie an. Ach ja, ihre neue Frisur sollten wir bewundern! Sie drehte sich vor uns. „Die passt doch zu meinem Typ – oder?“, wollte sie wissen. Immer war sie auf der Suche nach Käuflichem. Tine war zwar anders. Aber in diesem Fall entschied sie sich für die Freundin und begleitete sie in die Geschäfte. Ich aber wollte unsere freien Tage nicht mit Einkäufen zubringen. Also verabredeten wir, dass die beiden ohne mich in den Läden rumstöberten. Und ich besichtigte solange die Marienkirche und den Friedhof. Sie würden mich später dort abholen.

Zum Glück war es in der Kirche angenehm kühl. Ihre Kunstschätze waren berühmt. Deshalb wurde sie mit Kameras überwacht. Ich fotografierte nichts. Vielleicht war ja auch das Fotografieren nicht erlaubt. Stattdessen entdeckte ich ein offenes Buch im Eingangsbereich der Kirche. Daneben lag ein Kugelschreiber. Die Besucher konnten ihre Anliegen eintragen. „Danke für die Bewahrung in Not“ oder „Maria hat geholfen“ stand da. Ich wunderte mich über so viel fromme Dankbarkeit. Dass es das heute noch gibt! Anscheinend ist der Glaube nicht allen Menschen hier in der Gegend gleichgültig.
„Heilige Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Auf dem Friedhof staunte ich über die schmiedeeisernen Kreuze. In unserem Heimatort verwendet man fast nur Steinplatten auf den Gräbern. Doch hier war es anders. Wie kunstvoll man Blätter und Blütenranken aus Eisen oder Bronze zu einem Kreuz geformt hatte. Und dazu die vielen Blumen auf den Gräbern. Ich war beeindruckt. „Die Menschen verstehen es, ihre Gegend zu schmücken. Im Leben und für den Todesfall“, dachte ich. Tine und Julia kamen schon bald zurück. Wir fuhren wieder zu unserer Ferienwohnung im Bauernhof. -

Tine holt immer frische Milch bei der Bäuerin.
„Die schmeckt so gut wie sonst nirgendwo“, behauptet Tine. Die Bäuerin berechnet sie uns nie. Wir sind Stammgäste bei ihr. Sie bewirtschaftet seit ein paar Jahren den Hof allein mit ihren beiden erwachsenen Kindern. Der Sohn erledigt die körperlich schwere Arbeit, die Tochter hilft im Büro. -

„Und ihr Mann?“, fragte ich eines Tages.
Seit unserem letzten Aufenthalt waren einige Jahre vergangen. Offensichtlich wohnte er nicht mehr hier. Natürlich erinnere ich mich noch an ihn. Tine und ich waren ja schon oft Feriengäste im Haus. Julia ist dieses Jahr zum ersten Mal dabei. Sie hat den Bauern deshalb nie kennengelernt. Er war immer gut aufgelegt. Oft ging er ein Lied pfeifend aus dem Haus. Manchmal blieb er noch kurz stehen, wenn er uns draußen sah. Mit einem Augenzwinkern sprach er Tine und mich an. Wir saßen oft auf der Holzbank vor der Tür. Tine lernte für die Prüfung, ich machte Handarbeiten oder las.

„Solch schöne Dirndln wie ihr können doch nicht vorm Haus sitzen. Ihr müsst tanzen gehen. In Tölsing ist heute Abend Tanz“, ermunterte er uns. „Geht unter die Leute!“
Ein anderes Mal fragte er: „Na, seid’s heut’ schon auf der Alm g’wesen?“
Oder er gab uns einen Tipp. „Wenn ihr mal ein gutes Schnitzel wollt, dann geht zum Bruggersepp. Rechts um die Ecke und dann gradaus den Berg nauf. Bei dem schmeckt’s.“
Einmal kam er mit kurzen Radlerhosen und nass geschwitztem T-Shirt vom Radfahren.
„Das mach ich mehrmals die Woche“, erklärte er, „zum Ausgleich.“
Sonntags zog er seinen Trachtenanzug an und ging mit seiner Frau zur Messe. Sie war Messnerin. Sie putzte samstags die Kirche. Eine saubere Altardecke legte sie auf den Altar und stellte frische Blumen hin. Am Sonntag zündete sie die Kerzen an und läutete die Glocken. Sie war stolz auf ihre schöne Kirche.
„So eine glückliche Familie“, dachte ich immer. „Wo findet man so etwas heute noch?“

Und nun ist die Bäuerin mit Sohn und Tochter allein. Wie konnte das sein? Ich dachte dummerweise als erstes: Ihr Mann hat sie verlassen. Er hat vielleicht eine andere Frau netter gefunden als seine Ehefrau. Oder hatte gar die Bäuerin einen Liebhaber und der Mann ist aus Ärger darüber ausgezogen? Dachte ich. Das gibt es ja häufig. Aber sogleich schimpfte ich mit mir. Wie konnte ich nur so etwas denken! Das passt einfach nicht hierher! Sicher, die Bäuerin ist eine gut aussehende und tüchtige Frau. Auch der Bauer konnte sich sehen lassen. Aber sollten sie ernsthaft untreu geworden sein? Nein, das ging nun wirklich nicht. Oder hatten sich Vater und Sohn zerstritten? Auch das erschien mir abwegig. Vielleicht aber ist der Vater im Krankenhaus und unheilbar krank? Mir kamen so viele Möglichkeiten in den Sinn. Was davon stimmte? Ich war neugierig. Aber ich wollte auch Anteil nehmen. Irgendetwas Einschneidendes musst geschehen sein.
„Was ist mit Ihrem Mann?“, fragte ich deshalb.
„Er lebt nicht mehr“, war ihre kurze, ernste Antwort.
Unter den Traktor geraten, dachte ich sofort. Oder mit dem Auto verunglückt. Könnte ja sein. Hier auf dem Land. Wo manch einer unvorsichtig schnell fährt.
„Unser Sohn hat ihn gefunden.“
Also mit dem Fahrrad in den Graben gestĂĽrzt. Ăśberlegte ich. Oder ĂĽberfahren worden. Meine Gedanken ĂĽberschlugen sich.
„Mein Mann war lange krank.“
Also an einer Krankheit gestorben. Was er wohl hatte? Krebs? Ein Herzleiden?
„Wir haben es nur zu spät gemerkt. Er hätte schon früher Hilfe gebraucht. Als man erkannte, was er hatte, wollte er keine Behandlung mehr.“
Sicher wegen der Nebenwirkungen, dachte ich. Er hatte keine Lust darauf. Das konnte ich verstehen.
„Ich war gerade unten in der Kirche, als es passierte. Es war Samstag und ich richtete alles her für die Messe. Ich war keine Stunde lang weg. In der Zwischenzeit muss es geschehen sein“, erzählte die Bäuerin weiter.
Ich begann zu frösteln.
„Als ich nach Hause kam, war er tot. Das war vor drei Jahren. Seitdem mache ich keinen Messnerdienst mehr. Mein Mann hatte sich erhängt.“
Mir wurde flau im Magen.
„Wo hat er das getan?“, fragte ich unsicher und erschrocken zugleich.
Eigentlich wollte ich es gar nicht wissen. Aber ich musste doch etwas sagen. Mir fiel nichts ein auĂźer dieser dummen Frage.
„In der hinteren Scheune. An einem Balken. Er muss das schon länger geplant haben. Aber wir haben es nicht gemerkt. Unser Sohn fand ihn, als er vom Feld heimkam. Er suchte den Vater, weil er nicht wie gewohnt im Zimmer saß.“
Ich konnte es nicht fassen. Dieser lebenslustige Mann.
„Er sollte wegen eines seelischen Leidens behandelt werden. Aber es war schwierig. Man konnte nicht viel für ihn tun. Er hatte sich aus dem Krankenhaus abgemeldet. Nun war er viel allein zu Hause. Wir ahnten ja nicht, wie verzweifelt er war. Und dass er das tun würde.“
„Das ist ja entsetzlich.“
Meine Stimme klang dumpf. In meinem Hals saĂź ein Knoten.
„Die erste Zeit danach war schlimm.“
Sie machte eine Pause. Ich ĂĽberlegte. Was sagt man? Was darf man fragen? Wie benimmt man sich gegenĂĽber einem Menschen, der so etwas erlebt hat?
Ich war einesteils froh, dass sie davon sprach. Aber gleichzeitig wollte ich gar nicht alles wissen. Es war mir zu viel.
„Man kämpft mit sich selber“, sagte sie. „ Alle möglichen Gefühle in mir stritten mit einander. Mal war ich wütend auf meinen Mann und klagte ihn an. Wie konnte er uns das antun? Dann war ich wieder traurig und hatte Mitleid mit ihm. Was muss er alles durchgemacht haben und wie verzweifelt muss er gewesen sein! Und dann all die Vorwürfe! Was habe ich falsch gemacht? Welche Warnzeichen habe ich übersehen? Schließlich kam große Angst dazu. Wie ein dunkles Tier fraß sie von innen her an mir. Was man nicht verstehen kann, macht Angst. Das war schlimm.“
Deshalb also hatten wir sie neulich am Friedhof gesehen. Sie bĂĽckte sich gerade und stellte einen bunten BlumenstrauĂź auf ein Grab. Als sie sich aufrichtete, sah sie uns und grĂĽĂźte herĂĽber.
„Hatten Sie denn Hilfe?“
„Zum Glück hatte ich eine gute Ärztin. Ich war heilfroh. Ich durfte sie jederzeit anrufen. Und eine einzige Freundin kam immer mal vorbei. Die anderen im Dorf gingen mir lange Zeit aus dem Weg. Keiner wollte mit mir reden. Niemand grüßte mich. Man wird einsam. Ich war wie eine Aussätzige für sie. In der Not erkennt man erst die wahren Freunde.“
„Aber langsam geht es mir besser“, ergänzte sie nach einer Pause. „Und all die Gäste, das Arbeiten auf dem Hof tut mir gut. Nur der Winter ist immer schwer.“

„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Ob sie noch so betet? Hilft das Gebet ihr? Findet sie noch Trost, wenn sie die Messe besucht? Wie kann man leben mit solch einer Last? Irgendwie muss das Leben weitergehen.
„Ich mache seitdem keinen Messnerdienst mehr. Ich bring es nicht fertig. Genau in der Zeit hat sich mein Mann das Leben genommen. Wenn ich damals zu Hause geblieben wäre, vielleicht…?“ Sie brach mitten im Satz ab. Das Telefon hatte geklingelt. Sie eilte ins Haus. Und ich blieb bedrückt und erschüttert zurück.

Die Schönheit der Landschaft hatte ihren Mann nicht retten können. Seine Familie hatte ihn nicht halten können. Das einfache Leben auf dem Land hatte ihm nicht gut getan. Die Schwere der Arbeit hatte ihn sicherlich ausgelaugt. Das tägliche Einerlei hatte ihn bedrückt. Doch was weiß man über das Innere eines Menschen? Seine Krankheit war stärker als alles andere. Er ließ sich von ihrer Macht treiben. Ob er nun Frieden gefunden hat? Ich blickte hinüber zu der Scheune und fürchtete mich. Und dennoch kamen wir immer wieder hierher.-

Morgen wird der zweite Pfingsttag sein. Eine weitere Gelegenheit über den Heiligen Geist nachzudenken. „O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein. Verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.“

Die Luft hat sich inzwischen zwar etwas abgekühlt. Dennoch bleibe ich noch ein wenig auf der alten Holzbank sitzen. Die Vogelstimmen sind leiser geworden. Von weit her tönt eine einzelne Kuhglocke. Eine andere Kuh schreit im Stall nebenan. Im Baum drüben schimpft eine Meise. Und die Grillen zirpen so laut, als ob es schon Hochsommer wäre.

Aus dem geöffneten Fenster über mir höre ich den Fernseher. Tine und Julia schauen wohl einen Film an. Ich werde nachher mit ihnen zu Abend essen: Gurken, Tomaten, Käse, Brot, Tee. Und Tine wird die kalte Milch trinken. Die alte Bäuerin hat den Stall abgeschlossen. Ich höre, wie sie in ihrer Küche ein Backblech aus dem Ofen zieht. Es duftet wunderbar nach frischem Kuchen. Ihre Tochter kommt aus dem Haus. Sie setzt sich zu mir auf die Bank und grault die Katzen.
Im gegenüberliegenden Häuschen erkenne ich die junge Frau des Bauernsohnes. Sie läuft mit dem Baby auf dem Arm im Zimmer umher. Eben kommt ihr Mann vom Feld heim. Er zieht draußen vorm Haus die Stiefel aus und geht hinein.

Ein fahler Mond schwimmt mit den Wolken gemächlich am Himmel entlang. Noch ist seine Zeit nicht gekommen. Es sieht aus, als lächelte er im Traum auf die Landschaft herab: Auf die Türme, die roten Dächer und die schattigen Gassen. Auf saftiggrüne Wiesen und dicht belaubte Bäume. Auch den Menschen gilt sein milder Blick. Als ob er sieht, wie sie eilen und jagen, wie sie träumen und lachen, tanzen und lieben und leiden.

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AST

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