Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
413 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Science Fiction
Aufbruch
Eingestellt am 13. 01. 2007 20:20


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Binary
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2007

Werke: 5
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Binary eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Für alle die dumm genug wären, die Blumen zu suchen


„Der Junge hat sich schon wieder diese Seiten angeguckt!“ Corona sah ihren Mann mit vorwurfsvoller Erwartung im Blick an. „Wie das? Du hattest sie doch gesperrt!?!“ Neville warf seine Jacke auf den Sessel, blieb aber im halbdunklen Raum stehen. Er schien auf eine Erklärung zu warten, doch die blieb aus. Corona wandte den Blick wieder zum ausgeschalteten Fernsehbildschirm, der in die kahle schmutzig-beige Wand eingelassen war.

Ein paar Augenblicke wartete er, doch als weiterhin keine Antwort kam, griff Neville sich die Zigaretten vom Couchtisch, der vor dem Fernseher stand. Er steckte sich eine Zigarette an, warf die Schachtel wieder auf den Tisch und drehte sich zu Corona um. Noch immer saß sie still auf den leeren Bildschirm starrend mit angezogenen Beinen auf der Couch, die Arme eng um die Beine geschlungen, das Kinn auf die Knie aufstützend.

Neville blies den Rauch aus und sagte: „Wir hätten ein Mädchen nehmen sollen.“ Jetzt sah Corona ihn an. „Es war ja nicht meine Idee, ihn zu nehmen. Du wolltest ihn, weil er 250 Units weniger gekostet hat!“ Verächtlich schaute Neville sie an. „Jetzt wissen wir ja, warum.“ Er zog nochmal an seiner Zigarette. Corona strich sich die verfilzten blauen Haare aus dem Gesicht und erwiderte ernst: „Sei doch mal ernst, Ville! Ich mach mir echt Sorgen um den Jungen. Er verliert noch jeden Bezug zur Realität, wenn er sich ständig diese komischen Webpages anguckt.“ „Ach, lass ihn doch. Wenn er meint, in seiner Fantasiewelt glücklicher zu sein, ist das doch nicht unser Problem. Wir füttern ihn noch ein oder zwei Jahre durch und dann sind wir ihn los,“ gab Neville zurück. Corona schüttelte leicht den Kopf und blickte zu Boden. „Aber immerhin ist er unser Sohn, wir können ihn nicht einfach an die Luft setzen!“ „Pf!“ Neville stieß den Rauch schnell aus, dann sagte er, fast wütend: „Unsinn, das ist ein Retortenbaby, wie 1000 andere auch! Der hat nix mit uns zu tun, rein gar nix!!“ „Oh, doch, sogar eine ganze Menge! Wir haben unterschrieben, dass wir uns um ihn kümmern werden. Dass wir ihn aufziehen und einen anständigen Menschen aus ihm machen!“ erwiderte Corona gereizt. „Tja, und dabei haben wir ja wohl voll versagt! Wir haben einen Spinner gezüchtet, der den ganzen Tag in seinem Zimmer hockt und sich diese Pflanzenseiten anguckt! Natur? Hey, wer glaubt denn an so was? – Niemand, nur unser versponnenes Laborgezücht aus dem Sonderangebot!“ Neville schnappte sich seine Jacke vom Sessel, warf sie über die Schulter und verließ den Raum. Er knallte die Tür hinter sich zu und Corona hörte, wie er die Treppen hinunterstürmte.

Wenige Minuten später öffnete sich die Tür am anderen Ende des Raumes. „Mum?“ fragte eine leise Stimme. Corona wischte sich die Tränen vom Gesicht und drehte sich um. „Ja?“ Der Junge schloss die Tür hinter sich und setzte sich zu ihr auf die Couch. „Hattet ihr wieder Streit wegen mir, du und Dad?“ fragte er. Sie nickte und fuhr sich wieder mit der Hand übers Gesicht. „Ja, Max, den hatten wir,“ seufzte sie. „Bitte, erklär mich doch, warum du so bist! Warum bist du nicht wie andere Jungs in deinem Alter?“ Sie schluckte und starrte ihn sorgenvoll an. Max überlegte kurz, dann fragte er: „Wie sind denn die anderen? Was ist an mir denn anders?“ Wieder schluckte Corona und mit leiser Stimme erklärte sie: „Weißt du... andere Jungs spielen unten an den Tiefgaragen Shewball oder düsen auf ihren Airboards durch die Stadt... Du sitzt immer nur in deinem Zimmer und guckst dir diese Seiten an... Warum gehst du nicht nach draußen und triffst dich mit anderen Jugendlichen?“ Max schüttelte verständnislos den Kopf. „Weil da draußen nicht das ist, was mich interessiert. Ich finde es langweilig, immer nur zwischen diesen grauen Betonklötzen herumzuhängen.“ Corona blickte zu Boden. „Junge, ich verstehe dich nicht...,“ murmelte sie. „Mum...?“ – „Ja?“ Sie sah ihn wieder an. „Mum... wolltest du nie hier raus? Ich meine, aus der Stadt... Wolltest du nie in die Natur? Einen Baum sehen? Oder über eine Wiese laufen? Oder nur an einer Blume riechen?“ Sie starrte ihn an, als käme er aus einer fremden Welt. „Max...! Da draußen ist doch nichts! Da sind nur andere Städte! Es gibt keine Natur!“ Unbeirrt fuhr er fort: „Stell dir das doch mal vor! Du findest eine echte Blume, du kniest dich hin und hältst deine Nase daran und sie duftet! Ganz natürlich!“ – „Wozu? Es gibt doch genügend synthetische Duftstoffe, die sehr gut und intensiv riechen. Warum bist du nicht glücklich mit dem, was du hast?“ „Ach, Mum, du wirst das nie verstehen...“ Max wirkte nachdenklich und ein wenig enttäuscht. „Von mir aus gehe ich mal in die Stadt... Wenn du dich dann besser fühlst...“ Mit diesen Worten stand er auf und schlenderte zurück in sein Zimmer. Die Tür fiel ins Schloss und kurz darauf ertönte leise die Melodie, die sein Computer beim Starten abspielte.

Am nächsten Morgen, nachdem Max aufgestanden war, erinnerte er sich an das, was er seiner Mutter am Abend zuvor gesagt hatte. Zwar behagte ihm der Gedanke, den Tag draußen zu verbringen nicht wirklich, aber er wollte ihr eine Freude machen. Also stand er auf, zog sich an und verließ sein vertrautes Zimmer. Im Wohnzimmer lief der Fernseher und Max erkannte von hinten seinen Vater, der mit den Füssen auf dem Tisch auf der Couch lag und schlief. Beim Näherkommen sah er auch die Packungen auf dem Tisch. Jede Menge Tabletten für jede mögliche Stimmung. Neville hatte scheinbar die ganze Palette durchprobiert. Max schüttelte nur angewidert den Kopf, dann schnappte er seine Jacke vom Haken im Flur und verließ die Wohnung. Er hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend, als er die Treppen runter zur Strasse ging. Zögernd blieb er einen Moment vor der Haustür stehen und lugte durch den Späher nach draußen. Auf der Straße spielten ein paar Jungs Shewball. Da Max keine Lust hatte, einen Ball vor den Kopf zu kriegen, verließ er das Haus durch die Hintertür.

Der Hinterhof war schmuddelig und grau. Max überquerte ihn zügig und kletterte über die Mauer auf die Straße dahinter. Gelangweilt sah er sich um. Graue Häuserfronten auf beiden Straßenseiten. Wie überall in der Stadt. Alles grau in grau. Da es überall gleich aussah, war ihm die Richtung egal und so ging Max einfach los.

Fast eine Stunde schlenderte er ziellos umher, bog mal hier ein und mal da, doch überall bot sich ihm das selbe Bild: graue Hochhäuser, ein paar asphaltierte Plätze, Mauern, die Hinterhöfe abgrenzten und hier und da eine Tiefgarage. An einige Mauern waren Graffitis gesprüht, doch selbst die waren nur schwarz oder weiß... Irgendwann betrat Max eine schmale Gasse, in der einige kleine Läden waren. Da war der übliche Tab Market, wo man jede Art von stimmungsverzerrenden Tabletten bekam, auch die, die Corona und Neville immer nahmen: „Happy Family – Das Familienglück zum einnehmen“, „Karma – Das kleine Dragee für das große Liebesglück“, all dieses Zeug halt. Nebenan gab es einen Sexshop, einen Laden für Haushaltsroboter und eine Net Station. Da Max ein paar Units in der Tasche hatte, beschloss er, hier ein wenig zu surfen. Seine Mutter wäre froh, dass er draußen rumhängt und er würde trotzdem seine Internetseiten haben. Mit dieser Lösung, so dachte er, wäre allen geholfen. Er betrat die Net Station, zahlte 3 Units für eine Stunde und setzte sich an einen freien Computer. Die Station war nicht besonders groß und ein wenig schmuddelig. Außer ihm waren nur ein paar Cyberjunkies da, eben welche von diesen notgeilen Spinnern, die dauernd auf den Sexseiten herumhingen. Sie saßen in der hintersten Ecke der Station und waren damit beschäftigt, eine Seite anzustarren, auf der eine Kybernetin mit Riesentitten tanzte. Max konnte es von seinem Platz aus sehen und schüttelte angewidert den Kopf. Dann öffnete er seine Lieblingsseite, ein illegales Portal für Leute wie ihn – die, die glaubten, es gäbe noch etwas anderes, als Beton. Eigentlich wäre diese Seite von der Net Station aus gesperrt gewesen, doch Max war es von zu Hause so gewohnt, die Sicherheitssperren zu überbrücken, dass er es auch hier aus Gewohnheit tat. Er loggte sich in den Chatroom ein.



<MaxRose42> Hey, wie geht’s euch?

<Betontiger> Mir geht es prima, ich hab gestern einen neuen Link entdeckt!

<MistyRose> Meinst du den mit der verbotenen Stadt, Tiger?

<MaxRose42> Lass mal sehen, ob ich den schon kenne!

<Savage105> Max, du bist heute aber spät dran, wie kommt’s?

<Betontiger> In meinem PrivateRoom steht jetzt der Link, guckt mal rein!

<Betontiger> [zu MistyRose] Ja, der mit der Stadt!

<MaxRose42> [zu Savage105] Meine Mum wollte, dass ich mal rausgehe. Ich bin jetzt in ner Station.

<MistyRose> Jep, das ist der, den ich meinte.

<Betontiger> Glaubt ihr, es gibt die Stadt wirklich?

<Savage105> [zu MaxRose42] Das ist übel.

<MistyRose> Ich bin mir sicher, dass es sie gibt!

<MaxRose42> Hab mir die Page gerade angeguckt. Laut der Beschreibung ist die Stadt hier in der Nähe!

<Betontiger> Meinst du, dass könnte stimmen?

<MaxRose42> Ich weiß nicht... Aber ich werde es herausfinden! Ich gehe und suche die verbotene Stadt!

<The Forbidden> User <MaxRose42> quit chat


Max schloss das Fenster und sah sich die Seite, deren Adresse er bekommen hatte, genauer an. „Die verbotene Stadt“ hieß sie und es ging darum, dass es irgendwo eine verlassene Stadt geben sollte, eine Betonstadt, wie die, in der Max selbst lebte. Doch in der „verbotenen Stadt“ sollte es echte Blumen geben, echte, duftende Blumen! Obwohl die Stunde noch nicht um war, für die er bezahlt hatte, sprang Max auf und hatte es sehr eilig, nach Hause zu kommen. Völlig außer Atem erreichte er schließlich sein Zimmer. „Max?“ hörte er seine Mutter rufen, „Max, bist du das?“ Während er den Computer startete, rief er zurück: „Jep, bin aber nur kurz da, muss gleich wieder weg!“ Dann gab er die Adresse der Seite über die verbotene Stadt ein, klickte sich zu der Seite durch, die beschrieb, wo die Stadt liegen sollte und ließ sie drucken. „Wohin willst du?“ kam es von draußen zurück. Er konnte ihr schlecht sagen, er wolle die Stadt suchen, in der es echte Pflanzen geben sollte, also antwortete Max: „Hab da n Jungen kennengelernt, unten, an den Tiefgaragen ein paar Blocks weiter! Er hat gefragt, ob wir airboarden gehen und ich wollte nur schnell mein altes Board holen!“ Mit dieser Antwort schien Corona zufrieden, denn es folgte keine weitere Frage.

Der Drucker spuckte das Blatt aus. Max schnappte es sich, überflog es mit einem zufriedenen Lächeln, faltete es sorgfältig und ließ es in der Hosentasche verschwinden. Dann schaltete er den Computer aus und begann, unter dem Bett nach dem alten Airboard und seinem Rucksack zu suchen. Er förderte einen ganzen Stapel Comics, einige alte Hardwarekomponenten und Kleidungsstücke zu Tage, dann fand er endlich, was er gesucht hatte.

Mit dem Board und dem Rucksack unter dem Arm betrat Max die Küche. „Hey, Mum. Kannst du mir was zu essen und irgendein Getränk mitgeben? Bei meiner Kondition wird das sicher anfangs anstrengend, wenn ich wieder anfange, zu boarden.“ Corona lächelte überglücklich, als sie das Airboard unter seinem Arm sah. „Aber sicher, mein Junge. Ach, ich bin so froh, dass du endlich vernünftig wirst!“ Mit diesen Worten reichte sie ihm eine apfelgroße Kirsche, eines der wenigen Genprodukte, das Max schmeckte. Er ließ die Frucht im Rucksack verschwinden, während seine Mutter im Schrank suchte und schließlich eine Packung Kekse und einige mit Nährstoffen und Vitaminen angereicherte Kaugummis fand. Max verstaute beides im Rucksack und Corona holte ihm aus dem Kühlschrank zwei Flaschen, eine Limonade in der Geschmacksrichtung „Cherryberry“ und eine Gen-Milch mit Colageschmack. Zwar gehörte letzteres nicht zu Max’ Lieblingsgetränken, doch er nahm die Flaschen mit. Immerhin hatte er vielleicht einen weiten Weg vor sich. „Kann ich noch ein paar Units haben? Heute abend wollen wir vielleicht ins CineDom, da läuft doch jetzt ‚Android Babes 2’, der soll gut sein,“ fragte er. Kaum, dass er ausgesprochen hatte, zog Corona schon ein paar gelbe Scheine aus der oberen Küchenschublade. „Natürlich, Junge, natürlich! Hier, es ist etwas mehr, als du fürs Kino brauchst! Bitte sag deinem Vater nichts davon, er weiß nicht, dass ich so viel Geld gespart habe...“. Verblüfft starrte Max die Scheine an, die seine Mutter ihm lächelnd entgegenhielt. „Das... Das sind ja 125 Units!“ brachte er dann hervor. Corona lächelte, fast verschämt sagte sie dann: „Darum muss dein Vater es ja auch nicht unbedingt wissen... Kauf dir was schönes, amüsier dich mit deinem neuen Freund, unternehmt was! Du weißt gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass du endlich mit anderen Jugendlichen zusammen bist!“ Dann schob sie Max zur Küchentür hinaus und sagte: „Lass deinen Freund wegen mir nicht warten!“ Schnell steckte sie ihm noch die Scheine in die Jackentasche und als er die Wohnung verlassen hatte, rief sie ihm durchs Treppenhaus hinterher: „Ich würde mich freuen, wenn du mir den Jungen mal vorstellst, Max!“

Fast hatte er ein schlechtes Gewissen, als er das Haus wieder durch den Hinterausgang verließ. Doch dann dachte Max an die Stadt und dieser Gedanke war mächtiger, als alles andere in seinem Kopf. Vorsichtig legte er das Airboard auf den Boden und stellte sich darauf. Zuletzt hatte er mit 9 oder 10 Jahren auf dem Ding gestanden und das lag schon eine ganze Weile zurück. Max schnallte seine Füße fest und überlegte kurz, dann fiel ihm wieder ein, wie man das Gerät startete. Also ging er in die Hocke, drückte den Knopf an der vorderen Seite des Boards und balancierte auf dem nun einige Zentimeter über dem Asphalt schwebenden Brett, bis er sich halbwegs sicher darauf fühlte. Er richtete sich wieder auf und gab etwas mehr Druck mit dem hinteren Fuß. Das Board bewegte sich vorwärts. Zwar war Max noch etwas unsicher, doch schon als er die Mauer an der Straße erreichte, fühlte er sich, als habe er nie eine Pause im Airboarden eingelegt.

Elegant zog er das Brett ein wenig nach oben, leicht glitt es etwa einen halben Meter über die Mauer hinweg durch die Luft. Max lenkte sein Board wieder weiter nach unten und schwebte nun etwas schneller ein paar Zentimeter über dem Boden entlang. Erst als er die Kreuzung erreichte, an der er in Richtung Net Station eingebogen war, wurde er wieder langsamer. Wieder bog er ab. Vor der Station machte er halt, schnallte das Board ordnungsgemäß ab und betrat die Station. Diesmal zahlte er nur für eine halbe Stunde. Max wusste, es würde nicht lange dauern. Er steuerte den Computer an, an dem er auch vorher gesessen hatte und loggte sich wieder im Portal ein.



<MaxRose42> Wollte nochmal reinschauen, bevor ich aufbreche. Ich hab keine Ahnung, wann ich zurück sein werde...

<Betontiger> Hi, Max! Du willst also wirklich die verbotene Stadt suchen?

<Savage105> Hey, wow, du bist echt mutig!

<MaxRose42> Ich gehe die Stadt suchen und ich sag euch auf jeden Fall Bescheid, ob es sie wirklich gibt oder nicht!

<SpiritKeeper> Max! Hey, dann hoff ich doch, dass du bald wieder da bist!

<MaxRose42> Bevor ich gehe, Leute... Grüßt bitte die anderen von mir!

<Betontiger> Wird erledigt, Chief! Gute Reise, alter Freund! ;-)

<Savage105> Und viel Glück, man, viel Glück!

<The Forbidden> User <MaxRose42> quit chat



Max verließ die Station und schnallte sein Brett wieder an. Bevor er startete, warf er noch einen Blick auf seine ausgedruckte Wegbeschreibung. Es schien jetzt weiter zu sein, als er gedacht hatte, daher schwebte er auf dem Board nur ein paar Häuserblocks weiter und hielt an einer Bushaltestelle. Er musste nur ein paar Minuten warten, bis der Bus kam. Diese Linie verband die Betonstadt, in der Max lebte mit einer weiteren Betonstadt, die etwa 200 Kilometer weiter westlich lag. Auf halber Strecke würde Max aussteigen und querfeldein boarden. Irgendwo da draußen musste dann die verbotene Stadt liegen. Doch da er eine recht lange Fahrt vor sich hatte und langsam hungrig wurde, beschloss Max, im Bus erstmal was zu essen.

Als der Bus an der Haltestelle hielt, stieg Max ein, löste ein Ticket und setzte sich auf die letzte Bank ans Fenster. Er hatte die Betonstadt nie verlassen und wollte sich die Strecke angucken. Max war allein im Bus, es gab nicht einmal einen Fahrer. Nur einen Androiden mit einer albernen und natürlich grauen Mütze, der den Bus tagein tagaus lenkte. Während der Bus die Außenbezirke der Stadt durchfuhr, aß Max seine Kirsche. Sie war ein wenig zu reif, so wie er sie am liebsten mochte. Anschließend trank er einen Schluck Limonade und schaute sich die Wegbeschreibung noch einmal an. Pflanzen, echte Pflanzen... Zwar wurde auch auf der Internetseite darauf hingewiesen, dass es sich nur um ein Gerücht handelte, doch vielleicht würde er – Max – ja der erste Mensch sein, der sie zu Gesicht bekam. Und dann würden ihm und seinen Freunden endlich alle glauben müssen, dass es doch noch eine Natur gab, dann endlich würden sie nicht mehr als versponnene Träumer und realitätsfremde Irre abgestempelt werden!

„You are leaving town!“ ertönte eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher. Max schaute aus dem Fenster. Tatsächlich konnte er das Ende der grauen Häuserfronten erkennen. Was dahinter lag, war noch zu weit entfernt, um es genau zu sehen. Doch es war grau... Der Bus beschleunigte sein Tempo und kurz darauf ließ er die Häuser hinter sich. Max war angesichts des Bildes, das sich ihm bot zwar nicht sonderlich überrascht, aber dennoch ein wenig enttäuscht. Eine graue Steinwüste erstreckte sich vor seinen Augen, kahl und grau war die Fläche, bis hin zum Horizont. Max seufzte kurz. Dann betätigte er den Schalter, an dem man die Kommandos an den Androiden abgab. Als die kleine grüne Lampe aufleuchtete, sagte Max betont langsam und deutlich: „Stop in 108 Kilometern!“ ins Mikro. Dann legte er sich quer über die Sitzbank und döste vor sich hin. Er musste eingeschlafen sein, denn die blecherne Stimme ließ ihn schnell aufschrecken. „Sie sind an ihrem Fahrziel angekommen!“ Hastig sprang Max auf, schnappte sich Board und Rucksack und eilte zur Tür. Er stieg aus und der Bus fuhr weiter.

Max sah sich um. Die Straße, auf der der Bus nun am Horizont verschwand, teilte die graue Steinwüste, die irgendwo in der Ferne den Himmel zu berühren schien. Max schluckte. Dann stellte er sich wieder auf sein altes Airboard und zog die Wegbeschreibung aus der Hosentasche. Der kalte Wind zerknitterte das Blatt in seinen Händen, doch mit etwas Mühe schaffte er es, zumindest die Richtung zu ermitteln, in die er jetzt fahren musste. Bevor er das Board in Bewegung setzte, blickte er noch einmal hoch zum Himmel, wo die grauen Wolken wie Wattebäusche wild vom Wind hin- und hergerissen wurden. Noch einmal schluckte Max, bevor er sein Airboard beschleunigte und hinein in die kahle Steinwüste glitt.

Stunden später hielt Max an und setzte sich, ohne das Board von den Füssen zu schnallen auf einen Stein. Er hatte jedes Gefühl für Zeit verloren. Aus dem Rucksack, den er vor sich gestellt hatte, holte er eines der angereicherten Kaugummis und schob es in den Mund. Es schmeckte nach Pflaume und Max spuckte es direkt wieder aus. Die fahle Farbe des Kaugummis verschmolz mit dem Boden. Seit er die Strasse verlassen hatte, hatte Max nichts anderes, als diese graue Einöde gesehen. Hier und da ein Haufen Steine, dort mal ein paar Krater. Sonst nichts. Rein gar nichts. Er hatte gehofft, zumindest einen kleinen Hinweis auf die Stadt zu finden, doch da war nichts. Auf der Internetseite hatte gestanden, die Stadt sei früher bewohnt gewesen, also hätte es eigentlich eine Strasse in die Richtung geben müssen, oder wenigstens ein verwittertes Schild irgendwo auf dem Weg dorthin. Aber es gab nur graue Steine und ein paar kleine Krater. Max schnallte nun doch das Board ab, um seine Beine ein wenig aufzulockern. Er ging ein paar Runden um den Stein, auf dem er gesessen hatte, dann 20 oder 30 Meter geradeaus und zurück. Er setzte sich wieder. Während er einen Schluck Limonade nahm, dachte er daran, was noch auf der Seite gestanden hatte. Die Stadt hätte den Spitznamen „Verbotene Stadt“ bekommen, weil sie von der Regierung evakuiert wurde. Die Krankheitsrate war dort sehr hoch gewesen, hieß es weiter. Seither war es verboten, dorthin zu gehen, weil man befürchtete, dass eine oder sogar mehrere Seuchen von dort ausgehen könnten. Leider hatte Max keinen Hinweis gefunden, wie lange die Stadt schon leer und verboten war. Ihn überkamen Zweifel. Vielleicht war es schon hunderte von Jahren her und er würde nichts weiter, als ein paar Ruinen finden. Er sah sich um. Konnte in einer derart lebensfeindlichen Umgebung wirklich eine Pflanze wachsen? Der trockene Staub der Steinwüste hatte sicherlich seit Jahrzehnten keinen Regen gesehen. Und überhaupt... Max konnte sich nicht daran erinnern, wann es zuletzt geregnet hatte. Er wusste, dass er schon Regen erlebt hatte, aber er musste noch sehr jung gewesen sein. Er schüttelte den Kopf und die Gedanken daraus hinfort, dann schnallte er das Board wieder an, setzte den Rucksack auf und beschleunigte.

Wieder vergingen Stunden, in denen Max mit seinen Zweifeln und der Steinwüste allein war. Leise rauschte das Airboard über den staubigen Boden hinweg. Inzwischen schien es dunkler zu werden. Max hatte beschlossen, nur noch Pausen einzulegen, wenn er glaubte, sich nicht mehr auf den Beinen halten zu können. Die Packung mit den Keksen hatte er in die Tasche an seinem ehemals schwarzen, jetzt staubgrauen Kapuzenpulli getan und aß unterwegs. Zwar schwebte er dann etwas langsamer, jedoch kam er voran und nur das zählte. Gerade wollte er eine Pause einlegen und ein wenig herumlaufen, als er am Horizont etwas sah. Schwarze Klötze, winzig klein und leicht verschwommen. Aber da war etwas, definitiv. Max verlangsamte das Board erst nur, dann hielt er doch an. Als er sich mangels eines großen Steines auf den Boden setzte, brach die Müdigkeit über ihn herein. Er gähnte, dann löste er das Board von seinen Füssen und legte es neben sich. Darauf platzierte er den Rucksack, der ihm nun als Kopfkissen diente. Max schaute noch einmal zu den schwarzen Klötzen am Horizont, dann lehnte er sich an den Rucksack und schlief mit einem zufriedenen Lächeln ein.

Die Kälte weckte ihn. Noch etwas müde rieb er sich die Augen. Im ersten Moment begriff er nicht, wo er sich befand, doch als er die Augen endlich richtig öffnete, sah er sie wieder: die schwarzen Klötze am Horizont. Sofort war er hellwach. Er setzte sich auf und holte die Gen-Milch aus dem Rucksack, trank einen Schluck und aß noch ein paar Kekse. Dann verstaute er beides wieder, setzte den Rucksack auf und schnallte das Airboard an. Gestärkt und trotz der unbequemen Ruhestätte der Nacht etwas erholt machte er sich auf zu den schwarzen Klötzen.

Der Weg war weiter, als er schien. Nach seiner Schätzung glitt er noch etwa eine Stunde über den grauen Steinboden und die kleinen Krater, bis die Silhouette klarer wurde. Er hatte sich nicht geirrt! Es waren tatsächlich Hochhäuser, die sich in der Ferne abzeichneten! Beflügelt vom Hochgefühl, sein Ziel gefunden zu haben, beschleunigte Max das Airboard. Als er ein schrägstehendes staubiges Schild passierte, drehte er kurz um und hielt das Board direkt davor in der Luft an. Mit dem Ärmel wischte er den Staub ab und konnte nun verwitterte und ausgeblichene Buchstaben erkennen. Mit etwas Mühe entzifferte er das Wort „Chicago“. Max wischte den Staub unter dem Schriftzug ab, hoffend, dort würde noch eine Kilometerangabe zu finden sein, doch dem war nicht so. Also beschleunigte er das Board wieder.

Die Zeit schien im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug zu vergehen. Als Max die Stadt schon deutlich erkennen konnte, bemerkte er unter sich Asphalt. Es hatte also doch eine Strasse gegeben! Bis er die ersten Häuser erreichte, folgte Max ihr mit unvermindertem Tempo. Erst, als die erste Ruine zum Greifen nah war, verlangsamte er. Diesen langersehnten Augenblick wollte er so lange wie nur möglich erleben, wollte ihn ziehen, wie Kaugummi oder am besten gleich die Zeit anhalten. Andächtig schwebte er mit Minimalgeschwindigkeit zwischen den Trümmern umher, machte einen kurzen Bogen, näher an dieser oder jener Ruine vorbei. Ehrfurchtsvoll ließ er die Finger über die Mauersteine gleiten, während er daran vorbeizog.

Die Stadt war zwar genauso grau, wie die Wüste, doch sie war nicht so trocken. Hier und da hatten sich Pfützen auf dem Asphalt der Strassen gebildet und in manchen Häusern lief das Wasser von den Wänden. Nur von Bäumen, Blumen und Gräsern gab es keine Spur. Auf der Internetseite hatte es geheißen, es würde hier eine Menge davon geben. Max zweifelte schon wieder ein wenig daran, in der richtigen Stadt zu sein. Doch plötzlich stoppte er in der Luft. Vor ihm lag ein Teich, mitten zwischen den Ruinen. Zwar hatte er sich inzwischen wieder richtig an das Airboard gewöhnt, dennoch war ihm etwas mulmig zu Mute, wenn er daran dachte, dieses schwarze, an manchen Stellen Blasen werfende Gewässer damit zu überqueren. Er verharrte am Ufer und hielt nach einer Stelle Ausschau, die ihm festen Boden unter dem Board bot, doch das Wasser reichte überall an die Wände. Max drehte sich um und setzte den Rucksack ab. Zögernd holte er die Flasche mit der Gen-Milch heraus. Eigentlich hatte er Milch mit Colageschmack immer furchtbar gefunden, trotzdem tat es ihm in diesem Moment leid, die Flasche verschwenden zu müssen. Nach dem Aufstehen hatte das Zeug ihn doch tatsächlich wieder fit gemacht. Er nahm noch einen Schluck davon, dann drehte er sich um und warf die Flasche in hohem Bogen in den Teich. Vielleicht war er ja nicht so tief und so ekelhaft, wie er aussah... Sein Blick verfolgte die Flugbahn der Flasche, blieb kurz an einem Fenster hängen, weil ihn dort irgendetwas irritiert hatte, dann konnte Max beobachten, wie die Flasche ins Wasser fiel. Es platschte, dann zischte es und sie zerfloss förmlich in diesem brodelnden Gebräu und war verschwunden. Um den Punkt, wo sie gerade mit dem Wasser in Berührung gekommen war, bildeten sich kleine Kreise. Max zuckte zusammen und schüttelte sich. Das war ja noch viel schlimmer, als er angenommen hatte!

Sein Blick wanderte zurück zu dem Fenster, an dem ihn gerade etwas irritiert hatte. Als er genauer hinsah, wusste er auch, was es gewesen war. Irgendwas durchbrach das dunkle Grau. Es war... etwas Grünes! Augenblicklich hatte Max die Flasche vergessen. Er ließ den Rucksack stehen, wo er stand und gab Vollgas. Das Board zischte über den brodelnden Teich, schoss etwa zwei Meter steil hoch und durch eines der zerschlagenen Fenster in das Gebäude hinein. Max schnallte das Board ab, ließ es einfach fallen und stürmte durch die Öffnung, die wohl einmal eine Tür beinhaltet hatte, in den Nebenraum – in den Raum, in dem er das Grün von unten gesehen hatte. Und tatsächlich! Auf der Fensterbank stand etwas. Es war in einem kleinen grauen Topf und es war grün! Allerdings hatte es kaum Ähnlichkeit mit den Pflanzen, die Max von Bildern aus dem Internet kannte. Vorsichtig beäugte er das komische Ding von allen Seiten. Im Topf schien Erde zu sein, das Zeug, aus dem Pflanzen wachsen. Erde erkannte er, die hatte er sogar schon in Wirklichkeit gesehen. Er war zwar noch ein kleines Kind gewesen, aber daran erinnerte er sich gut. Einen Moment stand er zögernd vor dem halb zerschlagenen Fenster und betrachtete das Ding voller Ehrfurcht. Es hatte keinen Stengel, nein. Der Stumpen wuchs einfach so aus der Erde. Auch Blätter waren nicht auszumachen und eine Blüte konnte Max ebenfalls nicht entdecken. Er beschloss, sich seinen Fund genauer anzugucken und streckte die Hand aus. Erschrocken zog er sie zurück. „Scheiße, was ist das denn?!“ schrie er und hielt sich die schmerzenden Fingern. „Hey, du, ich tu dir doch nix! Komm, ich will dich nur angucken, ok?“ redete er auf die Pflanze ein und griff wieder nach ihr. Mit dem selben Ergebnis. Wieder schrie Max auf. Misstrauisch begutachtete er das kleine grüne Ding. Überall schienen dünne Nadeln herauszuragen. Vielleicht ein Selbstverteidigungsmechanismus, dachte er. Er ging wieder etwas näher heran und schnupperte. Der grüne, pieksende Stumpen roch nach gar nichts. Vorsichtig fasste er eine der Nadeln an und zog den Finger schnell und unter lautem Fluchen wieder zurück. „Ok, ok... Dann machen wir das anders..., “ murmelte Max vor sich hin, trat ein paar Schritte zurück, drehte der Fensterbank den Rücken zu und ging betont langsam auf und ab. Wenn das Ding einen Selbstverteidigungsmechanismus hatte, würde es die Nadeln ja wieder einziehen, wenn die Gefahr vorüber wäre.

Einige Minuten schlenderte Max die Wand anstarrend hin und her. Dann sprang er mit einer ruckartigen Bewegung zurück zur Fensterbank, packte das grüne Ding mit beiden Händen und schrie zum wiederholten Mal laut auf. Schnell löste er den angedeuteten Griff und als der Schmerz ein wenig nachließ, starrte er das kleine grüne Ding feindselig an. Fast sein ganzes Leben lang hatte er davon geträumt, eine echte Pflanze zu finden, so was, was in alten Büchern beschrieben wurde und auf speziellen Internetseiten und sie zu berühren. Etwas Natürliches zu berühren! Eine Rose, eine Tulpe oder eine Orchidee. Das grüne Scheißding auf der Fensterbank war nun wirklich nicht das, was er sich erhofft hatte, aber er hatte guten Willen gezeigt; er hätte sich damit zufrieden gegeben. Doch der stachelige Stumpen sah das scheinbar anders. Wütend packte Max den kleinen grauen Topf mitsamt dem darin befindlichen Ding und schleuderte es nach draußen. „Scheißding!“ schrie er ihm hinterher, „Euch hat man zu recht ausgerottet!“

Mit einem lauten Schmatzen verschlang der Teich den letzten Kaktus der Endzeit...



__________________
"Writers are liars, my dear!" (Erasmus Fry)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Klasse Idee, gut gestrickter Plot, nur die Sprache braucht noch etwas Schliff (, ich vermisse die Präzision und Power wie in „In Oz keine Wahrheit“).
Ich glaube, du huschst etwas zu schnell über die Szene, willst zu schnell sagen, was in dem Film, den du gerade siehst, abgeht. Lass dir etwas mehr Zeit, schau genauer hin, achte auf jede Regung der „Schauspieler“, „spiele“ selbst …
Ich habe den ganz ganz starken Eindruck, dass du dieses bisschen Mehr hinkriegst und dann hochklassige Texte ablieferst …

---Details 1-------

quote:
„Der Junge hat sich schon wieder diese Seiten angeguckt!“ Corona sah ihren Mann mit vorwurfsvoller Erwartung im Blick an. „Wie das? Du hattest sie doch gesperrt!?!“ Neville warf seine Jacke auf den Sessel, …

Ich habe keine Ahnung, wer hier was sagt. Hier würde es erheblich helfen, wenn du die übliche Dialog-Struktur benutzt.
So:
„Der Junge hat sich schon wieder diese Seiten angeguckt.“ (sagt der Mann)
Corona sah ihren Mann an. „Wie das? Du hattest sie doch gesperrt.“ (sagt sie)
ODER
„Der Junge hat sich schon wieder diese Seiten angeguckt.“ (sagt sie) Corona sah ihren Mann an.
„Wie das? Du hattest sie doch gesperrt.“ (sagt er) Neville warf seine Jacke auf den Sessel…


quote:
Neville warf seine Jacke auf den Sessel, blieb aber im halbdunklen Raum stehen. Er schien auf eine Erklärung zu warten, doch die blieb aus. Corona wandte den Blick wieder zum ausgeschalteten Fernsehbildschirm, der in die kahle schmutzig-beige Wand eingelassen war.

* Wieso „aber“?
* Unschöne Dopplung von „blieb“.
* Du solltest kurze, prägnante Sätzen bevorzugen, dass kannst du, glaub ich, viel besser. Der letzte Satz hier macht z.B. den ganzen Absatz „breiig“, weil du dreimal hintereinander die gleiche Klangstruktur benutzt (, ein-Atemzug-Satzteil + Komma + ein-Atemzug-Satzteil) und beim letzten Satz zudem besonders lange Atemzüge verlangst. Vorschlag (um „Bewegung“ reinzubringen):
Neville warf seine Jacke auf den Sessel und blieb im halbdunklen Raum stehen. Er schien auf eine Erklärung zu warten. Corona wandte sich ab, sah zum ausgeschalteten Fernsehbildschirm, der in die kahle schmutzig-beige Wand eingelassen war.



quote:
Ein paar Augenblicke wartete er, doch als weiterhin keine Antwort kam, griff Neville sich die Zigaretten vom Couchtisch, der vor dem Fernseher stand.
…uff, was für ein Satz! Da bleibt einem fast der Atem weg!
Vorschlag: Ein paar Augenblicke wartete er noch, dann gab er auf und griff sich die Zigaretten vom Couchtisch.

quote:
Er steckte sich eine Zigarette an, warf die Schachtel wieder auf den Tisch und drehte sich zu Corona um.
Gut!

quote:
Noch immer saß sie still auf den leeren Bildschirm starrend mit angezogenen Beinen auf der Couch, die Arme eng um die Beine geschlungen, das Kinn auf die Knie aufstützend.
Schlecht. Viel zu lang - lies das mal laut, dann merkst du, wie dir die Luft wegbleibt. Außerdem: Wenn der Cochtisch vorm Fernseher steht, Neville am Couchtisch (wegen der Zigaretten) - wie kann Corona dann noch immer auf den Bildschirm blicken? Da steht doch ihr Mann davor.


Dialoge mit Absätzen versehen! Das erhöht erheblich den Lesekomfort und verbessert die Verständlichkeit:

quote:
Neville blies den Rauch aus und sagte: „Wir hätten ein Mädchen nehmen sollen.“
Jetzt sah Corona ihn an. „Es war ja nicht meine Idee, ihn zu nehmen. Du wolltest ihn, weil er 250 Units weniger gekostet hat!“
Verächtlich schaute Neville sie an. „Jetzt wissen wir ja, warum.“ Er zog nochmal an seiner Zigarette.
Corona strich sich die verfilzten blauen Haare aus dem Gesicht und erwiderte ernst: „Sei doch mal ernst, Ville! Ich mach mir echt Sorgen um den Jungen. Er verliert noch jeden Bezug zur Realität, wenn er sich ständig diese komischen Webpages anguckt.“
„Ach, lass ihn doch. Wenn er meint, in seiner Fantasiewelt glücklicher zu sein, ist das doch nicht unser Problem. Wir füttern ihn noch ein oder zwei Jahre durch und dann sind wir ihn los,“ gab Neville zurück.
Corona schüttelte leicht den Kopf und blickte zu Boden. „Aber immerhin ist er unser Sohn, wir können ihn nicht einfach an die Luft setzen!“
„Pf!“ Neville stieß den Rauch schnell aus, dann sagte er, fast wütend: „Unsinn, das ist ein Retortenbaby, wie 1000 andere auch! Der hat nix mit uns zu tun, rein gar nix!!“
„Oh, doch, sogar eine ganze Menge! Wir haben unterschrieben, dass wir uns um ihn kümmern werden. Dass wir ihn aufziehen und einen anständigen Menschen aus ihm machen!“ erwiderte Corona gereizt.
„Tja, und dabei haben wir ja wohl voll versagt! Wir haben einen Spinner gezüchtet, der den ganzen Tag in seinem Zimmer hockt und sich diese Pflanzenseiten anguckt! Natur? Hey, wer glaubt denn an so was? - Niemand, nur unser versponnenes Laborgezücht aus dem Sonderangebot!“ Neville schnappte sich seine Jacke vom Sessel, warf sie über die Schulter und verließ den Raum. Er knallte die Tür hinter sich zu und Corona hörte, wie er die Treppen hinunterstürmte.



quote:
Neville blies den Rauch aus und sagte: „Wir hätten ein Mädchen nehmen sollen.“
Klasse! Ich hör den trocken-abfälligen Ton richtig.

quote:
Jetzt sah Corona ihn an. „Es war ja nicht meine Idee, ihn zu nehmen. Du wolltest ihn, weil er 250 Units weniger gekostet hat!“
Hier fiel mir auf, dass mich die Namensnennung zu nerven beginnt: Es sind nur die beiden da - „er“ und „sie“ reicht völlig.

quote:
Verächtlich schaute Neville sie an. „Jetzt wissen wir ja, warum.“ Er zog nochmal an seiner Zigarette.


Warum schaut er SEINE FRAU verächtlich an? Er verachtet doch den Jungen, oder?

quote:
Corona strich sich die verfilzten blauen Haare aus dem Gesicht und erwiderte ernst: „Sei doch mal ernst, Ville! Ich mach mir echt Sorgen um den Jungen. Er verliert noch jeden Bezug zur Realität, wenn er sich ständig diese komischen Webpages anguckt.“

Unschöne Dopplung von „ernst“. Lässt sich raztfatz durch Dialog-Absätze vermeiden:
… nochmal an seiner Zigarette.
Corona strich sich verfilzten blauen Haare aus dem Gesicht. „Seid doch mal ernst, Ville!…“


quote:
Ach, lass ihn doch. Wenn er meint, in seiner Fantasiewelt glücklicher zu sein, ist das doch nicht unser Problem. Wir füttern ihn noch ein oder zwei Jahre durch und dann sind wir ihn los,“ gab Neville zurück.

Das stimmt für mein Gefühl nicht. Sowas sagt man (in diesem Ton), wenn man jemanden verhätscheln will oder er einem absolut egal ist. Neville ist von dem Jungen aber genervt, er sagt vielleicht: „Ist mir doch egal. Wir füttern ihn …“ oder „Das ist doch nicht unser Problem. Wir füttern …“

quote:

Corona schüttelte leicht den Kopf und blickte zu Boden. „Aber immerhin ist er unser Sohn, wir können ihn nicht einfach an die Luft setzen!“
Das seh ich nicht. Wenn sie leicht den Kopf schüttelt, dann aus Resignation vor Nevilles Einstellung - aber dann hat sie das mit den Sohn schon so oft gesagt, dass sie es sich jetzt spart. Oder sie hat es nicht „zu oft“ gesagt, dann „kämpft“ sie noch:
„… sind wir ihn los.“
„Wir können ihn doch nicht einfach rauswerfen“, wandte sie ein. „Er ist immerhin unser Sohn.“

quote:
„Pf!“ Neville stieß den Rauch schnell aus, dann sagte er, fast wütend: „Unsinn, das ist ein Retortenbaby, wie 1000 andere auch! Der hat nix mit uns zu tun, rein gar nix!!“

Der fett markierte Teil ist überflüssig (, man hört in den gesprochenen Worten die Emotion! - gut gemacht!) und macht den Satz nur lang

quote:
„Oh, doch, sogar eine ganze Menge! Wir haben unterschrieben, dass wir uns um ihn kümmern werden. Dass wir ihn aufziehen und einen anständigen Menschen aus ihm machen!“Komma erwiderte Corona gereizt.
Wusste ich doch, dass sie noch kämpft …

quote:
„Tja, und dabei … was? - Niemand, nur unser versponnenes Laborgezücht aus dem Sonderangebot!“ Neville schnappte sich seine Jacke vom Sessel, warf sie über die Schulter und verließ den Raum. Er knallte die Tür hinter sich zu und Corona hörte, wie er die Treppen hinunterstürmte.

Mooment! Das ist nicht die Art Wut, bei der man fluchtartig den Raum verlässt …

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Details 2

Ich habe diese „Lektorat“ geteilt, weil ich nicht genau weiß, wie ich erklären soll, was ich mit „mehr Mut zur Power“ meine. Das genau will ich dir nämlich - mit Blick auf „Oz“ - empfehlen. Dort schaffst du es offenbar spielend leicht, Dichte und Intensität zu erzeugen, hier lässt du dich gelegentlich zu (ich übertriebe jetzt mal maßlos) Schwafelei hinreißen.

Vielleicht versuch ich es mal anhand von Beispielen …

1.
Max überlegte kurz, dann fragte er: „Wie sind denn die anderen? Was ist an mir denn anders?“ Wieder schluckte Corona und mit leiser Stimme erklärte sie: „Weißt du... andere Jungs spielen unten an den Tiefgaragen Shewball oder düsen auf ihren Airboards durch die Stadt...

Power wäre:

Max überlegte kurz, dann fragte er: „Wie sind denn die anderen? Was ist an mir denn anders?“
Wieder schluckte Corona. Dann sagte sie: „Weißt du... andere Jungs spielen unten an den Tiefgaragen Shewball oder düsen auf ihren Airboards durch die Stadt...

(PS: Dass sie es „leise“ sagt, kann ich - wenn ich es mal zu spielen versuche - beim besten Willen nicht umsetzen. - aber das nur am Rande.)

2.
Wenn du dich dann besser fühlst...“ Mit diesen Worten stand er auf und schlenderte zurück in sein Zimmer. Die Tür fiel ins Schloss und kurz darauf ertönte leise die Melodie, die sein Computer beim Starten abspielte.

Power wäre:

Wenn du dich dann besser fühlst...“ Er stand auf und schlenderte zurück in sein Zimmer. Die Tür fiel ins Schloss. Kurz darauf ertönte leise die Melodie, die sein Computer beim Starten abspielte.

3.
„Ach, Mum, du wirst das nie verstehen...“ Max wirkte nachdenklich und ein wenig enttäuscht. „Von mir aus gehe ich mal in die Stadt...

Power wäre:

„Ach, Mum, du wirst das nie verstehen...“ Max atmete tief durch. „Ok. Von mir aus gehe ich mal in die Stadt...


PS: Sag dem Leser nicht, was er zu sehen hat (wie es wirkt), sondern zeig ihm, was er sehen soll. (Max schwieg nachdenklich / seufzte enttäuscht.)




Nachtrag: Mag sein, dass das bis jetzt eher mäklig klang, und wenn dir das zu weit geht oder wenn du nicht richtig weißt, worauf ich hinaus will (es ist auch schwer zu erklären, vor allem, weil es eher Nuancen sind statt ausgewachsene Fehler), dann gib mir bitte kurz Bescheid. Ich will dich ja nicht vergrämen. Im Gegenteil, mich hat die Vorfreude auf wirklich gute Texte von dir gepackt …

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Pete
Guest
Registriert: Not Yet

Interessantes Konzept und ein wirklich guter, pointierter Schluss.

Und nun das Messer gewetzt!

Muss die Geschichte so lang sein? Vielleicht ja, weil sie sonst nicht so wirkt? Hm!

Dann sollte aber viel mehr passieren, Entbehrungen und Gefahren, die der Protagonist auf seiner Suche nach dem "Heiligen Gral" aufsich nimmt. Angesichts verschärfter Strapazen wäre die finale Enttäuschung sehr viel intensiver.

Er hat es viel zu leicht, in die Unzivilisation zu geraten. Die allgemeine Entwicklung läuft auf eine zunehmende Bevormundung hinaus. In so einer Welt, wie von Dir geschildert, wären die Schutzmaßnahmen sehr restriktiv und der Held müsste sehr viel mehr Energie aufwenden, um sie zu überwinden.

Was ist mit der Technikabhängigkeit? Da ist noch viel mehr Konfliktpotential vorhanden!

Beispiel: Warum funktioniert das Hooverboard (ich weiß, Du nennst es anders) so lange und zuverlässig. Enthält es etwa eine "Plutoniumdotierte Protonenbatterie"? ;-) Schön wäre es, wenn die Technik in ungewohnter Umgebung versagen würde, im Sinne von "Systemausfall! Bodenbeschaffenheit nicht kompatibel zum Systemdesign. Reaktorshutdown immanent!" (Blödgefasel als Beispiel).

Bei einer bestimmten Passage habe ich den Nutzen nicht verstanden. Das war der zweite Besuch im Chatroom. Was willst Du damit transportieren? Vielleicht solltest Du sie streichen?

Dann die Motivation des Protagonisten. Warum will er die Natur? Könnte natürlich auch ein Geburtsfehler sein. Besser wäre es aber, wenn es einen konkreten, nachvollziehbaren Grund gäbe, beispielsweise die Reflektion des alltäglichen Wahnsinns einer übertechnisierten Gesellschaft, oder eine gewisse Lieblosigkeit und Oberflächlichkeit im mitmenschlichen Umgang, außerhalb des Chatrooms. Eine Abneigung gegen Kunstfutter reicht nicht aus, wenn nicht erklärt wird, woher sie kommt.

Kleine, unerhebliche Nebenbemerkung: Ich glaube nicht, dass es in dieser Welt noch PCs gibt. Die sind bereits in unserer Welt technologisch veraltet. Stattdessen wird es entsprechende Appliances geben, wie heute schon beim Gaming (kaum einer spielt noch auf dem PC, Spielekonsolen sind 10x besser. Entsprechende Appliances wird es auch für Kommunikation (Internet, Chat, E-Mail, ..) geben). Die müssen nicht hochgefahren, sondern lediglich eingeschaltet werden. Chatrooms auf Textbasis (ohne Video? Da muss man ja TEXT SCHREIBEN und LESEN können, na sowas) sind in der Zukunft ein Anachronismus, evtl. konspirativ begründet.

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Science Fiction Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!