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Leselupe.de > Horror und Psycho
Bahnbekanntschaften
Eingestellt am 03. 11. 2017 12:19


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anbas
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Bahnbekanntschaften

Stuttgart Hauptbahnhof. Der ICE aus Hamburg war p√ľnktlich angekommen. In etwa zwanzig Minuten w√ľrde er wieder gen Norden zur√ľckfahren. Es war ein hei√üer Juni-Tag. Clasen konnte die hohen Temperaturen, die auf dem Bahnsteig herrschten, nur schwer ertragen. Daher stieg er schon jetzt ein, anstatt sich vor der Abfahrt noch eine Zigarette zu g√∂nnen. Es w√ľrde schon irgendwie gutgehen, die f√ľnf Stunden bis nach Hamburg konnte er aufs Rauchen auch mal verzichten.
Der Zug war noch weitgehend leer und vor allem deutlich k√ľhler als drau√üen. Recht schnell fand er im sogenannten Ruhebereich ein Sechser-Abteil, in dem die beiden Pl√§tze am Gang nicht reserviert waren. Clasen kam das sehr entgegen. Besonders heute empfand er die vielen Alltagsger√§usche, die auf ihn eindrangen, als puren Stress. Laut Anzeige w√ľrden zwei der anderen Mitreisenden bis nach Frankfurt und zwei bis nach Hamburg-Altona fahren. Da er in der letzten Nacht sehr schlecht geschlafen hatte, hoffte er nun, w√§hrend der Fahrt zumindest ein wenig d√∂sen zu k√∂nnen. Der ebenfalls nicht reservierte Sitz gegen√ľber lie√ü ihn auf ein wenig mehr Beinfreiheit hoffen.

Kurz nachdem er sich hingesetzt hatte, betraten ein √§lterer Herr und eine deutlich j√ľngere Dame das Abteil. Der Mann war etwa siebzig Jahre alt und sehr leger gekleidet. Unter der Schirmm√ľtze, die er akkurat aufgesetzt hatte, quoll dichtes, lockiges graues Haar hervor, und sein sonnengebr√§untes Gesicht wurde von unz√§hligen Falten durchzogen. Die Frau war ungef√§hr Mitte vierzig und aufw√§ndig gestylt. Ihre dunklen, r√∂tlich schimmernden Haare hatte sie hochgesteckt. Um den Hals trug sie eine schlichte goldene Kette, die sehr gut zu ihren Ohrringen passte. Sie sah aus, als w√ľrde sie gerade von einem Gesch√§ftsessen kommen. Beide gr√ľ√üten freundlich und orientierten sich dann zu ihren Pl√§tzen. Es waren die zwei Sitze neben Clasen ‚Äď Ziel: Frankfurt/Main.

"Beide in Fahrtrichtung ‚Äď das ist gut", sagte die Frau und wuchtete, ehe Clasen seine Hilfe anbieten konnte, die beiden Koffer √ľber den √§lteren Herren hinweg in die Gep√§ckablage.
"Du und dein empfindlicher Magen", antwortete der Mann mit einem ironischen Lächeln. Sie schmunzelte kurz und schob sich dann an ihm vorbei, um den Platz am Fenster einzunehmen.
"Ich setze mich ans Fenster", sagte sie ruhig und f√ľgte trocken hinzu, "deine Augen sind ja eh nicht mehr so gut."
Mit gespielter Empörung wandte sich der Mann Clasen zu.
"Falls Sie je auf die Idee kommen sollten, eine wesentlich j√ľngere Frau zu heiraten, dann sollten Sie sich das sehr genau √ľberlegen", sagte er und raunte ihm dann zu, "das kann auf allen Ebenen eine Herausforderung werden."

Bevor Clasen etwas erwidern konnte, zw√§ngte sich ein junger Mann mit seinem Gep√§ck gru√ülos in das Abteil. Er hatte einen riesigen, seesack√§hnlichen Rucksack sowie eine Reisetasche bei sich. W√§hrend er den Rucksack auf den noch freien mittleren Sitz fallen lie√ü, platzierte er die Tasche dar√ľber in der Gep√§ckablage. Anschlie√üend setze er sich auf den anderen Fensterplatz, zog einen Laptop aus dem Rucksack heraus und legte ihn vor sich auf den Tisch. Auch jetzt beachtete er seine Mitreisenden nicht.
Unauff√§llig musterte Clasen den Mann. Dieser war Mitte zwanzig, sehr athletisch gebaut, hatte kurzgeschorene Haare und trug ein wei√ües Muskelshirt sowie eine Tarnfarbenhose. Auf dem rechten Oberarm war ein gro√üer schwarzer Totenkopf mit roten Augen eint√§towiert. Clasens Blick wanderte nun zu dem Rucksack. Aufgrund dessen Gr√∂√üe sah es fast so aus, als w√ľrde dort ein weiterer Fahrgast sitzen. Clasen fragte sich, ob der Mann diesen Platz extra daf√ľr reserviert hatte ‚Äď in die Gep√§ckablage h√§tte der Rucksack auf jeden Fall nicht gepasst. Doch im Grunde interessierte Clasen das alles nicht. F√ľr ihn war es wichtig, eine ruhige Fahrt bis nach Hamburg zu haben.
Gerade als er in der kleinen Reisetasche, die er bei sich hatte, nach seiner Wasserflasche suchte, ert√∂nte das Smartphone des jungen Mannes. Es war ein unangenehmer schnarrender Klang. Clasen merkte, wie sofort die Anspannung in ihm stieg. Er hoffte, dass es nur ein kurzes Telefonat werden w√ľrde. Das k√∂nnte er dann gerade noch so akzeptieren, ansonsten w√ľrde er etwas unternehmen m√ľssen, schlie√ülich war auch das Telefonieren im Ruhebereich nicht erw√ľnscht. Clasen hatte in den letzten Jahren gelernt, Grenzen zu ziehen und klare Kante zu zeigen.
Der junge Mann hatte eine erstaunlich ruhige und sanfte Stimme. Sie passte gar nicht zu seinem äußeren Erscheinungsbild. Er schien mit seiner Freundin zu sprechen, die wohl einen kleinen Unfall gehabt haben musste. So erkundigte er sich nach ihrem Befinden und ob sie gut vom Arzt nach Hause gekommen wäre. Gleich darauf beendete er auch schon das Gespräch und wandte sich seinem Laptop zu, den er zwischenzeitlich aufgeklappt und hochgefahren hatte.

Das Ehepaar hatte es sich währenddessen auf seinen Sitzen bequem gemacht. Vor ihnen auf dem Tisch lag eine Packung mit Keksen aus der sie sich hin und wieder bedienten. Die Frau blätterte konzentriert in einem Finanzjournal, und ihr Mann beschäftigte sich mit dem Kreuzworträtsel einer Tageszeitung.
"Was ist eigentlich bei der √úberpr√ľfung herausgekommen?" fragte der √§ltere Herr pl√∂tzlich ohne weiter aufzublicken.
Seine Frau atmete tief durch und schaute ihn ärgerlich an.
"Du weißt doch, dass du …"
"Schon gut, schon gut!", unterbrach er sie. "Ich weiß, dass ich nicht …"
"Dann halte dich auch daran!" grollte sie und wandte sich wieder ihrem Magazin zu.

Inzwischen war der Zug losgefahren. Die Klimaanlage im Abteil funktionierte leidlich. Es war warm, aber noch auszuhalten. Clasen lehnte sich zur√ľck und schloss die Augen. Doch wirklich entspannen konnte er sich nicht. Eine innere Stimme signalisierte ihm Alarmmeldungen, die er aber nicht einordnen konnte.
Gerade, als er ein wenig wegged√∂st war, schnarrte erneut das Smartphone des jungen Mannes. Missmutig schaute Clasen zu ihm hin√ľber, doch dieser starrte w√§hrend des Telefonats weiterhin nur auf seinen Laptop. In dem Gespr√§ch ging es diesmal um irgendein Event und den Verbleib einer Trinkgeldkasse. Mehrfach wurde es unterbrochen, weil der Empfang abbrach. Doch dann konnte die Angelegenheit scheinbar gekl√§rt werden, und es kehrte wieder Stille ein. Lediglich das Ehepaar wechselte hin und wieder leise ein paar belanglose Worte.

Als der Zugbegleiter kam, um die Fahrkarten zu kontrollieren, schreckte Clasen auf. Er war anscheinend nicht nur ein wenig weggenickt, sondern musste sehr tief geschlafen haben.
"Guten Morgen!" sagte der Schaffner grinsend und wandte sich zunächst den anderen Reisenden zu. Als er die Fahrkarte des jungen Mannes sah, runzelte er die Stirn und deutete auf den Rucksack.
"Sie sind zwei Personen?"
"Nein, der andere ist kurzfristig abgesprungen", sagte der junge Mann mit einem verlegenen Lächeln.
"Na was f√ľr ein Gl√ľck auch. Sonst h√§tten Sie das Teil vielleicht bis nach Altona auf dem Scho√ü haben m√ľssen", antwortete der Zugbegleiter trocken und kontrollierte die √ľbrigen Karten.

Kaum hatte er das Abteil verlassen, schlief Clasen wieder ein. Es schien, als w√ľrde nun allm√§hlich der Druck von ihm abfallen, unter dem er in den letzten Jahren gestanden hatte. Und doch blieb ein Rest Anspannung, der sich tief in ihn eingegraben hatte. Der Weg in sein neues Leben war noch weit ‚Äď doch das war ihm von Anfang an bewusst gewesen. Erst als sie in Frankfurt ankamen und das Ehepaar ausstieg, wurde er wieder wach. Diesmal wollte er bei den Koffern helfen, doch die Frau wies sein Angebot mit einem klaren "Danke, es geht schon!" resolut zur√ľck.

Der junge Mann hatte, w√§hrend Clasen schlief, die Armlehne zwischen seinem und dem Nebenplatz hochgeklappt, sich mit dem R√ľcken an den Rucksack gelehnt und die Beine angezogen, so dass er nun auf den beiden Sitzen lag. Clasen stellte beruhigt fest, dass keine Schlafger√§usche zu h√∂ren waren, so dass einer ruhigen Weiterfahrt nichts im Wege stand.
In diesem Moment wurde jedoch die Abteilt√ľr aufgezogen und eine √§ltere Frau trat ein. Sie war klein und hager, wirkte aber sehr agil. Clasen sch√§tzte ihr Alter auf Ende siebzig oder sogar noch √§lter. Ihre mittellangen grauen Haare, die noch einige schwarze Str√§hnen aufwiesen, waren streng nach hinten gek√§mmt, sie wirkten ein wenig fettig und vernachl√§ssigt. Trotz der Hitze, die drau√üen herrschte, hatte sie eine d√ľnne beige Jacke an. Die Frau setzte sich auf den freigewordenen Fensterplatz und legte ihre braune, schon stark abgegriffene Handtasche auf den mittleren Platz zwischen Clasen und sich. Missmutig schaute sie dann zu dem schlafenden Mann hin√ľber. Nach einiger Zeit h√ľstelte sie ein wenig. Doch damit war dieser nicht zu wecken. Daraufhin holte sie aus ihrer Jackentasche ein kleines Fl√§schchen hervor, schraubte den Verschluss auf und nahm einen kr√§ftigen Schluck. Anschlie√üend verschwand die Flasche wieder dort, wo sie hergekommen war.

Clasen lehnte sich zur√ľck, um weiter zu schlafen. Der Zug war bereits wieder losgefahren, und im Abteil herrschte eine angenehme Stille. Doch dann wurde die T√ľr erneut aufgerissen und eine junge Frau schaute hinein. Sie machte einen etwas abgehetzten Eindruck. Ihr Anblick lie√ü Clasen einen Moment lang alles um sich herum vergessen.
"Ist der Platz noch frei?" fragte sie und deutete auf den Sitz gegen√ľber von ihm hin.
"Aber sicher", sagte die √§ltere Frau w√§hrend Clasen nur nickte. Er sp√ľrte, wie eine altvertraute Unruhe in ihm aufstieg.
"Gottseidank! Ich bin schon durch den halben Zug gegangen ‚Äď alles voll. Bei dieser Hitze ist das echt kein Vergn√ľgen."
M√ľhelos bef√∂rderte sie ihren kleinen Koffer in die Gep√§ckablage und setzte sich dann. Die Frau musste ungef√§hr achtzehn, neunzehn Jahre alt sein, also etwa drei√üig Jahre j√ľnger als Clasen. Sie war auffallend schlank, trug eine d√ľnne wei√üe Bluse und einen ebenfalls wei√üen Rock, der ihr bis zu den Fu√ügelenken reichte. Das dunkelbraune, fast schwarze Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Clasen schloss die Augen und konnte nicht fassen, was hier gerade passierte. Er sp√ľrte, wie ihm der Schwei√ü die Stirn herunterlief. Von M√ľdigkeit war keine Spur mehr. Diese Frau passte genau ins Schema ‚Äď in sein Beuteschema.

Inzwischen war der junge Mann wach geworden und nestelte aus seinem Rucksack ein kleines P√§ckchen aus Plastik hervor. Mit der Schere eines Taschenmessers √∂ffnete er es. Darin befanden sich w√ľrzig riechende Fleischst√ľcke, von denen er ein paar nahm und sich bed√§chtig in den Mund schob. Die angebrochene Packung legte er anschlie√üend neben den Laptop auf den Tisch. Dann lehnte er sich wieder an seinen Rucksack und schlief weiter.
Clasen starrte aus dem Fenster, um sich abzulenken. Sein Blick streifte dabei die alte Frau, die gerade einen Apfel a√ü. Erst jetzt bemerkte er die kleine kreuzf√∂rmige T√§towierung, die sie auf ihrem linken Handr√ľcken hatte. Zwischen Daumen und Zeigefinger entdeckte er au√üerdem drei Punkte, die dort ebenfalls eint√§towiert waren. Sie musste also mal im Gef√§ngnis gesessen haben. Clasen strich unwillk√ľrlich √ľber die gleiche Stelle an seiner rechten Hand. Auch er trug dort dieses Tattoo.
Die junge Frau hatte sich w√§hrenddessen das Bahnmagazin genommen, das die ganze Zeit √ľber unbeachtet auf dem Tisch im Abteil gelegen hatte, und bl√§tterte desinteressiert darin herum. Clasens Versuche, sie nicht weiter zu beachten, scheiterten auf ganzer Linie. Immer wieder wanderte sein Blick zu ihr hin√ľber, stets darauf bedacht, dass sie nicht merkte, wie er sie musterte. Seine innere Anspannung steigerte sich bis ins Unertr√§gliche. Schlie√ülich erhob er sich und ging zur Toilette. Er brauchte eine Auszeit. Warum musste sie ihm ausgerechnet heute begegnen? Warum gerade heute am Tage seiner Entlassung? Sicher, ihm war immer klar gewesen, dass er nach seiner Haftzeit irgendwann weitermachen w√ľrde. Aber noch war er nicht so weit. Zun√§chst wollte er seine Freiheit genie√üen und sich vor allem ein neues Leben aufbauen. Deshalb fuhr er ja zu Yvonne, seiner Schwester, nach Hamburg, weit weg von dem Ort, an dem ihn alle kannten. Yvonne hatte ihm ein Zimmer zur Untermiete besorgt. Mit Arbeit sah es aber schlecht aus. Wer stellte schon einen vorbestraften Sexualstraft√§ter ein?

Langsam beruhigte sich Clasen wieder. Als er in das Abteil zur√ľckkehrte, schlief der junge Mann immer noch, und die alte Frau am Fenster las in einem leicht zerfledderten Taschenbuch. Sofort fiel Clasens Blick dann wieder auf die junge Frau, die inzwischen intensiv mit ihrem Smartphone besch√§ftigt war. Eifrig tippte sie Nachrichten ein. Hin und wieder huschte ein vertr√§umtes L√§cheln √ľber ihr Gesicht. Die √Ąhnlichkeit mit der Kleinen, wegen der man ihn sp√§ter verhaftet hatte, war verbl√ľffend.

Sie erreichten den Frankfurter Flughafen. Einige neu zugestiegene Fahrg√§ste schoben sich am Abteil vorbei, doch scheinbar wollte sich niemand auf den noch freien Platz zwischen Clasen und der alten Frau setzen. Schon fuhr der Zug wieder an, als n√§chstes w√ľrde er in Kassel halten.

Bis heute wusste niemand, dass er damals nicht nur diese eine Tat begangen hatte, wegen der er dann auch verurteilt worden war. Und erst recht ahnte kein Mensch etwas davon, dass er eigentlich noch lange nicht mit der Frau fertig gewesen war, als sie ihm entkommen konnte. Daher fiel später das Urteil noch relativ milde aus. Doch auch sieben Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

"Sie m√ľsste im Alter von Simone sein", durchfuhr es ihn. Er hielt inne. Seit der Verhaftung hatte er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie gehabt. Nie war jemand zu Besuch gekommen, und die Briefe von ihm waren stets unbeantwortet geblieben. Lediglich Yvonne hatte weiter zu ihm gehalten. Nun wurde ihm bewusst, dass seine Tochter jetzt etwa so alt sein m√ľsste, wie damals seine Opfer. So hatte er das bisher noch nie gesehen. Und jetzt sa√ü da diese junge Frau vor ihm, die ihn nicht nur an seine fr√ľheren Taten sondern an noch so viel mehr erinnerte. Erneut √ľberlegte er fieberhaft, wie er sich ablenken k√∂nnte. Am einfachsten w√§re es f√ľr ihn aber, wenn sie an der n√§chsten Station in Kassel aussteigen w√ľrde.

Clasen holte sich seine Wasserflasche hervor und nahm mehrere kr√§ftige Z√ľge. Sein Mund war v√∂llig ausgetrocknet. Dann lehnte er sich zur√ľck und schloss die Augen. Doch der Anblick dieser jungen Frau verfolgte ihn weiter und lie√ü ihn nicht los. Erfolglos bem√ľhte er sich darum, wieder einschlafen zu k√∂nnen. Nach einiger Zeit kam der Zugbegleiter und lie√ü sich die Fahrkarten der beiden neu Zugestiegenen zeigen.
"Halten wir auch in Hamburg-Dammtor?" fragte die junge Frau.
"Klar, au√üer der Lokf√ľhrer pennt ein", antwortete der trotz Hitze sichtlich gut gelaunte Schaffner.
"Das kann passieren", mischte sich die ältere Frau ein. "Ist schon ein paarmal vorgekommen. Irgendwo bei Wolfsburg, glaube ich."
"Genau, und zur Strafe muss der Lokf√ľhrer jetzt die Strecke Stuttgart-Hamburg fahren", sagte der Zugbegleiter ruhig und schloss die T√ľr.
Clasen schmunzelte. Diese kurze Unterbrechung seines Gedankenkarussells hatte ihm gut getan. Doch gleichzeitig wusste er, dass er ein riesiges Problem hatte ‚Äď und das sa√ü genau vor ihm.

"Wo geht's denn hin?" fragte er die ältere Frau und hoffte, sie so in ein Gespräch verwickeln zu können.
"Nach Kassel", antwortete sie und wandte sich dann wieder ihrem Buch zu. Sie hatte offensichtlich kein Interesse an einer Unterhaltung. Clasen musste einen anderen Weg finden, um mit dieser Situation zurechtzukommen. Doch er sah f√ľr sich keine andere M√∂glichkeit, als ebenfalls in Kassel auszusteigen, um dann einen anderen ICE nach Hamburg zu nehmen. Anders war die Situation f√ľr ihn im Moment nicht zu l√∂sen. Um sich wenigstens ein wenig abzulenken, stand er auf und schlenderte einmal durch den gesamten Zug. Im Bordbistro machte er eine Pause und g√∂nnte sich einen Kaffee. Jetzt h√§tte er gerne eine Zigarette geraucht. Er √ľberlegte, ob er nicht einfach den Platz wechseln sollte. Doch abgesehen davon, dass der Zug weiterhin sehr voll war, hielt ihn irgendetwas davon ab und zog ihn zur√ľck in sein Abteil, obwohl er wusste, dass ihm das nicht gut bekommen w√ľrde.

Als er wieder zur√ľckkehrte, war der junge Mann inzwischen aufgewacht und hantierte an seinem Smartphone herum. Clasen hatte das Gef√ľhl, dass er von ihm unauff√§llig aber eingehend aus den Augenwinkeln heraus gemustert wurde, doch er lie√ü sich nichts anmerken. Nach einiger Zeit nahm sich der Mann wieder ein St√ľck Fleisch aus der vor ihm liegenden Packung. Unverhofft bot er den beiden Frauen und dann Clasen ebenfalls etwas an. W√§hrend die beiden anderen ablehnten griff Clasen zu und bedankte sich. Er war froh √ľber die kleine Ablenkung.
"Und? Schmeckt's?" Der Hauch eines Lächelns lag auf dem Gesicht des jungen Mannes.
Clasen nickte. Zwar konnte er den Geschmack nicht genau einordnen, doch das war ihm im Moment auch egal. Er genoss es einfach nur, dass seine kreisenden Gedanken eine kurze Pause machen konnten. Gleichzeitig stieg in ihm aber auch die Sehnsucht danach auf, endlich wieder selber kochen zu k√∂nnen. Er hatte immer schon leidenschaftlich gerne gekocht. Doch w√§hrend seiner Haftzeit war es aus unterschiedlichen Gr√ľnden nie dazu gekommen, dass er in der K√ľche arbeiten durfte. Stattdessen wurde er in der Tischlerei eingesetzt. Hier hatte er allerdings einiges lernen k√∂nnen, was ihm f√ľr seine Pl√§ne nach der Entlassung hilfreich sein k√∂nnte.
"Aus eigener Herstellung", sagte der junge Mann. "Kochen Sie auch?"
"Ja, aber ich hatte in letzter Zeit keine Gelegenheit dazu."
"Es ist schon etwas Feines, wenn man das Ergebnis seiner Arbeit auf diese Art und Weise genießen kann, nicht wahr?"
Clasen nickte. In Hamburg w√ľrde er seine Schwester bitten, mit ihm zusammen ein mehrg√§ngiges Men√ľ zuzubereiten. Sie war ebenfalls eine gute K√∂chin. Fr√ľher hatten sie oft zusammen in der K√ľche gestanden und gemeinsam f√ľr Freunde und Verwandte gekocht.
"Ich hoffe, dass ich bald mal wieder die Zeit dazu habe", sagte er nach einer kurzen Pause.
"Das sollten Sie unbedingt tun. Ich bin √ľbrigens in einem genialen Kochforum, in dem nur M√§nner als Mitglieder zugelassen werden. Dort tauschen wir dann Rezepte und Erfahrungen aus. Manchmal verabreden sich auch einige Mitglieder, um dann gemeinsam etwas zu kochen. Hier, das ist der Link dazu. Vielleicht treffen wir uns dort ja mal wieder."
W√§hrend er das sagte, zog er aus einer seiner Hosentaschen einen kleinen Zettel hervor, auf dem bereits die Adresse der Webseite notiert war. Clasen bedankte sich und steckte das St√ľck Papier in die Brusttasche seines Hemdes. Dann wurde es wieder still im Abteil und sein innerer Kampf ging in die n√§chsten Runden.

Endlich erreichten sie Kassel, wo er gemeinsam mit der älteren Frau ausstieg. Bevor er aber seines Weges gehen konnte, hielt diese ihn kurz am Arm fest.
"Nun erst mal tief durchatmen, junger Mann", sagte sie in einem strengen Tonfall. "Hier, nehmen Sie auch einen Schluck!" Sie zog das kleine Fläschchen hervor und reichte es Clasen.
"Wie meinen Sie das?", fragte dieser nervös, während er mit einer leichten Handbewegung das Angebot ablehnte.
"Na h√∂ren Sie mal ‚Äď ich bin alt aber nicht blind! So, wie Sie dieses junge Ding gemustert haben ‚Ķ Nee, nee ‚Äď in Ihrem Alter sollten Sie sich auf reifere Frauen konzentrieren. Alles andere geht doch nicht gut ‚Ķ"
Clasen war wie erstarrt. Es f√ľhlte sich fast genauso an, wie damals bei seiner Verhaftung.
"Hier, die k√∂nnen Sie behalten", fuhr die Alte fort und dr√ľckte ihm eine Tageszeitung in die Hand. "Ich habe sie mir vor der Fahrt gekauft und dann doch nicht gelesen. Jetzt brauche ich sie nicht mehr. Vielleicht steht da ja was drin, das Sie ablenkt. Zur Not nehmen Sie sich das Kreuzwortr√§tsel vor."
Kichernd steckte sie die Flasche wieder ein und verließ, ohne sich weiter umzudrehen, den Bahnsteig.

Eine Stunde sp√§ter sa√ü Clasen im Gro√üraumabteil eines anderen ICEs nach Hamburg. Inzwischen ging es ihm wieder etwas besser. Doch noch war die Anspannung nicht ganz gewichen. Gedankenverloren bl√§tterte er in der Zeitung, die ihm die alte Frau geschenkt hatte. Doch dann blieb sein Blick pl√∂tzlich an einer der √úberschriften h√§ngen. "Deutschlands gef√§hrlichster Serienm√∂rder" stand dort in dicken Lettern. Angespannt las er sich den dazugeh√∂rigen Artikel durch. So erfuhr er, dass der Gesuchte in den letzten drei Jahren schon mindestens acht Menschen get√∂tet haben soll ‚Äď alles M√§nner unterschiedlichen Alters. W√§hrend Clasens Opfer f√ľr immer verschwunden geblieben waren, ging dieser T√§ter anders vor. Er verteilte die Leichenteile in ganz Deutschland. Man hatte sogar schon menschliches Fleisch gefunden, das gebraten und Vakuum eingeschwei√üt worden war.

Schlagartig wusste Clasen nun, wonach das St√ľck Fleisch vorhin im Zug geschmeckt hatte. Er musste etwas unternehmen ‚Äď und zwar schnell.

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molly
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Lieeber Andreas,

Gruselig! Schon gleich am Anfang kommt mit Clasen viel Unruhe in das Abteil, obwohl er doch so ruhebed√ľrftig ist. Alles stresst ihn: die Hitze, die Alltagsger√§usche...

Dann treffen sich zwei ganz Schlimme im gleichen Abteil. Wie gut, dass sie öfters mal schlafen.

"Schlagartig wusste Clasen nun, wonach das St√ľck Fleisch vorhin im Zug geschmeckt hatte"

Woher wusste er wie Menschenfleisch schmeckt, oder an was hat er das erkannt?

Gern gelesen!

Viele Gr√ľ√üe und eine gute Woche

Monika


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anbas
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Liebe Monika,

vielen Dank f√ľr Deine R√ľckmeldung. Sch√∂n, dass Dir diese Geschichte gef√§llt. Ich bin mir im Grunde aber bis heute nicht sicher, ob sie in dieser Rubrik richtig aufgehoben ist, da der eigentlich "Psycho-Faktor" sehr sp√§t einsetzt.

quote:
Woher wusste er wie Menschenfleisch schmeckt, oder an was hat er das erkannt?
Hier muss ich jetzt allerdings nachfragen, ob diese Frage eher rhetorisch ist, oder ob der Hintergrund wirklich nicht aus dem Text heraus deutlich wird?

Liebe Gr√ľ√üe

Andreas
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molly
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Lieber Andreas

***********************************************************
"Und? Schmeckt's?" Der Hauch eines Lächelns lag auf dem Gesicht des jungen Mannes.
Clasen nickte. Zwar konnte er den Geschmack nicht genau einordnen, doch das war ihm im Moment auch egal.

***********************************************************
Auch wenn er das Fleisch nicht zuordnen konnte, er wusste sicher nicht, wie Menschenfleisch schmeckt.

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Schlagartig wusste Clasen nun, wonach das St√ľck Fleisch vorhin im Zug geschmeckt hatte. Er musste etwas unternehmen ‚Äď und zwar schnell.
**************************************************************
Darum schlage ich Dir diesen Satz vor

Schlagartig begriff Clasen nun, was er vorhin im Zug gegessen hatte…

Viele Gr√ľ√üe, aus der Horrorabteilung,

molly

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anbas
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quote:
Auch wenn er das Fleisch nicht zuordnen konnte, er wusste sicher nicht, wie Menschenfleisch schmeckt.

Liebe Monika,

wieso wusste er das nicht ...? Wo steht das? Er konnte den Geschmack in dem Moment nicht zuordnen ...

Liebe Gr√ľ√üe

Andreas

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