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Leselupe.de > Horror und Psycho
Bedrohte Tierarten
Eingestellt am 06. 05. 2012 10:44


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Catch
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2012

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Torrus liebte das Angeln. Den Blick über die weite See schweifen zu lassen. Das hin und her wogen zu beobachten. Die Hände hinter dem Nacken zu verschränken und gegen einen Felsen zu lehnen. Ganz entspannt dasitzen und die warme Brise inhalieren. Ein kleines Nickerchen halten und ab und zu die Angelsehne nach einer Regung kontrollieren. Es war ein Geduldsspiel. Und er hatte schon immer eine gehörige Portion davon in Reserve. Hin und wieder stand er auf, legte sich auf den Felsvorsprung, den er als sein Stammrevier bezeichnete, und schaute in die See. Wann wohl einer anbeißen würde? Ob es diesmal ein dicker war? Hoffentlich kein Stiefel wie beim letzten Mal.
„Ist es soweit?“, fragte eine Stimme neben ihm.
„Noch nicht“, antwortete er.
Er seufzte. Die jungen Leute von heute hatten einfach keine Geduld. Ihre einzige Beschäftigung schien darin zu bestehen, hektisch hin und her zu laufen und Häkchen in ihren Terminkalender zu kritzeln. Wie konnte man hoffen so Jemanden etwas beizubringen?
„Ist es jetzt soweit?“, fragte die Stimme erneut.
Verärgert hob Torrus ein Augenlid und funkelte seinen Schüler an.
„Lieber Mister Rephobel“, begann er übertrieben förmlich „Es ist soweit, wenn ich sage, dass es soweit ist.“
„Aber die Sehne zuckt“, stellte Rephobel fest.
Prüfend betrachtete Torrus die Angel, die fest im felsigen Untergrund steckte und schaute dann zur Sehne, die tatsächlich leicht hin und her schwang.
„Das ist der Wind. Seeflukkulationen.“
„Flukkelationen?“, fragte Rephobel erstaunt.
„Veränderung der Strömung.“
Torrus hob seinen massigen Oberkörper, drehte den fleischigen Kopf, wobei sein Zweifachkinn wabbelte und hob nun auch das zweite Augenlid. Tadel lag in seinem Blick, als er zu Rephobel hinüberschaute.
„Hatte ich dir nicht aufgetragen das Angelhandbuch zu lesen?“
Entschuldigend blickte sein Schüler zu Boden und zog das Buch unter seinem Gesäß hervor. Nachdem sich Torrus vergewissert hatte, dass sich Rephobel in das Buch vertiefte, rückte er seinen Körper wieder zurecht und fuhr mit seinem Nickerchen fort.
„Kapitel Eins“, las Rephobel. „Geduld ist die Tugend des Anglers und nimmt neben Ehrgefühl, Verantwortung und der Achtung zum Natur einen hohen Stellwert ein. Wer Geduld hat, hat Sitzsamkeit. Wer Sitzsamkeit hat, hat den Mut zur Verantwortung. Wer den Mut zur Verantwortung hat...“ Leise klappte er das Buch wieder zu. „Geschrieben von Torrus“, stand darauf, „dem meisterlichen Angelblitz alter Schule“.
Skeptisch versuchten seinen Augen den gewaltigen Fleischkloß neben ihn zu erkunden, wie er da fläzte und seine Sabberfäden das Kinn hinabsteigen ließ. Selbst eine maximale Pupillenerweiterung, konnte die gesamte Erscheinung nur grob umreißen. Er glaubte, dass mehr als ein Blitz notwendig war, um diesen Koloss zu bewegen.
Eine Explosion schreckte Torrus aus seinem Nickerchen. Er hob den Kopf und sah eine Rauchfontäne über dem See schweben. Ein neuerliches Krachen ließ ihn zusammenzucken.
„Barbaren!“, schrie er hinaus.
„Was ist denn?“, fragte Rephobel interessiert.
„Sprengstofffischerei, was sonst?“, antwortete Torrus gereizt.
Tatsächlich konnte Rephobel in der Ferne mehrere Leute ausmachen, die dicke Taue in den Händen hielten. An den Tauen waren große Schüsseln befestigt, die auf den See hinaustrieben. Wieder krachte es. Er konnte sehen wie einige Einzelteile in die Schüsseln regneten. Mit Entsetzen stellte er fest, dass Torrus die wulstigen Arme vom Körper spreizte, tief Luft holte, mehrfach prustete und zu einer langen Rede ansetzte.
„Als ich noch jung war“, begann er „und mein Vatersvater von seinem Ururgroßvater das Fischen beigebracht bekam...“ Rephobel senkte den Blick und versuchte das Rauschen in seinem Kopf lauter zu drehen. Er betrachtete aufmerksam den felsigen Untergrund, auf dem er lag und sortierte in Gedanken die Steine nach Größe, Gewicht und vergab Noten für schöne Formen. Er schaute wieder zu Torrus, hörte wie er gerade bei seiner „Aber die Kehrschaufel der Medaille“ Rede angekommen war und blickte rasch zurück. Nach der Note „befriedigend“ für den vierundsechzigsten Stein, gab er auf und wollte sich gerade die Steine in die Ohren stecken, als der Angelmeister endlich verstummte. Statt einer feurigen Rede erhob sich nun ein lautes Schnarchgeräusch. Wenn Torrus’ Gemüt zu überhitzen drohte, passierte so etwas immer. Ein beneidenswerter Schutzmechanismus, fand Rephobel.
Er nutzte die Zeit um selbst ein wenig zu schlummern. Nach einer Stunde wachte er auf und langweilte sich. Offenbar war angeln gleichzusetzen mit einem ausgedehnten Mittagsschläfchen. Was ihn ans Essen denken ließ. Die Sehne zuckte nun heftiger.
„Ist es soweit?“, fragte er laut.
Ein Grunzen ertönte. Widerwillig hob sich Torrus’ Augenlid und ein schlafumwobenes Auge musterte die Bewegungen der Sehne.
„Nein.“, murmelte er und klappte das Lid nach unten.
Rephobel seufzte lang und genussvoll. So langsam bekam er eine Vorstellung von der Ewigkeit. Gerade als er glaubte, die letzte Abwechslung die er für heute erleben durfte, sei der Schleimball gewesen, den Torrus vorhin ausgehustet hatte, dröhnte Motorenlärm herüber.
„Da ist wieder einer“, stellte Rephobel fest.
Torrus bewegte sich rascher, als es sein Leib vermuten ließ und war in weniger als zehn Sekunden auf den Beinen. Mit der flachen Hand schützte er seine Augen vor dem hellen Licht und spähte auf den See. Langsam tuckerte dort ein Motorboot und schwang dabei bedrohlich von einer Seite auf die andere und zog eine rote Gischtwolke hinter sich her. Es war erstaunlich, dass es nicht ganz umkippte.
„Sieh dir das an!“ Torrus klang verärgert, was immer der Fall war, wenn er ein Motorboot sah. „Verfluchte Piraten! Fischen den See leer und achten in keinster Weise darauf, ob ihre Schiffsschraube den armen Tieren den Kopf abschmettert.“ Er spähte weiter und erkannte mit einigem Schrecken, dass breite Netze aus dem Boot geworfen wurden.
„Ein größeres Netz haben sie wohl nicht finden können“, schnaubte er verächtlich. „Schreib
seine Nummer auf!“
Rephobel holte ein StĂĽck Kohle aus der Tasche und schrieb eine Nummer, die ihn gerade in den Sinn kam, in die rote Liste des Angelhandbuches. Null Hundertneunzig und Dreimal die Sechs, formte er lautlos mit den Lippen und grinste dabei schmutzig.
„Ich sag’s dir. Irgendwann werden sie alles leergefischt haben. Und dann können sie nur noch mit verwunderten Augen auf ihre Teller glotzen und feststellen, dass sich Seeschlamm drauf befindet.“ Torrus prustete wieder und wollte gerade seine Rede fortsetzen, als Rephobel beruhigend einlenkte.
„Keine Panik. Siehst du den Transporter da drüben? Sie setzen wieder neue aus.“
Torrus spähte in eine andere Richtung und beobachtete eine sich hebende Laderampe, die neue Tiere in die Flut schüttete.
„Stichlinge“, murmelte er.
„Es wird etwas getan“, meinte Rephobel darauf.
Torrus drehte sich ruckartig herum, was einer Erosion gleichkam und funkelte seinen SchĂĽler wĂĽtend an.
„Und was ist mit dem Abortschlamm der hier reingeleitet wird?“
Es hatte keinen Sinn mit dem Meister der altertĂĽmlichen Angel, wie Rephobel ihn klammheimlich nannte, zu diskutieren. Wenn er sich aufregen wollte, wollte er sich aufregen. Argument? Sinnlos. Vernunft? Scheiterhaufen.
Sehnsüchtig erwartete er die Überhitzung des Gemüts. Die Rede strömte an seinen Ohren vorbei und gedankenlos beobachtete er eine Harpune, auf der mehrere Leckerbissen aufgespießt waren und die jetzt ins Boot gezogen wurde.
Die Sehne drohte die Angel hinabzureiĂźen.
„Ist es jetzt soweit?“, fragte er lauter als je zuvor.
Torrus unterbrach sich mühsam, musste mehrere Schritte machen, um seinen Körper zur Angel zu drehen und sagte dann erlösend: „Ja. Es ist soweit.“
Rephobel atmete auf und holte zwei schmutzige Teller hervor.
„Bereite einen neuen Köder vor“, forderte Torrus, während er an der Angel kurbelte.
Der Schüler spähte in den Köderkorb. Dort war nichts mehr zu finden. Anscheinend waren sie in einen gewissen meisterlichen Magen gelandet.
„Die Plätzchen sind alle. Und die Schlagsahne auch.“
„Verdammt“, grummelte Torrus.
„Wir können nachher neue backen.“
„Das ist es nicht.“
„Sag nicht, es ist ein Stiefel.“
„Wir haben ein Jungtier erwischt.“, antwortete Torrus in bedauernden Tonfall.
Rephobel kam näher und betrachtete das kleine, zuckende Wesen.
„Woran erkennst du das?“
„Ich hab’s im Kochbuch gelesen. Ein rosa Kleidchen und ein Teddybär sind deutliche Zeichen.“
„Sieh nur, wie es mit den Flossen zappelt“, meinte Rephobel plötzlich gerührt.
Torrus nickte gefĂĽhlvoll und zog den Haken hinaus, wobei er ein kleines Kehlchen zerfetzte. Weit holte er aus und warf sie zurĂĽck in den Menschensee.
„Schwimm, Flossie, schwimm“, sagte er bitter. „Unsere Mahlzeit ist dahin. Ich gehe nach Hause und lege mich aufs Ohr.“
Rephobel blieb zurück und packte enttäuscht die Teller zusammen. Er wollte noch einen letzten Blick in den See werfen und trat auf den winzigen Teddybär. Sie musste ihn verloren haben. Ob man sie jetzt noch zuordnen konnte? Er zuckte mit den Schultern. Den Motorbooträubern und Sprengstofffischern war das eh egal. Sein Blick wanderte über die See, wie sie hin und her wogte, im eigenem Saft brodelte. Seine Lungen inhalierten eine heiße Brise und sein Magen begann zu kochen. Er wollte einen hässlichen Fluch ausstoßen, doch hier unten waren Worte wie „Gottverdammt“ oder „Weißburgunderblumenkäse“ nicht gestattet. Also folgte er seinem Angellehrer und ignorierte das lauter werdende Knurren.

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lapismont
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Hallo Catch,

gefällt mir gut. Stilsicher und spannend in Szene gesetzt. Ein bisschen schade ist die unbefriedigende Auflösung. Ich würde gern mehr über diese Welt erfahren und dieser so speziellen See.

cu
lap
__________________
Kunst passiert.

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Catch
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2012

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Kommentare: 2
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Ich hatte schon fast mit einem Totalverriss gerechnet. Schön, dass es mich bis jetzt nicht so hart getroffen hat.

Das ähm Werk sollte als eine kleine humorige Geschichte gedacht sein, bei der die vermutlich leicht zu durchschauende Pointe darin liegt, dass es in der Hölle spielt. Insofern hatte auch das Mädchen lediglich den schlichten Zweck als Scherzeinlage zu dienen, indem es als Jungtier bezeichnet wurde.

Mit Auflösungen ist das so eine knifflige Sache- Meist fällt mir keine gute ein.

Die Hölle ist ein hervorragender Ort für Geschichten, wie ich finde. Vielleicht wage ich mich da noch mal ran.

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Guest
Registriert: Not Yet

Ja, gefällt mir auch recht gut. Die Bilder, die Szenen, die Schreibweise.
Nur mit der Auflösung, ist es etwas schwer.
Ich hatte ursprünglich nicht an Hölle gedacht.
Aber ansonsten läßt es sich gut lesen.

GrĂĽĂźe

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