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Leselupe.de > Science Fiction
Begegnung der wasweißichwievielten Art
Eingestellt am 15. 11. 2002 12:59


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Begegnung der wasweisichwievielten Art

Ich sage immer, mit einem Roman verhält es sich, wie mit einem Kind. Von einer lustvollen Idee gezeugt, nistet sich dieses Gedankenei in einem besonderen Winkel des Gehirnes ein, den ich als Gebärmutter des Geistes zu bezeichnen pflege. Nach einer zeitlich recht unterschiedlichen, weil extrem vom Gedankenfutter abhängigen Schwangerschaft kommt es schließlich zur Geburt. Wenn man von einem leichten Haarwurzelkatharr einmal absieht, verläuft das eigentliche Gebären weitgehend schmerzfrei. Schließlich flutscht der spontan von mir auf den Namen Exposee getaufte Säugling - noch feucht von der Farbe – aus dem Drucker und verlangt sofort nach Nahrung, die ich ihm schließlich zeilenweise einflöße, bis er Kapitel für Kapitel heran wächst. Ja - es kostet schon viel Kraft und Schweiß, um aus diesem Winzling ein lebensfähiges Kind groß zu ziehen und es schließlich zum stattlichen Jüngling heran reifen zu lassen. Streng, aber liebevoll erzogen, erhält er schließlich im Lektorat den letzten Schliff, um dann seinen völlig ausgelaugten Vater zu verlassen und in die weite Leserwelt zu ziehen. Alle meine Romankinder sind diesen Weg gegangen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich, schlugen sie sich - tausendfach geklont - in den Buchläden herum und ernährten ihren Erzeuger mehr schlecht als recht.
Halt - ich will nicht ungerecht sein. Mit Hilfe meiner zahlreichen Söhne habe ich es sogar zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Dieser findet seinen sichtbaren Ausdruck vor allem in einem 10 Jahre alten Opel "Calibra" und einem kleinen und obendrein ziemlich herunter gekommenem Anwesen am Rande meiner Heimatstadt.
Da ich mit zwei linken Händen auf diese Welt geworfen wurde, vermochte ich den zunehmenden Verfall meiner Behausung nur in sehr bescheidenem Maße aufzuhalten. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier; heißt es. Und so flog auch an diesem Freitag Nachmittag meine Haustür nach einem mittlerweile zur Präzision ausgereiften Fußtritt bereitwillig auf und gewährte Zugang zu der winzigen, im Halbdunkel liegenden Diele. Ein gekonnter Hackentrick, und die Tür knallte wieder ins Schloss. Ich hängte mein Sakko an den Kleiderhaken, nicht ohne vorher das kleine, sorgsam gefaltete Papierbündel aus der Tasche genommen und auf den Flurschrank gelegt zu haben. Ich ertappte mich dabei, wenigsten einmal liebevoll mit den Fingerkuppen darüber gestrichen zu haben. Wieder war einer meiner Romansöhne flügge geworden, und vor mir lag das bescheinigende Dokument - der Autorenvertrag!
"Geschafft!" murmelte ich. "Warst kein einfaches Kind."
Noch nie hat Liane so sehr an einem Machwerk von mir herum gekrittelt, und noch nie hatte ich sie am Ende so begeistert gesehen.
"Wirst sehen, das wird ein Bestseller", hatte sie gesagt, und in ihrem Gesicht war nicht die Spur von Ironie auszumachen gewesen.
Liane! Auf einmal wußte ich, von welchem Duft der abgestandene Zigarettenmief im Korridor überlagert wurde. Liane? Das war wohl kaum möglich. Die kreuzte nur einmal in der Woche bei mir auf. Sonntags! Alle anderen Tage einer langen Woche pflegte sie jobbenderweise mehr als 200 km von meiner Behausung entfernt zu verbringen.
Unsere Liebe vermochten wir vielleicht göttlich zu nennen, aber wir verhielten uns nicht so. Während Gott nach sechs Tagen unentwegten Schöpfens am 7. Tag zu ruhen pflegte, war gerade dies unser einziger wirklicher Werktag. Wir hatten daher mein Schlafzimmer liebevoll in "Werkstatt" umbenannt, obwohl an der Tür auch die Aufschrift "Versuchsstation" keineswegs sinnentstellend gewesen wäre. Liane liebte das Experimentieren. Erst heute früh erhielt ich von ihr eine SMS mit der verheißungsvollen Nachricht, sie habe rein theoretisch die Stellung Nummer 93a kreiert und hoffe nun darauf, dass sie sich auch als praktisch durchführbar erweise. Denjenigen, die eine solch hohe Ziffer für reine Angeberei halten, sei gesagt, dass es die Stellungen 1-68 bei uns überhaupt nicht gibt, da wir stets erst bei 69 einsteigen.
Während - von dem Duft ausgelöst - meine Phantasie für einen ordinären Freitag recht ungewöhnliche Wege beschritt, stieß ich mit leicht beschleunigtem Puls die Tür zum Wohnzimmer auf, tat einen Schritt über die Schwelle und...
Mein unartikuliertes Grunzen ließ das mir unbekannte weibliche Wesen auf meiner Couch den Kopf drehen. Der den Männern angeborene Reflex, mit dem sie in der Lage sind, ein feminines Geschöpf in Bruchteilen von Sekunden zu taxieren, einzuordnen und das Ergebnis abzuspeichern, versagte diesmal. Denn ehe mein Blick Gelegenheit bekam, sich laserhaft abtastend über Gesicht und Körper - wegen mir auch umgekehrt - hinweg zu huschen, wurde er schon abgefangen - ach, was sage ich - förmlich aufgesogen von einem Augenpaar, das mich nicht mehr loszulassen schien. Die graublauen Pupillen wirkten wie gewaltig schlürfende Cyklone - Strudel, vor denen es mich schauderte, denn sie verbreiteten zusätzlich eine Kälte, die mich einen Moment lang glauben machten, die Ränder der Iris seien mit einer hauchdünnen Eisschicht besetzt. Mit Unbehagen spürte ich diese Kälte den Rücken hinauf kriechen, dort Gänsehaut erzeugen, ehe sie mir unter die Wurzeln der Kopfhaare kroch. In meinen Ohren begann es seltsam zu rauschen. Und dann hörte ich eine diesen Misston überlagernde dunkle Stimme. "Sie sind der Schriftsteller Berger? Ronny Berger?"
Während ich zeitlupenartig zu nicken begann, schlossen sich plötzlich die Strudel, und die dünne Eisschicht zerfiel in winzige Kristalle. Mein Blick - nunmehr dieser Fessel entledigt - begann vorsichtig zu wandern. Ich sah einen im Verhältnis zur gesamten Körperproportion recht klein geratenen Kopf, was der außergewöhnlich kurz gehaltene Blondschopf noch zu unterstreichen schien. Die Ohren, die aus fein modelliertem Porzellan gemacht schienen, die liebevoll heraus gemeißelte Nase, das angriffslustig nach vorn geschobene Kinn und die ein wenig blassen, aber wunderschön geschwungenen Lippen - alles wirkte irgendwie winzig, aber ungemein anziehend. Auch ihren von einem hellblauen Brusttuch nur spärlich bedeckten Oberkörper durfte man als extrem zierlich bezeichnen. Je länger ich sie anstarrte, um so stärker machte sich das Rauschen im Kopf bemerkbar. Wer war diese Frau? Eine Fremde, die mir aber rasch immer vertrauter zu werden schien, je länger ich sie ansah.
Jetzt stand sie auf und strich mit synchroner Bewegung beider Hände den extrem kurzen Rock glatt. Diesen Händen folgend, irrte mein Blick über ein paar weit ausladende Hüften, glitt dann die sehr stämmigen aber durchaus ansprechend geformten Beine hinab bis hinunter zu den in wahnsinnig hohen Absatzschuhen - etwa Größe 42 - steckenden Füßen. Wow - Oberkörper und Fahrgestell schienen schlecht aufeinander abgestimmt. Es war, als hätte ein Gärtner eine zartgliedrige Rose auf den kräftigen Ast eines Pflaumenbaumes gepfropft. Hoppla - diesen Vergleich kannte ich doch. Ich hatte ihn selbst erfunden und benutzt. Ja - auch diese eigenartige Disharmonie ihres Körpers schien mir vertraut. Sie ging die paar Schritte auf mich zu und legte ihre kleinen kühlen Hände auf meine Schultern. Vielleicht wäre ich unter dieser Berührung zusammengezuckt, wenn ich diesen Kontakt nicht schon gekannt - halt - nein - zig-mal beschrieben hätte. Gleich würde sie die Begrüßungsformel in der Sprache der Indiruki murmeln. Schon öffnete sich ihr kleiner Mund, doch ich kam ihr zuvor.
"Desilci!" Wie von selbst formten meine Lippen diesen Namen. "Desilci, wie..." Ich brach ab, weil mir bewusst wurde, eine Halluzination angesprochen zu haben. Verdammt - was war mit mir los? Ich hatte zwar vor einer Stunde mit meiner Lektorin und dem Verleger ein Glas Sekt geleert, aber deshalb mußten ja nicht gleich die eigenen Romanfiguren auf meiner Couch herum sitzen. Ich schloss die Augen, schüttelte heftig den Kopf und glaubte so, den Spuk vertrieben zu haben. Mitnichten! Als ich die Lider vorsichtig wieder hob, stand Desilci noch genauso vor mir. Ihre Hände waren von meinen Schultern geglitten, und ich sah sie zurückhaltend lächeln.
"Nein - ich bin kein Phantom", kam sie mir zuvor. "Ich bin Desilci, die persönliche Referentin von Da Üjoso, der "Göttlichen Mutter der Vernunft. Du zweifelst? Berühre mich doch, und du wirst spüren: Ich bin aus Fleisch und Blut!"
Ich schaute sie zögernd an und nahm Gefühle wahr, die ich bereits schreibend tausendfach durchlebt hatte. Vorsichtig hob ich die Hand. Dass diese dann ausgerechnet auf einer ihrer winzigen Brüste landete, war - ich schwöre es - reines Versehen. Eine schallende, aber mehr noch ernüchternde Ohrfeige war die prompte Antwort. Tatsächlich - sie war aus Fleisch und Blut. Die Verwirrung schien auf beiden Seiten perfekt.
"Sei dankbar, dass Du hier und jetzt lebst", zischte sie, und ihr schmaler Brustkorb hob und senkte sich in keuchender Entrüstung. Du weißt ja - dafür gäbe es nur die Höchststrafe."
"Ja, ja - das Reich der gerechten Mutter Kilmurc", sagte ich und dachte an die von mir erfundenen feuchten, aus nacktem Fels gehauenen Verliese, in denen Männer, die durch aggressives Verhalten aufgefallen waren, bei lebendigem Leibe vermoderten.
Desilci hatte inzwischen ihre Fassung zurück gewonnen, sich wieder auf der Couch niedergelassen und eine neue Eisschicht auf die Pupillen gezaubert. Ich vermochte mich nicht zu rühren.
"Interessiert es dich gar nicht, was mich hierher geführt hat?" fragte sie schließlich und schlug die rassig massigen Beine übereinander.
Ich stand immer noch regungslos, hielt den Kopf leicht gesenkt und fühlte mich wie mein Hauptprotagonist, der einen ganzen Roman lang Desilcis Zuckerbrot genossen, aber auch deren Peitsche gespürt hatte.
"Ich bin gekommen, um den einzigen Mann auf dieser Welt kennen zu lernen, der unsere Achtung genießt -ja - den wir verehren. Dein Roman "Diktatur der weiblichen Vernunft" war es, der unseren Vorfahren den rechten Weg wies. Deine Gedanken und Ideen, deine Argumente und Handlungsanleitungen - sie haben schließlich die Welt verändert. Fast drei Jahrhunderte haben wir gebraucht, um dieses große Ziel, ein Leben ohne Männer, zu verwirklichen. Ich bin nicht die Desilci aus deinem Roman. Ich bin ihr nur ähnlich, ich trage ihren Namen und ich fülle ihre Rolle aus. Nach mir wird es immer wieder neue Desilcis geben."
Wenn ihr Auftreten nicht so überzeugend echt gewesen wäre, hätte ich laut gelacht. Für einen Moment kam mir der Gedanke, dass sich jemand aus dem Verlag einen Scherz mit mir erlaubte. Aber warum?
Auf ihren ernsten Ton eingehend, wagte ich schließlich zu fragen, woher sie so gut über den Inhalt meines Romans informiert sei. Schließlich läge er ja noch als Manuskript bei meinem Verleger.
Um ihre Lippen spielte ein nachsichtiges Lächeln, während sie in ihrer voluminösen Handtasche zu kramen begann. Schon hielt sie ein in kostbares schwarzes Leder gebundenes Buch in der Hand und hielt es mir entgegen. "Diktatur der weiblichen Vernunft" stand da in großen dicken und obendrein noch golden geprägten Lettern.
"Wo hast Du das her?" fragte ich in ungläubiger Atemlosigkeit.
"Das bekommt bei uns jedes Mädchen überreicht, wenn es lesen und schreiben gelernt hat."
Ich griff hastig nach dem Buch, das mir bereitwillig überlassen wurde. Ich blätterte eine Weile kopfschüttelnd darin herum, bis ich bei einer Seite hängen blieb, die durch ein Lesezeichen markiert war.

Ich las:
"Welche Sorte Mensch ist es, die stets nach Macht und Einfluß strebt, die dabei viel zu leicht bereit ist, die Schwelle zu psychischer und physischer Gewalt zu überschreiten? Wer ist nie mit dem Erreichten zufrieden und muß dem Drang nach immer mehr, immer besser, immer vollkommener zwanghaft folgen, ohne sich über die Auswirkungen seines mitunter sogar segensreichen Schaffens bereits vorher ausreichende Gedanken zu machen? Wer stellt stets den Intellekt über das Gefühl und wer denkt angeblich stets rational, um sich im gleichen Atemzug in geistigen Höhenflügen zu verlieren? Wer versucht denn ständig vor sich und seinem Umfeld eine krankhafte Überlegenheit zu beweisen und dies notfalls auch in gefährlichen Auseinandersetzungen mit anderen Vertretern seiner Spezies durchzusetzen? Wer ist bereit, eine tiefe Liebesbeziehung bedenkenlos der Befriedigung rein triebhaft sexuellen Gelüsten zu opfern? Wer möchte stets Herr nie Diener sein? Der Mann! Ein Geschöpf, das zu enormen Taten fähig ist, wenn es um die eigene Selbstdarstellung geht, das aber gleichzeitig gegen die normalen täglichen Verpflichtungen eine unüberwindbar erscheinende Abscheu empfindet. Der Mann - er ist der Fluch der Menschheit - ein Irrläufer der Evolution"

Ich klappte das Buch nachdenklich zu. War ich zu weit gegangen? Aber als ich es schrieb, fand ich diese These zumindest diskussionswürdig und hatte die Handlung des Romans danach ausgerichtet. Ein Fehler? Ich kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Desilci meldete sich wieder zu Wort.
"Nicht nur ich wollte dich kennenlernen - alle Bewohnerinnen unseres Planeten möchten das. Und Du wiederum sollst dich mit eigenen Augen von der praktischen Vollkommenheit des von uns nach deinen Ideen erschaffenen Matriarchats überzeugen. Komm mit!"
Damit stand sie auf, zog wieder umständlich den Rock glatt und trat so dicht an mich heran, dass sie mein Handgelenk umfassen konnte.
Erneut lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Irgend etwas in mir ließ die Alarmglocken läuten. Instinktiv spürte ich, dass diese Frau auch meinte, was sie sagte. Wollte sie tatsächlich zu der von mir auf den Namen Azüen getauften Galaxis aufbrechen? Hin zum Planeten Para Ebu. Hunderte von Lichtjahren von der Erde entfernt. Ein vormals unbewohnter Planet, auf dem die uns weit überlegenen Angehörigen der Zivilisation der Onysner vor Jahrtausenden Menschen ansiedelten. Menschen, die sie einfach von der Erde herüber gespruhlt hatten und denen sie auf dem Para Ebu ein neues zu Hause gaben. Ein gigantisches kosmisches Experiment dieser hochintelligenten Wesen. Allein nach dem Motto: Mal sehen, was daraus wird. Da sollte ich jetzt mit ihr...? Unmöglich! Alles in mir sträubte sich und gab mir Kraft, mich loszureißen. Langsam rückwärts ausweichend, versuchte ich Distanz zu dieser unheimlichen Person zu wahren. Doch sie folgte mir stetig. Schließlich stieß mein Rücken gegen die Wand. Endstation. Wieder fühlte ich Desilcis Hände auf meinen Schultern. Unsere Augen befanden sich fast auf gleicher Höhe. Mit einer gewissen Erleichterung stellte ich fest, daß diesmal kein Eis ihre Iris trübte. Die plötzlich dunkelblauen Pupillen präsentierten sich klar und offen. Der Blick schien aus unergründlichen Tiefen empor zu tauchen. Und während sich aus ihren Händen plötzlich eine durchdringende Wärme auf mich übertrug, sah ich ihren Mund verheißungsvoll lächeln.
Das war die andere Desilci. Mein Protagonist, den sie im Roman zärtlich Doftjum nannte, hatte diesem Lächeln auch nicht widerstehen können. Was für eine Frau! Er hatte sie zutiefst gehasst, da sie ihm alles nahm, was er zu lieben geglaubt hatte und der er bis zum Wahnsinn erlegen war, weil sie ihm ihre Liebe schenkte. "Doftjum", dachte ich. "Bin ich das?" Ich wußte längst nicht mehr, zwischen Romanhandlung und Realität zu unterscheiden, spürte nur, wie beide Ebenen unter ihrem Blick zu verschmelzen begannen.
"Komm mit!" Diesmal klang es wie ein verführerisch dunkles Raunen, und ich wußte, ich würde ihr überall hin folgen.
Sie schlug den Weg zum Schlafzimmer ein.
'Jetzt wird es interessant', dachte ich und folgte ihr. Ich muß gestehen, dass meine Beklemmung mehr und mehr wich und dafür plötzlich immer sündiger werdende Gedanken in mir hoch schossen. Ich sah mich schon mit ihr... Da durchzuckte mich das Schamgefühl, als ich an das ungemachte Bett dachte. Wo doch Desilci in solchen Dingen so pingelig war. Aber Desilci würdigte die verknäulte Bettdecke auf zerknautschtem Laken keines Blickes. Sie ging vielmehr schnurstracks auf ein eigenartiges Gerät zu, von dem ich schwören konnte, dass es heute früh noch nicht dagestanden hatte. Es besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit so einem Hometrainer, mit dessen Hilfe leicht bis mittelschwer verfettete Mitfünfziger gegen den Herzinfarkt anstrampeln. Hier fehlten allerdings die Pedalen. Das Rad erinnerte mehr an eine beachtliche Schwungmasse, und anstelle des Sattels gab es einen bequemen Doppelsitz.
"Ahnst Du, was das ist", fragte Desilci und ließ den Blick prüfend über ein mit grellbunten Dioden bestücktes Display gleiten.
"Nö."
"Das ist ein uto tövd vedse", sagte sie ernst und strich nachdenklich über die Bedieneinheit, die sich etwa dort befand, wo beim Hometrainer der Lenker zu sitzen pflegt.
"Und damit willst Du mich zum Para Ebu entführen?" fragte ich und schaute mißtrauisch auf das komische Gerät.
"Para Ebu?" Einen Moment lang rollte sie verständnislos mit den wunderschönen Augen. Es schien eine Weile zu dauern, bis sie begriff. Schließlich schüttelte sie lachend den Kopf. "Keine Ahnung, ob es einen solchen Planeten gibt. Ich nehme an, er entspringt nur deiner Phantasie. Nein. Wir bleiben hübsch auf unserer Erde. Deine Ideen wurden nicht auf fremden Planeten sondern hier verwirklicht."
Ich verstand überhaupt nichts mehr und fühlte Ernüchterung in mir aufkommen. Eine Ernüchterung, die schließlich einer grenzenlosen Erleichterung Platz machte. Also doch nur ein Scherz. Ich atmete auf und versäumte dabei sogar, wütend zu werden.
"Hast mich aber ganz schön reingelegt", brummte ich nur. "Jetzt mußt Du mir nur noch erklären..."
"Gern - das hier ist eine Zeitmaschine."
"Häh?"
"Ich weiß. Die kommt in deinem Roman nicht vor. Wir haben sie erst vor kurzem entwickelt. Damit konnten wir deine These, Frauen fehle es an Kreativität, widerlegen. Du siehst, auch Du kannst irren, wenn auch nur in diesem einen Punkt. Nimm Platz!"
Ich spürte am Kribbeln meiner Haarwurzeln, dass ich schon nicht mehr glaubte, nur verscheißert zu werden. Irgendetwas in Desilcis Augen zwang mich, auf dieses Gerät zu klettern.
"Zeitmaschine", murmelte ich und dachte flüchtig daran, dass ich noch nie versucht hatte, dieses Thema literarisch aufzuarbeiten. Ehrfürchtig fuhr ich über das Display und bewunderte die vielen sich ständig verändernden Kurven und Linien.
"Und das Ding funktioniert wirklich?" fragte ich, ohne Zweifel an ihrem klaren "Ja" zu haben, das auch prompt kam.
"Es muß doch ziemlich schwierig sein, diese Maschine zu bedienen. Ich meine, beherrschst Du wirklich diesen komplizierten..."
"Da mach dir mal keine Gedanken. Es ist alles vorprogrammiert. Ein Druck auf die grüne Taste da, und wenig später sind wir im Jahr 2240. Freust Du dich darauf, bei unserer Ankunft von tausenden Frauen umjubelt zu werden?"
Ich schluckte krampfhaft, denn ich spürte instinktiv - Desilci sprach die Wahrheit. Sie stammte aus einer Zeit, in der die Frauen die Männer nahezu abgeschafft hatten. Eine matriarchalische, von purer Vernunft diktierte Gesellschaft, in der lediglich wenige männliche Exemplare für Zuchtzwecke gehalten wurden und die nach einigen Jahren regelmäßiger Sperma-Abgabe ein freudloses Kastratendasein fristeten. Scheiße! Und das alles nur, weil mit mir die Phantasie durchgegangen war. Schrecklich! Aber es war wohl geschehen. Und plötzlich regte sich Widerstand in mir. Nein - dieses von mir verschuldete Elend würde ich mir nicht ansehen. Entschlossen kletterte ich von dem Gerät.
"Du wirst doch wohl nicht kneifen wollen?" klang es halb drohend, halb belustigt an meinem Ohr. Ich schielte zu Desilci. In der Hand hielt sie etwas Blitzendes. Ich wußte, ein Knopfdruck würde genügen, um mich in eine kleine Ohnmacht zu versetzen. Auch eine meiner Erfindungen. Seufzend gehorchte ich ihrer unmissverständlichen Geste und nahm tatsächlich wieder brav Platz. Mir war plötzlich hundeelend. Und ich mochte mir nicht einmal in den Schenkel kneifen, um endlich aus diesem verrückten Traum aufzuwachen. Ich wusste auch so, es war kein Traum.
"Es geht sehr schnell", erklärte Desilci und setzte sich neben mich. Die kleine blitzende Waffe hielt sie dabei weiter auf mich gerichtet.
"Ich brauche nur den akustischen Code einzugeben und den Zynned... Verdammt, wo ist der Zynned! Ich muss ihn...Rühr dich nicht von der Stelle!"
Schon sprang sie vom Sitz und eilte aus dem Schlafzimmer. Sie musste wohl ihre Handtasche samt Zynned - wohl eine Art Zündschlüssel - auf der Couch liegen gelassen haben.
'Typisch Frau', dachte ich in einem Anflug von Sarkasmus und ließ meinen Blick wieder über die verwirrenden Anzeigen des Displays gleiten. Plötzlich durchzuckte es mich. Alle Zahlen und Kurven veränderten sich - bis auf eine. 18.02.2280! Das Zieldatum! Unter dem Feld befanden sich zwei Knöpfe. Ich drückte den, auf dem ein Minuszeichen stand. Aufgeregt sah ich zu, wie sich die Zahl veränderte. Die Ziffer für die Jahreszahl lief rückwärts. Ich hielt den Finger auf dem Knopf, bis Desilci wieder auftauchte. Ein unauffälliger Blick zum Datum. 18.02.2000. 'Zu weit zurück, aber ich besaß keine Gelegenheit mehr zur Korrektur. Wenn nur Desilci nichts bemerkt', durchfuhr es mich. Schon saß sie neben mir und der Schlüssel - um einen solchen handelte es sich tatsächlich - fuhr ins Schloss. Eine Umdrehung, dann die halblaut eingegebene Codformel.
"Nyswud möhynd nagert."
Dann folgte der Druck auf die grüne Taste. Unter meinem Hintern fing es ganz leicht an zu vibrieren. Ich atmete auf und wagte sogar ein heimliches Grinsen. Wussten die Frauen des 23. Jahrhunderts nicht mehr, dass die meisten Männer allen technischen Dingen auf den Grund zu gehen pflegten?
Ein leise singender Ton begann den Raum zu erfüllen. Als er lauter wurde, verzerrten sich plötzlich Wände, Decke und Fußboden. Ich sah noch wie sie sich zu bizarren Konturen verwarfen - dann verlor ich das Bewusstsein.

Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis ich wieder zu mir kam. Als es geschah, fand ich mich in meinem ungemachten Bett wieder. Neben mir die vertraute Wärme eines wohlig erschlafften Frauenkörpers.
"Na, endlich aufgewacht? Habe ich dich vorhin so sehr überfordert, mein Schatz? Du wirst doch nicht langsam alt werden?"
Ich zog das lüstern schnurrende Bündel liebevoll an mich. Als ich ihren warmen Atem im Gesicht spürte, fiel mir eine schwere Last vom Herzen. Alles nur geträumt!
"Aber Nummer 76 hat glänzend funktioniert. Wenn Du dir noch angewöhnen könntest, deinen kleinen Zeh aus meinem linken Nasenloch heraus zu halten, dann wird es perfekt", hörte ich sie glucksen. Uff! Dieser Satz kam mir bekannt vor. Ich hatte ihn damals im Winter... Ich drehte den Kopf zum Fenster, sah die weiß verschneiten Wipfel der beiden Linden im Garten und... wußte, ich hatte nicht geträumt. Irre!
"Komm jetzt. Raus aus den Federn!" Liane hatte sich aufgerichtet, die Bettdecke von sich geworfen und war nun dabei, mich kräftig zu rütteln. Ich sah zur Uhr. Wir waren spät dran. Schließlich hatten wir uns vorgenommen, heute groß essen zu gehen.
Während sie im Bad verschwand, tappte ich ins Arbeitszimmer und warf den Computer an.
"Du willst doch nicht etwa noch arbeiten?" drang es entrüstet durch die offene Badetür.
"Dauert nur einen Augenblick", versuchte ich sie zu beruhigen.
"Das sagst Du immer. Seit Du an dem blöden Weiberroman schreibst, bist Du..."
"Keine Sorge, Schatz. Ich habe ihn gerade gelöscht."

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flammarion
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einfach

super, ralph! habe mich köstlichst amüsiert. du hast den bogen raus. ganz lieb grüßt
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Old Icke

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dan
Wird mal Schriftsteller
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geniale idee genial umgesetzt!
hat echt spaß gemacht, die geschichte zu lesen! hab nix zu meckern, da hat alles gepaßt. mehr davon.

gruß dan

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(c) by dan

ein gutes buch genügt

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Ralph Ronneberger
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Hallo Christa, hallo Dan,

eure lobenden Worte haben mich natürlich gefreut. Heimlich hatte ich ja befürchtet, daß der Text als zu lang (vor allem am Anfang und im Mittelteil) empfunden wird. Wenn dem nicht so ist, bin ich doppelt froh. Also Dank noch mal und liebe Grüße
von Ralph
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flammarion
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ach,

sowas feines kann doch gar nicht lang genug sein! ganz lieb grüßt
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Old Icke

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Andrea
???
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Hallo Ralph!

Es mag aus meiner "Feder" komisch klingen - aber ich habe in der Tat nichts gefunden, was mich im Ablauf der Geschichte gestört hätte! Weil ich es aber nicht ganz sein lassen kann, ein bißchen zu kritteln: da sind noch ein paar Anführungszeichen falsch bzw. fehlen, und der Gestank ist, glaube ich, der MieF und nicht der MieV, und das "Joben" schreibt man mit zwei b (wg. kurzem Vokal), und - ach ja!

"Noch nie hat Liane so sehr an einem Machwerk von mir herum gekrittelt. Aber noch nie hatte ich sie am Ende so begeistert gesehen." --> Da würde ich das "Aber" durch ein "Und" ersetzen, weil dann der Gegensatz zwischen dem Kritteln und der Begeisterung schärfer wird.

Aber das sind Winzigkeiten, Kleinigkeiten, die in einer sehr schönen Geschichte fast gar nicht auffallen.

Gruß
__________________
Andrea Rohmert

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