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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Begegnung in der U 1
Eingestellt am 27. 04. 2006 23:21


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anbas
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Begegnung in der U 1

Neulich fuhr ich mit der U 1 aus der Hamburger Innenstadt hinaus. Es war nachmittags, kurz vor dem Berufsverkehr. An der Lohm├╝hlenstra├če stieg eine junge Frau ein. Sie war vielleicht gerade mal achtzehn Jahre alt, sah etwas ungepflegt aus, hatte einen unsicheren Gang und M├╝he, ihre Augen offen zu halten. Ich war mir sofort ganz sicher, dass sie auf Droge war.
Sie setzte sich ein St├╝ck weiter vor mir ans Fenster.
'Zum Gl├╝ck hat sie sich nicht zu mir gesetzt', dachte ich, und ich war mir sicher, dass ich nicht der Einzige im Abteil war, der diesen Gedanken gehabt hatte.

Zwei Stationen weiter. Ritterstra├če. Ein alter Mann stieg ein: hager, schlecht rasiert, langer blauer Mantel, zerschlissene braune Ledertasche, Prinz-Heinrich-M├╝tze. Er setzte sich mir gegen├╝ber hin und begann sofort, laut ├╝ber dieses und jenes zu reden.
'Oh Gott, wie peinlich', war mein erster Gedanke. 'Warum grade ich?' Ich bemerkte, wie sich au├čer mir auch der gr├Â├čte Teil der ├╝brigen Fahrg├Ąste krampfhaft darum bem├╝hte, irgend woanders hinzuschauen.
"Jo, das is hier die Ritterstra├če", erz├Ąhlte er dann. "Die hei├čt so, weil fr├╝her hier immer die Ritter langgeritten sind. Aber das is ja nu nich mehr so."
Peinlich ber├╝hrtes Fl├╝stern auf den Sitzpl├Ątzen links neben mir - w├Ąhrend sich mein Blick durch die Scheibe hindurch in die Dunkelheit des U-Bahntunnels bohrte.
'Hoffentlich spricht der dich jetzt nicht auch noch direkt an', schoss es mir durch den Kopf, und ich ├╝berlegte, ob es vielleicht taktisch kl├╝ger w├Ąre, die Augen zu schlie├čen, und so zu tun, als w├╝rde ich schlafen.
"Und nu", fuhr er fort, "werd ich euch ma was vorspiel'n. Aber nur ein St├╝ck - das muss reichen." Er zog eine Mundharmonika aus seiner Tasche und spielte fr├Âhlich drauf los.
Die ├╝brigen Fahrg├Ąste warfen sich verlegene Blicke zu, studierten zum achtunddrei├čigstenmal den an der Waggondecke h├Ąngenden Streckennetzplan des Hamburger Verkehrsverbundes oder starrten wie ich L├Âcher in die Dunkelheit des U-Bahntunnels. Nur wenige wagten den Blick hin├╝ber zu dem alten Mann.
"So, das war's!", sagte er resolut, nachdem er zu Ende gespielt hatte. "Mehr gibt's nich'!" Dann schob er die Mundharmonika zur├╝ck in seine Manteltasche.

W├Ąhrend der ganzen Zeit hatte die junge Frau ihm aufmerksam zugeh├Ârt. Nun stand sie auf und wankte zu ihm hin├╝ber.
"Kannst du 'Lilli Marleen' spielen?", fragte sie mit m├╝der schleppender Stimme.
Erstaunt blickte der Alte auf. Bevor er etwas erwidern konnte hatte sie sich schon neben ihn gesetzt.
"Bitte spiel das f├╝r mich! Ich singe auch mit", bat sie ihn und schaute ihn durch ihre halb ge├Âffneten Augen flehend an.
"Na, wenn das so is, will ich ja ma nich so sein", sagte der Alte, zog seine Mundharmonika wieder aus der Manteltasche hervor und begann 'Lilli Marleen' zu spielen.
Die junge Frau stimmte in das Lied ein. Den Blick zum Boden gesenkt sang sie mit ihrer m├╝den schleppenden Stimme zu dem zackig vorgetragenem und manchmal doch recht schr├Ągem Spiel der Mundharmonika 'Lilli Marleen'.

Kurz darauf erreichten wir die Station 'Wandsbek Markt'. Dort stieg der alte Mann aus.
"Tsch├╝├č und danke sch├Ân", hatte sie noch zu ihm gesagt.
"Tsch├╝├č, min Deern!", hatte er erwidert. Und w├Ąhrend sich die T├╝ren schlossen und die Bahn immer schneller werdend aus der Station hinausfuhr, blieb er auf dem Bahnsteig stehen und schaute ihr nach.

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Larissa
Guest
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Hallo anbas,

ich wei├č nicht recht, was ich zu deiner Geschichte sagen soll.
Einesteils ber├╝hrt sie mich, weil ich Sympathie f├╝r den alten Mann empfinde, der so leutselig und treuherzig seine ihm unbekannten Mitfahrer unterhalten will. Ebenso r├╝hrt mich das Verhalten der "etwas ungepflegten" jungen Frau, die sich das Lied "Lilly Marlen" w├╝nscht und dann sogar noch mit unmelodischer Stimme eine Gesangseinlage zum Besten gibt.

Andererseits f├╝hle ich mich vom pikierten Verhalten der ├╝brigen Fahrg├Ąste abgesto├čen, besonders von dem des Protagonisten, dem es peinlich ist, dass der Alte "ausgerechnet" ihn in ein Gespr├Ąch verwickeln will. Solche ├ťberheblichkeit ist mir ein Gr├Ąuel.
Vermutlich soll das lyrische Ich gar nicht herablassend erscheinen, es kommt aber so r├╝ber.

Vielleicht kannst du die betreffenden S├Ątze ein wenig abwandeln und zumindest das LI mit mitf├╝hlenderen Z├╝gen ausstatten, denn die Geschichte hat was.

Sch├Âne Gr├╝├če
Larissa

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chrissieanne
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hallo anbas und larissa,

das "pikierte" verhalten st├Ârt mich nicht. denn es ist tats├Ąchlich so, dass menschen vor solchen randgestalten angst haben. geht mir auch so, obwohl ich meist mit ihnen sympathisiere.umso mehr sch├Ąme ich mich daf├╝r, und immer wieder reagiere ich so. und ich beobachte es x-mal jeden tag in berlin in der u-bahn. (es gibt nat├╝rlich leute, die diese menschen tats├Ąchlich verachten, aber ich denke nicht, dass das die mehrheit ist)

ich f├Ąnds nur gut, da diese ber├╝hrungsangst einen recht gro├čen raum hier einnimmt, dass die reaktion der vorher besorgten (feigen) peinlich ber├╝hrten, leute angesichts dieser r├╝hrenden situation - junkiefrau und penner singen und spielen - ├╝berhaupt nicht beschrieben wird. ich bin mir sicher, dass die meisten ger├╝hrt sind, da sie keine angst mehr haben m├╝ssen, direkt angesprochen zu werden.

quote:
Ich musste sofort an Drogen denken - zumal sich in der N├Ąhe der Lohm├╝hlenstra├če Teile der Drogenszene etabliert hatten.

Das ist etwas gestelzt. die beschreibung sagt klar:junkiebraut. und das denkt dein prot.auch so, da bin ich sicher. und die etablierung der drogenszene in der lohm├╝hlenstr ist hier v├Âllig uninteressant. und sowas denkt auch niemand, wenn er in der u-bahn sitzt.

hat mir gefallen, deine kleine alltagsgeschichte.

lg
chrissieanne
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Das Buch soll die Axt sein f├╝r das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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chrissieanne
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allo anbas und larissa,

das "pikierte" verhalten st├Ârt mich nicht. denn es ist tats├Ąchlich so, dass menschen vor solchen randgestalten angst haben. geht mir auch so, obwohl ich meist mit ihnen sympathisiere.umso mehr sch├Ąme ich mich daf├╝r, und immer wieder reagiere ich so. und ich beobachte es x-mal jeden tag in berlin in der u-bahn. (es gibt nat├╝rlich leute, die diese menschen tats├Ąchlich verachten, aber ich denke nicht, dass das die mehrheit ist)

ich finde es nur schade, da diese ber├╝hrungsangst einen recht gro├čen raum hier einnimmt, dass die reaktion der vorher besorgten (feigen) peinlich ber├╝hrten, leute angesichts dieser r├╝hrenden situation - junkiefrau und penner singen und spielen - ├╝berhaupt nicht beschrieben wird. ich bin mir sicher, dass die meisten ger├╝hrt sind, da sie keine angst mehr haben m├╝ssen, direkt angesprochen zu werden. zumal es ja auch eine sehr besondere situation ist.
und sozialromantik pur. da stehen wir doch drauf. die yunkiebraut hat keine angst vorm penner. sie sind beide melancholiker, leben in ihrer welt, und schei├čen auf konventionen. die "kaputte" jugendliche spricht den alten harmonikaspieler an, dass er ihr "lili marleen" spielen m├Âge. eine achtzehnj├Ąhrige die "lili marleen" h├Âren will! allein das reicht doch schon ums taschentuch zu n├Âtigen.: jung in jahren uralt in der seele.
auf abstand gehalten ist das doch sooo sch├Ân.

quote:
Ich musste sofort an Drogen denken - zumal sich in der N├Ąhe der Lohm├╝hlenstra├če Teile der Drogenszene etabliert hatten.

Das ist etwas gestelzt. die beschreibung sagt klar:junkiebraut. und das denkt dein prot.auch so, da bin ich sicher. und die etablierung der drogenszene in der lohm├╝hlenstr ist hier v├Âllig uninteressant. und sowas denkt auch niemand, wenn er in der u-bahn sitzt.

hat mir gefallen, deine kleine alltagsgeschichte.

lg
chrissieanne



p.s.: entschuldige diesen doppelkommentar, anbas. hatte ihn ge├Ąndert, zwischendurch anruf bekommen - egal. diese 15 min. regelung nervt echt.
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Gorgonski
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Hallo Anbas

Sch├Âne reale Geschichte, wie sie jederzeit passieren kann und auch passiert.

MfG; Rocco
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dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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anbas
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Hallo Larissa, hallo chrissieanne, hallo Gorgonski!

Ich danke Euch f├╝r Eure R├╝ckmeldungen. Die Geschichte ist in etwa so wie beschrieben tats├Ąchlich geschehen. Auch mit den, von Larissa so kritisierten, eigenen Gedanken des Protagonisten - also meinen. Es ist also tats├Ąchlich eine reale Geschichte.

Ich erlebe es bei mir oft so, dass diese Art von ├ťberheblichkeit eigentlich nichts anderes als Unsicherheit und Befangenheit ist. Von daher geht es mir ├Ąhnlich wie chrissieanne - ich habe Sympathie und Mitgef├╝hl f├╝r diese Menschen und reagiere dann doch v├Âllig anders. Ich denke aber, dass es wichtig ist, sich diesen inneren Widerspruch auch einzugestehen, wenn man sich tats├Ąchlich ├Ąndern will.

Hinsichtlich des kritisierten Satzes werde ich noch mal in mich gehen.

Sch├Âne Gr├╝├če
Andreas

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