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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Berlin damals
Eingestellt am 13. 08. 2015 11:16


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Arno Abendschön
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Am liebsten war mir der Kudamm am Sonntagmorgen, kurz nach der DĂ€mmerung. Dann war er menschenleer, und ich hatte ihn endlich einmal fĂŒr mich allein. Wenn ich um diese Zeit nach Hause ging, war es so still, dass ich an der Ecke Fasanenstraße die Tauben gurren hörte, die um das Astor-Kino flogen. Flesh von Andy Warhol stand wochenlang auf dem Programm, und Joe Dallessandro erklĂ€rte darin einer Gruppe junger Streuner, es spiele gar keine Rolle, es komme darauf ĂŒberhaupt nicht an: „Du tust, was du tun musst.“ In der Fasanenstraße, gegenĂŒber von Kempinski, brannte an einem dieser Sonntage im Morgengrauen ein Nachtlokal aus, das als Treffpunkt von Haschischkonsumenten bekannt war. Damals lief am Lehniner Platz das Musical Hair. Die Darsteller priesen die Liebe und die Drogen, den Frieden und den Wassermann, womit nicht der gleichnamige Test gemeint war, sondern das Sternzeichen. Ich war in diesem Zeichen geboren, und mich zog es normalerweise in eine andere Richtung: zu den Bars an der Kleiststraße. Da mein Zimmer an der Uhlandstraße lag, ging ich also zwei- oder dreimal in der Woche abends den Kudamm entlang, Richtung Tauentzien. Die GedĂ€chtniskirche erstrahlte in einem mystischen Blau, das sehr nach meinem Geschmack war. Manchmal blieb ich stehen und tauchte fĂŒr Minuten in diese intensive Strahlung ein, die bei aller Feierlichkeit seltsam anĂ€sthesierend wirkte. Konnte die Großstadt noch stĂ€rkere Reize bieten? Ich war gerade zwanzig und noch kein Jahr in Berlin.

Am Wittenbergplatz warf ich gewöhnlich einen Blick auf die Gedenktafel fĂŒr die Opfer von Treblinka, Maidanek und Auschwitz: Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dĂŒrften, stand auf ihr geschrieben. FrĂ€ulein S., unsere Wirtin, sei JĂŒdin und lebend aus einem Lager herausgekommen, vertraute mir in der Uhlandstraße eine Mitbewohnerin an. Die alte Dame, frĂŒher SekretĂ€rin bei Wertheim, war nahe an die achtzig und herzleidend und hatte den grĂ¶ĂŸten Teil ihrer Riesenwohnung untervermietet. Rechts von mir lebte ein Ă€lteres Ehepaar; er war halbseitig gelĂ€hmt, ich hörte ihn einige Male am Tag an meiner ZimmertĂŒr vorĂŒberstampfen, wenn er ins Bad gefĂŒhrt wurde. Selten begegnete ich ihm einmal auf dem Flur, dann grĂŒĂŸte er mich heftig grimassierend; er hatte die Sprache vollstĂ€ndig eingebĂŒĂŸt. Auf der anderen Seite logierte ein junger Mann, der nur wenig Ă€lter war als ich selbst. Unsere Zimmer waren durch eine Art TapetentĂŒr getrennt, und ohne eigentlich zu lauschen, wenn er Herrenbesuch hatte, fand ich doch bald heraus, dass er homosexuell war. FrĂ€ulein S. bewohnte den Raum, der gegenĂŒber von meinem Zimmer lag. Das sehr große und dĂŒstere Berliner Zimmer, in dem das Telefon stand und das wir auf dem Weg zur KĂŒche passieren mussten, benutzten alle gemeinsam. Die Wohnung lag im dritten Stock eines Hinterhauses mitten in jenem Block, der von Kudamm, Uhlandstraße, Lietzenburger und Fasanenstraße umschlossen wird. Durch eine GebĂ€udelĂŒcke sah ich auf ein Nachtlokal im Parterre eines Hauses an der Fasanenstraße. Wenig aufdringlich und sozusagen eine trauliche AtmosphĂ€re verbreitend, strahlte die rote Außenbeleuchtung der Bar schon in die trĂŒben Berliner Winternachmittage hinein. Auch mein Zimmer war gerĂ€umig und sehr hoch und wies zum Teil schöne alte Möbel auf. Zwischen den beiden Fenstern hing ein hoher Spiegel, eingerahmt von bemaltem Schnitzwerk. Vergoldete Vögel pickten nach goldenen FrĂŒchten.

Inzwischen war der Homosexuelle ĂŒbrigens ausgezogen. Sein Nachfolger, ein junger Vikar, zog mich an einem Samstagmorgen ins GesprĂ€ch. Auf irgendeine Weise kamen wir aufs Essen, und ich sagte ihm, dass ich samstags immer zu Aschinger ginge. Da lachte er und gab den unvermeidlichen Kommentar ab: „Brötchen grapschen!“ Jeder, der nicht bei Aschinger verkehrte, stellte sich das so vor; die Firma Aschinger und die Gratisbrötchen, deren man sich gierig bemĂ€chtigte, waren eine unauflösliche Ideenverbindung eingegangen. Mich verdross diese Art von Pawlowschem Reflex. Schon damals hasste ich es, wenn GesprĂ€che nur aus den ĂŒblichen Plattheiten bestanden. (Übrigens trat ich um diese Zeit aus der Kirche aus.) Was nun Aschinger anging, so aß ich gar nicht in der Schwemme – und nur dort langte man nach den wohlfeilen Schrippen -, sondern stets nebenan im Restaurant. Beides befand sich damals noch in jener niedrigen Baracke an der Joachimstaler Straße, die einige Jahre spĂ€ter abgerissen wurde. Ich bestellte Schweinenierchen oder den köstlichen Milchreis mit FrĂŒchten, die in einem dunkelbraunen Buttersee schwammen. Einmal beobachtete ich wĂ€hrend des Essens, wie einer vom Nebentisch aufstand und wegging, ohne bezahlt zu haben. Der Kellner hatte den Schaden und schien sich mein Gesicht bei dieser Gelegenheit eingeprĂ€gt zu haben – als ich das nĂ€chste Mal dort aß, kassierte er bei mir sofort, was sonst nicht ĂŒblich war. Ein anderer Kellner wollte nach der Abrechnung rasch in der KĂŒche verschwinden, der Gast rannte ihm hinterher und erwischte ihn am KĂŒcheneingang, sein Wechselgeld fordernd. Eine Serviererin drohte dem Kollegen mit dem Finger: „Du Spitzbube!“

An Arbeitstagen trabte ich morgens um sieben zur Kreuzung Kudamm und Joachimstaler Straße, um einen Autobus nach Steglitz zu besteigen. Unterwegs fiel mein Blick hĂ€ufig auf eine weitere Gedenktafel. Sie erinnerte neben dem Astor-Kino, da wo die Disconto-Bank ihre Filiale hatte, daran, dass Robert Musil Anfang der Dreißiger hier einige Zeit gewohnt hatte. Vom Mann ohne Eigenschaften waren hier große Teile geschrieben worden. Einige HĂ€user weiter stand ein GebĂ€ude, das besser in eine von Kafkas Parabeln gepasst hĂ€tte: die chinesische Botschaft. Jedermann unzugĂ€nglich, von einem Berliner Hausmeisterpaar wie von einem Lindwurm der Sage gehĂŒtet, Gegenstand raunender Zeitungsberichte, dĂ€mmerte sie durch die Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte, bis die Republik China eines fernen Tages ihr Festland zurĂŒckerlangt haben wĂŒrde 


Im Winter neunundsechzig auf siebzig lag morgens oft Neuschnee. Wenn ich zum Autobus ging, war noch nicht gefegt. Ich sank mit jedem Schritt ins Weiche, Pulverige, und die Luft roch ungewöhnlich sauber. Der Schneefall hatte oft am Morgen aufgehört, nur noch vereinzelte letzte Flocken trieben im kalten Ostwind, der allmĂ€hlich einsetzte. Frierend sah ich die Joachimstaler hinauf und ließ, wenn noch kein Bus kam, den Blick eine Weile auf der strengen und dekorativen Fassade des Hotels FrĂŒhling am Zoo ruhen, das trotz seines Namens das ganze Jahr geöffnet hatte. Dann kam ein Pulk schmutzig gelber Doppeldecker ĂŒber die Kreuzung zu mir herĂŒber: hintereinander ein Zweier, ein FĂŒnfundzwanziger, ein Einundachtziger und noch ein FĂŒnfundzwanziger mit einem zusĂ€tzlichen E hinter der Liniennummer. Sie alle hatten eben am Bahnhof Zoo ihre schier unendliche Reise durch die monotonen Weiten des Berliner SĂŒdens angetreten. Irgendwann am Vormittag wĂŒrden sie in Lichterfelde, Marienfelde oder Britz ankommen. Ich sprang rasch auf. Die meisten Wagen hatten damals hinten noch keine TĂŒren. Vielleicht hatte die Außenfarbe doch etwas mit dem Nikotin zu tun, das auf dem Oberdeck im Übermaß konsumiert wurde. Einige Fensterklappen standen immer offen, es war gewöhnlich kalt, zugig und dennoch verrĂ€uchert. Nur stark gebĂŒckt konnte man oben eine der langen ViererbĂ€nke erreichen. Die Schaffner taten mir Leid. Sie mussten jedem Fahrgast hinterher kriechen und dann die schmale, steile HĂŒhnerleiter wieder hinunter. Nach ein paar Jahren sah man jedem von ihnen die zweiundvierzig Stunden an, die er pro Woche Dienst hatte – am Buckel sah man sie wieder. Unten war es mir meist zu voll, deshalb saß ich dort nur selten. Einmal ließ eine junge Berlinerin eine Flasche zu Boden fallen, die dabei zerbrach. Eine gelbe FlĂŒssigkeit rann auf die Fahrerkabine zu. Der Schaffner nĂ€herte sich mit unmutiger, Unheil kĂŒndender Miene. „Es ist nur Apfelsaft“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen. Schon verbreitete sich im ganzen Unterdeck der liebliche Duft.

Wir rollten an dem Haus vorĂŒber, in dem Friedrich Ebert gestorben war; auch darĂŒber belehrte eine Tafel den historisch Interessierten. Zweimal in der Woche stieg ich schon am Bundesplatz aus, um bei Doktor X oder Assessor Y Unterricht zu genießen. Er fand in einem neobarocken BĂŒropalast statt. Wir fröstelten einen Vormittag lang in einem Saal, dessen WĂ€nde mit verblassten rotseidenen Tapeten bespannt waren. „Wir wollen uns warm arbeiten“, sagte Doktor X, „also zurĂŒck zum Paragraphen 1300 
“ Oder zu einem anderen.

In Steglitz ausgestiegen, hatte ich es nicht mehr weit ins BĂŒro, nur einige Ecken zu Fuß. Ob mir wieder die Akte Messerschmidt vorgelegt wĂŒrde? Das war ein Fall nicht wie, sondern tatsĂ€chlich aus dem Leben gegriffen. Dieser Messerschmidt suchte das BĂŒro aus GrĂŒnden, die mir entfallen sind, gern persönlich auf, und eine junge Kollegin, Frau O., schrieb dann viel sagende Aktenvermerke: „Herr M. sprach gemeinsam mit seinem Bruder hier vor 
“ So oder so Ă€hnlich begannen die offiziösen Notizen der Frau O., denn ihr war etwas aufgefallen, das vielleicht nicht gerade zur Sache gehörte und dennoch nach ihrem GefĂŒhl unbedingt festgehalten werden sollte. „Vorsicht“, schrieb sie oder: „Achtung, § 175!“ Diesmal war keines der sonst von uns anzuwendenden Gesetze gemeint, sondern das Strafgesetzbuch, aus dem die einschlĂ€gige Vorschrift eben erst in der Hauptsache entfernt worden war. Somit war die löbliche Sachbearbeiterin in mehrfacher Hinsicht unzustĂ€ndig: amtlich, historisch (da hinter ihrer Zeit herhinkend) und ihrem Geschlecht nach.

FĂŒr mich war damals in West-Berlin das Reich der Freiheit auch geographisch streng geschieden vom Reich der Notwendigkeit. Alle meine Lust- und Erholungsorte lagen auf einer Achse, die west-östlich vom Lehniner Platz ĂŒber die Uhlandstraße zum Kleist-Casino verlief. Schauen, TrĂ€umen, Lieben, Schlafen 
 Dagegen erfolgten Nahrungsaufnahme sowie Lernen und Arbeiten nord-sĂŒdlich. Die U-Bahn nach Steglitz war noch in Bau. Trotzdem begab ich mich manchmal in den Untergrund, fuhr etwa mit der furchtbar rumpelnden S-Bahn vom Anhalter Bahnhof zum Gesundbrunnen. Ich brach dann mit dem beschriebenen funktionalen Koordinatensystem, ich bewegte mich nord-sĂŒdlich, ohne Verpflichtung, nur zum Spaß. Nicht dass ich im Wedding irgendetwas verloren gehabt hĂ€tte. Es reizte mich nur, im Schritttempo durch den breiten unterirdischen Bahnhof Potsdamer Platz gefahren zu werden. SĂ€mtliche Bahnsteige lagen öde und menschenleer da. Das Gewimmel, das hier einmal geherrscht haben musste, war im Verlauf des Geschichtsprozesses in sein Gegenteil umgeschlagen: die modrige Leere einer schwach beleuchteten Grabkammer, und die selten zu erblickenden Grenzpolizisten, die gemessenen Schrittes auf den Perrons patrouillierten, kamen mir wie GrabwĂ€chter vor, wie Bewacher eines bereits geplĂŒnderten und entleerten Pharaonengrabes. Noch mehr Melancholie verbreiteten, als es FrĂŒhling wurde, die von Birkenhainen ĂŒberwucherten Gleisanlagen der Ringbahn am Gesundbrunnen. FrĂŒhling am Gesundbrunnen 


Im Sommer ĂŒberraschte mich FrĂ€ulein S. mit der KĂŒndigung. Sie löste ihre Wohnung auf und zog ins SĂŒddeutsche, um dort auf ihren Tod zu warten. Ich fand ein winziges Appartement in der Keithstraße. Das Institut nannte sich Boardinghaus. Effi Briest hatte in dieser Straße gewiss großzĂŒgiger gewohnt. Von meinem Vogelbauer sah ich auf das Hochhaus einer Werbeagentur und eine große Straßenkreuzung. Wenn eine Veranstaltung in der Urania zu Ende war, kamen Massen Ă€lterer Berliner aus dem GebĂ€ude und strebten zu den Bahnen und Bussen. Zu denken, dass so gut wie alle von ihnen tot sein dĂŒrften 
 Ich hatte es nun nicht mehr weit zum Kleist-Casino. Man sagte nur: KC. An der Garderobe erlebte ich einmal den Streit zwischen dem Garderobier und einem Ă€lteren, untypisch wirkenden Gast. Dieser bestand darauf, seine Aktentasche mit ins Innere der Bar zu nehmen. Er sei Schriftsteller, in der Mappe seien wertvolle Manuskripte, die er nicht aus der Hand geben könne. Er setzte sich durch. Sicher ist er lĂ€ngst tot. Ich folgte ihm und ging auch hinein. Was dann kam, ist eine andere Geschichte.

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Arno Abendschön
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Danke, Wipfel, fĂŒr EinwĂ€nde und Nachfrage.

Der von dir zitierte Schlusssatz ist ja seinerseits nur eine banale Redensart, die hier ironisch zitiert wird. SelbstverstĂ€ndlich ist mein Text keine Geschichte an sich, sondern eine Sammlung von Episödchen und EindrĂŒcken mit der Absicht, ein Bild des inzwischen sehr fernen Lebens damals in West-Berlin zu vermitteln. (ReiseerzĂ€hlungen funktionieren manchmal Ă€hnlich.) Ich kann mir schon vorstellen, dass mein Versuch insgesamt nur wenig Leserinteresse hervorruft. Dann ist er eben fĂŒr die wenigen (Un-)GlĂŒcklichen geschrieben ...

Schönen Abendgruß
Arno Abendschön

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Ciconia
Routinierter Autor
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Hallo Arno,

ich denke, so eine Geschichte – ob sie nun als ErzĂ€hlung durchgeht oder nicht – findet immer ihre Leser. Auch wenn man Berlin nicht so gut kennt und einiges nicht im Einzelnen nachvollziehen kann, weckt sie bei jemandem, der ungefĂ€hr im selben Alter ist, doch Erinnerungen an die dort beschriebene Zeit: die aus heutiger Sicht bedrĂŒckenden UntermietverhĂ€ltnisse bei einem „FrĂ€ulein“ oder einem alten Ehepaar, dem die Wohnung zu groß geworden war, das fĂŒr damalige Zeiten skandalöse Musical „Hair“, das man unbedingt gesehen haben musste, und eben auch der §175, der in den Köpfen noch sehr prĂ€sent war.

Zu erkennen, dass viele der Menschen, an die man sich aus jener Zeit noch erinnert, lĂ€ngst tot sein mĂŒssten, erschreckt und lĂ€sst einen das eigene Alter schmerzlich bewusst werden. Mir hat dieser Text auf jeden Fall Anlass zum Nachdenken geboten. Und den geruhsamen Schreibstil, den Du hier wieder einmal perfekt einbringst, mag ich sowieso.

Schönen Sonntag und Gruß
Ciconia

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