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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Bertas Rache
Eingestellt am 08. 01. 2014 17:56


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Wolfgang Bessel
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Bertas Rache

Die Freude meiner Ehegemahlin Berta ĂĽber den geschossenen Keiler steigerte sich zu nem ausgewachsenen GefĂĽhlsrausch.
Sie stand am Fenster vonne Jagdhütte und peilte verklärt inne Botanik rein. Offensichtlich machte sie wieder ne starke innere Wandlung mit. Sie drehte sich um und sah mich durchdringend an.
„Hömma, Willi“, sachte se, „dat war ja gestern wirklich en tollet Jagderlebnis. Ich konnte die halbe Nacht nich schlafen. Immer und immer wieder lief der Film vonne Saujagd vor meine Augen ab. Ich kann mich überhaupt nich mehr einkriegen.“ Dann fügte se sehr bestimmt hinzu: „Willi, ich habe inne Nacht wat beschlossen!“
Ich war gespannt, wat jetz wieder kam.
„Willi, ich werde meinen Keiler abschwarten und die Schwarte gerben lassen. Die Sau nehmen wir heute Abend mit nach Hause und dann geht et morgen rund mit die Paula. Die Schwarte wird riesig sein, nee, gigantisch und einzigartig. Dat wird ne ganz außergewöhnliche Trophäe, die wird unheimlich wat her machen. Damit Du Bescheid weiss, die Schwarte häng ich im Wohnzimmer auf – mitten auffe Wand. Die kann da keiner übersehn.
Und noch wat, Willi, dat ätzende Bild von Deine Mutter stört mich schon lange anne Wand, D I E kommt dafür weg. Jeder Besucher wird vom Anblick der mächtigen Schwarte überwältigt sein und sie bewundern. Dann komme ich zu dem neidischen Betrachter und sage: `Ja, da staunze, wa? Dat war m e i n Glücksschwein. So wat schießt man nur einmal im Leben. Son kapitalet Tier läuft in Deutschland alle hundert Jahre nur ein einziget Mal inne Wälder rum. Mir war et vergönnt, dat Tier zu erlegen – mir, Berta Püttmann. Überdies habe ich durch einen Meisterschuss meinem Alten dat Leben gerettet.’ Dann werde ich jedem haarklein die aufregende Geschichte von meiner Jahrhundertsau und Deiner Rettung aus höchster Gefahr erzählen. Ich werde den Keiler natürlich auch selbst zerwirken und die kapitalen Waffen ohne jede fremde Hilfe präparieren. Willi, Du fasst mir nichts von meiner Sau an. Dat iss m e i n e Beute.“

Ich wusste et. Dat Funkeln inne Augen und die Reaktion nach ihrem Schuss sagten mir klipp und klar: Berta hatte ihre Jagdpassion wiederentdeckt. Dat et meine Alte aber so leidenschaftlich erwischen würde, damit hatte ich nich gerechnet. Sonne merkwürdige Mischung aus Überheblichkeit und Arbeitswut hatte von ihr Besitz ergriffen. Widerspruch wäre jetz völlig sinnlos gewesen. Die Frau war ja wie berauscht.
Eine Sache musste ich aber noch klarstellen: „Berta, dat Bild von meine Mutter bleibt hängen, wo et hängt. Wir werden uns en Jagdzimmer im Obergeschoss einrichten, da kannze die Schwarte meinetwegen aufhängen. Dat Abstell-Kabuff mit all Deine uralten Fummel und die tausend Paar Schuhe fliegen in den Rot-Kreuz-Container. Die ollen Plörren trägse ja doch nich mehr. Du biss doch kein Messi, oder?
Und noch wat, Berta, ich will Dir nich auffe Füße treten, aber nimmsse die Mule nich zu voll? Kannze überhaupt richtig abschwarten? Mit die Schalen, dat Geäfter und die Steckdose mit die Nasenlöcher, ich meine die Scheibe anne Nasenplatte, dat iss wirklich nich so einfach. Ich weiß nich, tusse Dich da nich son bissken verheben?
Noch schwerer iss dat Absägen und Auskochen vonne Kiefer, dat Reinigen, Trocknen und dat Ausgießen vonne Waffen. Ich könnte Dir dabei helfen, ich tu dat gerne. Ich war ja schließlich Zeuge beim Erlegen, quasi iss dat ja auch meine Sau.“ Sie rollte mit die Augen.
„Willi, Deine Sau? Ich hör wohl nich richtig. Ich sagte bereits, dat ich dat alleine kann, kapier dat endlich.“
Warum sollte ich noch widersprechen, die wurde ja direkt kiebig. Versteh einer die Weiber!
„Mach watte willz, Berta, meinen Segen hasse. Ich weiß allerdings nich, warum Du plötzlich glaubs, dat Du diese schwierige Materie beherrschen tus, aber, bitteschön, Dein Wille geschehe.“
„Willi, ich pack dat schon, mach Dir da ma kein Kopp, und fang mir jetz bloß nich wieder mit dem Kräschkursus an. Ich hab den Jagdschein inne Tasche und hab genauso Jäger gelernt wie Du, nee, besser noch, ich bin Jäger i n.“
„Ach nee, Berta, genau wie ich, sogar besser? Dat ich nich lache, komm schnell runter von Deinem hohen Gaul. Ich wollte Dir gestern nich den Abend versauen. Wat meinze wohl, wer spätabends noch die Gallenblase vonne Leber Deiner Zufallssau entfernt hat? Du hass ja nich ma gewusst, dat ne Wutz ne Gallenblase hat. So sieht dat mit Deinen kundigen Kenntnissen aus. Also, bleib schön auffem Teppich und werd wieder normal.“
„Zufallssau, Willi? Zufälle gibt et nich. Dat war en Plan des Schicksals.“
Berta warf ihr Haupt ruckartig auf, drehte sich um und besuchte wieder ihren Keiler im KĂĽhlraum. Wahrscheinlich hat se den da drin geknutscht.
Glücklich geworden war se dabei nich. Als sie zurückkam, wirkte sie schwer angesäuert, ihre Augen sprühten vor Wut und Trotz.
„Willi, ich hab soeben mit Uli, Engelbert, dem Schweinejupp und dem Ortsbürgermeister telefoniert und sie zum Leberessen eingeladen. Selbstverständlich mit ihren Partnerrinnen. Die haben sofort alle erfreut zugesacht. Die stehn um dreizehn Uhr bei uns auffe Matte. Et iss jetz Elf. Fahr schnell zum „Edeka“ und kauf en Kilo saure Äppel, am besten Boskop, bring auch nen Beutel Zwiebeln mit. Kannze die zwei Teile behalten oder brauchse dafür ne Gedächtnishilfe? Für die Getränke bis Du zuständig. Also, spute Dich!“
Ich hörte wohl schlecht. Die Frau war doch nich ganz bei Trost!
„Berta, jetz iss aber Feierabend mit Deine Kommandos. Bisse noch zu retten? Du kannz doch nich ohne meine Zustimmung einfach Gäste einladen! Außerdem iss die Sau überhaupt noch nich zum Spachteln freigegeben. Willze mich und die Gäste mit Trichinen verseuchen? Dat iss ne Straftat! Dat weiß doch der blödeste Treiber schon, dat man erst den Bescheid vom Veterinär abwarten muss, bevor man davon wat frisst, Menschenskinder nochma! Geht dat nich in Deinen Jungjägerinnen-Schädel rein?“
Berta kriegte ne rote Bombe. Ihre Augen waren nur noch Schiessscharten. Ich hatte sie voll erwischt.
Sie hängte sich an dat Telefon und rief die Veterinärpraxis an. Sie sagte mir nix von dem Befund. Oh, sie war stinksauer. Sie rannte wutschnaubend mit ner Einkaufstasche zum Auto und fuhr mit quietschenden Reifen zum Einkaufen.

Hinter ihrem Rücken hab ich dann selber noch, also rein profilaktus, wie man sagen tut, bei unserer italienischen Veterinärin, Frau Dr. Trichinella Zoonose angerufen und mich über die Proben informiert. Ich wollte mir doch keinen Bandwurm anlachen!
Der Keiler war zum Verzehr freigegeben!
Als Berta vom Einkauf zurückkehrte, saß ich vor der Hütte und las scheinheilig versunken die „Deutsche Jagdzeitung“.
Berta rannte schnaufend an mir vorbei – inne Küche rein. Ich witterte schon nach en paar Minuten den herrlichen Bratenduft. Er drang zielsicher in mei-nen Windfang. Dat Wasser lief mir im Äser zusammen.
Berta stellte wortlos Teller, Bestecke und Gläser draußen auffen Tisch, dekorierte ihn hübsch mit Fichtenzweigen, entkorkte unter größter Kraftanstrengung zwei Flaschen Rotwein und würdigte mich mit keinem Blick. Dat war mir auch schnurz-schnuppe.
Die Gäste erschienen pünktlich. Berta hatte noch ihre Schürze umgebunden und umarmte sie fröhlich wie alte Bekannte. Mir drückte man die Gastgeschenke inne Hand. Der Schweinejupp hatte wat zum Bechern mitgebracht – ne Pulle Kümmel, der Helmut Honig, Uli en geschnitztet Keilerbrett. Engelbert überreichte Berta en Blumenstrauß. Alle wünschten ihr überschwänglich Waidmannsheil, mich ließ man links liegen.

Als die Gäste Platz genommen hatten, stellte meine Ehegemahlin ne riesige Pfanne auffen Tisch, reichte dazu frischet Knüppelbrot und wünschte „Guten Appetit“.
Sie hatte die Leber in dünne Streifen geschnitten, schön mit Zwiebeln und Äppeln angebraten und mit nem Schuss Rotwein abgelöscht. Köstlich schmeckte dat immer, wenn sie zu Hause Wildleber zubereitete.
Der herrliche Brutzelduft kroch jetz noch extremer in meine Riechkolben, ich konnte mich kaum noch beherrschen. Am liebsten hätte ich sofort reingehauen.
Da kloppte der Engelbert noch zu allem Ăśberfluss an sein Glas und wollte hoffentlich keine allzu lange Rede halten.
„Berta“, sagte er, „ich danke auch im Namen der anderen Gäste für Deine freundliche Einladung, es duftet schon sehr verführerisch. Wildschweinleber ist immer eine vorzügliche Delikatesse. Waidmannsdank, Berta.“ – Beifall.
Ich dachte: Verdammt, hoffentlich geht et bald rund, ich sterbe vor Hunger. Die Leber wird kalt vom langen Quatschen, nun macht doch endlich voran!

Ich wollte gerade so richtig zulangen, da fiel mir auf, dat Berta nur neun Teller auffen Tisch gestellt hatte. Ausgerechnet vor meinem Platz stand kein Gedeck. Ich wollte dat gerade reklamieren, da kam se mir zuvor. Sie griente mich hämisch an und erklärte:
„Liebe Gäste, dem Willi iss leider, leider nich gut im Magen-Darm-Trakt. Er wollte heute ma ne Diät machen und nix Fettiget essen. Dat iss für ihn wirklich dat Beste. Dafür können wir seine Portion mit essen, ha, ha, ha. Also noch ma: Guten Appetit.“
Berta hatte mich ausgetrickst. Ihr Ehemann sollte inne Röhre kucken! Ich warf dat Handtuch, quatschte nur belangloset Zeug und sann im Stillen auf Rache.

Alle hauten sich vor meiner Nase die Wampe voll, und mir knurrte der Magen – so laut, dat die Gäste besorgt feststellten: „Willi, Du hast ja ganz schlimme Magenpinne, Du bist ja wirklich nich gut drauf. Trink mal ein paar Kümmel, die werden Dir gut tun.“
Ich stand auf, räumte den Tisch ab, nahm die Pfanne und Brotkörbe, schlich inne Küche und fiel dort über die schäbigen Reste her. Ich wischte wie son Verhungernder mit en paar Brocken Brot die kärglichen Leberkrümel und Zwiebeln ausse Pfanne und schlabberte gierig die fette Sauce in mich rein. Dat dicke braune Bratenfett schmeckte am besten. Die Pfanne sah danach aus wie geleckt.

Nach etwa drei Minuten kriegte ich vom Fett mein Fett weg. Gegen die aufziehenden Magenkrämpfe und ner schweren „rektalen Disharmonika“, halfen nur noch etliche Kümmel und die Toilette. Berta hatte sich zum zweiten Mal innerhalb vonne halben Stunde gerächt.
Die Frauen halfen beim SpĂĽlen und wunderten sich ĂĽber die saubere Pfanne. Nicht meine Berta.
Gegen siebzehn Uhr machten die Gäste Anstalten zu rutschen. Die vollgefressene Bande musste mir aber noch helfen, Bertas schwere Wutz im Auto zu verstauen.
„Hört ma her, bevor Ihr ne Fliege macht, helft mir bitte noch, Bertas Keiler in den Kofferraum zu tragen. Wir fahren heute Abend noch nach Hause. Drei Freiwillige bitte vortreten.“
„Waaat?“ lallte der Juppes, „die kleine Wutz trag ich anne Uhrkette in Dein Auto.“ Er schlurfte zum Kühlhaus, hängte mit einem Ruck den Keiler vom Haken und trug ihn bis drei Meter vor dat Auto. Dann stolperte er über die Vorderläufe vonne Wutz und knallte damit auf den Betonboden. Er blutete am Kopp, für mich war dat en Fall für die Notaufnahme.
Die Platzwunde juckte ihn überhaupt nich. Er stand auf, schüttelte sich, lachte wie en Idiot und verstaute die Sau im Kofferraum. Alle Achtung! Der Kerl hatte Kraft und Nerven. Er grinste über sein breitet blutverschmiertet Gesicht, schüttete sich noch zwei Kümmel hinter die Binde und verabschiedete sich bei Berta wieder mit seinen dämlichen Handküssen.
Endlich waren alle verschwunden! Meine Stimmung hatte sich noch nich aufgehellt. Zu schwer wog Bertas DemĂĽtigung mit die Leber.
Wir fuhren nach Hause. Nur dat Nötigste wurde gesprochen. Bei Püttmanns herrschte wieder ma „stille Messe“!











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Wolfgang M. A. Bessel
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