Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92261
Momentan online:
416 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Horror und Psycho
Das Amulett
Eingestellt am 30. 08. 2003 16:25


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
MelP
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 7
Kommentare: 33
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MelP eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Amulett

Ich hatte die Kette beim Kramen in alten, staubigen Kisten auf dem Dachboden entdeckt. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, endlich Ordnung auf dem alten Speicher zu schaffen. Doch nachdem ich nun endlich tatkrĂ€ftig angefangen hatte, den Inhalt der offensichtlich wirklich alten Kisten zu sichten, war ich schnell der Faszination der Dinge erlegen, die ich StĂŒck fĂŒr StĂŒck zu Tage förderte. Da waren alte Spielsachen aus Holz, StammbĂŒcher meiner Familie, Porzellan und Silberbesteck aufgetaucht. Die MĂŒllsĂ€cke, die ich zur Entsorgung des Ramsches mit nach oben genommen hatte, waren auch nach zwei Stunden Aufenthalt noch genauso leer wie zuvor. Am Boden einer lĂ€dierten Pappkiste entdeckte ich schließlich ein kleines Kistchen, das mit verschlissenem, rotem Samtstoff bezogen war. Neugierig ließ ich den Verschluss aufklappen und entdeckte erfreut eine angelaufene Silberkette mit einem AnhĂ€nger. Der AnhĂ€nger bestand ebenfalls aus Silber. Feine Linien liefen kreuz- und quer ĂŒbereinander und bildeten ein wunderhĂŒbsches, symmetrisches Knotenmuster. Alle Linien schmiegten sich in sanftem Schwung oval verlaufend um einen glutroten Edelstein und bildeten so dessen Fassung.

Aufgeregt tappte ich die Bodentreppe hinunter in meine Wohnung, kramte ein Silberputzmittel und Lappen aus dem KĂŒchenschrank und begann vorsichtig mein FundstĂŒck zu polieren. Als ich es nach einer Weile betrachtete, wirkten die Silberlinien noch feiner und verschlungener und der Stein strahlte und funkelte im Licht. Ich konnte mich gar nicht satt sehen. Als ich es gerade umdrehen wollte, um die RĂŒckseite zu reinigen, begannen die Linien auf einmal sich zu bewegen. Wie kleine Schlangen huschten sie geschmeidig um den Stein herum. Sie wimmelten und wanden sich und krochen immer schneller kreuz und quer ĂŒbereinander. Wie erstarrt blickte ich auf den AnhĂ€nger und war kurzfristig außerstande, ich zu bewegen. Als eine der kleinen Schlangen begann, sich aus dem Gewirr zu lösen und sich vorsichtig tastend auf meine HandinnenflĂ€che zubewegte, schrie ich und ließ das SchmuckstĂŒck angeekelt auf den Boden scheppern.

Erstaunt blickte mein Mann aus der TĂŒr seines Arbeitszimmers und fragte besorgt: „Hast du dir wehgetan, ma petite?“. „Ähm, Ă€h, nein. Ich...doch, ich hab mich grad geklemmt.“ stammelte ich. Wie hĂ€tte ich ihm erklĂ€ren sollen, dass gerade ein KettenanhĂ€nger in meiner Hand zum Leben erwacht war? „Oh, tut es sehr weh? Soll ich etwas zum KĂŒhlen besorgen?“ fragte er stirnrunzelnd. „Nee, geht schon wieder. War wohl mehr der Schreck.“ winkte ich ab. Schulterzuckend wandte er sich ab und huschte in sein Arbeitszimmer zurĂŒck. Mit spitzen Fingern hob ich den AnhĂ€nger vom Boden auf und packte ihn wieder in das kleine Kistchen zurĂŒck. Der Spaß an meinem FundstĂŒck war mir vorerst verdorben und ich legte es auf die Fensterbank im Wohnzimmer.

Nachdem ich die misslungene EntrĂŒmpelungsaktion abgebrochen hatte, kuschelte ich mich auf der Couch in eine dicke Wolldecke und las. Leise hörte ich aus Philippes Arbeitszimmer das Klappern der Computertastatur, ansonsten war es absolut still. Doch dann durchbrach ein leises „Klack“ die Stille. Ich blickte von meinem Buch hoch. Das GerĂ€usch war ganz aus der NĂ€he gekommen. Wie von Ferne erklang auf einmal ein GerĂ€usch wie von vielen dumpfen Trommeln. Ich ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen und blieb bei dem SchmuckkĂ€stchen hĂ€ngen. Der Verschluss war aufgesprungen und der AnhĂ€nger schien aus dem KĂ€stchen heraus zu leuchten. Das GerĂ€usch der Trommeln wurde lauter. Ich legte mein Buch zur Seite und ging langsam auf den AnhĂ€nger zu. Vorsichtig warf ich einen Blick darauf und entdeckte, was ich schon geahnt hatte. Die kleinen Schlangen krochen erneut um den Stein herum und dieser glĂŒhte, als hĂ€tte jemand dahinter eine Kerze entzĂŒndet. Mein Herz begann schneller zu schlagen und mit einer hektischen Bewegung schlug ich den Deckel des KĂ€stchen krĂ€ftig zu, dass der Verschluss einrastete. FĂŒr einen Moment schien das TrommelgerĂ€usch direkt aus meinem Wohnzimmer zu kommen und erstarb dann mit einem Mal, so als ob es nie da gewesen wĂ€re.

Meine Gedanken begannen Purzelbaum zu schlagen. Ich konnte mir nicht erklĂ€ren, wie das eben hatte passieren können. Waren vielleicht meine Nerven so ĂŒberreizt, dass ich mir das eben und auch vorhin eingebildet hatte? Gleichzeitig ĂŒberlegte ich, wohin ich das Kistchen bringen konnte. Wegwerfen wollte ich es irgendwie auch nicht, aber noch viel weniger wollte ich es in unmittelbarer NĂ€he herumliegen haben. Ich entschloss mich, es auf den Dachboden zurĂŒckzubringen. Mit dem KĂ€stchen in der Hand huschte ich sogleich die Bodentreppe hinauf.

Kurz vor Ende der Treppe blieb ich mit dem Hausschuh unter einer Stufe hĂ€ngen und schepperte bĂ€uchlings auf den Fußboden des Dachgeschosses. Das Kistchen fiel mir aus der Hand und landete geöffnet direkt vor meiner Nase. Der AnhĂ€nger war herausgefallen und lag mit der RĂŒckseite nach oben ebenfalls direkt vor mir. Die RĂŒckseite war noch ein wenig angelaufen, ich hatte sie vor Schreck nicht mehr zu Ende gereinigt. Doch als er nun so dicht vor meiner Nase lag, erkannte ich eine Gravur auf der RĂŒckseite. Dort stand in geschwungenen Buchstaben „ObsĂ©dĂ©â€œ. Mein Französischunterricht war lange her, doch das Wort kam mir bekannt vor. Ich murmelte es ein paar Mal leise vor mich hin wĂ€hrend ich auf den AnhĂ€nger starrte.

Diesmal begannen die kleinen Schlangen nicht langsam, sich zu bewegen, sondern krochen blitzartig um mein Handgelenk herum. Von Panik ergriffen wollte ich den AnhĂ€nger wieder wegschleudern, doch die kleinen Biester hatten sich schon um meine Finger gewickelt und krochen geschwind meinen Arm hinauf. Mit der freien Hand versuchte ich, sie abzureißen, doch ich kleinen Köpfe bissen schmerzhaft nach der anderen Hand. Dort wo die Silberschlangen entlang krochen, breitete sich eine enorme Hitze auf meiner Haut aus. Je höher sie an meinem Arm krochen, desto unertrĂ€glicher wurde sie. Gleichzeitig hörte ich wieder leise die Trommeln. Mein Verstand drohte kurzzeitig sich in den Wahnsinn zu verabschieden und ich sprang auf. Doch dann fiel mir Philippe ein. Ich begann nach ihm zu brĂŒllen und versuchte weiterhin mit meiner freien Hand die kleinen Monster trotz der Bisse von mir abzureißen. Bösartig zĂŒngelten sie, wenn ich eine erwischte und auf den Boden warf. Wieder brĂŒllte ich nach Philippe. Meine Stimme drohte angesichts der Angst zu versagen und brach fast. Das TrommelgerĂ€usch war wieder lauter geworden. Grausam monoton hĂ€mmerte der Rhythmus in meinen Ohren. Immer höher krochen die widerlichen, brennend heißen Dinger an meinem Arm. FĂŒr jede, die ich abreißen konnte, schienen fĂŒnf neue an meinem Körper heraufzuschlĂ€ngeln. Das Zischen der Köpfe wurde stĂ€ndig lauter und schienen mein Rufen nach Philippe, das immer leiser wurde, fast zu ĂŒbertönen. Inzwischen reichte mir das Geflecht aus Köpfen und Körpern bis zur Schulter. Das Brennen wurde unertrĂ€glich und mein Körper glĂŒhte wie im Fieber, die ersten Schlangen wimmelten um meinen Hals herum und begannen, mir langsam die Luft abzudrĂŒcken. Die Trommeln hatten eine gigantische LautstĂ€rke erreicht und schienen fast mein Trommelfell zu zerfetzen. Verzweifelt versuchte ich, die Wesen von meinem Kehlkopf fernzuhalten um weiteratmen zu können, doch gegen die wachsende Übermacht waren meine HĂ€nde hilflos.

Als mir unter dem stĂ€ndig steigenden Druck die Luft wegblieb, wurde mir schwarz vor Augen. Kurz bevor ich mein Bewusstsein verlor, schien das Gezischel im Takt der Trommeln im Chor in mein Ohr zu flĂŒstern: „ObsĂ©dĂ©, obsĂ©dĂ©...“.

„Wach auf! Bitte, Kleines! Wach auf!“ Jemand schĂŒttelte mich fĂŒrchterlich durch und klatschte mir von Zeit zu Zeit ein Ohrfeige ins Gesicht. „Lisa! Was ist mit dir? Du musst aufwachen!“ Ich schlug wunschgemĂ€ĂŸ die Augen auf und blickte in Philippes panikgeweitete braune Augen. Sein dunkles Haar war ihm ins Gesicht gerutscht und er wollte mir gerade wieder eine Backpfeife verpassen. Mitten in der Bewegung stoppte er. „Lisa! Na endlich! Was war denn los, Kleines? Ist dir schwindelig geworden?“ Philippes Mund umspielte ein zögerlich-besorgtes LĂ€cheln, gleichzeitig zog er mich vorsichtig in seine Arme. Ich schĂŒttelte den Kopf. „Die Schlangen. Sie waren ĂŒberall. Ich habe nach dir gerufen.“ stammelte ich. VerstĂ€ndnislos blickte Philippe mich an. Sein Blick fiel auf etwas neben mir auf dem Boden. Ich drehte den Kopf und sah den KettenanhĂ€nger dort liegen. Mein Körper versteifte sich und wie ein heißes Messer fuhr mir erneut die Angst durch den Magen. „Da. Da waren die Schlangen.“ Ich deutete auf den AnhĂ€nger.

Philippe blickte seltsam andĂ€chtig auf das SchmuckstĂŒck auf dem Boden und begann ein wenig zu lĂ€cheln. „Was ist?“ fragte ich. „Warum grinst du so?“ Er riss seinen Blick von dem AnhĂ€nger los und blickte mich immer noch lĂ€chelnd an. „Du hast Grandmeres Amulett gefunden. Ich hatte es fast vergessen.“ VerstĂ€ndnislos blickte ich meinen Mann an. „Dann hast du tatsĂ€chlich die Schlangen gesehen? Ich dachte, nur Eingeweihte könnten das...“ Sein Blick schien in Weite Ferne zu schweifen. „Wovon redest du? Du weißt von den Schlangen?“ ich richtete mich auf und blickte Philippe direkt in Gesicht. „NatĂŒrlich.“ antwortete er wie selbstverstĂ€ndlich. „Meine Großmutter war eine große Voodoo-Priesterin, als wir noch auf der Insel lebten. Sie hat lange nach einer Nachfolgerin gesucht, nachdem wir nach Deutschland gekommen waren, aber niemand hatte sich als geeignet erwiesen. Nur wenige können die Besessenheit ertragen.“ Jetzt fiel mir ein, was das eingravierte Wort bedeutete. Besessen sein.

Wie in Trance fuhr er fort: „Die meisten haben den Verstand verloren, wenn sie die Schlangen sahen, sagte Grandmere. Sie brauchen eine mĂ€chtige Priesterin. Sie sagte kurz bevor sie starb, dass die Schlangen sich frĂŒher oder spĂ€ter selber die richtige Priesterin suchen wĂŒrden.“ Die Trommeln dröhnten jetzt wieder dumpf und laut in meinen Ohren. Philippe griff nach dem Amulett und machte Anstalten, es mir um den Hals zu legen. Ängstlich wich ich vor dem SchmuckstĂŒck zurĂŒck. Der Schlag der Trommeln wurde schneller und lauter. „Keine Angst, ma chere.“ flĂŒsterte Philippe. „Sie werden dir nichts mehr tun.“ Vorsichtig legte er mir die Kette um den Hals. Der Trommelwirbel legte fĂŒr einen Moment an IntensitĂ€t zu und schwoll dann zu einem gemĂ€chlichen „Dumm, dumm, dumm“ ab. Das Amulett schmiegte sich warm und wie selbstverstĂ€ndlich um meinen Hals, so als hĂ€tte es nie einen anderen Platz gehabt. Ein wohliges Kribbeln durchfuhr meinen Körper und ich wusste, ich wĂŒrde die Nachfolge von Grandmere antreten.


__________________
Es gibt eine unsichtbare Welt, die die sichtbare durchdringt.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
Kommentare: 1979
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Michael Schmidt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo MelP,

anfangs dachte ich noch : Nicht schon wieder eine der "Ich finde ein Amulett auf dem Dachboden-Geschichte", aber ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende da hat mich die Geschichte gefangen genommen.

Sehr schön erzÀhlt, du hast mich richtig in deinen Bann gezogen. Und die Idee mit dem Voddoo hat mir sehr gefallen. Ich hoffe, wir bekommen noch was von Lisa zu lesen und diese Story macht nur den Auftakt.

Bis bald,
Michael

Bearbeiten/Löschen    


MelP
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 7
Kommentare: 33
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MelP eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Amulett

Hallo Michael,

danke fĂŒr Dein Kompliment:-), allerdings fĂ€llt es mir meist schwer, Fortsetzungen zu schreiben. Da ist immer der Reiz, eine neue Geschichte zu erzĂ€hlen!
Lieben Gruß

Mel
__________________
Es gibt eine unsichtbare Welt, die die sichtbare durchdringt.

Bearbeiten/Löschen    


Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 73
Kommentare: 552
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Marcus Richter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo MelP,
Micha hat völlig recht, eine gute Geschichte. NatĂŒrlich ist hier der Voodoo ein bisschen aufgesetzt und verströmt nicht seinen religösen, bedrohlichen Charakter. Aber ich glaube, das wolltest du auch nicht.
Mir gefÀllt die schlussendliche Hinnahme des Gegebenen, der Vergangenheit, des Vererbten als Schicksalsgegebene Aufgabe.

Übrigens ein schöner Beitrag zum Thema unbelebter Gegenstand, falls dir das aufgefallen ist.

Schönen Gruss, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs GrĂŒnbein

Bearbeiten/Löschen    


MelP
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 7
Kommentare: 33
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MelP eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Unbelebter Gegenstand

Hallo Marcus,

das mit dem unbelebten Gegenstand war Motivation fĂŒr die Geschichte! Und daher auch keine tiefergehende BeschĂ€ftigung mit dem Hintergrund des Voodoo (davon weiß ich nĂ€mlich nicht so viel;-)

Viele GrĂŒĂŸe
Mel
__________________
Es gibt eine unsichtbare Welt, die die sichtbare durchdringt.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Horror und Psycho Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!