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Leselupe.de > Science Fiction
Das Lächeln
Eingestellt am 07. 08. 2001 17:00


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jon
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Das Lächeln

Joanna schaltete das Triebwerk ab und lehnte sich zurück. Sie atmete tief durch. Sekundenlang war nur dieses Geräusch in dem kleinen Schiff. Und eine Spannung ganz oben, direkt unter der Decke. Diese Spannung lag immer dort, wenn Jo zu einem Einsatz flog. Meist vergaß Joanna sie, diesmal jedoch sank sie langsam herab und hüllte die Frau ein in einen knisternden Mantel. Ein kleiner Funke tanzte über das Amulett unter Joannas T-Shirt. Reflexhaft griff Jo danach. Sofort verschwand die Spannung und Jo lächelte.
Jemand öffnete die äußere Luke des Bootes. Jo drehte sich nach dem Geräusch um. Die innere Schleusentür wurde entriegelt. Joanna öffnete sie und stand einem kleinen Männchen im Overall eines Technikers gegenüber. Er hatte ein pausbäckiges schwitzrotes Gesicht und kugelrunde, erstaunt blickende Augen.
„Hallo“, sagte Jo unsicher.
„Hallo“, echote der Techniker verdutzt. Er faßte sich endlich. „Eh… Sie sind Erkunder Brauer?“
Joanna nickte. „Ja. Bin ich zu früh?“
„Nein nein!“ versicherte der Mann. „Es ist nur… Der Chef ist noch unterwegs, er wollte Sie eigentlich begrüßen, aber irgendwas hat ihn wohl aufgehalten.“
„Schon in Ordnung“, behauptete Joanna und irgendwie war es das auch. Natürlich hatte sie gedacht, Lex Damon selbst würde sie empfangen – schließlich war er der Leiter der Station Tego acht und Joanna war gekommen, weil es Probleme mit der Station gab – aber genausogut konnte sie sich schon mal ein Bild von der Einrichtung machen.
„Mein Name ist Timothy“, sagte der Techniker und reichte Jo die Hand. Sie schüttelte sie. „Kommen Sie, ich zeig Ihnen, wo Sie auf Damon warten können. Ich bringe dann Ihr Gepäck in Ihr Quartier. Ist es im Frachtraum?“
„Ja. Aber lassen Sie nur, ich trage es schon selbst. Wenn Sie mir zeigen, wo mein Quartier ist…“
„Sicher, sicher“, eiferte Timothy und begann, den Frachtraum des Bootes zu entriegeln.
„Sagen Sie“, setzte Jo an, „können wir das mit meinem Quartier nicht verschieben? Ich würde mich gern über die neuesten Ereignisse informieren.“
Timothy drehte sich halb um.
„Es soll einen Sturm gegeben haben, während ich unterwegs war“, tastete sich Jo vor.
Timothy, noch immer halb verdreht und gebückt, schluckte krampfhaft.
Joanna versuchte, beruhigend zu lächeln. „Soweit ich weiß, ist ein Sturm in der Tego-Ebene nichts Ungewöhnliches…“
Der Techniker richtete sich endlich auf. „Stimmt schon, aber der hier war irgendwie eigenartig. Ich kann das nicht so gut erklären, ich kriege hier im Hangar immer nur die Hälfte von solchen Sachen mit, aber der Sturm war irgendwie gespenstisch. Ganz lautlos, verstehen Sie? Ich meine, er hat natürlich mir ein paar Blechen geklappert, aber er hat nicht geheult. Normalerweise heulen die Tego-Stürme immer, weil sie den Sand zum Schwingen bringen oder so. Das wissen Sie als Erkunder sicher besser als ich.“
„Vielleicht hat einfach die Frequenz nicht gestimmt“, mutmaßte Joanna.
„Vielleicht“, räumte der Techniker ein. „Ich kenn mich da nicht so aus. Es ist eben nur so eigenartig gewesen.“ Er bückte sich, um Joannas Gepäck aus dem Boot zu laden.
„Ist Herr Damon wegen des Sturms unterwegs?“ fragte Jo den gekrümmten Rücken.
Timothy zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Er sagt ja nie, wo er hingeht. Es geht ziemlich drunter und drüber zur Zeit. Na das wissen Sie ja selbst, deshalb sind Sie ja hier.“
„Ja“, sagte Jo. Deshalb war sie ja hier.
Und dann kam Lex Damon. Joanna spürte, daß er kam, noch ehe sie ihn sah. Sie drehte sich um. Und obwohl sie ihn nie zuvor getroffen hatte, wußte sie, daß er es war, der da mit langen Schritten den Hangar durchmaß.Bevor sie richtig begriff, war er schon bei ihr, reichte ihr die Hand, begrüßte sie und lächelte. Und Joanna verlor den Boden unter den Füßen.
Natürlich verlor Erkunder Brauer nicht wirklich den Boden unter den Füßen. Sie erwiderte Damons Begrüßung, registrierte im Hinterkopf, daß Timothy von ihm eine Anweisung erhielt, und daß sie wenig später dem Mann in seinem Arbeitszimmer gegenüber saß, ohne recht zu wissen, wie sie dahin gelangt war.
Joannas Denken setzte in dem Moment wieder ein, als Lex Damon sagte: „…ziemlich kritisch. Deshalb habe ich mich auch für Sie entschieden. Die Zivile Einsatzflotte hat mir Geologen schicken wollen, aber die habe ich hier selbst. Ich brauche jemanden, der über den Tellerrand hinaussieht, einen Erkunder eben.“ Damon lächelte verbindlich und Joanna fühlte ihre Gedanken davontrudeln. Sie konzentrierte sich auf ihr Amulett.
„Das Problem ist“, fuhr Damon fort, „daß hier Dinge geschehen, die wir nicht vorhersehen. Im Nachhinein finden sich Dutzende Erklärungen, die meisten davon lassen sich nicht belegen, weil wir einfach die entsprechenden Meßdaten von genau diesem Moment nicht haben. Bei den ersten Ereignissen dieser Art glaubten wir an unglückliche Zufälle, jetzt aber…“ Er machte eine naiv-ratlose Geste.
„Ich kenne die Aufstellung“, sagte Joanna. „Wirklich bemerkenswert.“
Damon schwieg einen Moment lang irritiert. Das wiederum irritierte Jo. „Soweit ich weiß“, versuchte sie, dieSituation zu retten, „sind die Meßergebnisse Ihrer Station grundlegend für die gesamte Tego-Forschung. Ich versteh´ deshalb nicht ganz, wieso dann nicht alle Daten automatisch erfaßt werden.“
„Weil wir einfach die Kapazitäten nicht haben. Wenn wir ständig alle Meßgeräte auf 100 Prozent laufen lassn, steigt uns das System aus“, sagte Lex Damon. „Deshalb habe ich Sie ja angefordert. Ich brauche jemanden, der die Datenerfassung koordiniert. Sie sollen hier die Übersicht über die einlaufenden Messungen behalten und Zusatzdaten abfragen, wo es nötig ist. Sie als Erkunder sehen eher, wo sich was zusammenbraut.“
Joanna nickte. Sie wußte zwar in diesem Moment nicht, was sie sehen sollte, was nicht auch jeder Planetologe sehen konnte, aber sie nickte. Und das war ihr Fehler.

Joanna Brauer wußte schon am nächsten Tag, daß es ein Fehler gewesen war. Sie saß an ihrem Terminal, beobachtete nacheinander die verschiedenen Sektoren der Tego-Ebene und schaltete stichprobenhaft die Scanner auf volle Leistung. Und obwohl sie mit jeder Faser ihres Körpers spürte, daß sich da draußen etwas anbahnte, sah sie nichts. Die Luft war so trocken, wie sie nach aller Erfahrung sein sollte, der Wind hauchte stetig über die Wüste und wirbelte kaum ein Staubkorn auf. Im felsigen Untergrund der Ebene pochten die Explosionen aus dem Bergwerk in Krater zwölf und ab und zu kündete einen Schatten davon, daß ein weiterer Frachter die Zentralstation jenseits der Ebene anflog.
Dieser erste Tag ging vorüber und nichts geschah. Joanna wußte nicht, warum nichts geschehen war, und sie hätte auch nicht sagen könne, was hätte geschehen sollen, aber das etwas passieren sollte an jenem Tag, war ihr bewußt, war ihr so tief eingebrannt, daß sie schlaflos in ihrer Kabine auf und ab lief und grübelte und grübelte…
Irgendwann hatte der Schlaf Mitleid mit Joanna und löschte ihre Gedanken. Im Traum aber begannen die Scanner verrückt zu spielen, ein Sturm jagte heulend über die Wüste und drang bis in die Station vor. Er warf Stühle und Schränke um, zerrte an Joannas Haar, an ihrer Kette, fetzte das Amulett ab und trieb es fort. Und als Jo sich umwandte, um dem Talisman nachzulaufen, stieß sie mit Lex Damon zusammen. Er sah auf sie herab und lächelte.
Jo fuhr auf. Ihr Herz raste, tief in ihr brannte eiskalte Angst. In ihrem Hirn glühte Damons Lächeln und war so unausweichlich, daß für keinen anderen Gedanken mehr Raum blieb.
Die Stationssysteme simulierten Morgengrauen auf dem Fensterschirm. Joanna erhob sich, sie fühlte sich wie zerschlagen. Sie versuchte, die Nacht mit kaltem Wasser abzuspülen. Es gelang ihr nicht, und so trug sie sie mit in den Beobachtungsraum. Sie blieb auch bei ihr als der Tag längst auf Mittag zuging und noch immer nichts geschehen war und die Munterkeit der Beobachtungscrew langsam auf Jo überschwappte.
Es wurde ein guter Tag. Tego verhielt sich freundlich, die Crew agierte locker. Jo erfuhr jede Menge über ihre Kollegen auf Zeit und daß Lex halt im Moment ziemlich beschäftigt und deshalb nur halb genießbar sei… und Lex Damon selbst war den ganzen Tag nicht da. Fast schien es, als sei das der Grund, daß alles ruhig blieb, aber Joanna wischte den Gedanken beiseite, sooft er auch wiederkehrte.
Die Nacht jedoch hatte in Jos Kopf überlebt. Und sie brach wieder hervor, als Joanna in ihr Quartier ging. Der Sturm heulte durch Joannas Träume, Regen ergoß sich aus sternklarem Himmel und Jo konnte nichts dagegen tun. Sie konnte noch nicht einmal ausweichen. Sie sah nur Damons Lächeln und fühlte sich darin versinken. Es betäubte sie. Sie wußte, daß sie darin sterben würde, doch sie konnte sich einfach nicht abwenden. Sie konnte es nicht…

Drei Tage lang hielt Tego Ruhe, drei Tage lang war die Stimmung im Beobachtungsraum gut, und wenn Lex Damon da war, war er heiter und gelöst, und überhaupt fühlte sich Joanna ganz und gar großartig. Nur wenn Damon lächelte, dann erinnerte ihr Körper die schlaflosen Nächte. Und Lex Damon lächelte oft in diesen drei Tagen.
Am vierten Tag brach die Hölle los. Ohne daß jemand ein Anzeichen bemerkt hatte, schwieg plötzlich der Wind. Sekundenlang. Alles Leben im Beobachtungsraum erstarrte mit ihm. Damon war auf einmal neben Jo und mit seinem Duft legte sich ein dichter Teppich höchster Anspannung über die Frau. Dann öffneten sich die Schleusen des wolkenlosen Himmels, verwandelte sich binnen Augenblicken die Wüste in ein Meer aus Schlamm.
Reglos starrte Jo hinaus. Lex Damon richtete sich auf, schaute auf Joanna herab und sagte: „Was zum Geier ist das, Brauer?“
Etwas in Joanna gefror. Sie blickte hoch. „Ich weiß nicht. Ich… habs nicht kommen sehen. Ich weiß es nicht.“
Lex Damon blieb sachlich. „Dann finden Sie´s raus“, sagte er ohne Vorwurf in der Stimme. Als brauchte Joanna nur die Augen zu öffnen, um die Antwort zu sehen. Und vielleicht war es ja auch so.
„Jetzt?“ fragte Jo nüchtern. Sie hatte keine Emotion, die sie hätte in die Frage legen können. Sie wußte nur, daß sie verloren hatte. Welchen Kampf auch immer.
„Jetzt“, erwiderte Damon und Joanna stand auf und verließ den Beobachtungsraum und lief mechanisch durch die Station, hinaus in den Sturm und in den Regen und lief und lief und lief…
Irgendwann spürte Joanna Brauer Wasser auf der Haut. Es lief in Strömen an ihr herab. Schlamm umschloß ihre Füße und hielt sie fest. Im Schleier der Regenschwaden kam eine Gestalt auf Jo zu. Mit langen Schritten durchmaß sie die Distanz vom Nirgendwo zum Hier. Dann standen sie sich gegenüber und Lex‘ Gegenwart löschte alles andere aus. Sein Lächeln loderte tief in ihr, versprach Antwort auf alles. Joanna wußte, daß diese Antwort tödlich war. Sie wußte, daß sie sich von dem Lächeln lösen mußte, doch nichts war unmöglicher als das. Und so trieb sie davon…

Der Regen brach so aprupt ab, wie er begonnen hatte. Gließende Helle trocknete rasch den Schlamm. Sicherheitsmannschaften zogen los, Jo wurde vermißt und auch Lex Damon. Damons Leiche fand man inmitten der Wüste – ausgedörrt, als läge sie schon seit Tagen da. Timothy war der erste vor Ort und als die Leiche fortgeschafft wurde, entdeckte der Techniker eine zerrissene goldene Kette halb im Sand, daran ein Amulett, und er hob beides auf und steckte es achtlos in die Tasche. Joanna Brauer blieb verschwunden.
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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pol shebbel
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Ist zwar schon "Archiv", aber dennoch mal ein Kommentar von mir...
Den Schreibstil finde ich sehr schön (ich glaube, ich beginne zu verstehen, was du damals in deinem Kommentar von wegen "Musik" gemeint hast...) Insbesondere die emotionalen Flutwellen, die Lex in Joanna auslöst, sind eindrücklich beschrieben.
Was man vielleicht kritisieren könnte, ist, dass die Geschichte nicht eigentlich eine SF-Geschichte ist - in dem Sinne, dass die Handlung ohne grosse Änderungen praktisch an jedem Ort und zu jeder Zeit spielen könnte. Der SF-Hintergrund erscheint als nicht viel mehr als eine Art exotische Kulisse - und als solche scheint er mir wiederum nicht exotisch genug, um sozusagen die Geschichte alleine zu tragen.
All dies gilt allerdings für ziemlich viele andere SF-Geschichten ebenso (inkl. meine eigenen und diverse kommerziell sehr erfolgreiche) - von dem her gibts keinen Grund, sich zu verstecken!

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jon
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Danke für's "Ausgraben".

Soo beliebig ist das Genre nicht.
Sicher ist der Ort austauschbar und man könnte – im Zuge dessen – auch phantastischen Horror als Genre wählen (, was mir aber nicht wirklich liegt) oder Phantastik Marke „Akte X“ (, was aber den Abstand, den ich für mich selbst schaffen wollte/musste, unterlaufen hätte.) Schon ein Krimi würde die Personen und die „Aussage“ stark verändern…

Man sieht es als Leser nicht, ich weiß, aber ich habe die Geschichte nicht erfunden, sondern sie “nur“ in einen Plot gegossen, den ich handwerklich und emotional kontrollieren konnte… Meine Wahl war (und ist) deshalb sehr eingeschränkt.
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