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Das Spiel (W)
Eingestellt am 30. 10. 2017 00:47


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Das Spiel
(ErzÀhlung)


Der Brief

Robert saß beim Abendbrot und ging flĂŒchtig die Werbepost durch: Gebrauchtwagen, Urlaubsziele fĂŒr welche er kein Geld hatte, die Angebote der Woche im Supermarkt. Nichts von den Dingen, die ihm momentan nĂŒtzlich sein könnten. Als er den Stoß von BroschĂŒren achtlos ans Tischende warf, bemerkte er den Brief. Robert stutzte: der Umschlag zeigte seine vollstĂ€ndige Wohnadresse an, hatte allerdings weder Briefmarke noch Poststempel. Adressierte Werbeschreiben waren keine Besonderheit; dass sich jemand die Arbeit machte, solch einen Brief persönlich bei ihm einzuwerfen, erschien ihm dennoch ungewöhnlich.

Lieber Robert Schreiner

Videospiele sind deine Leidenschaft, wie du uns im letzten Jahr mitgeteilt hast. Aber sind wir mal ehrlich: selbst bei „Überleben“ strĂ€ubt sich kein Haar mehr und „Wolfenburg“ und „Das Schwert von Nimrud“ sind zwar unterhaltsam, dennoch fĂŒhlst du dich als Spieler 'außen vor'; Grafikkarte bleibt Grafikkarte, auch wenn die letzte fast zweitausend Euro gekostet hat. Und ĂŒberhaupt: wo blieb die Begeisterung von einst, als du mit Super Mario auf Abenteuer gingst?

Keine Sorge, wir lassen dein Herz wieder höher schlagen. Denn wir haben ein technologisch einzigartiges, immersives Videospiel entwickelt, mit welchem wir die Branche im wahrsten Sinne des Wortes umkrempeln werden. Bevor wir unsere Neuigkeit in den nĂ€chsten Wochen auf den Markt bringen, möchten wir es einer kleineren Gruppe begeisterter 'freaks' zur VerfĂŒgung stellen und ihre Erfahrung und Meinung aus erster Hand einholen. Dabei gibt es einige Preise zu gewinnen, unter anderem eine Teilnahme an unserer Launch Conference, auf der wir das Spiel zum ersten Mal der Weltöffentlichkeit vorstellen werden. Unter UmstĂ€nden bist du dann bereits einer unserer ersten Mitarbeiter, die mit uns gemeinsam den internationalen Markt erobern wollen. FĂŒr jeden, der Videospiele liebt – ein Traumberuf!

Wenn du an diesem Angebot interessiert bist, brauchst du nur die folgende Nummer zu wÀhlen: 083-8957755.

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen

Laura Krosch


Robert las den Brief ein zweites Mal und sann vor sich hin. Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, wieso war ihm diese Idee nie in den Sinn gekommen? Mit wem er da auch immer auf einer Messe geplaudert hatte, sie wussten, dass er seinen Job lediglich als notwendigen Broterwerb betrachtete und an manchen Tagen sogar hasste. An einem Montag wie diesen sowieso. In der Mittagspause wollte er eigentlich seine Playstation zur Reparatur bringen. Daraus wurde nichts; seinen SchlĂŒsselbund fand er erst nach zwei Stunden verzweifelter Suche unter einem Stapel neuer AuftrĂ€ge; ein weiterer Mobbing-Fall und pure Bosheit seines Chefs Torsten Wagner.
Mit Wehmut erinnerte er sich an seine ersten Spielkonsolen und Super Mario. Aus heutiger Sicht sicherlich primitiv, vor allem grafisch; nichtsdestotrotz lag diese Reihe sozusagen in seiner video-spielerischen Kinderwiege. Niemand in der Schulklasse hatte bei Super Mario gegen Robert den Hauch einer Chance. Bereits in jenem Alter verzichtete er rigoros auf alles, was sonst ein Kinderherz erfreut, um Geld fĂŒr das nĂ€chste Game zu sparen. Mehr brauchte er fĂŒr sein GlĂŒck nicht. Damals nicht und auch heute nicht. Ein Drittel seines Gehalts ging in sein Hobby: entweder wurde ein PC aufgerĂŒstet, ein Spiel oder irgendein Zubehör erworben. Gelegentlich fuhr er quer durch Deutschland, weil ihm eine bestimmte Messe nicht verloren gehen durfte. Immerhin musste er auf dem Laufenden bleiben; Robert strebte nach Vollendung. Man kannte ihn in den Foren nicht umsonst als Solid Snake: weise, unabhĂ€ngig, einsam und gerecht, wie sein Lieblingsheld aus Metal Gear.

Am nĂ€chsten Abend klingelte es pĂŒnktlich um 20 Uhr an Roberts TĂŒr wie telefonisch abgesprochen. Frau Krosch machte einen sehr jugendlichen Eindruck: schlank, sportlich, am Knie aufgerissene Jeans, Turnschuhe Marke Nike, T-Shirt unter einer kurzen Lederjacke, und ĂŒberhaupt attraktiv. Mit einem breiten LĂ€cheln stellte sie sich vor und kam nach wenigen Minuten belangloser Förmlichkeiten (sie bat Robert, er solle sie ruhig duzen) zur Sache: „Robert, unsere Innovation basiert auf einer gezielten Induktion von TrĂ€umen, die den Benutzer in eine virtuelle Umgebung fĂŒhren, um sich dort wie in der realen Welt zu bewegen und die ihm vom Spiel gestellten Aufgaben zu meistern. Dies ist einzig und allein durch die Anwendung unserer sensationellen Spitzentechnologie möglich.“ Dabei holte sie aus ihrer Handtasche ein GerĂ€t, welches Robert an eine etwas zu groß geratene Schwimmbrille erinnerte.
„So 'was wie Google Glass als Virtual Reality?“ fragte er verwundert. Laura lachte spöttisch: „Ja, wenn du ein Auto aus den Nachkriegsjahren mit der neuesten Generation der Formel-1 Rennwagen auf eine Stufe stellen möchtest, darfst du unsere Technologie ruhig mit den lĂ€cherlichen 3D-Animationen und Helmen der letzten zehn Jahre vergleichen. Nein, Robert, diese kleine Brille ist das neue Paradigma der Industrie: sie vermag es, bestimmte Regionen des Hirns zu stimulieren, welche in der Traumbildung eine Rolle spielen. Die Reaktion dieser Bereiche, sagen wir vereinfacht – das synaptische Hologramm, wird zu jedem Zeitpunkt gemessen und analysiert und anschließend erneut stimuliert, gewissermaßen als RĂŒckkoppelung, bis ein traumcharakteristisches, stabiles Bild entsteht. ‚Bild‘ bedeutet hier natĂŒrlich ‚Traum‘, in etwa wie ein Film, dessen Handlung der Zuschauer selbst steuert.“
Robert glotzte die Frau unglĂ€ubig an. „Wenn ich im Schlaf einen Traum erlebe, wie kann ich in ihn eingreifen und seinen Ablauf steuern?“
„Das ist das eigentlich Spannende an unserer Erfindung. Das Gehirn verarbeitet nicht nur Emotionen und Erlebnisse mit Hinsicht auf vergangene Ereignisse, sondern plant genauso unsere zukĂŒnftigen Handlungen, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Man sagt schließlich nicht umsonst: der Morgen ist schlauer als der Abend. Die Steuerung des Aufbaus der Traumbildung zielt gerade darauf ab, alle diese Bereiche mit einzubeziehen. Wir geben zwar den Rahmen des Spiels mehr oder weniger vor; die virtuelle Welt, die im Kopf des Spielers entsteht, greift aber dabei auf Elemente der bekannten Umgebung zu, so dass das gleiche Spiel von jedem in einer persönlichen Variante erlebt wird.
„Das hört sich alles sehr einfach an“ zweifelte Robert, „klingt irgendwie nach GehirnwĂ€sche.“
Laura schmunzelte und blickte auf ihn wie auf ein Kind nach einer albernen Bemerkung. „Robert, diese ErklĂ€rungen sind natĂŒrlich stark banalisiert; um ausfĂŒhrlich zu werden, mĂŒsste ich dir raten, dich einige Jahre unserer Entwicklungsarbeit zu widmen, mal davon abgesehen, dass wir mehr Geld verdienen, wenn wir unsere Technologie nicht preisgeben. Das Interessante fĂŒr dich als einer der wenigen AuserwĂ€hlten liegt nicht bloß im Spaß an der Sache und der Freude, einer der ersten zu sein. Du kannst wirklich gewinnen, wie du im dritten und letzten Teil der ersten Spielebene erfahren wirst. Wer diese bis zum Ende erfolgreich bewĂ€ltigt, bekommt eine Einladung fĂŒr die Teilnahme an der Launch Conference in einer weltbekannten Metropole; den Ort halten wir noch streng geheim. Wie im Brief angedeutet, möchten wir mit dieser Initiative auch unsere ersten Mitarbeiter gewinnen; wir benötigen ein internationales, erfahrenes Team; keine Fachleute, sondern ausgemachte nerds!“
Robert setzte sich das BrillengerĂ€t auf; er bemerkte nichts als SchwĂ€rze, undurchdringliche Dunkelheit. Laura vermittelte ihm die technischen Anweisungen: Er sollte sich zur gewohnten Zeit mit der Brille schlafen legen; diese hatte Sensoren, die im Schlafzustand die Augenbewegungen messen wĂŒrden und in der Lage waren, den Beginn der REM-Phase festzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wĂŒrde sich das Spiel in Gang setzen. Vor dem Schlafen sollte er unbedingt noch eine Tablette einnehmen, um die Traumphase zu stabilisieren und zu verlĂ€ngern, um BrĂŒche im Film, wie Laura es nannte, zu vermeiden.
„Du wirst dich mit Sicherheit hinterher an jede Einzelheit deiner TrĂ€ume erinnern können, denn diese sind so realistisch, dass sie von manchen Benutzern beinahe als ‚wirkliche Erlebnisse‘ empfunden werden.“ Sie hielt inne, wie um sich zu vergewissern, dass Robert keine weiteren Fragen mehr hĂ€tte.
„Was machst du eigentlich beruflich?“ wollte sie plötzlich wissen.
„Ich hab' den langweiligsten Job der Welt!“ prustete Robert. „Ich arbeite in der Finanz- und Buchhaltung einer großen Firma. Rechnungen, Belege, Angelegenheiten mit unserer Bank usw. Ich sollte froh sein, sozusagen die rechte Hand des Finanzchefs zu sein. Das Dumme ist, dass er mich mit einem Sklaven zu verwechseln scheint. Es gibt niemanden in der Firma, den ich mehr hasse als gerade ihn.“
Laura griente vergnĂŒgt: „In diesem Fall denkst du abends lieber nicht zu viel an diesen Herrn. Sonst mogelt der sich auf die eine oder andere Weise in Traum und Spiel und du musst in Rekordzeit die Drohbriefe eurer Kunden bearbeiten“. Robert grinste unbeholfen zurĂŒck.
„Probiere es heute Nacht einfach aus, morgen um dieselbe Zeit schaue ich bei dir vorbei.“ Damit erhob sie sich, zeigte noch einmal ihr charmantes LĂ€cheln und war innerhalb von zwei Minuten aus der Wohnung verschwunden.

Die schwarze Kiste

Als Robert die Augen öffnete, bedurfte es einige Minuten, um zu sich zu finden. Er schwebte in einer Raumkapsel durchs All, genauer genommen durch einen Sternenhaufen. Falsch! Er zog in einer Gondel ĂŒber ein schwarzes Wasser an ferner KĂŒste; ein Leuchtturm schleuderte ihm im Sekundentakt sein glĂŒhendes Licht entgegen. AllmĂ€hlich bemerkte er Schatten um sich herum und dass er nicht allein in der Gondel saß. Die unmittelbare Umgebung rĂŒckte sich nach und nach wie durch einen Schleier ins Bild. Ihm war leicht unwohl und er hatte das seltsame GefĂŒhl, neben seinem eigenen Körper zu sitzen.
In einem Auto, wie er letztendlich schlussfolgerte. Auf dem RĂŒcksitz, hinter dem breiten RĂŒcken des Fahrers, von dem er im RĂŒckspiegel nicht mehr sah als einen Hut, eine dunkle Brille und ein kleines StĂŒck einer krummen Nase. Der grelle Kegel des Leuchtturms hatte sich bereits in die Lichter der Straßenbeleuchtung zerlegt, welche mit beachtlicher Geschwindigkeit am Fenster vorbeirauschten. Sie befanden sich auf einer mehrspurigen Schnellstraße; wo genau, konnte Robert nicht erkennen.
„Wohin fahren wir?“ befragte er den Fahrer. Doch dieser antwortete nicht und fuhr das Auto, in Schweigen gehĂŒllt, durch die Nacht. Nach zwei weiteren Versuchen gab Robert auf und lehnte sich zurĂŒck. Er hatte sich gesammelt und begriff, dass er sich im Spiel befand.
Irgendwann bog der Fahrer in einen dĂŒrftig beleuchteten Weg ein, um eine halbe Stunde spĂ€ter anzuhalten. Er entriegelte die TĂŒr und reichte Robert, ohne sich dabei umzudrehen, einen Briefumschlag. Kaum war Robert ausgestiegen, brauste das Auto davon.

Die erste Aufgabe ist denkbar einfach. Erinnerst du dich an das alte Sokoban? Kisten am Computer zu verschieben, wird leider schnell langweilig. Versuch es mal in der 'realen' Welt! Weiter vorn findest du alles was du dazu benötigst: ein hydraulisches HebegerÀt!
Du hast genau eine Stunde Zeit, um an die schwarze Kiste zu kommen. Ohne ihren Inhalt heißt es – ‚Game Over‘! Leider bist du nicht der einzige, der sie unbedingt haben will! Also spute dich, sonst kann es sein, dass dies dein letzter Traum im Leben war. Viel Spaß!


Die hintergrĂŒndige Androhung verwirrte ihn. Doch Spiel war Spiel, also machte er sich ans Werk. Es dauerte nicht lange, bis er das Gewirr gestapelter Kisten in einer Ecke der Halle gefunden hatte. Eine schwarze konnte er zunĂ€chst nicht ausmachen; den Weg zu ihr musste man sich erst einmal freischieben.
Die Aufgabe stellte Roberts kognitive FĂ€higkeiten nicht ernsthaft in Frage, erwies sich nichtsdestotrotz als zeitaufwendig, wobei das leichte SchwindelgefĂŒhl gerade bei einer körperlichen TĂ€tigkeit nicht sonderlich dienlich war. Pfeiler und sperrige Objekte engten den Freiraum zum Manövrieren ziemlich ein. Nach etwa dreißig Minuten wurde ihm klar, dass eine Stunde kaum ausreichte. Er versuchte sein Arbeitstempo zu erhöhen, jedoch mit geringem Erfolg. Bald meldeten sich die ersten Zeichen aufkeimender Unruhe; die schleifenden GerĂ€usche, die er bei der Arbeit verursachte, hallten unangenehm im Kopf nach. Er grĂŒbelte: gleich beim ersten Anlauf das Spiel aufgeben zu mĂŒssen, wĂ€re schlichtweg eine Schande. Wenn sich das in den Foren herumsprĂ€che, wĂ€re sein Ruf erledigt!
Er rackerte immer wilder am hydraulischen Hebel, bis er endlich die schwarze Kiste erblickte. Noch wenige Manöver und 
 er hörte Schreie vom hinteren Ende der Halle. Im fahlen Licht der Scheinwerfer konnte Robert zwei Gestalten ausmachen, die brĂŒllend auf ihn zu rannten und ihn wohl in einer Minute erreichen wĂŒrden. Er musste handeln!
Kurzentschlossen hastete er ĂŒber mehrere Objekte hinweg zur schwarzen Kiste, erkannte eine Adresse - 99 Kisten, Richtergasse 19, 27194 Siethersfelde_West (merkwĂŒrdig, die Postleitzahl seiner Anschrift, allerdings umgedreht); warf erneut einen Blick zurĂŒck - vielleicht 300 Meter?! Die Kiste war viel zu groß und zu schwer, um sie anzuheben, geschweige denn zu tragen. Da bemerkte er zwei Riegel ... wieder ein Blick nach hinten - keine 200 Meter mehr ... der erste Riegel
 der zweite 
 die Kiste war auf und enthielt 
 eine Sporttasche!
„Halte das Schwein! Lass ihn nicht entkommen!“ Robert erschrak und rannte los, als die Gangster keine hundert Meter mehr von ihm entfernt waren. Obwohl ihn die Tasche nicht unerheblich behinderte, gelangte er an das Ende der Halle mit einigem Vorsprung und stieß durch eine TĂŒr in einen spĂ€rlich erleuchteten Gang. Wenige Sekunden spĂ€ter erreichten ihn auch die zwei MĂ€nner.
Robert lief wie ein gehetztes Wild. Der Widerhall der auf den Betonboden schlagenden Schuhhacken der Verfolger hĂ€mmerte unbarmherzig in seinem SchĂ€del. „Feuere endlich!“ kreischte einer als Befehl und fast im gleichen Augenblick fielen die ersten SchĂŒsse. Robert zuckte bei jedem Knall und rannte in panischer Angst weiter. An jeder Ecke des Gangs warf er einen Blick zurĂŒck und stellte zu seiner Verzweiflung fest, dass sich der Abstand unaufhaltsam verkĂŒrzte. Die Rettung kam in letzter Sekunde als er an einer Wandseite einen Spalt matten Lichts ausmachte. Robert stĂŒrzte unversehens darauf zu und gelangte ins Freie.
Nach zwei weiteren Minuten Flucht blieb er keuchend stehen und sah sich um. Seine Verfolger hatte er offenbar abgeschĂŒttelt. Unvermittelt bemerkte er auch das wartende Auto weniger als fĂŒnfzig Meter vor ihm. Ein Schrei der Freude gellte durch die Nacht: Robert lief und stolperte, erreichte nach Luft ringend den Wagen, riss die TĂŒr auf und ließ sich hineinfallen. Kurz nachem der Fahrer mit quietschenden Reifen losgerast war, vernahm Robert eine sanfte Stimme: „Ach, du mein Ärmster, du bist ja ganz durchgeschwitzt.“ Er drehte sich zur Seite und wischte sich unglĂ€ubig die Augen: Neben ihm saß - ohne Zweifel! Neben ihm saß Lara Croft in kurzen Shorts und Oberteil, mit durchtrainiertem Bauch und einem dicken, waffentragenden Ledergurt.
„Du bist ja ganz durchgeschwitzt, mein Lieber“ wiederholte sie, zog ein Tuch aus ihrem GĂŒrtel und, sich sanft an ihn schmiegend, tupfte sie Robert den Schweiß vom Gesicht. Robert starrte hilflos auf ihren Mund, ihren Hals und ... Ein Engel trug ihn zurĂŒck in einen tiefen Schlaf.

***

Laura kam wie verabredet um 20 Uhr: „Na Robert, das war sicherlich etwas aufregender als erwartet, oder?“ gab sie grinsend von sich und ĂŒberreichte ihm einen neuen Briefumschlag. Robert berichtete nicht ohne Stolz, wie er die fĂŒnf Verfolger hinter sich gelassen hatte. Lara Croft erwĂ€hnte er nicht; wie er sich vor dem Besuch im Internet erlesen hatte, handelte es sich bei dieser Fantasie wohl um einen Streich seines Hypothalamus. Irgendwie peinlich.
„War ich wirklich in Gefahr?“ wollte er wissen. „Ich muss zugeben, dass ich im ersten Moment ein wenig besorgt war.“
„Das kann man so und so sehen“ meinte Laura. „Was auch immer im Traum passiert, es wird etwas in dir hinterlassen; es gibt kein Spielerlebnis ohne irgendeinen - sagen wir 'emotionalen Abdruck'. Also besser laufen, wenn es das Spiel so will.“
Robert stutzte; die Antwort war alles andere als eindeutig. So harmlos wie es am Abend vorher den Anschein hatte, war das Ganze nicht. Andererseits war er morgens in aller Sicherheit in seinem Bett aufgewacht; also alles in Ordnung. Er hatte zwar Kopfschmerzen verspĂŒrt und einen furchtbar trockenen Mund; doch mit einem Liter Wasser, zwei KĂ€nnchen Kaffee und einer Paracetamol hatte er sich auf die Beine gebracht und ansonsten einen normalen Arbeitstag erlebt.
„Laura, ich ruhe mich einen Abend aus, geht das ok?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er den Umschlag:

Herzlichen GlĂŒckwunsch! Den ersten Teil hast du erfolgreich absolviert. Den Inhalt der Tasche brauchst du fĂŒr deine nĂ€chste Aufgabe. Bei dieser musst du allerdings den Gangstern unbedingt zuvorkommen. Viel Zeit bleibt dir nicht; geh' am besten zeitig schlafen!

Als Robert aufsah, war Laura bereits verschwunden.

Der Aufstieg

Als Robert im Traum zu sich kam, befand er sich aufs Neue im Auto mit der Tasche aus der schwarzen Kiste auf dem Schoß. Der ersten körperlichen Verstimmung trotzend, versuchte er seine Gedanken zu sammeln. Sich gegen die Unterwelt behaupten zu mĂŒssen, war in spielerischer Hinsicht durchaus aufregend. Im richtigen Leben wĂ€re die Aussicht auf Erfolg sicher gering, und selbst angesichts des Spiels fand er Lauras Bemerkungen etwas beunruhigend. Andererseits gefiel ihm die RealitĂ€t des ersten Abenteuers: keine simulierten Raum-Schlachten in einer fernen Galaxis, kein wunderbares Schwert, mit welchem er fremde Ritterheere dezimierte, und auch kein sinnlos ermĂŒdendes Sammeln irgendwelcher vor ihm aufspringenden pĂłkemons.
„Kennen Sie das Spiel?“ drang es plötzlich aus ihm heraus. Zu seiner Überraschung antwortete der bis dahin stumme Fahrer umgehend, wenn auch mit einer merkwĂŒrdig piepsigen Stimme. „NatĂŒrlich. Wir kennen alle das Spiel. Alles Ideen von der ersten Generation, Atari, Nintendo und Ă€hnliches, lebensnah umgesetzt. Alles machbar. Aber du solltest schneller werden. Wer so langsam ist wie du beim ersten Teil, kommt normalerweise nicht sehr weit.“ Hierauf hĂŒllte er sich erneut in Schweigen, als hĂ€tte er soeben irgendetwas Belangloses von sich gegeben.

Mit einem gemischten GefĂŒhl von Neugierde und Unsicherheit öffnete Robert die Tasche. Sie enthielt eine Taschenlampe und zwei Sicherheitsgurte, mit welchen er unschlĂŒssig herumhantierte. „Crazy Climber“ unterbrach der Fahrer die Stille.
Robert zuckte zusammen: „Wie? Ich soll jetzt irgendwelche Fassaden hochklettern? Das ist total verrĂŒckt!“
„Keine Panik, so schlimm ist das nicht“ antwortete der Fahrer und ĂŒberreichte ihm einen neuen Umschlag. „Deine nĂ€chste Aufgabe.“

Wir haben fĂŒr dich ein Treffen mit einem unserer HintermĂ€nner im Hotel arrangiert. Dummerweise suchen ihn auch die Gangster und laufen das ganze Hotel ab. Also Vorsicht! Du darfst nicht gesehen werden. Lass dir etwas einfallen. Beim Besuch bitte nicht dein Deo vergessen!
Ach so: Zimmer 315, das letzte im Gang.


Das Hotel “Am Wald” lag sehr abgelegen und mehr oder weniger in Dunkelheit gehĂŒllt. Gut, dass die ohnehin wenigen GĂ€ste bereits schlafen, dachte sich Robert; so wĂŒrde er leichter unentdeckt bleiben. Es war in Anbetracht der Gurte nicht schwer zu erraten, auf welche Weise er ins Zimmer gelangen sollte. Robert schlich sich ums Hotel und studierte die Fassade. Da der Eingang aus seiner Sicht links lag, mussten die Zimmer 15 auf jeder Etage rechts liegen. Offenbar gab es nur eine Möglichkeit, den Balkon zu ersteigen: von Parterre, ĂŒber den ersten Stock senkrecht hoch in den dritten. Mit einem krĂ€ftigen Sprung könnte er sich am Gesims der Fassade fĂŒr Momente Halt verschaffen, dann mit den FĂŒĂŸen nach oben hieven, um dadurch mit einer Hand an das Gitter des Balkons zu gelangen. Der Rest war Kraftsache.

Robert strampelte eine gute Minute lang und gab entkrĂ€ftet auf; fĂŒr diesen Sport war er einfach nicht trainiert. Missmutig lief er von einer Ecke zur anderen, bis er den MĂŒllcontainer und die an ihn gelehnte Leiter erspĂ€hte, nicht weiter als eine Fensterreihe seitlich von der 315. Er schlug sich an die Stirn; natĂŒrlich hatten sie ihm nicht aus Zufall gleich zwei Gurte gegeben!
Mit wenig MĂŒhe erstieg er den MĂŒllcontainer und sicherte mit einem der Gurte die Leiter. Er setzte einen Fuß auf das Gesims in Höhe seiner Knie, machte eine halbe Drehung und klammerte sich an das GelĂ€nder der ersten Etage. Mit dem zweiten Fuß schob Robert seinen Körper um eine EllenlĂ€nge nach oben und kletterte auf den Balkon. Die Leiter zog er nach.
Er verschnaufte einen Moment, unter anderem um sich zu vergewissern, dass er keinen LĂ€rm verursacht und damit einen Gast aufgeschreckt hatte. Der Weg nach oben in den dritten Stock erwies sich jetzt als relativ einfach. Auf dem Rande des Balkons stehend, konnte Robert das Gitter des darĂŒber liegenden erfassen und sich mit dem zweiten Gurt fĂŒr alle FĂ€lle absichern, wobei das Gesims auf halber Höhe der Etagen dem weniger hart trainierten Spieler zu Gute kam. Die grĂ¶ĂŸte Schwierigkeit bestand eher darin, sich bei jeder Bewegung zu konzentrieren und nicht daneben zu greifen, da er vor allem kleinere GegenstĂ€nde in einem gewissen Abstand leicht verschwommen sah. Daran mussten die Erfinder der Traumtechnologie in Zukunft wohl noch feilen.
Auf dem Balkon der 314 holte Robert tief Luft. Jetzt kam der akrobatische Teil. Die Leiter maß knappe zwei Meter, genug um sie ĂŒber die BrĂŒstung zweier benachbarter Balkons zu platzieren. ZunĂ€chst kniete er sich auf sie und kroch langsam voran, etwa 25 Zentimeter. Unerwartet verweigerte ihm sein Körper mit zitternden Knien den weiteren Vormarsch. Robert tastete sich langsam zurĂŒck. Ihm war zum Heulen. Warum gab ihm das Spiel im Traum nicht die FĂ€higkeiten irgendeines Superhelden der Marvel? Als Lego-Batman zum Beispiel könnte er sich nach einem Sturz in die Tiefe kurzerhand wieder zusammensetzten und weiterklettern!
Er dachte an seinen Helden Solid Snake, der Mann der selbst das Unmögliche möglich machte: We can tell other people about - having faith! zitierte er ihn gern in den Foren. Robert erhob sich und atmete mehrmals mit geschlossenen Augen ein und aus. Darauf schob er sich bis zum Bauchnabel auf die Leiterschiene, hielt noch einmal inne, zÀhlte dreimal bis zehn und schob sich weiter: Zentimeter um Zentimeter. Als er in voller LÀnge auf der Leiter lag, bemerkte er, dass bei ausgestreckter Hand genaugenommen nur ein halber Meter fehlte. Im selben Augenblick begriff er, dass er den seitlichen Umstieg schon in der ersten Etage hÀtte machen können. Robert verfluchte sich. Dessen ungeachtet hielt er tapfer durch und kÀmpfte sich kriechend vorwÀrts, bis er sich nach zwanzig Minuten endlich auf den Balkon des Zimmers 315 gleiten lassen konnte.
Die BalkontĂŒr stand offen; trotzdem ließ sich von draußen im völlig dunklen Zimmer so gut wie nichts erkennen. Robert stieg vorsichtig hinein. Im Innern herrschte Chaos: umgeworfene StĂŒhle, herumliegende Schubladen, Dokumente und Kleidung, alle erdenklichen GegenstĂ€nde lagen auf dem Boden verstreut. Als ihm der offene Tresor im Schrank ins Auge fiel (der war natĂŒrlich leer), durchzuckte es ihn: Beim Besuch bitte nicht dein Deo vergessen! Er lachte kurz auf: was fĂŒr ein Hinweis!
In zwei SĂ€tzen war er an der BadezimmertĂŒr, bediente umsonst den Lichtschalter und trat ein. Als das Licht der Taschenlampe auf die Badewanne traf, wĂ€re er vor Entsetzen beinah zu Boden gesunken. In jener lag eine MĂ€nnerleiche mit einer von mehreren EinschĂŒssen mit Blut verklebten Brust. Robert erkannte sofort, um wen es sich handelte: in der Wanne lag sein Chef persönlich, Torsten Wagner!
Ihm dĂ€mmerte, was Laura wirklich meinte, als sie auf die 'Elemente aus der bekannten Umgebung' anspielte. An schwarzem Humor fehlte es den Erfindern des Spiels jedenfalls nicht. Oder ihm selbst, heimliche WĂŒnsche tief in den Windungen seines auf RealitĂ€ts- und Scharfsinn getrimmten Denkorgans.
Ohne Zögern griff er nach dem Deo auf der Ablage und verließ eilig das Zimmer, ohne weitere Zweifel zu hegen, dass die Gangster lĂ€ngst das Weite gesucht hatten. So schlich sich Robert ĂŒber die Treppen des Notausgangs ins Erdgeschoss und kam unbemerkt von der Dame an der Rezeption ins Freie.

“Und?” piepste Momente spĂ€ter der Fahrer. “Hast du was du holen solltest?”
Robert reichte ihm sein BeutestĂŒck. Der Fahrer beĂ€ugte es kurz und rief: “Mal sehen, wie es riecht” und sprĂŒhte mit dem Deo hinter sich in die Kabine. Robert schloss die Augen und zog den zweifelsohne angenehmen Duft tief in die Nase. UnwillkĂŒrlich dachte er an den Engel der letzten Nacht, bis ihn traumloser Schlaf ĂŒbermannte.

***

Laura war auch an diesem Abend pĂŒnktlich. Robert schilderte ihr mit nicht zu leugnender Begeisterung sein Erlebnis, ohne die weniger notwendigen Details des Aufstiegs anzuschneiden. Er berichtete ebenfalls, wie er mit einer Mischung aus Erleichterung und EnttĂ€uschung an seinem Arbeitsplatz feststellen musste, dass Torsten Wagner noch quicklebendig war und ihm wie immer scheinheilig einen schönen Tag wĂŒnschte, bevor er Robert denselben mit einer Überlast von AuftrĂ€gen versauerte.
“Ich habe doch erklĂ€rt, dass die Traumbildung auf die realen, gespeicherten Erfahrungen zugreift. Das ist zum einen rein technisch gesehen unumgĂ€nglich, zum anderen wird das Spiel gerade dadurch zu einem echt persönlichen Erlebnis.”
Robert nickte mit einiger Verzögerung; Laura fuhr fort: “Im dritten und letzten Teil wirst du nochmals einige deiner Ängste besiegen mĂŒssen. Wenn du wie bis jetzt tapfer bleibst, winkt dir am Ende der versprochene Gewinn und die Einladung zur Launch Conference!”

Kampf

Der Traum stellte sich dieses Mal nicht im Taxi ein. Stattdessen fand sich Robert mit dem RĂŒcken an eine feuchte Wand gelehnt in vollkommener Finsternis. Der SchĂ€del brummte ihm dieses Mal etwas stĂ€rker. Er ĂŒberzeugte sich, dass dies unter anderem an der fehlenden Orientierung lag; obwohl er nichts sehen konnte, schien sich die schwarze Leere wie ein Karussell um ihn zu drehen.
Angespannt blieb er eine Weile lang regungslos liegen und horchte, hörte jedoch nicht mehr als seinen eigenen Atem. AllmÀhlich bekam er seinen Körper unter Kontrolle und versuchte, sich langsam zu erheben, ohne dabei verdÀchtige GerÀusche von sich zu geben.
Plötzlich rollte ein Gegenstand von seinem Schoß und fiel klappernd auf den Boden. Robert tastete nach ihm: das Deo! Was sollte er bloß damit? grĂŒbelte er. In seiner Ratlosigkeit hielt er das Spray von sich und drĂŒckte auf den SprĂŒhknopf. Robert war sprachlos: die zerstĂ€ubte FlĂŒssigkeit strahlte in der Nacht fĂŒr einen kurzen Augenblick wie ein Regenbogen, bis sich die fluoreszierende Wolke wieder auflöste.
Mittlerweile sicher auf beiden Beinen stehend, verharrte Robert und lauschte. Immer noch nichts. Er blieb still und horchte weiter; so verstrichen mehrere Minuten in absoluter Stille. Halt! Robert hörte einen zweiten Atem. Er hielt seinen eigenen an und spitzte angestrengt die Ohren. Es war eindeutig: ein irgendetwas oder jemand kam auf ihn zu. Robert wurde nervös und sprang mehrmals mit dem Körper in verschiedene Richtungen, ohne bestimmen zu können, aus welcher sich der Atem nĂ€herte. Da erschien blitzartig aus dem finsteren Nichts etwa zwei Meter vor ihm ein grĂ€ssliches Gesicht mit blutunterlaufenden Augen und fauchte ihn wie ein wildes Tier an. Instinktiv hob Robert die Hand mit dem Deo und drĂŒckte ab; ein Zischen, ein kurzes Leuchten und mit einem Schrei versank die Fratze in der Dunkelheit.
Robert zischte: Zombies! Auf den zweiten brauchte er nicht lange zu warten. Dieser tauchte mit einem Stöhnen und Grollen sofort hinter ihm auf. Robert wendete sich mit einem Ruck, sprĂŒhte ohne genau zu zielen; der Zombie verschwand. Darauf kam der dritte, der vierte ... immer schneller warfen sie sich auf ihn, glĂŒcklicherweise stets einzeln, so dass Robert mit blitzartigen Reflexen Herr der Lage blieb. Irgendwann sah er den leuchtenden Pfeil, der wohl einen Fluchtweg andeutete. Robert eilte auf ihn zu und danach in die angegebene Richtung. Bald erspĂ€hte er den nĂ€chsten, den dritten usw. Die Zombies versperrten ihm in immer kĂŒrzeren AbstĂ€nden den Weg. Unerschrocken kĂ€mpfte sich Robert durch und erledigte sie alle, mit seiner Wunderwaffe wild um sich sprĂŒhend.
Nach dem zehnten oder elften Pfeil erblickte er einen halboffenen und Rettung verheißenden Lichtspalt. Gerade als er losrennen wollte, packte ihn eine Hand von hinten an das linke Fußgelenk. Robert schlug mit der Dose auf die Hand, um sich zu befreien, da packte eine zweite Hand auch diese. Verzweifelt stieß Robert mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen seinen Gegner von sich, verlor dabei aber sein wertvolles KriegsgerĂ€t. Ohne sich umzudrehen, hetzte er los; zwei furchterregend brĂŒllende Zombies blieben ihm auf den Fersen. Mit letzter Kraft erreichte Robert die TĂŒr, wand sich hindurch und warf sie hinter sich zu. Erschöpft blieb er an sie gelehnt stehen und hörte erleichtert, wie sich die Zombies auf der anderen Seite entfernten.

The winner takes it all!

Der Raum war nur notdĂŒrftig beleuchtet. Eine alte GlĂŒhlampe unter der Decke warf ihr jĂ€mmerliches Licht auf das einzige Mobiliar im Raum: ein alter, gepolsterter Drehsessel vor einem Schreibtisch, auf dem ein Handy lag. Robert trat nĂ€her und erkannte das Produkt, der letzte Schrei auf dem Markt: Samsung Galaxy UltraS20, das ideale Spielzeug fĂŒr jemanden, der auch unterwegs nicht auf sein Video Game verzichten will.
Auf dem Bildschirm stand in großen Buchstaben: 3. Spielniveau – Alles oder Nichts! Robert zögerte nicht lange und drĂŒckte Weiter. Auf der nĂ€chsten Seite erschienen in einer Reihe sieben strahlende SchlĂŒssel, jeder vor einem Ikon, der einen Tresor darstellte, und darunter eine Anleitung:

Du hast dich erfolgreich in den Tresorraum der Bank vorgearbeitet. In jedem von ihnen befindet sich eine bestimmte Summe Geld, welches die Gangster dort deponiert haben. NatĂŒrlich musst du jeden Tresor zuerst knacken, d.h. in einer dir vorgegebenen Zeit das jeweilige RĂ€tsel lösen, fĂŒr welches du dich an Einzelheiten aus den bereits bewĂ€ltigten Aufgaben im Spiel erinnern musst.
Aber aufgepasst: Du kannst nur gewinnen, wenn du mindestens 1 Million Euro zusammenbekommst! Mancher Tresor wird sich hierbei als Niete erweisen, andere sind reichlich gefĂŒllt. - Du hast es fast geschafft. Jetzt geht es um Alles oder Nichts!


Nach dem nĂ€chsten Weiter erschien Super Mario als BankrĂ€uber, schlich mehrere Male ĂŒber den Schirm und blieb vor dem ersten SchlĂŒssel FĂŒĂŸe tapsend und in nachdenklicher Pose stehen. Robert schmunzelte: bei allem hatten die Erfinder Sinn fĂŒr Humor. Super Mario spielte er jahrelang und an seinen bank robbery konnte er sich noch gut erinnern.
Bei einer Art Wort- und ZahlenrĂ€tsel stand etwa die HĂ€lfte der Felder leer. Ein digitaler ZeitzĂ€hler am Rande wies darauf hin, dass 10 Minuten nicht unbedingt viel Zeit war; das rasante Durchrauschen der Zehntelsekunden war in der Tat beunruhigend. Robert fĂŒllte einige der Stellen, um auf sinnvolle Begriffe und wenigstens eine Sequenz zu kommen:
es-scharten-99-tiger-sik-1_
Nach fĂŒnf Minuten GrĂŒbelei klickte es: ein Anagramm, relativ leicht sogar:
99 Kisten - Richtergasse 1_
NatĂŒrlich! Die Adresse der geheimnisvollen schwarzen Kiste im ersten Traum. Die fehlenden Stellen waren kein Problem mehr; es handelte sich um die Nummer 19 und die Postleitzahl, welche, wie er sich gut erinnerte, der seinen genau entsprach, eben nur umgedreht.
Nach Eingabe der letzten Ziffer hĂŒpfte Super Mario vor Freude in die Höhe; der Tresor öffnete sich und zeigte die Summe des dort gelagerten Geldes an. Mit einiger EnttĂ€uschung nahm Robert die zwanzigtausend Euro zur Kenntnis.
Der zweite SchlĂŒssel erwies sich als mittelschweres Sudoku, welches Robert sicher bewĂ€ltigte. Der Tresor entpuppte sich ebenfalls als Niete: schlappe vierzigtausend Euro. Beim dritten erschien eine Reihe chinesischer Symbole, bei welchen unter einem „ant-“ stand. Robert musterte zuerst mit Verwunderung und dann mit wachsender Beunruhigung das RĂ€tsel und versuchte sich mit allen erdenklichen Silben. Als die Zeit am Ende verstrichen war, rannte Super Mario von einer Ecke des Bildschirms zur anderen und stampfte wĂŒtend mit den Stiefeln:
Du Trottel! Die Triaden hÀtten dir mindestens drei Viertel der benötigten Summe eingebracht. Bist du nie beim Chinesen zum Abendbrot?
Robert war empört. Hatte das mit einem der TrÀume zu tun? Und vom Chinesen brachte ihm der Zustellservice immer dasselbe Gericht: Chao Min!
Egal. Super Mario wartete bereits am vierten Tresor, dieses Mal war es ein leichtes 'um-die-Ecke-gedacht' RĂ€tsel, das schon wieder nur eine bescheidene Summe einbrachte. Beim fĂŒnften und sechsten hatte Robert etwas mehr GlĂŒck und kam zusammen auf knapp dreihunderttausend Euro. Das reichte zwar, um ein Leben lang jede Woche das neueste Spiel zu kaufen, DIESES Spiel hingegen konnte er damit nicht gewinnen.
Alles hing vom letzten Tresor ab. Sein seelischer Zustand schien Super Mario nicht zu entgehen: Konzentriere dich endlich! Du hast noch eine letzte Chance. Passt das Wort in deine Erinnerungskiste?
Neun Leerzeichen standen vor ihm. Robert war verblĂŒfft. Dieses machte noch weniger Sinn als das chinesische Restaurant. Die Frage roch ein weiteres Mal nach 'um-die-Ecke-denken'. Erinnerungskiste? - Sein eigener Hirnspeicher vielleicht? Er gab eines seiner privaten Passwörter ein. Super Mario tapste eine gute Minute ungeduldig mit dem linken Fuß und zeigte sich schließlich verĂ€rgert: Damit gehst du wohl auf deine private mail, oder was?
Robert starrte mit offenem Mund auf Super Mario. Konnte das Spiel tatsĂ€chlich auf seine persönlichen Schubladen im GedĂ€chtnis zugreifen? Er dachte sich willkĂŒrlich einen anderen Code aus. Es dauerte noch einmal eine kurze Weile, bis Super Mario mit einer recht bösen Miene 'schrie': Nein, dieses finde ich nirgendwo. Scheint die Bank genauso wenig zu kennen.
Noch ein weiteres; dieselbe Antwort. Robert schwitzte nervös, die Zeit verstrich und es blieben ihm keine drei Minuten. Auf einmal fuhr er zusammen: “Aufmachen, Polizei!” brĂŒllte jemand hinter der TĂŒr und ratterte mit der Klinke.
Was nun? Die Bank? Na gut, warum nicht: Robert versuchte es mit dem Passwort der Firma: Bingo! Super Mario tanzte auf dem Bildschirm wie ein Schamane. Bei der Summe im Tresor hĂ€tte er genauso gut in Ohnmacht fallen können: fast zwei Millionen! Insgesamt kam er auf 2.214.355,56 Euro!; weit ĂŒber dem Mindestbetrag, um das Spiel zu gewinnen.
Der LĂ€rm an der TĂŒr wurde lauter; die vermeintlichen Polizisten wollten offensichtlich mit Fußtritten und irgendwelchen GegenstĂ€nden die TĂŒr einschlagen. Robert blickte beklommen auf Super Mario: Du musst die Summe ĂŒberweisen, sonst geht alles in die Tresore zurĂŒck!
Ach so! NatĂŒrlich. Er ging auf Überweisen, auf der folgenden Seite wartete sein Held neben einer leeren Textbox: Die Nummer der SMS eingeben. Im nĂ€chsten Augenblick ging diese mit einem Klingelton auf dem Handy ein: Deutsche Bank, eine IBAN, die eingesammelte Summe, Code: 3451122. Robert beeilte sich, ihm blieben wenige Sekunden, wĂ€hrend der Krach hinter ihm andeutete, dass die TĂŒr bald nachgeben wĂŒrde.
3451122 – BestĂ€tigung. Das Licht im Raum fing an zu flackern, wĂ€hrend Super Mario auf dem Bildschirm mit einem Feuerwerk im Hintergrund wie ein Affe herumsprang: DU HAST GEWONNEN! - KOMM MIT UNS NACH KUALA LUMPUR!

“Herzlichen GlĂŒckwunsch, Robert!” hauchte die weiche Stimme einer Frau. Robert fuhr herum. Vor ihm stand Lara Croft in einem aufregend zarten Geflecht aus ledernen Gurten mit zwei GlĂ€sern Sekt in den HĂ€nden. Oder war das nicht Kaileena aus Prince of Persia? Dann glaubte er, Tifa-Lockhart zu sehen, wobei 
 die Pistolen an den Beinen deuteten eher auf Varla Guns hin. Robert brachte kein Wort hervor.
“Lass uns auf deinen Erfolg anstoßen.” Die Heldin trat verfĂŒhrerisch nah an ihn heran, reichte ihm ein Glas und streichelte zĂ€rtlich seine Wange. ”Herzlichen GlĂŒckwunsch, Robert. Auf deinen Preis, auf die Feier in Kuala Lumpur und auf dein neues Leben als Mitarbeiter unserer Firma.” Sie sah ihm tief in die Augen, als sie das Glas an ihren Mund setzte. Robert tat es ihr nach und trank in einem Zug. Er wollte der Schönen noch etwas erwidern, da verschwamm das Bild.

Die KĂŒndigung

Am nĂ€chsten Morgen schlief sich Robert richtig aus. Ihm war es egal, wie spĂ€t er im BĂŒro erscheinen wĂŒrde, es war ohnehin sein letzter Tag in der Firma. Gelassen nahm er sein FrĂŒhstĂŒck ein, machte sich frisch, setzte sich an den PC und schrieb seinen KĂŒndigungsbrief, ganz nach Modellvorlage.
Gegen 11 Uhr traf er auf Arbeit ein. An diesem Morgen begrĂŒĂŸte er jeden seiner Kollegen besonders freundlich. Die meisten lĂ€chelten verlegen zurĂŒck; was ahnten sie schon von Roberts GlĂŒck und beruflicher Wende! Er setzte sich an seinen Arbeitsplatz, loggte sich ein und 
 wartete vergebens. Username oder Passwort ungĂŒltig. Gerade als er es ein zweites Mal versuchen wollte, klingelte sein Telefon. “Herr Schreiner, Sie möchten sich bitte bei Herr Wagner im Arbeitszimmer melden.”

Im BĂŒro seines Chefs warteten drei weitere MĂ€nner auf ihn; zwei junge Polizisten und ein Herr im mittleren Alter mit einem langen, schwarzen Ledermantel, feistem Gesicht und Geiernase.
“Ich bin Kommissar Trabendorf” stellte er sich vor. “Herr Schreiner, ich möchte Sie gern fragen, wo Sie sich die letzte Nacht zwischen vier und fĂŒnf Uhr morgens aufgehalten haben.”
Robert schluckte. “Zu Hause natĂŒrlich, im Bett” gab er zögernd zur Antwort.
“Gut!” meinte der Kommissar und schaute mit nickender Geste in die Runde. “Etwas anderes haben wir ja auch nicht erwartet. Ihr Arsenal von Computern in Ihrer Wohnung wird gerade beschlagnahmt, noch ein paar Stunden und die ganze Sache ist aufgeklĂ€rt.”
Robert begriff ĂŒberhaupt nichts. Wovon redete dieser Mann? Sein hilfloser Blick war ausreichend, um Kommissar Trabendorf fortfĂŒhren zu lassen.
“Ich frage mich ernsthaft, wieviel Informatikkenntnisse Sie besitzen. Es mĂŒsste Ihnen doch einleuchten, dass man heutzutage schnell ermitteln kann, von welcher Internetadresse und Ort ein ganz normaler Zugriff auf ein Bankkonto ausging. Das hat in diesem Fall weniger als eine Stunde gedauert: IHR Passwort aufs Firmenkonto, IHRE Netzadresse, TAN-BestĂ€tigung mit IHREM Betriebshandy. Offensichtlicher ging es nicht! Dann das Flugticket nach Kuala Lumpur, wo Sie dieses Jahr gar keinen Urlaub mehr haben.” Er schĂŒttelte vorwurfsvoll den Kopf. “Bleibt die Frage, wie Sie sich das Überweisungskonto der Bank auf den Bahamas zugelegt haben. Das existierte bereits ein Stunde spĂ€ter nicht mehr, auch das wissen wir. Wieviel Bitcoins sind eigentlich bei der Aktion herausgesprungen?”
Robert brach in Schweiß aus und stammelte: “Es war doch nur ein Spiel ...” Niemand schenkte ihm weiter Beachtung. Wenige Minuten spĂ€ter saß Robert von neuem auf dem Hintersitz; im Auto der Polizei.

“So ein Vollidiot! Ganz ehrlich war ich mir nicht zu jedem Zeitpunkt sicher, ob die Sache gut ausgehen wĂŒrde” meinte der Kommissar und witzelte mit verstellter Pieps-Stimme: “Aber du solltest schneller werden.“ Er klatschte sich vor Lachen auf die Schenkel.
„Sicher, ein Vollidiot“ bestĂ€tigte Torsten. „Ohne die halluzinogenische Wirkung der Tabletten hĂ€tten wir ihn allerdings nicht reingelegt. Als Anke das Zeug von einer ihrer Studienreisen in den Amazonas mitbrachte, hat sie es zweimal an sich selbst ausprobiert, um die richtige Dosis zu finden, wĂ€hrend ich ihr hoch und heilig versprechen musste, die Finger davon zu lassen. Wie wir dir am Anfang schon erklĂ€rt haben, von anderen Nebenerscheinungen abgesehen, sind die Störungen des Raum- und ZeitgefĂŒhls und der Wahrnehmung schlechthin besonders ausgeprĂ€gt. Der glaubte so sehr an das Spiel, der KONNTE Traum und Wirklichkeit nicht mehr voneinander unterscheiden.“
„Und kein richtiges Hotel von einem alten BĂŒrogebĂ€ude im stillgelegten IndustriegelĂ€nde.“ Kommissar Trabendorf wurde nachdenklich. „Genaugenommen ist das Zeug viel mehr wert als die zwei Millionen. Wenn das in die falschen HĂ€nde gerĂ€t! BeĂ€ngstigend.“
„Wird es nicht. Gerade weil die Substanz niemand kennt, sind wir sicher.“
„Und in der Wohnung? Habt ihr alle Spuren verwischt?“
“Alles. Die geheimen Videokameras, den nachgemachten SchlĂŒssel, unsere eigene Tastatur, die wir benutzt haben. Nichts mehr in der Wohnung. Und das nĂ€chtliche Rein und Raus hat kein Nachbar mitbekommen. Wir waren in dieser Hinsicht sehr vorsichtig.”
Kommissar Trabendorf war beruhigt. Schließlich wĂŒrde er selbst die Ermittlungen leiten und niemand im Gerichtsaal an die Geschichte mit dem Spiel glauben. “Wir sind ausgemachte Schweinehunde. Das wisst ihr hoffentlich.”
Torsten schmunzelte: “Keine Sorge. Robert wird es im Knast an nichts fehlen. Ich lasse ihm jeden Monat ein neues Spiel zukommen. Mehr braucht der nicht fĂŒr sein GlĂŒck.”

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