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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das Tal an der Grenze
Eingestellt am 10. 12. 2016 11:56


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Freakingcat
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Keinen Tag lĂ€nger wollte sie in dem engen Tal an der Grenze verbringen, einem Tal, welches ihr die Sicht auf die Welt nahm, ein Tal welches sie vor den Blicken der Welt verbarg und was noch viel schlimmer war: ein Tal in dem die Sonne niemals schien und deswegen ihr im Aufkeimen befindliches Wesen dazu verdammt war, ein Dasein wie ein Alpensalamander, einer Schlange oder gar einer Schleiche zu fĂŒhren, unscheinbar, unbeachtet und ekelerregend unter Steinen oder Totholz vegetierend. Das Dorf in dem sie aufwuchs, lag in einer Vertiefung am Fuße hoher Dolomitfelsen und war somit stĂ€ndig der Gefahr ausgesetzt, durch einen Bergrutsch oder Felssturz zurĂŒck in die Erdkruste gestampft zu werden, fĂŒr meine Mutter ein Akt von Gottes Gnaden, welchen sie einem lebenslangen Dahinsiechen und harter Arbeit im vollgeschissenen Schweinestall eines im Nichts verlorenen Bergbauernhofs vorgezogen hĂ€tte.

Sie mußte fliehen, einen Ort finden, welcher nicht wegen seiner völligen Bedeutungslosigkeit, selbst von Gott vergessen worden war, einem Ort, der, — und darin erkannte sie wahre Ursache fĂŒr das unertrĂ€gliche Dilemma ihres Daseins, — nicht wie dieses miserable Kuhdorf, im Ă€ußersten SĂŒden des sĂŒdlichsten österreichischen Bundeslandes und sich damit, in ihren Augen, am Ă€ußersten Rand der zivilisierten Welt, befand. Sie wußte, dass, um sich aus der Unbedeutendheit der StĂ€tte ihrer Geburt zu befreien, sie sich von der Grenze weg bewegen mußte, weg von einer an den Rand gedrĂ€ngten und verdammten Existenz, hin zur Mitte, — zum Mittelpunkt der Welt, zum Zentrum, dem HerzstĂŒck und der Seele des Lebensraumes des zivilisierten Menschen und somit Ursprung des bekannten Universums, an dem alle Wege zusammenfĂŒhrten. Dort wĂŒrde sie ein Leben fĂŒhren, welches ihrer wĂŒrdig war.

Absolut undenkbar war es fĂŒr meine Mutter, dass der Nabel der westlichen Zivilisation inmitten unzugĂ€nglicher, primitiver und roher Natur gelegen wĂ€re, eingesĂ€umt von Bergen, die einen natĂŒrlichen Wall bildeten, um das Land vor barbarischen Horden und allem Fremden zu schĂŒtzen. Hinter diesen Bergen liegt Italien und obwohl in der kurzen Zeit, in der meine Mutter eine Schule besuchte, ihr der Dorfschullehrer verzweifelt versuchte einzublĂ€uen, dass die Wiege der europĂ€ischen Kultur im antiken Griechenland zu suchen sei und sich danach ins Römische Reich verlagert hatte, ließ meine Mutter sich nicht von ihrer Überzeugung abbringen, dass Römer, weil sie Latein, und Griechen, weil sie griechisch und Italiener italienisch sprachen, und weil das alles Sprachen waren, die sie nicht verstand, alles Fremdsprachige kategorisch abzulehnen war. Diese Kulturen fanden keinen Platz in ihrem Weltbild. „Im Zentrum der Welt wird deutsch gesprochen!“, postulierte sie und damit war die Angelegenheit fĂŒr sie beendet und die Grenzen der westlichen Zivilisation abgesteckt.

In den langen Stunden ihrer Einsamkeit, wenn ihr aufgetragen wurde, die einzige Kuh der Familie auf die Weide unter dem Hochwald zu treiben, besann sie sich ihres jungen Lebens, welches fĂŒr sie trostlos und sinnentleert war. Vor ein paar Tagen war sie achtzehn geworden, doch niemand ausser ihre Mutter fand sich um ihr zu gratulieren. Ihre Ă€lteren Geschwister hatten schon alle das elterliche Haus verlassen und sich in Deutschland oder der Schweiz mit begĂŒterten MĂ€nnern verheiratet, nur sie und Daphne, ihre jĂŒngste Schwester, mussten noch in dem kleinen Kuhdorf ausharren. "Was, wenn kein Mann nach M. kommt und mich mit sich fortnimmt?“. Dicke TrĂ€nen von Selbstmitleid und Verzweiflung rannen ĂŒber ihr Gesicht. „Eher hĂ€nge ich mich im Stall mit dem Kalbsstrick auf, als mein Leben als BĂ€uerin auf einem verdreckten Bauernhof zu beschließen.“, schwor sie sich. „Ja, ich werde es tun, an meinem neunzehnten Geburtstag, werde ich meinem Leben ein Ende setzen!“

Sie fiel auf die Knie, faltete ihre HĂ€nde und hob sie gen Himmel. "GegrĂŒĂŸet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte fĂŒr uns SĂŒnder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen“. Sie war so verzweifelt ĂŒber ihren Entschluss in einem Jahr aus dieser Welt, die fĂŒr sie nicht lebenswert war, zu scheiden, gebeugt vom Schmerz an den Gedanken daran und taub vor Selbstmitleid, wohl wissend, dass ihr Tod in den Augen der Menschen, deren Wege sie in ihrem kurzen Dasein gekreuzt hatte, genauso unwichtig war, wie ihr Leben, dass sie nicht bemerkte, was um sie vor sich ging. Ein Licht, glĂ€nzender und weißer als Schnee schwebte von Norden her ĂŒber den Wald hin und hatte „die Gestalt eines durchsichtigen JĂŒnglings, leuchtender wie ein von Sonnenstrahlen durchdrungener Kristall“. Mit einem Male wurde sie dieses himmlischen Lichts gewahr, welches sie trotz seiner Helligkeit nicht blendete, sondern ihr gemartertes Herz mit einem WohlgefĂŒhl und mit Liebe erfĂŒllte, etwas das sie noch niemals zuvor gefĂŒhlt hatte.

„Verzweifle nicht, mein Kind“, begann die Lichtgestalt zu sprechen, „denn ich habe deine Wehklagen gehört. Noch hast du deinen Platz in dieser Welt nicht gefunden. Vertraue mir und folge meinen Zeichen und ich werde dich fĂŒhren.“ Dann begann die heilige Mutter Gottes, denn es konnte keinen Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit ihrer Existenz geben — obwohl Zweifler das helle Licht, dem Schein der Sonne und die Worte, die meine Mutter in ihrem Kopf hörte, einer TĂ€uschung ihrer Sinne, zuordneten — ihr drei Prophezeiungen zu offenbaren, die ihr Leben vollkommen verĂ€ndern wĂŒrden.

Nachdem sie die Worte der unbefleckten Jungfrau Maria empfangen hatte und ihr zum Lob ein „Ave Maria“ und ein „Vaterunser“ angestimmt hatte, verschwand die Lichtgestalt so plötzlich, wie sie erschienen war und wurde wieder zu der nachmittĂ€glichen Sonne, die an diesem schönen Juli Tag mit fast schon hochsommerlicher Hitze schien. Meine Mutter fĂŒhlte die Erschöpfung, die fĂŒr sie ohne Zweifel göttlichen Ursprungs sein musste und weder ein Sonnenstich noch ein Hitzschlag sein konnte. Sie stand sie auf, nahm die Rute und trieb die Kuh, so schnell diese bereit war zu gehen, von der Weide, um ihrer Mutter, welche sie im Stall antraf, von dem Wunder der Offenbarung zu erzĂ€hlen.

Ihre Mutter, meine zukĂŒnftige Großmutter, war eine gottesfĂŒrchtige Frau, die allabendlich, manchmal fĂŒr Stunden, in der kleinen KĂŒche vor ihrem Hausalter niederkniete und den Rosenkranz betete. In ihren Gebeten, die sie an Jesus Christus, unseren Heiland und Erlöser richtete, klagte sie ĂŒber die Schwere ihres Loses und ĂŒber die tĂ€glichen Schmerzen, welche ihr Ehemann, ein gewalttĂ€tiger Alkoholiker, ihr zufĂŒgte, wenn er betrunken heimkam und sie grundlos schlug und auch nicht vor ihren Kindern, welche sie so gut sie konnte, versuchte zu beschĂŒtzen, innehielt. Sie flehte zu Gott, er möge ihr den Grund zu verstehen geben, warum sie, gerade sie, so hart geprĂŒft wurde, doch selbst der Priester, dessen Predigten sie jeden Sonntag aufs innigste lauschte, wußte keine Antwort.

Vielleicht wurde jetzt, durch M., ihre zweitjĂŒngste Tochter, welche sich zwar weder durch eine ĂŒbermĂ€ĂŸige Intelligenz, noch durch Fleiss oder sonst eine Charaktereigenschaft, von ihren anderen Kindern hervorhob, ihr Klagen erhört und Gott sandte ihr durch ihr Kind ein Zeichen. Sie nahm die vor Aufregung zitternden HĂ€nde ihrer Tochter in die ihren und sprach: „Meine geliebte Tochter, wie froh bin ich, dass Gott meine Gebete erhört hat und dir die Heilige Jungfrau Maria schickte. Ich will ihre Worte hören, doch jetzt ist nicht die richtige Zeit dafĂŒr. Warte bis heute Abend, wenn Vater im Wirtshaus ist, dann sind wir zwei ungestört, um die Botschaft Gottes zu empfangen.“

Abends um acht fand sich meine Mutter in der KĂŒche, wo meine Großmutter, vor dem Hausaltar auf Knien auf sie wartete und sie aufforderte, mit ihr den Rosenkranz zu beten, einer Forderung welche meine Mutter, wenn auch widerwillig und voller Ungeduld, nachkam.

Als sie sich zum Abschluss des Gebetes dreimal bekreuzigten und meine Großmutter das Kreuz vom Altar nahm und von meiner Mutter verlangte die FĂŒsse des gekreuzigten Sohn Gottes zu kĂŒssen, war endlich die Zeit gekommen um die Prophezeiungen zu verkĂŒnden. Im Schein der Altarkerzen begann meine Mutter langsam zu sprechen, um jedem ihrer Worte Nachdruck zu verleihen.

"Unsere Liebe Frau zeigte mir die Welt, wie sie ist, flach wie eine Scheibe um die sich ringsherum eine hohe Eiswand in den Himmel erhebt. Diese Scheibe schwebt ĂŒber einem großen Feuermeer. Eingetaucht in dieses Feuer sah ich die Teufel und die Seelen, als seien es durchsichtige schwarze oder braune, glĂŒhende Kohlen in menschlicher Gestalt. Sie trieben im Feuer dahin, empor geworfen von den Flammen, die aus ihnen selber zusammen mit Rauchwolken hervorbrachen. Sie fielen nach allen Richtungen, wie Funken bei gewaltigen BrĂ€nden, ohne Schwere und Gleichgewicht, unter Schmerzensgeheul und Verzweiflungsschreien, die einen vor Entsetzen erbeben und erstarren ließen. Die Neugierde des Menschen ist der alleinige Grund fĂŒr den Fall aus dem Paradies und darin liegt die Schuld, die große Schuld derjenigen, welche den Glauben an Gott verlieren und somit Zweifel und Verwirrung die TĂŒr öffnen. Wen ein Mensch so töricht sei, und von Neugier oder Entdeckergeist getrieben, versuche den Rand der Welt zu erreichen, der wird in ein bodenloses Nichts fallen, in dem die Seelen derer, die an der AllmĂ€chtigkeit Gottes zu zweifeln wagen, fĂŒr alle Zeiten die schlimmsten Qualen ertragen mussten.“ Dies war die erste der drei Prophezeiungen, welche meine Großmutter in ihr kleines Katechismus BĂŒchlein schrieb, das sie aus der Tischlade unter ihrem Hausalter hervorgeholt hatte.

Nach einer andĂ€chtigen Pause, um den Eindruck der Worte der göttlichen VerkĂŒndigung, ins dramatische zu steigern, fuhr sie fort, die zweite Prophezeiung zu verkĂŒnden: "Nachdem ich die Hölle gesehen hatte, wohin die Seelen der armen SĂŒnder kommen, zeigte mir die unbefleckte Jungfrau den einzigen Weg, um sie zu retten. Sie will, dass die Menschen zum Lobe Gottes, eine Andacht an ihr unbeflecktes Herz grĂŒnden. Wenn sie tun, was sie sagt, wird materieller Wohlstand ĂŒber die Menschheit kommen und sie werden einander begegnen in Achtung zueinander und ihr Name wird Gott preisen. Wenn sie aber nicht aufhören, Gott zu beleidigen, Zweifel an der Wahrheit seines geheiligten Wortes hegen und Irrlehren ĂŒber die Welt verbreiten und so die gottgewollte Ordnung in Frage, stellen, dann wird der Heilige Vater viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden und große Armut wird ĂŒber die Welt kommen."

Geschockt vom Inhalt der zweiten Prophezeiung, bekreuzigte sich meine Großmutter, kĂŒsste das silberne Kreuz, welches sie an einer Kette um ihren Hals trug und blickte meine Mutter stumm, beinahe unglĂ€ubig an.

Meine Mutter erhob ihre Stimme von neuem: „Sorge dich nicht, liebes Kind, denn ich bin die Muttergottes, die zu dir spricht und dich bittet, meinem Zeichen zu folgen und mir dein Leben zu unterwerfen. Du wirst dabei stark angefeindet werden, selbst von Menschen, die dir nahe stehen und versuchen werden, die Werte, denen du dein Leben opfern wirst, und die das Fundament der starken und unverĂ€nderlichen Kirche Gottes sind, zu zerstören. Wenn dies geschieht, wirf dich auf deine Knie und richte dein Gebet an mein jungfrĂ€uliches Herz. Ich werde dir beistehen, wenn ich dir sage: Die Menschen mĂŒssen sich bessern, mĂŒssen ihren Glauben wiederfinden und ihren Platz in der göttlichen Ordnung kennen. Sie mĂŒssen Buße tun und um die Vergebung ihrer SĂŒnden flehen. Nur so können sie umkehren von einem Leben der Rebellion gegen die unabĂ€nderlichen Gesetze Gottes sich abwenden von Lastern und Ausschweifungen ihres Fleisches und Geistes. Sie mĂŒssen ihre Worte weise wĂ€hlen, denn auch wenn sie von Wahrheit sprechen, wenn sie Kunde von dem Bösen in der Welt tun wollen, mit der irregeleiteten Absicht, anderen SĂŒndern den Weg des Heils zu zeigen, ist es nicht ihr Ruf dies zu tun. Manchmal ist es besser, die Vergangenheit dem Schweigen anheim fallen zu lassen, als ein falscher Prophet Gottes zu sein.“

TrĂ€nen fĂŒllten die Augen meiner Mutter. Sie hielt inne, nahm die HĂ€nde meiner Großmutter und fuhr fort: "Dies war die dritte Prophezeiung der Heiligen Jungfrau. Sie gab mir auch eine persönliche Nachricht. Schreib diese nicht nieder, denn diese ist nur fĂŒr mich bestimmt und nicht fĂŒr die Augen der Welt". Die Großmutter legte den Bleistift beiseite und starrte sie mit offenen Mund an.

Stille machte sich in der kleinen KĂŒche breit, getragen von dem Schweigen der beiden Frauen, die wieder vor Hausaltar niedergekniet waren. InnbrĂŒnstig betete meine Großmutter den Rosenkranz, wĂ€hrend meine Mutter, noch zitternd von der Kraft der soeben verkĂŒndeten Worte der Heiligen Jungfrau, hin- und hergerissen war, ob sie die persönliche Nachricht mit ihrer Mutter teilen, oder Schweigen bewahren sollte.

Die Stille wurde durch die Frage meiner Großmutter beendet: "Was hat die Gottesmutter dir gesagt?"
"Ich weiß nicht, liebe Mutter, ob ich darĂŒber sprechen sollte, denn die Mutter Gottes sieht und weiß alles."
„Nur du kannst dies entscheiden, hör was dir dein Herz rĂ€t, liebste Tochter“, antwortete meine Großmutter.
Nach einiger Zeit stillen Wartens begann meine Mutter in einem FlĂŒsterton zu sprechen.
"Mein Kind. Ich habe dich auserwĂ€hlt, denn dein Leiden ist groß, die Schmerzen, welche du und deine Geschwister und selbst deine gottesfĂŒrchtige Frau Mutter erfahren mussten, so stark, das Verbrechen deines Vaters, der die Unschuld eurer Leiber geraubt und in SĂŒnde Kindeskinder 
“

Mit einem Male verfinsterte sich der Raum, das Licht der Altarkerzen begann zu flackern, als ob der Heilige Geist auf sie niederkam. Großmutter sprang auf und fuhr ihre Tochter lautstark an. "Kein Wort will ich mehr hören! Niemals darfst du auch nur ein Wort aussprechen, was dir die Gottesmutter im Vertrauen gesagt hat. Diese Nachricht ist nur fĂŒr dich bestimmt. Niemand darf jemals von dem unsĂ€glichen Leid und der Schande die ĂŒber unserer Familie liegt, erfahren. DarĂŒber haben wir zu schweigen. Die Wahrheit wĂŒrde nur noch mehr Leid bringen und die Familien deiner Geschwister auf ewig zerstören. Du darfst niemanden — und dass versprich mir auf dein Seelenheil — von der Nachricht der Heiligen Jungfrau erzĂ€hlen. Du wirst weggehen von diesem Ort, so wie deine Geschwister schon alle fortgezogen sind und ihre Familien gegrĂŒndet haben. Ich verspreche dir, dass ich, deine Mutter, dir helfen werde.“ Mutter und Tochter fielen sich, vom Schmerz dieser Worte gebeugt, in die Arme und weinten bittere TrĂ€nen.

Und es kam es genau so, wie die Vorsehung bestimmt hatte, dass es kommen werde. Als der Winter ins Tal zog und dunkelgraue Tage mit sich brachte, musste meine Mutter die Hoffnung begraben, ein Sommerfrischler könne sich in das Dorf verirren und sie aus aus dem Sumpf ihres tragischen Daseins in das ewige GlĂŒck der Ehe zu fĂŒhren. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie damit, getrĂŒbt aus dem Fenster auf die weiße Leere der Schneelandschaft zu starren. Sie weigerte sich zu essen und sprach nur das nötigste. Der Rosenkranz, den ihr ihre Mutter in die Hand gedrĂŒckt hatte, mit der Aufforderung, jeden Tag fĂŒr das Unbefleckte Herz der Mutter Gottes zu beten, blieb unangetastet. "Was, wenn die Erscheinung der Heiligen Maria nur ein Trick meiner Sinne war?“„Werde ich niemals einen Ehemann finden, der mich aus diesem verdammten Kuhdorf errettet?“. Sie dachte an ihren Entschluss, ihrem Leben, an ihrem nĂ€chsten Geburtstag, der in einem halben Jahr sein wĂŒrde, ein Ende zu setzen. „Sie werden meinen leblosen Körper, an einem Kalbstrick baumelnd, im Stall finden und es dann wird ihnen leid tun.“, seufzte sie.

Obwohl sie nichts von dem dunklen Vorsatz ihrer Tochter ahnen konnte, fiel es ihrer Mutter schwer, die Traurigkeit in ihren Augen und die zunehmende Verwahrlosung — sie hatte sogar aufgehört sich zu waschen oder saubere Kleidung anzuziehen — lĂ€nger zu ertragen und so fasste sie einen kĂŒhnen Plan. Am Abend, als sie alleine waren und einen Bohneneintopf aßen, erzĂ€hlte sie ihr davon. „Du hast recht, es ist schwer, dass du einen Mann findest, wenn du nur im Dorf auf ihn wartest“, begann sie ihre Ansprache. Sie wusste, dass ihre Tochter recht hatte. Selbst im Sommer, wenn es hin und wieder vorkam, dass ein Tourist in seinem teuren Auto, seinen Heimweg vom Urlaub, den er am Presseggersee oder mit Wanderungen durch das szenische Drautal verbracht hatte, ĂŒber die Windische Höhe wĂ€hlte, um vom Pass einen letzten Blick auf das wunderschönes KĂ€rnten zu werfen, am Dorf vorbeifuhr und winkend, einen letzten Gruß der auf der Wiese mit der Heuernte beschĂ€ftigten Landbevölkerung zukommen lies, hielt niemand an. Niemand bemerkte den verzweifelten Blick in den Augen meiner Mutter, die jedem Auto sehnsĂŒchtig nachsah, wie es in der Ferne entschwand. Sie war unsichtbar und vergessen in einem Tal an der Grenze. „Wenn die MĂ€nner nicht zu dir finden, dann musst du dorthin gehen, wo du sie finden kannst“, fuhr sie fort. „Ich habe den ganzen Sommer ĂŒber ein wenig Geld gespart und werde es dir geben, damit du einen Tag rauf aufs Nassfeld fahren kannst. Dort kommen viele Schitouristen hin. Es wird dir gut tun, fĂŒr einen Tag aus dem Dorf heraus zu kommen.“ „Aber
“, wollt meine Mutter einwerfen, doch Großmutter duldete keinen Widerspruch. „Nichts, aber! Es ist entschieden. Besser du bekommst das Geld, als dass Vater mein Portemonnaie entdeckt und alles im Wirtshaus versĂ€uft.“

Auch wenn ein eintĂ€giger Schiausflug meiner Mutter nur eine minimale Chance bieten wĂŒrde, um den Mann ihrer TrĂ€ume zu finden, fĂŒhlte meine Grossmutter dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Als die letzte Heuernte des Sommer eingebracht worden war, kam der Sohn des Loibl Bauern vorbei, unter dem Vorwand, dass sie gerade eine Sau geschlachtet hĂ€tten, schenkte der Grossmutter ein großzĂŒgiges StĂŒck Speck und fragte sie nach meiner Mutter. Jeden Sonntag hatte er sie in der Kirche wie gebannt beobachtet doch alle Versuche ihr schöne Augen zu machen, wurden ignoriert. Meine Großmutter wusste, dass sie es ihrer Tochter nicht antun konnte, dem Sohn des Loiblbauern ihre Hand zu versprechen, da er den JĂ€hzorn und die GewalttĂ€tigkeit seines Vaters geerbt hatte und ihr Martyrium, welches sie seit kleinauf durch ihren leiblichen Vater hatte erleiden mĂŒssen, fortfĂŒhren wĂŒrde.

Obwohl meine Mutter noch nie zuvor auf Skiern gestanden hatte und einen ausserordentlichen Widerwillen hatte, sich zum Schifahren auf einen Berg, der fĂŒr sie Teil der verabscheuungswĂŒrdigen Natur war, hielt sie dies nicht davon ab, ihr Schicksal herauszufordern, denn was hatte sie schon zu verlieren? Die Ski wurden vom Sohn des Krauter Franzl ausgeborgt, warme Kleidung, Schihose und Handschuhe erhielt sie von ihren Schwestern. Ihre Haare wurden geschnitten und zu einem Bienenkorb aufgetĂŒrmt, welcher der Mode der spĂ€ten sechziger Jahre entsprach.

Sie war bereit fĂŒr den grossen Tag. Vor Aufregung konnte sie nicht schlafen und wachte noch vor Sonnenaufgang auf, um sich zu waschen, zu schminken, ihren Haarturm mit Haarspray zu fixieren und die frisch gewaschene Schibekleidung anzuziehen. Franzl, ihr Bruder half ihr die Ski zu dem Bus zu tragen, wo ihre beste Freundin, die sie hatte ĂŒberreden können, sie zu begleiten, schon auf sie wartete. Zu zweit, aufgeregt, doch in guter Laune, schworen sie sich auf der einstĂŒndigen Busfahrt, die Gunst dieses Tages zu nutzen, und nicht ohne einen zukĂŒnftigen Ehemann vom Berg herunterzusteigen. Da sie beide noch niemals zuvor auf Skiern gestanden hatten, beschlossen sie, dies auch erst gar nicht zu versuchen und sich mit der Bahn auf den Berg hinaufbringen zu lassen um dann zu Fuß zu Plattners Einkehr-Gasthaus abzusteigen, um auf der Sonnenterrasse den hungrigen Schitouristen aufzulauern. Meine Mutter war sich ihrer sexuellen Ausstrahlung bewußt, die durch den von ihrer Freundin geborgten BĂŒstenhalter, ins Unwiderstehliche gesteigert wurde und platzierte sich, strategisch klug gewĂ€hlt, direkt neben dem Eingang. Sie bestellten beide Tee und rĂ€kelten sich in den wĂ€rmenden Strahlen der Wintersonne.

Meine Mutter erinnerte sich in diesem Moment an die Prophezeiungen der Heiligen Jungfrau, welche sie bis jetzt nur mit ihrer Mutter geteilt hatte, da sie Spott und Hohn fĂŒrchtete. Wer ausser ihrer strengglĂ€ubigen Mutter wĂŒrde ihr schon Glauben schenken, dass sie von Gott auserwĂ€hlt und dazu bestimmt worden war, um grosses in ihrem Leben zu verbringen. Gerade sie, die wie ein MauerblĂŒmchen im Tal des Vergessens dahinvegetierte und auf sehnsĂŒchtig auf ihren Retter wartete. Dieser musste aber erst einmal kommen und er durfte weder zu jung, noch zu alt, weder verlobt noch verheiratet sein, musste einen gewissen Grad von Wohlstand aufweisen und, was fĂŒr meine Mutter das wichtigste war, ein richtiger Stadtmensch sein. Es war ihr egal, wie ihr zukĂŒnftiger aussah, ob er dicklich war oder von kleinem Wuchs, ob er eine Glatze hatte, oder behaart war wie ein BĂ€r. NatĂŒrlich wĂŒnschte sie sich einen feschen jungen Mann, aber Aussehen, stand fĂŒr sie nicht an erster Stelle. Die Funktion ihres zukĂŒnftigen Angetrauten bestand darin, sie zu sich in die Stadt zu nehmen, zu heiraten und mit ihr eine Familie zu grĂŒnden und sie so zu Ansehen und Wohlstand zu bringen.

Als der Nachmittag sich langsam zu Ende neigte und der Andrang der hungrigen SchigĂ€ste nachließ, wich auch die hoffnungsvolle Erwartung der beiden Frauen, heute den Mann ihres Lebens zu treffen. Genau in diesem Moment spazierte eine kleine Gruppe von jungen MĂ€nnern, alles Freunde aus G. in Oberösterreich, die, ohne weibliche Begleitung, ĂŒber das Wochenende, nach KĂ€rnten gefahren waren, um sich an waghalsigen Abfahrten durch frisch gefallenen Pulverschnee und des wunderbaren Wetters zu erfreuen. Sofort nahmen meine Mutter und ihre Freundin die, den ganzen Tag lang fest eingeĂŒbten Rollen, wieder auf und gaben vor, in eine heitere Konversation vertieft zu sein, die meine Mutter durch mehrmaliges und viel zu lautesLachen durchbrach, um die Aufmerksamkeit der MĂ€nnerrunde, die sie aus den Augenwinkeln beobachtete, auf sich zu ziehen. Der Erfolg stellte sich bald ein, als sich die jungen MĂ€nner an einen Tisch direkt neben ihren Sonnenliegen, setzten. Es dauerte nicht lange, bis ein junger Herr zu ihnen kam, sie grĂŒĂŸte und sich als Karl vorstellte. Er lud die beiden Damen ein, sich an den Tisch zu gesellen und einen Jagertee mit ihnen zu trinken. Meiner Mutter ekelte es vor Jagertee, aber sie war geschickt, vorzugeben, jeden Schluck zu geniessen. WĂ€hrenddessen versuchte sie durch geschickte Fragestellung herauszufinden, wer von den jungen MĂ€nnern noch nicht an ein Frauenzimmer vergeben war. Es stellte sich bald heraus, dass nur U. in Frage kam, da dieser, wie Karl, nicht ohne Hohn und spöttischem Unterton erzĂ€hlte, vor ein paar Monaten von seiner langjĂ€hrigen Freundin, die er vor hatte zu heiraten, versetzt worden war, oder wie er es ausdrĂŒckte „mit einem anderen Mann eingetauscht wurde“. U. war die Offenlegung seiner gescheiterten Beziehung, welche ihm sein letztes bisschen Selbstbewusstsein gekostet hatte, aufs Ă€ußerste peinlich. Doch als meine Mutter erfuhr, dass er der einzige Sohn und somit Alleinerbe des Kaufhauses seiner Eltern war, in dem er auch angestellt war, und sich dieses noch dazu in einer Kleinstadt in Oberösterreich befand, wusste meine Mutter, dass er der richtige Kandidat war. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren, unsicher und ohne Ausstrahlung, war er dennoch ein durchaus attraktiver Mann. Er war durchschnittlich groß gewachsen, hatte breite Schultern und eine mĂ€ĂŸige Statur, die sich durch einen kleinen Wohlstandsbauch auszeichnete. Unter dem Vorwand, die Nachmittagssonne sei viel zu warm, zog meine Mutter den dicken Wollpullover, der ihre ĂŒppigen BrĂŒste verbarg, aus und setzte sich neben meinem Vater, welcher wegen der unerwarteten ReizĂŒberflutung und der Aufmerksam die ihm plötzlich zuteil wurde, zu einer EissĂ€ule erstarrte. In der folgenden Stunde konnte U. seinen Blick nicht von der jungen Frau abwenden, die ohne Unterbrechung sprach und zuerst noch zögerlich, dann, als der zweite Jagertee seine Wirkung entfaltete, immer unverhohlener und frecher sich selbst anpries, bis einer der jungen MĂ€nner auf die Uhr blickend meinte, sie mĂŒssen sich nun leider verabschieden, da es schon spĂ€t sei und sie noch eine lange Abfahrt ins Tal vor sich hĂ€tten.

Vom Alkohol ermutigt und fest Entschlossen diesen jungen Mann nicht mehr aus den Augen zu lassen, beschloss meine Mutter, gemeinsam ins Tal abzufahren. Ihre Freundin, welche kein Interesse hatte, sich das Genick zu brechen, bestand darauf allein mit der Bahn ins Tal zu fahren. Meiner Mutter war ihre beste Freundin in diesem Moment egal. Sie wusste, dass es fĂŒr sie jetzt um alles oder nichts ging, selbst wenn dies den Einsatz ihres Lebens verlange.

Sie schnallte ihre Skier an, schickte noch schnell ein Stoßgebet an die Heilige Mutter Gottes und stiess sich ab. VornĂŒbergebeugt, breitbeinig und ohne jegliche Kontrolle fuhr sie in den steilen SĂŒdhang ein, dicht gefolgt von U., der untĂ€tig zusehen musste, wie sie, immer schneller und schneller werdend, ĂŒber die prĂ€parierte Piste hinausschoss und ungebremst in einen Tannenbaum krachte, der sie unter einem Berg von herabstĂŒrzendem Schnee begrub.

Wie eine Schneeprinzessin mit einem weissen Umhang erschien meine Mutter dem jungen Mann, der sie anbetete, als sie sich aus dem Schneehaufen befreite. Einen Augenblick spĂ€ter, an den sie sich ewig erinnern werden, begann mit einem zarten Kuss, die Beziehung zwischen meiner Mutter und dem jungen Mann aus G., der bald mein Vater werden wĂŒrde. In dem Schneehaufen unter dem Tannenbaum, geschah fĂŒr meine Mutter das Wunder, welches sie sich von der Heiligen Jungfrau Maria erhofft hatte. Sie war durch die Gnade Gottes gerettet worden und wĂŒrde bald dem Tal an der Grenze und somit dem Leiden ihrer Vergangenheit entfliehen, einer Vergangenheit, die sie vorhatte, in Schweigen zu begraben.

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