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Leselupe.de > Horror und Psycho
Das erste Mal
Eingestellt am 05. 11. 2004 14:23


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macqjones
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2004

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Das erste Mal

Die K├Ąlte war dieses Jahr ganz pl├Âtzlich ├╝ber das Land gekommen. Von einem Tag auf den anderen wurde es Herbst. Ich wei├č nicht wie es ihnen geht, aber mich beunruhigt das Kommen der K├Ąlte immer ein wenig. Es erinnert einen daran, das sie eines Tages kommt- und dann nicht mehr gehen wird.
Eines Tages wird sie einen mit sich nehmen.
Sie sehen schon, der Herbst macht mich immer etwas melancholisch. Doch diese Jahreszeit hat auch etwas f├╝r sich. Alles wird weniger hektisch und die Menschen handeln und denken ein wenig bed├Ąchtiger und mit mehr Ruhe. So fand ich mich auf meiner, mir seit Jahren vertrauten Bank im Stadtpark wieder und genoss diesen angenehmen Herbsttag. M├╝tter schoben ihre Kinder in kleinen Kinderwagen vor sich her. Die Luft war noch mild und roch nach fallenden Bl├Ąttern.
Da setzte sich ungefragt ein Mann zu mir auf die Bank.
Sofort f├╝hlte ich mich unbehaglich. ├ťber die Jahre ist diese Bank irgendwie zu meiner Bank geworden. Doch wenn sie in ein gewisses Alter kommen, vermeiden sie jedwede unn├Âtige Auseinandersetzung. Sollte der ├Ąltere Herr doch auch ein wenig die Sonne genie├čen! Also faltete ich meine Zeitung zusammen und schickte mich an aufzustehen. Doch dann tat der Mann etwas, was mich inne halten lie├č:
Er kramte eine kleine gefaltete Papiert├╝te aus seiner riesigen Manteltasche, ├Âffnete seine freie Hand und streute sich aus dem T├╝tchen ein paar Vogelk├Ârner auf die Handfl├Ąche. Dann wartete er geduldig.
Was mich daran faszinierte, war, mit welcher Eleganz er die Bewegungen seiner Handlungen vollf├╝hrte.
Und von noch etwas war ich sehr beeindruckt. Seine ausgestreckte Hand zitterte nicht. Er hielt vollkommen ruhig, wie eingefroren in der Zeit.
Pl├Âtzlich flatterte ein Sperling heran und lie├č sich auf der Hand des Mannes nieder. Kurz darauf ein zweiter - dann ein dritter. Die Hand des alten Mannes blieb absolut ruhig. Nachdem alle K├Ârner verspeist waren, flogen die kleinen Kerle wieder davon.
┬╗Faszinierend.┬ź sagte ich. Der Mann nickte leicht.
┬╗Ja, die Sperlinge m├Âgen mich.┬ź
┬╗Ist da irgendein Trick dabei?┬ź
Der Mann l├Ąchelte. ┬╗Nein. Die Sperlinge m├Âgen mich einfach, das ist alles.┬ź
Ich war auf diesen alten Mann neugierig geworden. Ich streckte die Hand aus um mich vorzustellen.
┬╗Heinrich.┬ź
┬╗Schmitt.┬ź
Er nahm meine Hand und dr├╝ckte sie. Sein Griff war fest. Seine Hand k├╝hl.
┬╗Und, was machen Sie so, Herr Schmitt?┬ź fragte ich.
┬╗Bitte?┬ź fragte Schmitt, als h├Ątte er die Frage nicht verstanden.
┬╗Nun, was tun Sie? Sind sie Rentner?┬ź
Er sah mich ruhig an und l├Ąchelte.
┬╗So gut wie.┬ź Ich runzelte die Stirn. Offenbar war Herr Schmitt kein sehr gespr├Ąchiger Zeitgenosse. Er lehnte sich gegen die Bank und sah blinzelnd zur Sonne hinauf.
┬╗Ich t├Âte Menschen.┬ź sagte er ruhig. Dann streute er sich wieder etwas Sperlingsfutter auf die Hand.
┬╗├ähm, entschuldigen Sie... Ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Was machen Sie noch einmal?┬ź Wieder l├Ąchelte der Mann freundlich.
┬╗Sie haben mich ganz richtig verstanden. Ich nehme Menschen ungewollt ihr Leben.┬ź
Ich wusste nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Der Mann musterte mich.
┬╗Sie glauben mir nicht. Ich sehe es in Ihren Augen.┬ź
Ich musste schlucken. Dieses Gespr├Ąch entwickelte sich in eine merkw├╝rdige Richtung.
┬╗Nun, nat├╝rlich glaube ich Ihnen nicht, Herr... Herr...┬ź
┬╗Schmitt┬ź, sprang er ein.
Eigentlich h├Âre ich ganz gut, aber ich glaubte der alte Herr h├Ątte seinen Namen wie ÔÇ║SchnittÔÇ╣ ausgesprochen. Ich ├╝berlegte mir, was in diesem Mann wohl vorging. Vielleicht spielte er gern Spiele. Ich beschloss, mitzuspielen. Mal sehen, wohin das f├╝hren w├╝rde.
┬╗Sie behaupten also, dass Sie Menschen umbringen.┬ź sagte ich.
┬╗Ganz recht.┬ź
Das ist doch einfach l├Ącherlich! Ich musste Lachen.
┬╗Und tun Sie das so zum Spa├č, oder... des Geldes vielleicht?┬ź
┬╗Geld spielt ├╝berhaupt keine Rolle. Das Entscheidende ist die Liebe, mit der ich es tue.┬ź
Na, das wurde ja immer sch├Âner.
┬╗Ah┬ź, sagte ich. ┬╗Und wie lange machen Sie das jetzt schon so?┬ź
┬╗Oh, eine Weile.┬ź
Dieser Mann war nicht zu knacken. Einerseits schien er ein Gespr├Ąch zu suchen und andererseits erging er sich in diesen seltsamen, r├Ątselhaften Antworten. Im Radio hatten sie angek├╝ndigt, dass dies einer der letzten sch├Ânen Herbsttage sein w├╝rde. Ich beschloss den Rest davon mit angenehmeren T├Ątigkeiten zu f├╝llen.
Ich stand auf.
┬╗Bitte...┬ź sagte der Mann und hob beschwichtigend die Hand. ┬╗Bleiben Sie. Nur noch einen Moment.┬ź
Ich sah ihn an. Nur ein harmloser und freundlicher Herr.
┬╗Ich m├Âchte nicht unh├Âflich erscheinen, aber ich m├Âchte Ihre Zeit nicht weiter...┬ź begann ich.
┬╗Nun, Sie sind es┬ź fiel er mir ins Wort.
┬╗Bitte?┬ź
┬╗Sie sind unh├Âflich.┬ź
Ich war gelinde gesagt ein wenig baff.
┬╗Gut. In Ordnung. Dann bin ich halt unh├Âflich.┬ź entgegnete ich achselzuckend und wandte mich zum gehen.
┬╗Sie bleiben.┬ź forderte der ├Ąltere Herr. Mittlerweile schon etwas aufgebracht, drehte ich mich wieder zu ihm.
┬╗Warum sollte ich das Ihrer Meinung nach wohl tun?┬ź fragte ich ihn herausfordern.
┬╗Weil Sie m├╝ssen.┬ź sagte der Mann schlicht. ├ťberrascht hob ich eine Braue.
┬╗So, muss ich das?!┬ź
Ich wei├č nicht was geschehen w├Ąre, wenn ich in diesem Augenblick gegangen w├Ąre. Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Aber ich ging nicht, sondern setzte mich wieder hin.
┬╗Also sch├Ân. Hier bin ich wieder. Was haben Sie auf dem Herzen?┬ź
Der Mann l├Ąchelte mich an. Dann sah er wieder in den Himmel.
┬╗Ich bin m├╝de, wissen Sie.┬ź
┬╗Tja, Menschen zu t├Âten ist sicherlich erm├╝dend.┬ź entgegnete ich. Ich sah auf die Uhr und suchte nach einem weiteren Grund dieses endlich Gespr├Ąch zu beenden.
Der Mann folgte meinen Blick.
┬╗Keine Sorge. Wir haben noch etwas Zeit.┬ź
┬╗Zeit, wof├╝r?┬ź
┬╗Nun, f├╝r das erste Mal.┬ź
┬╗Ich habe nicht die blasseste Ahnung wovon Sie da reden, guter Mann┬ź Er drehte den Kopf.
┬╗Sehen Sie das kleine M├Ądchen da dr├╝ben?┬ź fragte er und deutete in die Richtung. Etwas f├╝nfzig Meter entfernt setzte sich gerade ein kleines M├Ądchen mit ihrem Gro├čvater auf eine Bank und schleckte ein Eis.
┬╗Was ist mir ihr?┬ź fragte ich.
Der Mann betrachtete das M├Ądchen und sch├╝ttelte leicht mit dem Kopf.
┬╗Wissen Sie, wenn sie so jung sind, zerrei├čt es mir immer fast das Herz.┬ź
Ich sah von ihm zu dem M├Ądchen und musste schlucken. Meinte er etwa...?
┬╗Oh, nein. Das wagen Sie nicht.┬ź, sagte ich.
Der ├Ąltere Herr sah mich fragend an.
┬╗Sie wollen mir doch nicht wei├č machen, dass Sie jetzt da r├╝ber zu dem kleinen M├Ądchen gehen und es umbringen, oder?┬ź
Er sah mich an. Pl├Âtzlich begann er lauthals zu Lachen. Es war herzhaft - und ansteckend. Ich lachte mit ihm.
Also war alles doch nur ein dummer, makabrer Scherz gewesen.
┬╗Einen Moment lang, hatten Sie mich!┬ź, sagte ich und wischte mir eine Tr├Ąne aus den Auge.
┬╗Nur keine Sorge, ich werde dem Kind nichts zu leide tun...┬ź
Pl├Âtzlich war seine Stimme wieder sachlich und k├╝hl:
┬╗Sie werden.┬ź
Ich erstarrte.
Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich darauf entgegen sollte.
┬╗K├Ânnen Sie das bitte noch einmal wiederholen?┬ź
┬╗Nat├╝rlich. Sie werden derjenige sein, der das M├Ądchen t├Âtet.┬ź
┬╗Sie sind verr├╝ckt. Vollkommen meschugge!┬ź stie├č ich lachend hervor.
In meinem ganzen Leben hatte ich einem Menschen nicht auch nur ein Haar gekr├╝mmt!
Der Mann schien wenig beeindruckt. Gelangweilt strich er eine Falte in seiner Hose glatt. In einem ruhigen, ernsten Ton begann er zu sprechen:
┬╗Verstehen Sie denn nicht? Meine Zeit ist abgelaufen. Jetzt sind Sie an der Reihe, die Arbeit zu tun.┬ź
Er holte eine altmodische Taschenuhr hervor. Der Deckel sprang auf .
┬╗Oh, es ist Zeit.┬ź
┬╗Zeit?┬ź, fragte ich.
Seine Augen waren erf├╝llt von Ernst - t├Âdlichem Ernst.
┬╗Nun, f├╝r ihr rstes Mal.┬ź
Mir wurde schwindlig.
Langsam begann es in mir zu d├Ąmmern, wem ich da gegen├╝ber sa├č. Aber das konnte nicht sein. Nein.
┬╗Aber wie... Das ist doch unm├Âglich!┬ź
┬╗Es ist einfach so. Am Anfang habe ich es auch nicht glauben wollen. Aber mit der Zeit gew├Âhnt man sich daran.┬ź
Ich sah zu dem M├Ądchen. Sie wirkte jung, gesund und fr├Âhlich.
┬╗Ich... ich kann das nicht tun.┬ź sagte ich tonlos.
┬╗Oh, doch, Sie k├Ânnen.┬ź
Ich schluckte.
┬╗Nun, auf F├Ąlle werde ich es nicht tun.┬ź sagte ich entschlossen.
Der Mann stand auf und ber├╝hrte mich mitf├╝hlend an meiner Schulter.
┬╗Oh doch, das werden Sie.┬ź
Dann ging er. Noch einmal drehte er sich um:
┬╗Und denken Sie daran, Heinrich. Tun Sie es immer mit Liebe.┬ź
Dann war er fort.

Ich wei├č nicht, wie lang ich auf der Bank sa├č. Es konnte nicht viel Zeit verstrichen sein, denn das M├Ądchen sa├č noch immer auf ihrer Bank.
Es leckte vergn├╝gt an ihrem Eis und strahlte ihren Gro├čvater an. Ein herrlicher Anblick. So voller Leben.
Warum sollte sie sterben? Eine Tr├Ąne rollte meine Wangen hinab. Sie war kalt und schmeckte nach Nichts.
Der Gro├čvater holte ein Butterbrot heraus und a├č es. Ein paar Kr├╝mel gab er den Spatzen. Die Kleine hatte etwas Eis am Mundwinkel.
Was hatte Schmitt noch gesagt?
Tun Sie es mit Liebe.
Ich hatte immer geglaubt, wenn letztlich die K├Ąlte kommen w├╝rde, n├Ąhme sie mich mit sich.
Ich hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, wohin sie mich f├╝hren w├╝rde.
┬╗Gott vergib mir┬ź, murmelte ich. Dann stand ich auf und ging zu ihr...

Ich machte es ganz ordentlich...

... f├╝r mein erstes Mal.

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Marcus Richter
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Ja, der Text ist Ok, gut geschrieben, auch wenn ich nicht den Geruch von fallenden Bl├Ąttern kenne(ich bin echt kein Pedant, aber fallende Bl├Ątter riechen doch nicht, nur verrottendes Laub, oder was dem Autor eben so einf├Ąllt). Am Schluss w├╝rd ich die letzten beiden Zeilen streichen - "ging zu ihr..." reicht vollkommen, alles andere h├Ârt sich so ein bisschen nach Vergewaltigung an, was durch den seltenen Begriff des Eis-"schleckens" noch verst├Ąrkt wird. Hier w├╝rd ich noch mehr Zur├╝ckhaltung ├╝ben, also noch mehr, als der Text nicht ohnehin schon ├╝bt.

Wo wir schon beim gro├čen Manko des Textes w├Ąren, seinem absoluten Unwillen, der Thematik des wandelnden Todes etwas wirklich Neues hinzuf├╝gen zu wollen. Im Gro├čen und Ganzen ist der Text wie gesagt in Ordnung und gef├Ąllt, aber er bietet leider nicht viel Neues - der Tod reicht seine Gabe weiter, gut, aber auch diese Weitergabe wird nicht sichtbar - sie ist dann einfach vonstatten gegangen. Dem ganzen Text fehlt noch der gewisse Schubser - alles ist schon da, aber es ist, als ob die Geschichte irgendwie in Ketten liegt. Das mag an dem guten Stil liegen, den der Autor hier verwendet, es liest sich ja alles sehr fl├╝ssig und angenehm - aber dieses Korsett beengt auch ein wenig die Geschichte. Mein Gef├╝hl sagt, entweder ist die Thematik schon so ausgelutscht, dass sich einfach nichts mehr rausholen l├Ą├čt oder man m├╝├čte das Thema einfach mal wirklich weiter denken, was bei dieser Kurzgeschichte nicht geschehen ist.

Also, lesenswerte Kurzgeschichte, der aber das Au├čergew├Âhnliche fehlt. Trotzdem gefreut, sie gelesen zu haben.

Gr├╝sse, Marcus

PS: WOW, und ewig alt! Lebt der Autor ├╝berhaupt noch?
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

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