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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das letzte Rennen
Eingestellt am 02. 03. 2015 23:47


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Anita Koschorrek-MĂŒller
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2015

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Drachenbootsport

Die genormten Boote im Drachenbootsport sind, ohne Kopf und Schwanz, 12,49 m lang und 1,16 m breit. Die Besatzung besteht aus 20 Paddlern, die paarweise, hintereinander in Fahrtrichtung, auf schmalen BĂ€nken sitzen. Am Heck steht der Steuermann, der die wichtige und schwierige Aufgabe hat das Boot, mittels Langruder, auf Kurs zu halten und das Gleichgewicht auszubalancieren. Im Bug ist die große Trommel befestigt. Dort sitzt der Trommler mit Blick auf die Besatzung und gibt den Takt der Schlaggeschwindigkeit, die die beiden ersten Paddler im Boot vorgeben, an den Rest der Mannschaft weiter. Gepaddelt wird mit Stechpaddeln aus Kunststoff, Holz oder Carbon. Ein vollbesetztes Drachenboot wiegt ĂŒber 2.000 kg. Zu wichtigen Ereignissen, wie z.B. einem Rennen, werden Drachenkopf und ein gezackter Schwanz am Boot befestigt.
Die Geschwindigkeit, mit der solch ein Boot unterwegs ist, ist nicht so sehr von der Kraft des Einzelnen abhÀngig, sondern vom Gleichklang und der Harmonie des Teams.
AHOI!



Das letzte Rennen

Wir sitzen alle in einem Boot. Der Steuermann hat die PlĂ€tze verteilt und entschieden, wer in der vordersten Reihe, dem Schlag, paddelt. Das Gewicht ist austariert, das Boot liegt gut im Wasser. Der strahlend blaue Himmel, der sich zu Beginn des Rennens ĂŒber das Flusstal spannte, ist unter einer dicken Wolkendecke verschwunden. Nieselregen hat eingesetzt.
Lockeres Paddeln zum AufwĂ€rmen und dann geht es an den Start. FĂŒnf Drachenboote haben sich nebeneinander aufgereiht. Wir konnten uns fĂŒr dieses letzte, entscheidende Rennen qualifizieren. Das ist mehr, als wir zu hoffen gewagt hatten. Über Megafon erteilt der Starter Anweisungen: „Boot 2, drei SchlĂ€ge vor! Boot 3“, das sind wir, „zwei SchlĂ€ge zurĂŒck!“
Nervös peitscht unser Drache seinen gezackten Schwanz durchs Wasser. Ruhig Drache, ruhig! Nach der langen Winterpause ist Draco heute endlich wieder zum Leben erwacht und schnuppert Wettkampfluft. Es wird still in den Booten. Volle Konzentration! Die Startphase ist enorm wichtig. Es kann sein, dass in diesen wenigen Sekunden bereits das Rennen entschieden wird. UnzĂ€hlige Male haben wir den Start in den letzten Wochen geĂŒbt, fĂŒnf krĂ€ftige SchlĂ€ge, zehn kurze und dann die StreckenschlĂ€ge, lang, lang, ...
Alle warten auf den Startschuss!
Das Signal des Starters ertönt: „Are you ready? Attention! PENG!!!“
Hundert Stechpaddel tauchen tief ins trĂŒbe Flusswasser, ziehen mit Anriss druckvoll durch, um in weniger als einer Sekunde wieder einzutauchen. Zack! Zack! Zack!
Jede Mannschaft versucht ihr zentnerschweres Boot in Bewegung zu setzen, sich dem Gesetz der TrÀgheit entgegen zu stemmen.
Die Trommlerin schlĂ€gt den Takt und feuert uns an, brĂŒllt aus vollem Hals: „Eins, zwei, drei, vier, ... Weiter so! Strengt euch an!“ Der Steuermann steht hinten im Boot, das Langruder fest in der Hand und seine Mannschaft im Blick. Boot Nummer 2, zur Rechten, die Mannschaft in den leuchtend blauen T-Shirts, bricht aus, warum auch immer, und kommt uns gefĂ€hrlich nahe. Kurzes Touchieren der Paddel, dann gelingt es unserem Steuermann uns aus der Gefahrenzone zu lotsen. Weiter geht's mit langen krĂ€ftigen SchlĂ€gen. Boot 4, ein rotes Boot mit schwarzer Flagge am Heck, schiebt sich an uns vorbei, Meter um Meter. Boot 2 hat seinen Rhythmus noch nicht wieder gefunden und fĂ€llt zurĂŒck.
„Weiter so! Boot liegt gut!“, ruft der Steuermann. In absoluter Übereinstimmung tauchen die Paddel ins aufgewĂŒhlte Wasser. Im Bauch des Drachen pulsiert die Energie und die Kraft der zwanzig Paddler, die zu einer Einheit verschmelzen und das Boot vorantreiben, verbunden durch den Willen gemeinsam zu siegen.
„Lang! Lang!“ schreit die Trommlerin. Es ist wichtig, dass sich der Abstand zu Boot 4 nicht vergrĂ¶ĂŸert. Das monotone Bumm, Bumm der Trommel gibt die Schlagzahl der ersten beiden Paddler vorn im Boot weiter. Die Mannschaft keucht, die Arme erlahmen,
„Reißt euch zusammen“, brĂŒllt die Trommlerin. „Die kriegen wir!“
Wir liegen gleichauf mit Boot 1, doch das erkennt nur der Steuermann. Die Mannschaft schaut weder rechts noch links, sie paddelt was das Zeug hÀlt. Der zweite Platz scheint sicher, wenn wir nicht einbrechen und die Schlagzahl halten können.
Die Trommlerin schreit sich die Seele aus dem Leib. „Zieh! Zieh! Lang! Lang! Nicht nachlassen!“
Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet, aber das ist egal. Klatschnass sind wir sowieso. Wir kĂ€mpfen weiter, mobilisieren die letzten Reserven. Jetzt ist nur noch das rote Boot vor uns, dessen schwarze Flagge am Heck, verdammt noch mal, nicht nĂ€her kommt. Wir erhöhen die Schlagzahl. Draco mag es nicht hinterher zu paddeln, und folgt zornig dem roten Boot, auf dessen schwarzer Flagge am Heck ein leuchtend rot-oranger Drache uns hĂ€misch angrinst. „Flieg, Draco! Flieg!“
Schnaubend setzt er nach und seine Wut lÀsst den Bauch des Bootes vibrieren. Wir kÀmpfen uns heran, Zentimeter um Zentimeter. Die schwarze Flagge ist fast zum Greifen nahe, als wir das Ziel erreichen. Wir schaffen es!
Ein lautes Hupen reißt uns aus unserer Euphorie. Das rote Boot hat die Lichtschranke am Zieleinlauf passiert. Sekunden spĂ€ter verkĂŒndet die Hupe, dass auch unser Boot das Ziel erreicht hat.
Die immense Anspannung fĂ€llt ab, durchschnaufen, die steifen Muskeln lockern. Ein unbeschreibliches GlĂŒcksgefĂŒhl breitet sich aus. Die Mannschaft jubelt. Wir sind hocherfreut ĂŒber unseren zweiten Platz und jeder in der Mannschaft ist stolz, dass er seinen „inneren Schweinehund“ wĂ€hrend des Rennens niedergekĂ€mpft und nicht aufgegeben hat.

Der Steuermann wendet das Boot. Langsames Paddeln zum Steg. Wir legen an und booten aus. Unsere Trommlerin steigt von ihrem erhöhten Sitz am Bug des Drachenbootes. Etwas steifbeinig steht sie auf dem hölzernen Steg, strahlt uns an und fragt mit heiser krĂ€chzender Stimme. „Und? War ich gut oder war ich gut?“
„Du warst klasse!!!“
Erschöpft und vergnĂŒgt klatschen wir ab und gehen triefnass mit unseren Paddeln in der Hand die Uferböschung hinauf. Ob es Flusswasser oder Regenwasser ist, das aus unseren Kleidern tropft, interessiert niemanden. Wir sind stolz auf unseren zweiten Platz!
An der Uferpromenade bleiben wir stehen und warten auf unseren Steuermann, der unseren Draco noch an die Leine legen muss.
Der Steuermann macht ihn am Steg fest und tĂ€tschelt ihm das Maul mit den großen, bedrohlich ausschauenden, spitzen ZĂ€hnen.
„Na, Draco, hat's Spaß gemacht?“
Draco zwinkert ihm zu, grinst, schließt die Augen, aber nur solange bis der Tag kommt, an dem es wieder heißt: „Are you ready? Attention! GO!“

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