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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Dat Jagdfrühstück
Eingestellt am 21. 12. 2010 15:56


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Dat Jagdfrühstück

Inne Nacht zu Hubertus schlief ich verdammt schlecht. Widerliche Albträume piesackten mich. Hier ma ne kleine Kostprobe:
Als Treiber ritt ich, en dicken Knüppel schwingend, auf ner fetten Wildsau durch dat City-Center. Wir wälzten allet platt, wat uns inne Quere kam. Dann spießte mich en riesigen Hirsch auf sein Geweih und warf mich blutüberströmt inne versammelte Treibergruppe rein. Die Kerle erschraken, tobten und schlugen mich mit ihren Treiberstöcken halb tot.
Meine Berta stand teuflisch lachend dabei und peilte sich schadenfreudig dat Blutbad an. Für ihren lieben Willi in seiner Todesnot rührte se nich ma im Traum en kleinen Finger.
Als um sechs Uhr der Wecker klingelte, war ich heilfroh, dat ich die Nacht überlebt hatte.
Ich fühlte mich wie gerädert. Schweißgebadet zählte ich meine Knochen. Mein Balg war noch heil, und zu meiner Überraschung fand ich auch keine Blutlache im Bett.

Nach dem Duschen schmierte ich mir die Quanten zweimal mit dem Murmelfett von meinem Exklusivberater ein und versorgte die Hacken noch zusätzlich mit nem Spezialpflaster. Ich zog meine Treiberausrüstung an und äugte kritisch im Spiegel. Allet saß einigermaßen, doch musste en Treiber denn wirklich so perfekt auftakelt sein? Die Antwort erhielt ich prompt.

Berta lachte sich über meinen Anblick kaputt. Beim Frühstück aber, peilte sie mich vonne Seite an, als sähe sie mich heute zum letzten Mal.
Die schrecklichen Träume verschwieg ich ganz bewusst. Sie hätte doch nur wieder allet zu ihrem Vorteil gedeutet. Man kennt ja die Weiber bei so wat.
„Pass auf dich auf!“ Dat waren ihre einzigen sorgenvollen Worte an diesem besch... Morgen. Selbst der Kaffee schmeckte nach eingeschlafene Füße. Et passte heute Morgen nix zusammen. Ich hab schnell en Bütterken verdrückt und bin dann abgehaun.
Den Flüsterrucksack mit die Treiberempfehlungen vom ollen Fohlenberg hatte ich bereits am Vorabend gewissenhaft gepackt. Er war prallvoll und drückte schwer aufe Schultern.

Son dösiger Nachbar, der schräge Köttelbeck, wünschte bei meinem Anblick: „Schönen Wanderurlaub“ und fragte scheinheilig: „Et geht doch bestimmt inne Dolomitis, für Karneval isset ja zu früh.“
Dat reichte jetz aber wirklich! Noch sonne dämliche Bemerkung von dem Arsch, dann hätt et gerappelt! Ich knallte wütend die Autotür zu und fuhr los.
Draußen goss et in Strömen. Meine Stimmung hatte ihren absoluten Tiefpunkt erreicht.
Dat allet, ausgerechnet heute bei meiner ersten großen Bewährungsprobe als Treiber beim Jagdpächter Kuhlenkamp!

Pünktlich um acht erschien ich aufm Parkplatz vonne Gaststätte “Fuchsbau“. Jede Menge Grünröcke krochen mit ihren Waffen schwerfällig ausse dicken Geländeschlitten raus.
Ein großer, hochbetagter Jäger versuchte sich aus seiner Mühle zu zwängen. Vergeblich. Er brauchte dazu die Hilfe von zwei Treibern.
Dieser gebrechliche Waldheini trug karierte Knickerbocker, ne dunkelgrün karierte Weste und hatte sich sogar noch son grünen Propeller um den Hals gewürgt.
Richtig gesehen, war dat ne sehr ehrwürdige Erscheinung mit silbergrauem, gescheiteltem Haar. Der Jagdherr begrüßte ihn mit großem Tamtam und unterwürfiger Geste.
Man nannte diesen baufälligen Jäger, der gut aus nem schottischen Comic-Heft entsprungen sein konnte, “Hanniball“! Dat musste en ganz hohet Tier oder son Adeligen gewesen sein.
War dat auch! Man erklärte mir, dat sei en Baron mit zwei Meter Adelstitel, dat wär der Hanniball-Hubertus-Maximilian von Ritterskamp zu Ausbeutusburg.
Hoffentlich kriegte der Mann überhaupt noch die Flinte hoch!
Grüngekleidete Herrchen und Frauchen machten ihre jaulenden und schnappenden Jagdbestien anne umliegenden Bäumen fest. So viele verschiedene Jagdköterrassen hatte ich vorher noch nie gesehn.
Eine furchtbar aufgedonnerte Jägerin, mit sonne feudalen Nobelschnauze, nannte ihren Rühr „Rosalie“. Der arme Fiffi konnte nun wirklich nix dafür, der sah aber tatsächlich aus wie „Rosalie“. Frauchen und ihr rosaroter Kläffer schienen total überzüchtet. Sonst sah die Lady aber noch ganz brauchbar aus.

Sieben grün uniformierte Musiker mit großen und kleinen Blasinstrumenten rannten wie angestochen inne Kneipe rein. Hatten die Kerle jetz schon son Brand, oder ging et denen nur um den Schutz vonne Instrumente?
Zwei schwere Schlepper mit angehängten, offenen Leiterwagen, standen mit klatschnassen Strohballen direkt am Waldrand. Da sollten wir nachher bestimmt drauf sitzen. Ne tolle Vorstellung war dat!

„Waidmannsheil!“ hier und „Waidmannsheil!“ da. Hunde kläfften und zerrten anne Leinen, und Kommandos wurden über den Parkplatz geschrien. Junge und alte Treiber mit roten Signalwesten, dicken Knüppeln inne Faust und den abenteuerlichsten Klamotten am Balg, stürmten ebenfalls inne Kneipe rein.
Einer von meinen neuen “Kollegen“ hatte sogar en Stahlhelm auf’m Kopp, andere trugen schusssicherere Westen! Wofür dat denn?
Ich dachte: „Verdammte Hacke, diese Schutzkleidung hätte mir der Fohlenberg doch auch anbieten müssen, warum hat der dat nich?“ Sofort befielen mich neue Ängste.
Dann erschien der Jagdpächter aufe Bildfläche. Er füllte mit seinem dicken Ranzen den ganzen Türrahmen aus und brüllte übern Parkplatz:
„Scheiß Wetter! Alles reinkommen! Frühstücken! Bläser, ‚Schüsseltreiben’ blasen!“
„Schüsseltreiben“ nennen die Jäger dat Mampfen. Dafür hatten die Hornmusiker extra son Signal komponiert. Ich dachte:
„Nee, wat haben die Jagdkerle für ne bildhafte Sprache, die se auch noch musikalisch untermalen tun.“

Im Speisesaal stand en riesengroßet Frühstückbuffet. Die Tische bogen sich, et fehlte da wirklich an nix. Sogar Fischplatten mit Lachs, Aal, Forelle und Rollmöpsen standen da verlockend aufgereiht. Fünf Brotsorten hab ich gezählt. Vom echten westfälischen Pumpernickel, über knusprige Brötchen, bis hin zum Doppelbackröstbrot mit steirischen Kürbiskernen, extra für prostatageschädigte Jäger, allet da – herrlich!

Der Saal war gerammelt voll. Der olle Baron stand mit nem Gläsken Champagner am Tresen. „Für’n Kreislauf ist das! Waidmannsheil, meine Herren! Kennen Se den schon …?“
Der Mann riss einen Witz nach dem anderen. Die Jagdgäste um ihn herum wieherten vor Lachen.
Der Jagdherr kam ausse Küche und servierte dem Baron auf einem silbernen Tablett einen Toast. Hocherfreut nahm der Baron den Tost inne Hand und verdrehte beim Reinbeißen genüsslich die Augen. Ich fragte meinen Nebenmann, son ollen, zerfurchten Treiber: „Hömma, Kumpel, wat kaut der komische Kauz da gerade?“
„Weiße dat wirklich nich? Bisse dat erste Ma hier? Dat iss Vogelscheiße. Driete vonne Schnepfe.“ Ich hörte wohl nich richtig.
Ey, sach ma, willze mich verkackeiern?“
„Nee, sachte er, „glaub mir dat, dat nennen die Jäger Schnepfendreck. Dat soll ne Delikatesse sein. Aber wenne mich fragen tus, iss dat ne ganz schöne Ferkelei.“ Ich sachte nix mehr dazu.
Ein Jäger mit som kleinem Schnörres und listigen Augen packte ne Quetschkommode aus und spielte zum Einstimmen en paar Jagdlieder. Alle sangen fleißig mit.
Ich erinnerte mich an Bertakens Treiberempfehlung:
„Ne Wurstknifte, ne Käsestulle und Wasser aussem Bach trinken!“
„Denkste, Berta!“Wir hauten rein wie die Scheunendrescher.
Ein Treiber mit ner Halbpläte und nem Gewicht von mindestens 150 Kilo, fiel mir besonders auf. Der stoppte sich am Buffet ein Mettwürstchen nach dem anderen in den Hals und füllte sich noch anschließend die Brusttaschen damit. Nee, wat konnte der Kerl fressen!
Bei Herrn Kuhlenkamp sachte ich noch schnell „danke für die Einladung“ und überreichte mein Gastgeschenk. Er war hocherfreut.
„Waidmannsdank, Püttmann! Gut in Form? Sehe schon, tadellos gekleidet, bestens präpariert für dat Sauwetter, vorbildlich! Hauen Se ma tüchtig rein, dat wird heute kein Zuckerschlecken. Der nasse Boden fordert euch heute allet ab. Eure Arbeit iss ganz entscheidend für den Jagderfolg. Bei dem Sauwetter drückt sich dat Wild. Waidmannsheil!“

Dat Lob vom Jagdherrn ging mir runter wie Öl. Die gesamte Jagdgesellschaft erschien mir plötzlich wie ne große Familie.
Mir wurde auf einmal klar, jeder von uns hatte heute seinen Job bestens zu erledigen, alle nur mit dem Ziel, viel Beute zu machen, also ne „gute Strecke“.

Man sprach beim Frühstück locker und vergnügt miteinander. Ob Schürzenjäger oder Treiberlein. Dat war herrlich. Ich gehörte jetz auch dazu. Willi Püttmann wurde hier gebraucht, da war ich mir ganz sicher.
Meine Ängste waren plötzlich wie weggeblasen. Ich beobachtete allet sehr genau, dat war ja schließlich totalet Neuland, wat ich hier betrat.
Zwei junge Jägerschnösel trugen beim Frühstück sogar dicke Revolver in Schulterholstern. Entweder wollten die damit nur strunzen oder waren als Frühstücks-Sicherheitskräfte eingeteilt. Jetz erkannte ich die beiden.
„Mensch, Willi, die Typen kennze doch vonne Baustelle in Herne-Baukau. Dat sind doch die Söhne von dem Bauunternehmer aus Wanne-Eickel, komm doch jetz nich auf den Namen.“ Die beiden waren von Beruf aus „Söhne“ und immer gut mit dem großen Maul vorneweg. Auch hier wieder.
Die kannten mich natürlich nich mehr, ich war ja nur der Treiber Püttmann. Iss ja auch nich so wichtig, ich hab die Angeber einfach übersehn.
Standesunterschiede und Titel brauchte ich bei ner Treibjagd nich zu beachten. Dat verklickerte mir en Treiber bereits aufm Parkplatz. Den „Von und Zu“ und den Doktortitel hatten die Damen und Herren heute anne Garderobe abgegeben. Dat war mir sehr recht. Ich kannte ja kein Aas.
Dafür kannten sich einige Leute offensichtlich um so besser. Die Begrüßung war dann immer ein großet „Hallo“ mit stürmischer Umarmung:
„Wie isset, alter Junge? Wat macht die Familie und dein verdammtet Rheuma? Klappt sonst noch allet? Weiße noch, damals ...?“
Die Kerle hatten bestimmt schon viele gemeinsame Jagderlebnisse. Ehrlich, ich hab die Brüder son bissken beneidet. Wat hatte ich für gemeinsame Erlebnisse mit Freunden? An einer Hand konnte ich die abzählen.

Aus allen Ecken vom Ruhrpott waren Jäger angereist. Auch ausse Eifel, dem Westerwald und dem tiefsten Bayern waren Jagdgäste hier versammelt.
Ein Bayer mit rote Pfannen aufm Dach, hochrotem, dickem Kopp und fetter Wampe, war der Urigste von allen. Der Kerl soff jetz schon dat zweite Maß Bier am Tresen. Dat nannte er „oane bayrische Brotzeit“.
Der Typ erschien hier im Ruhrpott mit ner total speckigen Lederhose, die ihm bis zu den Knien hing. Seine dicken Waden schmückten Gamaschen mit grauen Kordeln, und auf seinem Jagdhut war ein riesiger Haarbüschel befestigt. Der passte überhaupt nich in mein Bild von nem modernen Jäger.
„Wat iss dat denn für’n haarigen Busch da oben am Hut“, fragte ich ihn ganz unbekümmert.
„Oan Goamsbart iss des, du Depp“, erklärte er mir dann sehr höflich in seiner unverwechsebaren, bayrischen Art, der Blödmann.
Dat war en bissken zu „höflich“ für meinen Geschmack. Dem war wohl unser gutet westfälischet Bier in seine dicke Birne gestiegen! Ich sachte: "Hör ma gut zu, mein Freund, du biss hier im Ruhrpott, du kannz deine Bayern als Deppen bezeichnen, mich nich, hasse dat kapiert? Wenn nich, komm ma mit nach draußen, dann kapiersse dat ganz schnell.“

Plötzlich ertönte aus sieben Jagdhörnern son Signal, dat so wat wie „versammelt euch jetz ma alle“, bedeuten musste.
Die Hunde bellten aufgeregt, nee, nich weil en paar Musiker falsche Töne bliesen, nee, sie wussten genau, dat se bald losdüsen durften.
Die Jäger erhoben sich, zogen sich ihre grünen Lodenkotzen und Mäntel über, nahmen die Rucksäcke, Sitzstöcke und Flinten auf und trotteten nach draußen.
Die Treiber schnappten ihre Knüppel und die ausliegenden roten Signalwesten und folgten den Grünröcken.
Et plästerte immer noch aus Kübeln. Dat konnte ja heiter werden.
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Wolfgang M. A. Bessel
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