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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Bettler
Eingestellt am 06. 02. 2010 16:56


Autor
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Gernot Jennerwein
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Jeden Tag sitzt er an der gleichen Stra├čenecke. Oftmals gehe ich an ihm vorbei, als w├╝rde ich ihn nicht bemerken, aber eines Tages bleibe ich stehen.

"Sagen Sie mein Herr, haben Sie denn keinen Hut?"

Er hebt seine Augen und sieht mich an. "Warum sollte ich einen Hut tragen?"

"Nicht zum Tragen", sage ich nachsichtig, "einen, den Sie vor sich auf das Pflaster legen, damit der eine oder andere wohlwollende Mensch sein Mitleid bekunden und es klimpern lassen kann. Eine kleine Sch├╝ssel aus Blech, wenn m├Âglich arg verbeult, erf├╝llt denselben Zweck."

Er blickt mich erstaunt an. "Ich bin doch kein Bettler, wie kommen Sie auf diesen abwegigen Gedanken?"

"Ja, ich dachte ÔÇŽ, ich glaubte ÔÇŽ, was treiben Sie sonst hier auf der Stra├če?"

Beinahe mitleidig sieht er mich an. "Aha, so denken Sie also ├╝ber mich. Da irren Sie aber gewaltig, mein lieber Freund. Ich sitze nur hier, weil ich ├╝berz├Ąhlig geworden bin. Es hat mich im Leben ausgehoben und ich brauche mir dar├╝ber nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Keine Arbeit wartet auf mich und darum sitze ich hier. Es ist mein Gl├╝ck und mit niemandem m├Âchte ich tauschen."

"Aber sagen Sie", werfe ich ein, "st├Ârt es Sie denn nicht, wenn die Menschen immer so schr├Ąg auf Sie hinunter schauen?"

"Nein, keineswegs, es kommt immer darauf an, von welcher Seite man es betrachtet. Nehmen Sie Platz und sehen Sie selbst, mein Herr."

Ich schaue nach links und rechts und setze mich.
Als ich eine Zeit lang da so neben ihm sitze und hinauf zu den vorbeigehenden Menschen sehe, wird es mir begreiflich, was er meint. Auf einmal bin ich f├╝r niemanden von Interesse. Ein seltsames, leichtes Gef├╝hl, das sich nirgendwo einordnen l├Ąsst, macht sich in mir breit.

Er bemerkt mein Staunen. Wir freuen uns zusammen und tuscheln hinter vorgehaltener Hand, wie zwei Diebe, die mit ihrem Tuscheln alleine sein m├Âchten.

Nach einer Weile sagt er zu mir, dass meine Kleider zu vornehm seien, und dass ich das Gef├╝hl mit all seinen Vorz├╝gen nicht v├Âllig auskosten k├Ânne. Aber er ist klug und wei├č Rat. Wir tauschen unsere Sachen und ich gestehe mir ein, er hat recht. In seinen Lumpen finde ich es grandios.

Auf einmal steht er auf und sagt, er wolle sich die F├╝├če ein wenig vertreten. Er geht davon und ich sehe ihm hinterher.

Es dauert jedoch nicht lange und er kehrt zur├╝ck. Er hat ein bisschen Brot und Wurst mitgebracht. Er setzt sich wieder neben mich und wir lassen es uns schmecken.


Version vom 06. 02. 2010 16:56
Version vom 07. 02. 2010 07:03
Version vom 07. 02. 2010 07:26

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Herbstblatt
H├Ąufig gelesener Autor
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Ja, Gernot,
irgendwie hat es gefehlt. Mein erster Impuls beim Lesen war: siehste, und wieder einer reingelegt!

Ist es nicht schlimm, dass man immer gleich den schlechtesten Fall annimmt??? Ich sollte mir ├╝ber mein Menschenbild Gedanken machen..

Sonnt├Ągliche Gr├╝├če vom
Herbstblatt

__________________
Lesen gef├Ąhrdet die Dummheit.

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Bianka
Hobbydichter
Registriert: Mar 2010

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Hallo lieber Gernot,

Du schreibst in dieser Episode von der Entdeckung der Sehnsucht, umbemerkt sein zu d├╝rfen? Ohne sich rechtfertigen zu m├╝ssen mit einem ebenb├╝rtigen Freund an der Seite?

Mir hat besonders der achtungsvolle Ton und die gegenseitige Nachsicht gefallen, mit welcher Deine Prots miteinander umgehen. Feine Basis f├╝r Gl├╝ck, stimmt. Denn wer so aus freien St├╝cken mit anderen umgeht, kann es auch mit sich selbst.

Der Hintergrund, den Du f├╝r dieses Gef├╝hl zu transfirieren gew├Ąhlt hast, k├Ânnte kein besserer sein. Erst wenn wir aussteigen aus der Maschinerie, funktionieren zu m├╝ssen, finden wir uns selbst. Und das Gl├╝ck unabh├Ąngig zu sein.

Es sehen viel zu wenige. Daran erinnert diese Geschichte. Ich tr├Ąume auch diesen Traum. Gut gemacht.

Liebe Gr├╝├če,
Bianka
__________________
Ich mag verdammen,was du sagst,aber ich w├╝rde mein Leben einsetzen, dass du es sagen darfst. Voltaire

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