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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Geburtstagsbesuch
Eingestellt am 11. 09. 2017 14:07


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Maribu
???
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Der Geburtstagsbesuch

Es war kurz nach zehn Uhr als es klingelte.
So fr├╝h erwartete sie noch niemanden. Die Nachbarn hatte sie nachmittags zum Kaffee eingeladen. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn waren beide berufst├Ątig und hatten sich erst f├╝r den fr├╝hen Abend angek├╝ndigt.
Vorsichtshalber l├Âste sie nicht die Kette und blickte durch den T├╝rspalt auf einen Mann im Rentenalter, den sie nicht kannte.
"Mein Name ist Burmeister. Sie m├╝ssen keine Angst haben, Frau Heitmann!" Er lachte. "Ich bin aus dem Kirchenvorstand und soll Ihnen noch pers├Ânlich alles Gute w├╝nschen."
Sie lie├č ihn herein und ging mit ihm ins Wohnzimmer, wo sie ihm den Sessel anbot und sagte: "Ich gehe kurz in die K├╝che und werde Kaffee aufbr├╝hen."
Es ist ein typischer "Alte-Leute-Haushalt", stellte er fest. Die Couchgarnitur war bestimmt noch die zweite ihres Lebens. Der rote Veloursstoff war ausgeblichen und ziemlich abgewetzt. Die Polsterung des Sessels derart ausgeleiert, dass er Schwierigkeiten hatte, wieder hochzukommen. Ein wuchtiger Schrank in dunkler Eiche mit Vitrinenteil nahm die hintere Zimmerwand ein. In der Mitte des unteren Teils war eine Nische ausgef├╝llt mit B├╝chern. Einige Klassiker mit Lederr├╝cken, getrennt durch Duden und Bibel, von Hartcover- und Taschenb├╝chern. Die Heilige Schrift stand ausgerechnet neben
"Fifty Shades of Grey"!
Vor den B├╝chern waren vier eingerahmte Fotografien platziert.
Ein Junge in verschiedenen Altersstufen vom S├Ąugling bis ungef├Ąhr zum zehnten Lebensjahr.
Als sie mit einem Tablett zur├╝ckkam, versank er wieder im Sessel und sagte: "Das ist bestimmt Ihr Enkel!"
Frau Heitmann winkte nur ab, als wollte sie sagen: 'Erw├Ąhnen Sie ihn nicht!' Schweigend schenkte sie Kaffee ein und schob den Teller mit den Keksen an seine Seite.
Er f├╝hlte sich verpflichtet zu sagen: "Das w├Ąre nicht n├Âtig gewesen! Ich wollte ja nur noch im Namen der Gemeinde pers├Ânlich gratulieren."
"Ja, das ist eine nette Geste, Herr Burmeister, aber wenn ich ehrlich bin, vermisse ich den Blumenstrau├č!"
Er tat etwas verlegen. "Ja, das stimmt! Unserer Gemeinde geht es finanziell schlecht. Gerade unser Bezirk hatte letztes Jahr wieder sehr viele Kirchenaustritte. Deshalb beschr├Ąnken wir uns auf die Anzeige in unserem monatlichen Gemeindebrief. Normalerweise nur f├╝r runde Geburtstage." Und jetzt schmunzelnd: "Bei Ihnen haben wir eine Ausnahme gemacht. Der f├╝nfundsiebzigste ist nat├╝rlich auch ein besonderer!"
"Ja, da haben Sie recht! Mein Mann ist vor sechs Jahren, kurz vor seinem 69. Geburtstag, gestorben. Ich kam vom Einkaufen. Der Sessel, in dem Sie sitzen, war sein Platz. Er sa├č da wie immer, die Zigarre halb herunter geglimmt noch im Mund, und bewegte sich nicht. Im Fernsehen lief gerade eine Kochsendung." Sie machte eine kurze Pause. "T├Âdlicher Herzinfarkt, obwohl er nie ├╝ber Herzbeschwerden geklagt hat."
Das ist die Konsequenz, wenn man die Polsterung durchsitzt und vor Langeweile eine Zigarre nach der anderen qualmt, dachte er und antwortete: "Eigentlich ein sch├Âner, friedlicher Tod ohne langes Leiden, aber f├╝r Sie sicherlich erst mal ein Schock!"
"Ja, aber meine Tochter und mein Schwiegersohn haben mich aufgefangen und wieder aufgebaut."
"Die kommen doch bestimmt mit Ihrem Enkelkind heute noch zu Besuch."
"Ohne Enkelkind!", antwortete sie energisch."Von dem habe ich gestern eine Ansichtskarte mit Geburtstagsgru├č aus Freiburg bekommen."
Herr Burmeister lachte. "Da fehlen dann die Anschluss-Fotografien auf Ihrem Schrank."
Sie winkte wieder ab. "Seit ├╝ber einem Jahr hat er mich nicht besucht. Als er vor drei Monaten bei seinen Eltern war, hatte er angeblich keine Zeit. Er musste unbedingt Klassenkameraden wiedertreffen."
"Was macht er in Freiburg?"
"Er studiert Wirtschaftsinformatik."
"Wenn er damit durch ist, wird er auch wieder Zeit f├╝r seine Oma haben", tr├Âstete Herr Burmeister.
Er trank seine Tasse leer und sagte: "Ich will Sie nicht l├Ąnger aufhalten. Vielleicht kommt gleich der n├Ąchste Besuch."
Sie standen auf. Frau Heitmann nahm aus einem Schrankfach eine Zigarrenkiste, die mit einem roten Einweckgummi beringt war, und dr├╝ckte sie Herrn Burmeister in die Hand. "Jede Woche habe ich da zwei Euro f├╝r ihn reingelegt. Es m├╝ssen inzwischen ├╝ber einhundert sein. Wenn er nicht kommt, hat er sie auch nicht verdient! Nehmen Sie sie mit, wo es unserer Kirchengemeinde so schlecht geht."
Er verzog das Gesicht. "Es tut mir leid, dass ich da unbewusst einen wunden Punkt getroffen habe! Ich kann das Geld, das f├╝r Ihren Enkelsohn gedacht war, eigentlich nicht annehmen!"
"Doch! Betrachten Sie es als Spende f├╝r einen sozialen Zweck!"
Er klemmte sich die Kiste unter den Arm und gab ihr die Hand.
"Auf Wiedersehen und vielen Dank!"
Als er drau├čen war, musste er schmunzeln. Trotz Sympathie und Mitgef├╝hl f├╝r Frau Heitmann hatte er keine Gewissensbisse. Wegen seines kleinen Einkommens konnte er das Geld gut gebrauchen. Sie sprach ja selbst von einem sozialen Zweck!
Morgen oder ├ťbermorgen - er musste im Gemeindebrief noch mal nachschlagen - stand ein 80igster Geburtstag an. Vielleicht k├Ânnte er auch dort mit der Mitleidsmasche der verarmten Gemeinde seine Rente "aufstocken"?! ├ťberm├╝tig sch├╝ttelte er die Kiste und genoss das Ger├Ąusch der scheppernden M├╝nzen.

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Carmen Engel
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Hallo Maribu,

habe mit Interesse Deine KG gelesen. Solche Maschen werden ja leider immer wieder abgezogen. Das Thema finde ich daher gut gew├Ąhlt.
F├╝r die Umsetzung h├Ątte ich mir noch ein bisschen mehr Biss gew├╝nscht.
Lass die alte Dame doch noch verbitterter sein. Das versch├Ąrft den Konflikt.
z.B. hier:
"Ohne Enkelkind!", antwortete sie energisch.
Wie w├Ąr┬┤s mit "schnaubte sie"?

Oder auch so:
Sie winkte wieder ab. "Seit ├╝ber einem Jahr hat er mich nicht besucht.

Ihr Zeigefinder fuhr in die Luft. "Seit ├╝ber einem Jahr hat er mich nicht besucht."

Abgesehen davon machst Du nach dem Anfang einen Perspektivwechsel, der mich verwirrt hat. Zuerst erz├Ąhlst Du aus der Perspektive der alten Dame. Dann wechselst Du in die von Herrn Burmeister und bleibst den Text ├╝ber bei seiner. Da solltest Du Dich f├╝r eine Perspektive entscheiden und diese konsequent den ganzen Text umsetzen.

Viele Gr├╝├če
Carmen

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Blumenberg
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Hallo Maribu,

ich habe deine Geschichte gelesen und h├Ątte ein paar Anmerkungen. Zun├Ąchst teile ich die Einsch├Ątzung meiner Vorrednerin, was den Perspektivwechsel betrifft, den w├╝rde ich ebenfalls weglassen.

Daneben sind mir ein paar sprachliche Kleinigkeiten aufgefallen, die ich pers├Ânlich anders machen w├╝rde. Vielleicht helfen die Hinweise ja ein wenig weiter.

"Es ist ein typischer "Alte-Leute-Haushalt", stellte er fest."

Ich an dieser Stelle nicht so sehr erz├Ąhlen, lass es doch den Leser selbst festellen, dazu reicht die Beschreibung des Zimmers v├Âllig aus.. Mein Vorschlag. "Er sah sich im Zimmer um, ein typischer Alte-Leut-Haushalt...usw.

"T├Âdlicher Herzinfarkt, obwohl er nie ├╝ber Herzbeschwerden geklagt hat."

Hier w├╝rde ich das t├Âdlich streichen, da ja vorher schon klar ist, dass der Mann gestorben ist.

"Vielleicht kommt gleich der n├Ąchste Besuch."

Warum vielleicht? Passt hier Wahrscheinlich als Vermutung nicht besser?

"sozialen Zweck!"

Die umgangssprachlichere Redewendung hei├čt eher guter Zweck oder?

Die Wendung am Schluss finde ich ganz nett und ein bisschen b├Âse. Was mich zu Beginn etwas st├Ârt ist die Fifty Shades of Grey Erw├Ąhnung, die dient in meinen Augen nicht wirklich einem Zweck in der Geschichte. Zum einen ist das schon zu h├Ąufig benutzt um ein bisschen Peinlichkeit zu streuen. Au├čerdem ist das in meinen Augen auch kein Buch was sich dazu besonders gut eignet. Im pr├╝den Amerika war das vielleicht ein Schocker, hier hat es lediglich den Verkauf von Kabelbindern im Baumarkt angekurbelt, ohne zu schockieren.

Beste Gr├╝├če

Blumenberg

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Maribu
???
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Der Geburtstagsbesuch

Hallo Carmen,

danke f├╝r Deinen Kommentar!
Ja, das mit der "Versch├Ąrfung" ist Geschmackssache; f├╝r mich war die alte Dame nicht so verbittert, sie sah es nur realistisch.

Was die Perspektive angeht, meine ich, es als "Erz├Ąhler"
her├╝bergebracht zu haben, der die beiden in einen Dialog bringt.

Lieben Gru├č
Maribu (der)

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Der Geburtstagsbesuch

Hallo Blumenberg,

auch Dir vielen Dank f├╝r die Kritik!

Wegen des "Perspektivwechsels" habe ich ja schon Carmen
geantwortet. Der setzt gerade dadurch ein, dass er das feststellt:
"Es ist ein typischer 'Alte-Leute-Haushalt' Danach erfolgt dann die Begr├╝ndung.
"T├Âdlicher Herzinfarkt" ist direkte Rede; in der man alles sagen darf!
'Sozialer Zweck' passt in diesem Fall, weil die alte Dame an Kindergarten, Altenbetreuung oder an einen Basar gedacht hat.

'Fifty Shades of Grey' neben der Bibel w├╝rde mir pers├Ânlich ein wenig makaber vorkommen.

Lieben Gru├č
Maribu

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