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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Hirtenjunge
Eingestellt am 08. 07. 2016 23:38


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Eremit
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Der Hirtenjunge

Jon war ein kr√§ftiger Bursche von sechzehn Jahren, als ihn seine Familie zum ersten Mal auf die Alm schickte. Er verbrachte den Sommer ganz allein mit den K√ľhen und als er im Herbst nach Hause zur√ľck kehrte, stellte er fest, dass es ihm dort oben besser gefallen hatte.
Als siebtes von elf Kindern war er, wie viele junge M√§nner, verpflichtet einige Jahre f√ľr das gesammelte Vieh des Dorfes zu sorgen. F√ľr ihn war diese Arbeit jedoch bald existenziell. Er w√ľrde nicht erben k√∂nnen, vielleicht noch nicht mal heiraten.
Als dann die schwarzen Pocken kamen und Jon vier seiner Geschwister verlor, war er zweiundzwanzig Jahre alt. Pl√∂tzlich sah es so aus, als w√ľrde er den Hof √ľbernehmen k√∂nnen. Niemand verstand, als er diese Aussicht freiwillig abgab. Er lie√ü sein Erbe auf den n√§chsten Bruder √ľberschreiben und verlangte nichts weiter, als die Arbeit zu tun, die er nun seit sechs Jahren verrichtet hatte.
Wenn er im Herbst von der Alm kam, verhielt er sich wortkarg, ja m√ľrrisch. Im Winter gab es auf einem Hof entgegen weit verbreiteter Ger√ľchte nicht weniger Arbeit als im Sommer. Alles √ľber den Sommer Liegengelassene wurde erledigt. Z√§une mussten ausgebessert werden, Ger√§te repariert und in Stall und Wald allerlei erledigt werden. Die Frauen flickten die Kleidung und W√§sche, Flachs und Wolle wurden gesponnen und verarbeitet. Jon dr√ľckte sich nicht vor seinem Anteil an der Arbeit. Aber bald schon bemerkte seine Familie, dass er am liebsten allein unterwegs war, einsam arbeitete. Wann es nur ging, nahm er Abstand von jeglicher Gesellschaft. Und wenn das unm√∂glich war, sah man selten ein L√§cheln in seinem Gesicht, oder h√∂rte ein Wort von ihm.
Merkw√ľrdigerweise nahm ihm dieses Verhalten jedoch niemand √ľbel, weder Familie noch Nachbarn. Jon war ein h√ľbscher junger Mann, doch die Stille war in seine Ausstrahlung eingewoben, niemand konnte sich vorstellen, dass er anders als eben so sein k√∂nnte. Jon war der Einzelg√§nger, Jon war der Eremit. So wichtig war ihm seine Freiheit, dass er sogar auf sein Erbe verzichtet hatte.
Aber niemand verlor so wenig Vieh, sorgte so liebevoll f√ľr die K√ľhe auf der Alm.
Die Jahre verstrichen und Jon alterte in W√ľrde. Seine Haut war nussbraun, durchzogen von vielen Falten. Aus den kr√§ftigen Handr√ľcken wuchsen dicke Adern. Manchmal l√§chelte er nun, besonders wenn er die Kinder seines Bruders spielen sah. Aber in allt√§glichen Gespr√§che lie√ü er sich nicht verwickeln. ‚ÄěJa‚Äú, und ‚ÄěWird schon‚Äú war alles was man von ihm h√∂rte.
Eine seiner Schwestern weinte oft, wenn sie an den Winterabenden bei ihm saß. Sie suchte seine Nähe, aber sie erklärte nicht, warum die Tränen flossen, und Jon fragte nie.
Auch die Hunde ließen sich gerne rund um ihn nieder und fast immer saß eine Katze auf seinem Schoß. Die Familie vermehrte sich, Kinder kamen und gingen, Ehen wurden geschlossen und Krankheiten durchlitten. Aber Jon lächelte nur zu all diesen Ereignissen. Die Stille lag wie ein undurchdringlicher Panzer um ihn herum. Wenn er den Weg nach oben, auf die Alm, suchte, hinterließ seine Abwesenheit eine gähnende Leere. Obwohl er nicht sprach und meistens allein sein wollte, fehlte Jon den Bewohnern des Hofes. Es war schwer zu verstehen. Doch es gab immer genug Arbeit, so viel Arbeit, niemand hatte Zeit tiefen Gedanken nachzuhängen.
Ich w√ľnschte mir, einer von Jons Verwandten h√§tte ihn einmal gefragt.
‚ÄěWas ist Gl√ľck?‚Äú So stelle ich mir die entscheidende Frage vor.
Und er h√§tte geantwortet: ‚ÄěUnabh√§ngigkeit.‚Äú
Jemand, den es leider in Wirklichkeit nicht gab, h√§tte nachgehackt: ‚ÄěWas ist Unabh√§ngigkeit?‚Äú
‚ÄěAllein sein k√∂nnen.‚Äú
Jon, den das Schicksal mit dieser Erfahrung vertraut gemacht hatte, w√ľrde nicken, l√§cheln. Und in seinem Blick endlich einmal das innere Licht, das niemand zu verstehen wagte.
Denn die Konsequenzen.....

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aligaga
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Registriert: Sep 2014

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Dass in vielk√∂pfigen Bauernfamilien zu einer Zeit, als es die Pocken noch gab und die Almwirtschaft ohne EU-Subventionen √ľber die Runden kommen musste, immer auch Sonderlinge lebten und man ihr Anderssein ohne weiteres hinnahm, ist nichts Besonderes. Autismus war damals noch keine Krankheit, und der Inzest unter Geschwistern zwar ge√§chtet, aber gleichwohl viel ge√ľbt.

Leider gelangt das Texterl, das alles andere ist als eine Kurzgeschichte, √ľber eine oberfl√§chliche Sachdarstellung nicht hinaus. Das l√ľhrische Ich, das am Ende pl√∂tzlich auftaucht, stellt im Grunde genommen die Fragen, die der Text nicht beantwortet, noch einmal und doppelt damit die Einfalt des St√ľckes.

TTip: Aus der Vorlage kein banales Endlos-Geraune, sondern etwas Konkretes machen, wo deutlich wird, wovor der Protagonist flieht, warum nur eine Schwester teilnahmsvoll ist und, vor allem, dass in Eremiten keine "inneren Lichter" leuchten, sondern die Flamme, die in jedem menschlichen Wesen brennen sollte, erloschen ist.

Ein Eremit ist so ziemlich die langweiligste Person, die man sich denken kann. Interessant wäre nur, wie es so weit mit ihr kommen konnte. Vielleicht ist es ja - wie so oft! - nur ein Heuchler, der Nachts aus dem Sarg steigt und Jungfern schändet?

Froh und munter

aligaga

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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
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Werke: 39
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Lieber Eremit!

Ein wunderbarer Text um einen Menschen, der mit sich und der Natur im Einklang lebt und sich selbst genug ist.

quote:
. Und in seinem Blick endlich einmal das innere Licht, das niemand zu verstehen wagte.
Fehlt hier nicht das Verb?

Nur den letzten Satz verstehe ich nicht ganz. Was meinst du mit Konsequenzen?

Gruß, Hyazinthe
__________________
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Eremit
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Registriert: Jun 2016

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Hallo Hyazinthe,

danke f√ľr das positive Feedback!
Im letzten Satz wollte ich andeuten, dass die Konsequenz solcher Selbstgen√ľgsamkeit ein Gl√ľck ist, das die Menschen ihr ganzes Leben lang suchen.
Finden kann man es jedoch nur in sich selbst.
In der Tradition von Eremiten wird den weltlichen Dingen eine untergeordnete Rolle zugeordnet.
Auch das ist eine wichtige Konsequenz von Jons Leben: die anderen Menschen m√ľssen sich fragen, ob die Jagd nach Geld, Macht oder Erfolg nicht sinnlos ist.

Liebe Gr√ľ√üe,
Eremit

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