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Leselupe.de > Horror und Psycho
Der Maestro
Eingestellt am 11. 07. 2003 18:31


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putorius
Hobbydichter
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Der Maestro

Ich verdiene als Pianist ein kleines Zubrot und spielte sogar eine gewisse Zeit lang in dem recht angesehenen Radiosymphonieorchester einer Großstadt, deren Name ebenso wenig von Bedeutung ist wie der meine. Die wenigen Monate bei diesem Orchester prĂ€gten mein Leben mehr als alles andere zuvor und wohl auch danach. Darum will ich nun davon erzĂ€hlen.
Es begann an einem kalten Novembertag mit grauen Wolken, die vom Herbstwind ĂŒber den Himmel gepeitscht wurden. Schnee lag schon seit Tagen in der Luft und ich war froh, endlich ins warme Innere der Konzerthalle eingelassen zu werden, wo eine abschließende Probe zu Franz Liszts erstem Klavierkonzert stattfinden sollte. Aber schon im Foyer fiel mir eine ungewohnte Unruhe unter den anderen Orchestermit-gliedern auf. Ich entdeckte den Dirigenten etwas abseits nahe der unbesetzten Garderobe in ein GesprĂ€ch mit einem Fremden vertieft. Ich hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen, aber seine aufrechte Haltung, die wenigen, aber ungleich ausdrucksstarken Gesten und auch der makellose Sitz seines schwarzen Anzuges zogen mich gegen meinen Willen in ihren Bann. In meiner Ledertasche hatte ich die Partitur des Konzerts. Ich holte sie als Ansatzpunkt fĂŒr ein GesprĂ€ch heraus und steuerte geradewegs auf die zwei MĂ€nner zu. Mein Dirigent bemerkte mich sogleich, woraufhin er mir kurz zulĂ€chelte und dem Fremden gesenkten Hauptes etwas zuzuflĂŒstern schien. Als ich die beiden erreicht hatte, begrĂŒĂŸte ich meinen Dirigenten, der mir mit beinahe achtungsvoller Freude den Fremden als einen gewissen Igor Newitsch vorstellte. Newitsch, der seine HĂ€nde stets hinter dem RĂŒcken verborgen hatte, schenkte mir ein elegantes Nicken zur BegrĂŒĂŸung.
Mein Dirigent schilderte mir Newitsch als kaukasischen Dirigenten, der sich nach langem Zögern dazu durchgerungen hatte, an europĂ€ischen KonzerthĂ€usern zu gastieren. Da er kein eigenes Orchester hatte, bot ihm mein Dirigent an, am folgenden Tage das Konzert mit unserem Orchester aufzufĂŒhren. Das erstaunliche bei der Angelegenheit war, dass Newitsch darauf verzichtete, auch nur einen Takt ohne Publikum zu ĂŒben, da er laut meines Dirigenten weder deutsch noch englisch, noch eine andere gelĂ€ufige Sprache beherrschte. So wurden wir also alle nach Hause geschickt, um uns am nĂ€chsten Tag, dem Tag des Konzerts, am Hintereingang zu treffen.


Es war noch kĂ€lter geworden und wir froren alle in der KĂ€lte, die den Bereich beim Hintereingang in eine wahre Eishölle verwandelte. Zum GlĂŒck waren wenigstens unsere Instrumente im Warmen. Dann schloss jemand die EisentĂŒre auf, die gerĂ€uschlos nach innen aufschwang. Licht und WĂ€rme strömten uns entgegen, Zigaretten wurden ausgetreten, Mobiltelefone abgeschaltet und RucksĂ€cke geschultert, dann drĂ€ngten wir hinein. Es waren noch zehn Minuten bis zum Konzertbeginn und jeder versuchte die KĂ€lte aus den Fingern zu reiben, wobei nicht nur mir schleierhaft zu sein schien, wie man mit steifen Fingern ein Konzert geben sollte, und das auch noch mit einem Fremden, von dem man so gut wie gar nichts wußte. Sogar noch auf dem Weg auf die BĂŒhne tauschte jeder mit seinen Orchesterfreunden Kommentare des Unmuts aus, redete sogar schon von einem peinlichen Fiasko, ohne dass auch nur eine Note gespielt war. Mir fiel hingegen nur auf, dass ich Igor Newitsch an diesem Tage noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.
Mit dem zweiten Gong wurden die SaaltĂŒren geschlossen, und das Licht in der Konzerthalle war bereits gedimmt als wir mit einem bangen GefĂŒhl in der Magengrube, aber unter höflichem Willkommensapplaus unsere PlĂ€tze einnahmen. Erwartungsvolle Stille fĂŒllte den Saal als vierhundert Augenpaare ihren Blick auf die TĂŒre hefteten, durch die Newitsch eintreten sollte. Dann kam er. Die besagte TĂŒre öffnete sich und Igor Newitsch trat ein. Er trug einen feinen Frack mit weißem Kummerbund und teure italienische Schuhe. Auf seinem ganzen Weg von der TĂŒre bis zum Dirigentenpult schenkte er weder dem Orchester noch dem unsicher applaudierenden Publikum einen Blick. Dann erloschen alle Lichter bis auf die, welche die BĂŒhne erhellten, und Newitsch drehte sich dem Orchester zu. Er schien sich kurz zu sammeln, dann griff er sicher zum Taktstock, hob ihn ĂŒber den Kopf und senkte ihn mit einem energischen Ruck. Die Celli und die BlĂ€ser setzten zum beherrschenden Hauptthema des Satzes an, dann folgte wenige Sekunden spĂ€ter auch schon mein Einsatz. Die schwierigen LĂ€ufe zu Beginn gelangen mir erstaunlich gut und selbst der sich anschließende langsame Abschnitt, der allein dem Piano gewidmet war, floss förmlich von meinen Fingern in das Elfenbein der FlĂŒgeltasten. Als dann das Orchestertutti einsetzte schien der Konzertsaal seine Begrenzungen zu verlieren. Aber das nahm ich nicht bewusst wahr, denn es war die Musik, die mich in ihrem tosen mit sich sog. Obwohl ich das StĂŒck noch nicht gut genug kannte, hatte ich irgendwann aufgehört die Noten umzublĂ€ttern, denn allzu logisch sponn sich die Melodie weiter. Eine Note ergab wie von selbst die nĂ€chste. Jedes mal wenn ich zu Newitsch aufsah, sah ich, wie mit jeder Armbewegung die Musik aus seinen HĂ€nden zu fluten schien. Die einzelnen Musiker mussten sie nur auffangen, und ihre Instrumente zauberten daraus ein Gesamtkunstwerk, das der Weltschöpfung in nichts nachstand. Eine dĂŒstere Brillanz durchwob die Luft mit betörenden KlĂ€ngen, gleich einem Parforce-Ritt durch finster bedrohliche Tiefen und engelsgleich berauschende Höhen. Ich war gefangen von meiner eigenen Interpretation. Dabei trug mich das Orchester mit silbernen Schwin-gen in himmlisch höllische SphĂ€ren, wĂ€hrend sich die Tasten unter meinen Fingern die richtigen Noten selbst zu suchen schienen. Doch das Zentrum dieses Rausches blieb der Maestro Igor Newitsch. Er war der Mittelpunkt des Strudels, die Nabe des MĂŒhlrades, ja, selbst den Vergleich mit dem Zentrum des Universums scheue ich heute nicht. Wenn er den Taktstock senkte, brach ein Vulkan aus, wenn er ihn sachte zur Seite strich, erschuf er Morgenluft und wenn er ihn von sich weg stieß bebte die Erde. Er malte die Musik auf eine Leinwand aus KlĂ€ngen.
Das Konzert endete in einem fulminanten Finale und die abrupte Stille ruhte steinern im Saal. Meine Kollegen saßen entgegen ihrer sonstigen Natur regungslos mit Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe, den Blick vor sich ins Nichts gerichtet auf den StĂŒhlen; Newitsch stand einer Statue gleich. Mit abwĂ€rts gerichteten Armen und in den Nacken geworfenem Kopf schaute er mit geschlossenen Augen nach oben. Auch vom Publikum kein Laut. Dann, nach schier endlos wirkenden zehn HerzschlĂ€gen, setzte frenetischer Jubel ein, der orkangleich anschwoll und sich, begleitet von stehenden Ovationen, auf die BĂŒhne ergoss, wo Igor Newitsch noch immer stand. Er hatte sich inzwischen umgedreht und nahm die Ehrerbietungen und Bravo-Rufe emotionslos entgegen. Eine kurze Verbeugung beim Empfang des obligatorischen Blumenstraußes und dann verließ er den Konzertsaal, ohne ein weiteres mal wieder zu erscheinen.
Das war meine letzte Begegnung mit Igor Newitsch – beinahe zumindest. Jetzt, sechs Monate nachdem dies alles stattgefunden hatte, lese ich ein von der Musikwelt unbe-achtetes Buch von ihm, dem Maestro, der mein Klavierspiel so nachhaltig geprĂ€gt hat. Seit diesem Ereignis sehe ich die Musik mit anderen Augen, und mit jeder weiteren gelesenen Seite verstehe ich mehr und mehr vom Wesen der Musik. Doch nun muss ich zum Ende kommen, denn die Schrift ist fĂŒr moderne Augen ermĂŒdend und nur schwer zu lesen. Aber so ist das bei BĂŒchern, die im Jahre 1879 gedruckt worden sind.

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putorius

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Marcus Richter
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Hallo Putorius,
kurz, kurzweilig, das Thema des Grafen von Saint Germain aufgegriffen - nicht gerade weltbewegend umgesetzt,
aber hey, es ist halt kurz.

Ein wenig mehr Inhalt hÀtte mir gefallen,
gruss, Marcus
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Durs GrĂŒnbein

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putorius
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Danke fĂŒr den schnellen Kommentar. Parallelen sind zufĂ€llig, denn die Inspiration kam mir vor ein paar Tagen bei einer Korngold-Dokumentation im Fernsehen.

Ich werde mir das zitierte Werk nichts desto trotz mal vornehmen. (Wenn auch vornehmlich aus Neugier.)






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putorius

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Marcus Richter
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Mhm, da wirst du wohl ein wenig tiefer graben mĂŒssen. Denke nicht, daß es sich um ein Komplettwerk handelt. Diese Figur soll es tatsĂ€chlich gegeben haben - oder besser huhu - immer noch geben. Hab selber noch nicht in die Richtung recherchiert.
Aber ich bin sicher, es ist mehr als interessant und höchst mysteriös.

Viel spass beim Geschichts und SagenbĂŒcher wĂ€lzen.

Gruss, Marcus
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