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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Murmelkönig
Eingestellt am 13. 07. 2016 17:10


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Charybdis
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Es war die Zeit, in der Kinder zum Spielen auf die Straße gingen, als es noch keine Handys und Tablets gab, keine Spielekonsolen und auch keine gefühlten neunhundertneunundneunzig Fernsehprogramme.

In dieser Zeit trafen sich die Kinder der Gartenstraße in Neuunteraudorf auf dem Feld hinter dem letzten Haus. Dort, wo der Boden besonders fest war und der Bauer extra nicht pflügte, da ebendort die Kinder so gerne spielten. Gerade war Murmeln schwer angesagt bei ihnen, und der ungekrönte König war Henry. Niemandem gelang es, so elegant wie Henry die Glaskugeln über die unebene Fläche in Richtung der Kuhle zu schnipsen, zu werfen, zu schieben. Es war egal, welche Regeln sie aufstellten – Henry beherrschte alle Techniken schon nach kurzer Zeit am besten. Und natürlich liebte Henry dieses Spiel. Wer wollte nicht gerne der Erste sein im täglichen Kampf um den Besten, Schnellsten, Größten oder Stärksten? In den meisten Kategorien war Henry höchstens Mittelmaß, doch hier, beim Murmelspielen, hier hatte er seinen Platz an der Sonne gefunden.

Natürlich gab es auch Neider: Olaf, den Hünen, den dumben Haudrauf, dessen Finger so gewaltig waren, dass er die kleinen Murmeln meistens viel zu weit stieß. Oder Lothar, den Schnellsten unter ihnen, der erst damit zurecht kommen musste, dass es auch andere Sieger neben ihm geben konnte. Doch die meisten Kinder hatten kein Problem damit, dass es ausgerechnet Henry war, der schon seit Tagen, wenn nicht seit Wochen, beim Murmeln dominierte. Warum auch? Spätestens nach den Sommerferien, die vor der Tür standen, würde es irgendein neues Spiel geben, das sie dann ausgiebig betreiben würden. Noch aber war es motivierend, eben Henry wenigstens ein, zwei Mal beim Murmeln zu schlagen, und einigen gelang dies recht gut. Beispielsweise Dirk, dem Fußballtorwart, der so nicht nur Geschick beim Fangen von Bällen zeigte, oder der altklugen Margot, die nicht nur einen viel zu unmodernen Namen trug, sondern stets so wirkte, als hätte sie schon deutlich mehr als nur ihre zwölf Lebensjahre erlebt.

Eigentlich, so dachte Henry eines Tages, eigentlich war die Welt in Neuunteraudorf in Ordnung. Zumindest war sie es bis vor wenigen Tagen gewesen. Sicherlich war es nicht besonders lustig, wenn sich Olaf, dieses tapsige, aber leider sehr kräftige Riesenbaby auf einen warf, weil er es lustig fand, wenn der unten Liegende Staub und Sand einatmen musste. Sicherlich war es auch nicht besonders lustig, wenn Lothar sich darüber amüsierte, dass er ja schon längst eine Limo trinken könne, während Henry sich noch über die letzten Meter der Rennstrecke quäle müsse. Und sicherlich waren auch Margots unerträgliche Ergüsse über alles und jeden schwer nervig. Nur, so war es eben. So war es schon immer, denn sie waren alle zusammen hier aufgewachsen.

Jetzt allerdings, jetzt war dieses diffizile Gefüge von eingespielter Rang- und Hackordnung in Gefahr, denn jetzt war Ralf da, und Ralf gehörte einfach nicht hierher, wie Henry fand.

Ralfs Familie war vor ein paar Tagen nach Neuunteraudorf gezogen, und Ralf brachte einfach alles durcheinander. Nicht nur, dass die hübsche blonde Brigitte, die Henry still verehrte, ohne ihr sagen zu können, dass er gerne mal mit ihr Eis essen gehen würde, nicht nur, dass eben diese hübsche blonde Brigitte kürzlich ausgerechnet zu Henry gesagt hatte: „Ralf ist, glaub‘ ich, ganz in Ordnung.“ Nicht nur, dass Dirk, der Fußballtorwart, ausgerechnet Ralf angeboten hatte, in seiner Mannschaft mitzuspielen. Nicht nur, dass Ralf auch mit dem Rad schneller am Waldrand gewesen war als Henry. Nein, viel schlimmer war, dass Ralf auch noch einfach gut Murmeln spielen konnte.

Er spielte nicht nur gut Murmeln, er spielte sogar sehr gut. Er spielte so gut Murmeln, dass Henry nicht mehr der sichere Seriensieger war. Nein, Ralf gewann häufiger als Henry, und schon nach ein paar Tagen gewann Ralf fast immer.

„Nicht schlecht“, lächelte die blonde Brigitte Ralf zu, als dieser wieder einmal die entscheidende Murmel in der Kuhle versenkte. Und dieses Lächeln versetzte Henry einen Stich ins Herz.

„Wenigstens gewinnt jetzt mal ein anderer als immer nur Henry“, lachte der ruhige Ronny, der sich eigentlich aus allen Streitigkeiten heraushielt. Henry schluckte schwer.

„Na ja“, machte Ralf und zuckte mit den Schultern, „ich habe eben meinen Glücksbringer.“

„Einen Glücksbringer?“ Brigitte rückte neugierig näher und legte sogar ihre Hand auf Ralfs Schulter, so dass Henry sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, ihm nicht gleich vors Schienbein zu treten.

„Ja, hier. Schaut mal.“ Ralf griff in seine Hosentasche und holte eine große Glasmurmel hervor. Sie war viel größer als die, mit denen sie spielten, und in ihrem Inneren waren einige bunte Bänder eingelassen, so dass sie in allen Farben der Welt schimmerte und im Tageslicht glitzerte wie eine kleine eigenständige Sonne.

Henry war fasziniert. Und nicht nur er, denn alle anderen Kinder rückten näher an Ralf heran und wollten einen Blick auf diese Murmel erhaschen. Einige griffen nach ihr, doch Ralf hob sie in die Höhe und rief: „Nur anschauen! Nur anschauen!“

Beinahe ehrfürchtig ging ein Raunen durch die Menge der Kinder, und Henry war angewidert. Wieso lagen diese Idioten diesem Aufschneider nur zu Füßen? Er sah nicht mal besonders aus. Er war auch nirgendwo herausragend, weder der Schnellste, noch der Klügste, noch der Stärkste. Nur beim Murmelspielen…

„Gewinnst du deshalb immer gegen Henry?“ fragte Brigitte.

Immer? Henry wollte protestieren, nur das hämische Gelächter von Olaf, dem Hünen, hielt ihn davon ab. Warum sagte Margot nichts? Sie war doch sonst immer zur Stelle, wenn es um Falsches ging. Sie korrigierte doch sonst immer jeden.

„Ja klar“, brüstete sich Ralf und ballte theatralisch die Faust um die Riesenmurmel. „Das ist der König der Murmeln, das ist der Murmelkönig!“

„Dann spiel doch um den Murmelkönig, verdammt noch mal!“

Alles Gemurmel erstarb, und alle schauten verdutzt zu Henry. Er schluckte schwer. Hatte er das gerade tatsächlich gesagt? Hatte er Ralf, diese blasse Ratte, diesen Störenfried, tatsächlich soeben herausgefordert? Wie blöd war er nur? Ralf, dieser Schleimer, dieser Eindringling, hatte die letzten fünf Spiele gegen ihn gewonnen. Und heute, wenn er es recht bedachte, hatte es für ihn, Henry, nur zu einem einzigen Sieg gelangt. Selbst Dirk, der Torwart, hatte zweimal das Spiel für sich entschieden.

„Du willst gegen mich antreten?“ Ralf verzog vergnügt das Gesicht. „Nun, du sollst ja mal gut gewesen sein, wie Brigitte sagt, aber jetzt? Du verlierst doch ständig.“

Henry kochte vor Wut. Am liebsten hätte er Ralf eine Murmel an den Kopf geschmissen, nur würde das Brigitte bestimmt nicht mögen, dachte er.

„Na, was denn? Erst große Töne spucken und sich dann nicht trauen?“ Ralf setzte noch eins drauf.

Alle schauten gespannt zu Henry, und der wusste: er konnte nicht mehr zurück, ohne gänzlich das Gesicht zu verlieren. Schließlich stieß er hervor, wobei er sich bemühte, besonders selbstbewusst auszusehen: „Ich mich nicht trauen? Pah! Ich schlag‘ dich schon und deinen komischen Murmelkönig.“

„Na schön“, grinste Ralf im Gefühl des sicheren Sieges. „Und was setzt du?“

Was setze ich? Henry spürte, wie ihm Schweißtropfen auf der Stirn standen. Er hatte nichts, was auch nur annähernd so viel Wert hatte wie dieser verdammte Murmelkönig. „Ich…“

„Dein Fahrtenmesser!“

Henry schrak hoch: „Mein…?“ Er liebte sein Fahrtenmesser. Nicht jeder hatte eins, und seines war das schönste und auch das schärfste. Gestern hatten sie im Wald Äste abgeschnitten, und Henrys Messer war allen anderen überlegen gewesen. Nein, er wollte nicht um das Fahrtenmesser spielen. Er wollte es nicht verlieren.

„Traust dich wohl nicht, oder?“

Brigitte kicherte albern, und Olaf nickte so stark, als ob er Ralf auch noch ganz besonders Recht geben musste.

„Natürlich traue ich mich!“ entfuhr es Henry. Mein Messer! Nur, er konnte nicht zurück. Es ging nicht. Warum hatte er nicht einfach seinen Mund gehalten?

Ein Jubel ging durch die Gruppe der Kinder, und Dirk übernahm das Kommando: „Henry und Ralf spielen Der Letzte Gewinnt. Mit fünf Murmeln. Um den Murmelkönig und um das Fahrtenmesser!“

Einige applaudierten, Ralf reckte noch einmal seinen Murmelkönig in die Höhe, Brigitte schaffte es erneut, ihn wie zufällig zu berühren und ganz an seiner Seite zu stehen. Henry konnte nicht mehr hinsehen, tastete nach seinem Fahrtenmesser, das er immer an seinem Gürtel trug. Es war sein ganzer Stolz…

„Los geht’s!“ befahl Dirk und hielt Henry zwei Fäuste entgegen.

Henry wählte die linke Faust, und sie war leer. Ralf begann somit das Spiel. Abwechselnd warfen sie jeder fünf Murmeln in Richtung der Kuhle, und Ralf traf zweimal direkt hinein. Henry hingegen spürte, wie seine Hände zitterten. Eine Murmel landete direkt auf der Kante der Kuhle, eine andere wenigstens in der Nähe, doch die drei übrigen Murmeln waren so weit entfernt, dass sie kaum alle in einem Durchgang zu versenken waren. Ralfs andere Murmeln lagen besser. Eine in der Nähe der Kuhle, die anderen zumindest in Positionen, von denen aus die Kuhle zu treffen war.

Na ja, dachte Henry, wenigstens würde es Ralf auch mit dem blöden Murmelkönig nicht gelingen, alle Murmeln in einem Rutsch in das Loch zu befördern. Aber Ralf war selbstsicher, begann nun, die außen liegenden Murmeln in die Kuhle zu schnippen. Zunächst die von Ralf, die direkt auf der Kante lag, dann eine von seinen, dann beugte er sich zur nächsten. Es sah so spielerisch aus.

„Toll machst du das“, flötete Brigitte.

Ralf war gerade dabei, diese Murmel zu schnippen. Er schaute aber gleichzeitig zu Brigitte, und so ging die Murmel knapp an der Kuhle vorbei.

Ein Aufstöhnen ging durch die Menge. Haben die wirklich erwartet, dass dieser blöde Ralf alle Murmeln sofort versenkt? dachte Henry, als er sich nach der verschossenen Glaskugel bückte und sie die paar Zentimeter bis ins Loch schnippte. Noch habe ich nicht verloren, dachte er. Es geht nur darum, die letzte Kugel zu versenken. Die letzte Kugel entscheidet. Er blickte sich um. Noch waren fünf Kugeln nicht eingelocht. Und drei waren richtig schwer…

„Na los, Henry!“ rief Margot.

„Das schafft er nie!“ ergänzte Lothar.

Na warte! Dir wird‘ ich’s zeigen! Wütend schnippte Henry die nächste Murmel, eine einfache Aufgabe, doch…

Sie rollte am Loch vorbei! Aufstöhnen in der Menge. Olafs Lachen dröhnte in Henrys Ohren, und Ralf verzog siegesgewiss den Mund, während er sich zu dem Fehlläufer bückte, kaum hinschaute, und ihn endgültig in die Kuhle beförderte. Unwillkürlich griff Henry nach seinem Fahrtenmesser.

„Ja“, zwinkerte ihm Ralf zu, „fass es noch mal an. Gleich ist es nämlich meins.“ Er suchte die nächste Murmel, blickte noch einmal zu Brigitte und…

verschoss! Erneutes Aufstöhnen in der Menge. Henry konnte es kaum glauben. Viel zu sehr hatte er sich, so fühlte er, schon mit der drohenden Niederlage abgefunden. Und nun bekam er noch einmal eine Chance. Nur, die letzten Murmeln, sie waren so weit weg, und Ralf war einfach besser. Diese Erkenntnis schmerzte Henry, genauso wie das Verstehen, dass Brigitte vermutlich niemals ein Eis mit ihm essen würde, aber er wollte diese Erkenntnis gar nicht haben. Und er wollte auch sein Fahrtenmesser nicht hergeben.

„Tja, egal“, lachte Ralf. „Soll er’s noch mal probieren.“ Er stand auf und machte Platz für Henry. „Ich habe schließlich den Murmelkönig, und der gewinnt immer!“ Ralf zauberte die Riesenmurmel erneut aus der Tasche und zeigte sie herum, so dass sich sofort wieder alle anderen um ihn versammelten.

Henry bemerkte es erst, nachdem er die nächste Murmel in die Kuhle geschnippt hatte. Alle standen bei Ralf, keiner blickte zu ihm. Die einzige war Margot, die zumindest noch den letzten Treffer gesehen hatte, dann kurz zu den drei weit entfernten Murmeln sah und sich dann endgültig dem Murmelkönig zuwandte.

Und jetzt? Henry starrte auf die drei letzten Kugeln. Es war unmöglich. Es wäre großes Glück. Aber immerhin, es schaute niemand. Keine blöden Bemerkungen. Henry kniete sich hinter die erste dieser drei Kugeln, zielte, schnippte und traute seinen Augen nicht. Die Murmel sprang, hüpfte, rollte direkt zur Kuhle und hinein! Am liebsten hätte er nun triumphierend aufgeschrien, nur – es hatte niemand gesehen! Ralf nicht, der Möchtegern-Sieger. Olaf nicht, der dumme Idiot. Brigitte nicht, mit ihren blonden Haaren, die so schön dufteten…

Sein Herz schlug schneller. Er hatte Glück gehabt, nur er brauchte noch zweimal dieses Glück, und das war ausgeschlossen. In diesem Augenblick aber kam ihm die Idee. Er griff nach der ersten der verbliebenen Kugeln, beugte sich nach vorne, stützte sich ab und warf sie in das Loch. Schnell hatte er auch die zweite geschnappt, warf sie regelwidrig, sie fiel auf den Boden, rollte weiter, direkt zur Kuhle. Aus dieser Entfernung war es einfach, das Loch mit einem Wurf zu treffen, nicht aber mit einem Schnipsen.

„Ja!“ hörte er sich schreien. „Ja!“

Alle fuhren herum, gerade im richtigen Moment, als die kleine Glaskugel über den Rand lief und sich zu den neun anderen Murmeln gesellte.

„Ja!“ schrie Henry und sprang auf. „Ich habe gewonnen! Ich! Ich!“ Jubelnd schüttelte er seine Arme.

Fassungslos starrte Ralf in das Loch, griff hinein, zählte nach.

„Los, her mit dem Murmelkönig!“ rief Henry triumphierend. „Her damit!“

Unendlich langsam streckte Ralf ihm seine Faust entgegen und ließ seinen größten Schatz in Henrys Hand fallen. Der konnte sein Glück kaum fassen, griff nochmals nach seinem Fahrtenmesser. Nun besaß er die beiden größten Schätze. Den Murmelkönig und eben das Messer!

„Wahnsinn!“ stöhnte der ruhige Ronny. Olaf keuchte, Lothar hatte es die Sprache verschlagen. Brigitte warf Henry einen Blick zu, der bedeutete, dass es vielleicht doch noch etwas mit dem Eisessen, von dem sie noch gar nichts wusste, werden könnte. Andere jubelten und schrien durcheinander, waren begeistert von diesem Duell.

Und dann sah Henry Margots Blick. Ihre Mundwinkel zuckten nach unten, und ihre Stirn zog sich in Falten. Und auch Dirk schaute ihn skeptisch an. Ralf blickte todtraurig ein letztes Mal auf den Murmelkönig in Henrys Hand und schlurfte dann geschlagen davon.

Der Triumph war plötzlich nicht mehr so triumphal. Er stieß in Henry sauer auf. Einerseits fühlte es sich unglaublich gut an, diesen Murmelkönig in der Hand zu halten, den vernichteten Störenfried von hinten zu sehen, Brigittes wohlriechendes Haar an der eigenen Wange zu spüren. Aber andererseits stieg in Henry die Angst empor, dass Margot oder Dirk gesehen hatten, wie er sich zum Sieg geschummelt hatte. Warum sagten sie nichts? Gottseidank sagten sie nichts. Aber würden sie schweigen?

„Das war super!“ kreischte Brigitte neben ihm, und sie bemühte sich, den Murmelkönig zu berühren.

„Hätte ich nie geglaubt“, grummelte Olaf.

„Ich auch nicht“, schüttelte Lothar ungläubig den Kopf. „Aus der Entfernung? Drei Murmeln? Nee…“

Margots Stirn zog sich noch mehr zusammen, und Dirk sagte: „Ich hätt’s gerne gesehen.“

Henrys Hand zitterte. Immer noch starrte er Ralf hinterher. Er hatte diesen Störenfried besiegt, diesen Angeber, diesen Aufschneider. Und das war gut! Andererseits hatte Ralf ihm sofort den Murmelkönig gegeben, obwohl niemand gesehen hatte, wie Henry die letzten Murmeln in die Kuhle befördert hatte. Ralf mochte ein Angeber sein, ein Schummler war er nicht. Und er stellte gar nicht in Frage, dass Henry trotz der Entfernung geschummelt haben könnte.

Der Murmelkönig in Henrys Hand schien immer schwerer zu werden. Aber sollte er zugeben, dass er geschummelt hatte? Vielleicht hatten Margot und Dirk wirklich nichts gesehen. Und er war schließlich der Sieger! Und Brigitte…

Henry fühlte nach seinem Fahrtenmesser. Den Murmelkönig einfach zurückgeben? Kam nicht in Frage! Ralf eine Revanche bieten und sich danach anhören müssen, wie gut er – Ralf – doch war, weil er vermutlich gewinnen würde? Unerträglich.

Irgendjemand schlug ihm anerkennend auf die Schulter, dass es krachte. Olaf, der Hüne, nicht zu fassen! Die Anerkennung tat gut.

Noch einmal sah er Ralf hinterher, der traurigen Gestalt. Vermutlich weinte er jetzt, weil er seinen größten Schatz verloren hatte. Henry versuchte, sich darüber zu freuen, doch unwillkürlich wanderte seine Hand zum wiederholten Male zum Fahrtenmesser. Zu seinem größten Schatz. Wie würde er reagieren, wenn er es verloren hätte? Und wenn Ralf vielleicht auch noch dabei geschummelt hätte?

Freude, Glück, Schadenfreude und ein merkwürdiges Gefühl, das ihm Übelkeit in seinem Magen bereitete… Er schämte sich. Nur – wie kam er aus der Nummer wieder heraus? Henry wusste es nicht. Aber der Tag, soviel war sicher, war endgültig verdorben.

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Blumenberg
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Liebe(r) Charybdis,

mir gefällt deine Geschichte von der Thematik wirklich gut, wirft sie doch die Frage auf wie Neid, Missgunst und Selbstüberschätzung uns dazu drängen können uns in eine ausweglose Situation zu manövrieren, wo wir letztlich zum Betrug greifen, um uns doch noch aus der Affaire zu ziehen. Gerade, dass sich am Ende der Sieg für deinen Protagonisten schal und eher wie eine Niederlage anfühlt ist eine schöne Pointe.

Mir sind noch zwei Kleinigkeiten aufgefallen. Zunächst ein logischer Fehler.
Du schreibst an einer Stelle:

quote:
Nicht nur, dass Dirk, der Fußballtorwart, ausgerechnet Ralf angeboten hatte, in seiner Mannschaft mitzuspielen. Nicht nur, dass Ralf auch mit dem Rad schneller am Waldrand gewesen war als Henry. Nein, viel schlimmer war, dass Ralf auch noch einfach gut Murmeln spielen konnte.

und dann etwas später:
quote:
Er sah nicht mal besonders aus. Er war auch nirgendwo herausragend, weder der Schnellste, noch der Klügste, noch der Stärkste. Nur beim Murmelspielen…

Das scheint sich in meinen Augen zu widersprechen, da er zu Anfang durch seine zahlreichen Talente die gewohnte Ordnung erschüttert. Er setzt sich sogar gegen den schnellen Henry durch, was aber dann wieder verneint wird, wobei er, ähnlich wie dein Protagonist, nur auf ein einziges Talent reduziert wird.

Als Zweites würde ich versuchen die häufigeren Dopplungen zu vermeiden, bspw.:
quote:
Er spielte nicht nur gut Murmeln, er spielte sogar sehr gut. Er spielte so gut Murmeln, dass Henry nicht mehr der sichere Seriensieger war.
Hier würde ich das zweite Murmeln streichen.

quote:
Jetzt allerdings, jetzt war dieses diffizile Gefüge von eingespielter Rang- und Hackordnung in Gefahr, denn jetzt war Ralf da, und Ralf gehörte einfach nicht hierher, wie Henry fand

Hier würde ich das zweite Ralf durch ein "der" ersetzen.

Trotzdem habe ich den Text gerne und mit Spaß gelesen!

Beste Grüße

Blumenberg

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Charybdis
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Hallo Blumenberg,

vielen Dank für Deine überaus konstruktiven Gedanken zu meiner Geschichte. Ich freue mich, dass die Pointe bei Dir angekommen ist, denn genau darum ging es mir.

Hinsichtlich der widersprüchlichen Charakterisierung hast Du vollkommen recht, wie ich beim Nachlesen erkenne. Es ist nicht deutlich erkennbar, ob dieser Ralf nun ein überlegener Held oder eben genau das nicht ist, und darüber muss ich noch einmal ein wenig nachdenken. In meinem Kopf ist Ralf dem guten Henry sehr ähnlich. Sie sind eben Durchschnitt - nur beim Murmeln nicht. Und weil Murmeln gerade angesagt ist, stehen zwei Jungs, die sonst nur Durchschnitt sind, im Mittelpunkt. In meinem Kopf macht genau das Henry wütend, denn Ralf ist nicht nur der von außen kommende Störenfried, sondern er ist in seinem Durchschnitt immer auch noch einen Tick besser als Henry, ohne wirklich top zu sein. Soweit mein inneres Bild, das ich unzureichend in die Tastatur gebracht habe.

Hierüber muss ich noch einmal nachdenken, ob ich das Bild schärfe und deutlicher mache oder ob das für die Geschichte selbst überhaupt von Belang ist und ich diesen Aspekt sogar kürze und den Leser nicht zu sehr "bevormunde".

Zu Deinen Anmerkungen bezüglich der Wortdopplungen: Auch wenn ich mir selbst nicht schlüssig bin, ob diese Geschichte über Kinder eine Geschichte für Kinder oder eher für Erwachsene ist (deswegen steht sie bei den Kurzgeschichten), so steht Henry, ein Kind, im Vordergrund, und seine Gedanken kreisen ja nur um das Eine: Um den Konflikt Murmeln-Ralf-Brigitte, also um seinen Status in der Gruppe, und ich denke, sein Sinnieren ist eher einfach strukturiert. Deshalb die Wiederholungen, die ja einfache Bilder aus seinem Kopf wiedergeben. Ich denke, man kann die Dopplungen machen, um die "Simplizität" im Kopf eines Kindes zu betonen, aber man muss nicht. Ich würde sie erst einmal lassen, aber ich sehe, was möglicherweise noch für Anmerkungen kommen.

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