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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Pianist
Eingestellt am 08. 10. 2017 18:16


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Thomas
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Der Pianist

Es war still im Raum. Ein paar Stuhlbeine kratzten noch ├╝ber das Parkett, Handtaschen ├Âffneten sich, Kehlen wurden gereinigt. Hier und da wurde gefl├╝stert, nicht geredet und nur selten gelacht. Trotzdem war die Stimmung heiter, voller Erwartung. Die Kronleuchter strahlten auf die markanten Brillanten der Damen und Gesichter der Herren. Das Buffet war reichlich gewesen und von erlesenem Geschmack gekr├Ânt. Die G├Ąste hatten danach satt und zufrieden ihre Kristallgl├Ąser leer getrunken oder sich eine Zigarre angesteckt, sich etwas unterhalten oder einfach nur zu geh├Ârt. Doch nun sa├čen sie leise auf ihren Pl├Ątzen in Erwartung des musikalischen H├Âhepunkts, f├╝r den sie aus aller Herren L├Ąnder angereist waren, mit unterschiedlichsten Gef├╝hlen im Gep├Ąck. Der Botschafter eines Inselstaates war noch voller Trauer ├╝ber den Tod seiner Frau, der Ministerpr├Ąsident im Smoking war gut gelaunt von seinem Wahlsieg gestern Abend und seine junge Frau im knappen Cocktail Kleid gelangweilt von den Gespr├Ąchen am Tisch. Die dicke Oberb├╝rgermeisterin irgend einer Kleinstadt schw├Ąrmte in Gedanken noch gl├╝cklich vom Buffet, ihre Begleiterin war unsicher wegen ihrer Sexualit├Ąt und der Generalfeldmarschaal in Uniform strahlt Stolz aus, war aber geplagt von R├╝ckenschmerzen kaum in der Lage ruhig auf seinem Stuhl zu sitzen. Nicht jeder Gast kann genannt werden, aber alle hatten ihre Sorgen und Emotionen mitgebracht.

Der Pianist betrat die kleine B├╝hne im Smoking. Er ging mit langen Schritten zum Klavier, setzte sich auf den Hocker und schaute eine Weile nur auf seine Noten. Dann hob er den Blick auf sein Publikum, stand noch ein mal auf, verbeugte sich kurz und verlegen. Man nickte ihm zu oder zwinkerte mit den Augen. Kein Applaus, daf├╝r war die Spannung zu gro├č. Der Pianist setzte sich wieder, atmete ein und aus. Er richtete seinen R├╝cken noch einmal gerade auf, wie der General auf seinem Stuhl, bevor er die langen Finger seiner sauberen H├Ąnde ├╝ber die Tasten schweben lies. Einen kurzen Moment verharrte er so, sammelte sich, w├Ąhrend seine Finger die Tasten nur beinahe ber├╝hrten. Im Publikum hustete jemand in seine Hand.

Endlich machte ein einzelner Ton leise den Anfang, hob die Stille hervor aus der er kam. Sch├╝chtern folgten die anderen, deren Klang sich anschloss an den Ersten. Eine leichte Brise, eine Melodie ohne Begleitung. Die linke Hand des Pianisten schwebte noch ├╝ber den Tasten. Z├Âgerlich warteten einzelne Akkorde auf ihren Einsatz. Aus dem Hintergrund gesellten sie sich langsam mit ihren tiefen T├Ânen zu der Melodie. Mit nur wenigen Anschl├Ągen sorgte die linke Hand daf├╝r, dass die Musik eine Einheit wurde. So bereitete er sein Publikum vor, packte sie ein in die Atmosph├Ąre der Musik, die langsam immer lauter wurde, bis es nichts anderes mehr gab. Der Pianist baute Improvisationen ein, um den Richtungswechsel seiner Musik an zu k├╝ndigen, er wollte noch niemand erschrecken. Wiederholungen nutzte er, um sein Publikum in Sicherheit zu wiegen. Er spielte mit den Kl├Ąngen wurde immer freier und bewegte seine H├Ąnde schneller und schneller ├╝ber die Tastatur. Der Pianist drehte den Wasserhahn auf und ├╝berschwemmte sein Publikum mit T├Ânen. Die Musik floss erst in kleinen B├Ąchen ├╝ber die Tastatur, wurde zu einem Fluss und letztendlich zu heftigem Seegang im ganzen Raum. Es begann mit einem einzelnen Ton, einem Wassertropfen, der am Glas einer Scheibe hinunter l├Ąuft, sich mit anderen verbindet, um immer schneller zu werden, zu einem Fluss auf der Stra├če und einer Naturkatastrophe im Tal. Viele kleine Schwingungen wurden immer wieder zu einer gro├čen Welle zusammen gef├╝hrt, ohne das man gewusst h├Ątte, wann genau ein einzelner Ton sich mit einem anderen Klang verband zu einem Gr├Â├čeren, der wiederum andere in sich verschluckte. Hohe T├Âne sprudelten aus dem Fl├╝gel, schlugen auf, zersprangen und gaben ihren Klang frei, begleitet vom Donner der Akkorde. Alles wurde nass, durchtr├Ąnkt von seiner Musik. Der Pianist riss sein Publikum von ihren St├╝hlen, warf sie in das kalte Wasser und lies sie hilflos treiben. Ihre Emotionen wurden durch alle Ecken ihrer Seele geschleuderte. Sie trieben mit seiner Musik auf einen Abgrund zu, versteckt hinter den Noten. Der angenehme Abend, die musikalische Reise wurde zu einer turbulenten Bootsfahrt auf den Wellen ihrer eigenen Gef├╝hle. Die Musik hatte nur die Schleusen ge├Âffnet. Der Pianist kannte die S├╝nden seines Publikums nicht. Seine Finger flossen nur blind ├╝ber die Tastatur, dem Strom der T├Âne folgend, die alle nur dem ersten Tropfen gefolgt waren. Wenn sein Publikum, ergriffen von seiner Musik, diese Achterbahn von Gef├╝hlen mit mehr oder weniger Tr├Ąnen in den Augen ├╝berstand, stoppte er pl├Âtzlich, genau an der richtigen Stelle. Eine Pause, in der die Musik nach schwappte in den Seelen der Zuh├Ârer. Alle hielten sie die Luft an.

Anschlie├čend griff er sie noch einmal in einem Stakkato aus Rhythmus und wilden Kl├Ąngen, sch├╝ttelte sie kr├Ąftig, improvisierte kreativ in die H├Âhen und Tiefen des Fl├╝gels hinein, h├Ąmmerte auf die Tasten und verga├č sich selbst. Zum letzten mal st├╝rzte er sein Publikum in die Abgr├╝nde ihrer Seelen. Dem Botschafter liefen dicke Tr├Ąnen ├╝ber seine rosigen Wangen, der Ministerpr├Ąsident sa├č unsicher in seinem Stuhl, seine Frau neben ihm dr├╝ckte seine Hand bis ihre Kn├Âchel wei├č wurden. Die Oberb├╝rgermeisterin umarmte ihre Begleiterin, die darauf hin zusammen zuckte und das Gesicht des Generals war eingefroren in einer Maske des Entsetzens. Er sah die Toten seiner Kriege ertrinken in einem blutigen Ozean.

Bevor es zu sp├Ąt war f├╝hrte der Pianist sie durch leisere Kl├Ąnge alle sanft nach oben zur├╝ck auf ihre Pl├Ątze. Ersch├Âpft sanken die G├Ąste in ihre St├╝hle, w├Ąhrend harmlose Anschl├Ąge ihnen wieder Hoffnung gaben. Mit fr├Âhlicheren und einfachen Rhythmen gewann er ihr Herz zur├╝ck. Vorhersehbare Melodien brachten sie in bekanntes Territorium. Der Verstand ├╝bernahm wieder die Kontrolle. Man wippte mit dem Fu├č im Takt oder sang die Melodie im Geiste mit. Die bekannten Schwingungen beruhigten ihre Seelen, die sich wieder schlossen. Die Tr├Ąnen trockneten, der Herzschlag normalisierte sich und die Erinnerungen verblassten. Der Pianist hatte die Kontrolle ├╝ber sein Instrument zur├╝ck erlangt. Am Ende hatte er sein Publikum wieder dahin geleitet, wo er es haben wollte. Sie sollten ihn schlie├člich lieben f├╝r seine Musik und nicht verst├Ârt allein gelassen werden. Dankbar spendeten sie Applaus.

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