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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Spenglersche Algebra Nihilator
Eingestellt am 23. 01. 2007 18:01


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Bam Lee
Hobbydichter
Registriert: Jan 2007

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Auf dem Weg vom Subway, einem kleinen Tanzschuppen im belgischen Viertel, in eine Privatwohnung, in die mich mein vor 2 Stunden neugewonnener Begleiter Marc fĂŒhrt, erzĂ€hlt mir eben dieser Marc immer wieder, er wĂŒrde niemals chemische Drogen nehmen. Er, ein szeniger Lockenkopf, der mir von Anfang an den Eindruck machte, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, zum Teil, wie ich mir denke, einer Profilneurose wegen, erklĂ€rt mir, daß die Adresse, zu der er mich gerade fĂŒhrt, die einzige in diesem Viertel Kölns sei, an der man zu dieser frĂŒhen Stunde, es ist immerhin schon 7 Uhr morgens, noch, wie er es ausdrĂŒckt, einen Budenzauber veranstalten könne. Wir gehen, nachdem Marc so freundlich war, mir am Kiosk an der ZĂŒlpicher eine Flasche Blankenburger Mineralquelle auszugeben, die Straße entlang, als er mich auffordert stehenzubleiben. Wir seien angekommen, so Marc. Bis auf den sich im Hauseingang befindlichen Penner, kann ich noch keine Anzeichen eines vermeintlichen Budenzaubers in diesem GebĂ€ude ausmachen, doch nachdem sich auf Marcs Klingeln hin die HaustĂŒre öffnet, erhellt sich meine Stimmung. Ein junges MĂ€dchen in knappem Outfit mit Pupillen wie Tellerminen öffnet die TĂŒre und mustert uns mit einer NervositĂ€t, die ich nur auf den Konsum einiger Lines zurĂŒckfĂŒhren kann. Sie spricht davon, daß es ĂŒblich sei, niemanden zu ihr im Suff mitzuschleppen, richtet sich dabei an Marc. \"Der ist in Ordnung. Wir kommen gerade aus dem Subway.\", erklĂ€rt er.
Wie auf ein Codewort hin entspannt sich die Kleine und wirft mir einen wohlwollenden Blick zu, woraufhin ich mich höflich vorstelle und zusammen mit Marc aufgefordert werde, ihr zu folgen. Wir betreten eine Wohnung in der dritten Etage und ich staune nicht schlecht. Es ist mittlerweile 8:00 Uhr und nachdem ich durch den Flur den Raum, der wohl fĂŒr gewöhnlich das Wohnzimmer ausmacht, betrete, erblickt mein geschultes Auge mindestens 25 wilde Leiber im Rythmus elektronischer Musik, welche mit einer irren LautstĂ€rke aus 1,50 Meter hohen Lautsprechern schmettert. Ich erspĂ€he durch das nassgeschwitzte, drogeneuphorisierte Volk hindurch an der Wand einen DJ, der gerade in dem sich hinter ihm befindlichen Plattenschrank herumfingert. Ich bin begeistert, die Musik schmeichelt meinem Ohr und ich drĂ€nge mich auf die improvisierte TanzflĂ€che, merke jedoch schnell, daß mein Körper nicht ganz einverstanden ist mit der Anstrengung, die ich ihm abzuringen gedenke. Ich hĂ€tte gerne eine Zeit teilgehabt an dem bizarren Treiben, das sich vor mir ausbreitet, doch meine letzte Line liegt schon mehrere Stunden zurĂŒck und ich verziehe mich in die KĂŒche, wo ich mich auf eine kleine Bank setze. Ich bin zwar nicht mehr in der Lage, einen wilden Tanz hinzulegen, doch mein Geist ist durch die Einnahme der Amphe noch wach genug, Freude an der unsinnigen Diskussion, die mein Sitznachbar mit mir anfĂ€ngt, zu entwickeln. Unser Thema, so bescheuert es auch klingen mag, ist die Infinitesimalrechnung und ihre metaphysische Bedeutung fĂŒr die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Nach ein paar SĂ€tzen wird uns ziemlich schnell klar, daß wir, zumindest in diesem Augenblick, eine Ă€hnliche Persönlichkeitsstruktur aufweisen und so verlegen wir uns, nachdem wir erfolglos versucht haben, einander verbal abzuziehen, darauf, die sporadisch in der KĂŒche erscheinenden Menschen, wenn es mir auch schwerfĂ€llt sie gerade in meiner jetzigen Geistesverfassung als vollstĂ€ndige Menschen anzuerkennen, mit absolut hirnrissigen Fragen nach ihrer Schulbildung zu durchlöchern. Plötzlich erscheint ein junges MĂ€dchen in zerissenen Strumpfhosen mit einer seltsamen Kopfbedeckung in der KĂŒche. Der Hut, oder was auch immer sie da auf dem Kopf trĂ€gt, erinnert entfernt an einen ebensolchen, an den man links und rechts vom Kopf jeweils eine BierbĂŒchse anschließen kann, doch dort, wo sich die Plörre befinden sollte, erkenne ich nur eine Art Turbine, die schwaches, rötliches Licht abgibt. Nach nĂ€herer Betrachtung sehe ich ein paar Schlieren, die ĂŒber den Turbinen herumwirbeln. Nach eingehender Betrachtung komme ich zu dem Schluß, daß es sich bei den Schlieren um Rauch, der von den Turbinen aufzusteigen scheint, handeln muß. Ich will natĂŒrlich sofort von ihr wissen, was das fĂŒr ein komischer Apparat sei.
\"Das ist ein Spenglerscher Algebra Nihilator!\", entgegnet sie, macht eine kleine Pause, in der sie die Wirkung ihrer Worte in meinem Gesicht abzulesen versucht.
\"Du weißt, wer Spengler war?\" -
\"Der Untergang des Abendlandes.\" -
\"Bingo. Du erinnerst Dich an das Kapitel Vom Sinn der Zahlen? In dem Spengler von der Bewußtmachung der Zahl und schlußfolgernd des Raumes als Austritt aus der göttlichen Einheit, der Unendlichkeit der lebendigen Natur spricht.\" -
\"Ich hatte nicht im Geringsten damit gerechnet, gerade hier auf eine Verehrerin Spenglers zu treffen.\" -
\"Ich bin streng genommen keine Verehrerin Spenglers, sondern betrachte mich als eine Art Seelendoktor, LanzentrĂ€gerin des ursprĂŒnglischen Menschentums. Mithilfe des Nihilators wird jede Möglichkeit, in einer zahlenhaften Natur zu denken, letztendlich jeder Gedanke, der in seiner Struktur formelhaft und analytisch mithilfe einer wie auch immer gearteten GrĂ¶ĂŸenordnung arbeitet, unmöglich gemacht, indem die Zahl, die GrĂ¶ĂŸenordnung als solches deinem Geist entzogen wird. Ich spreche vom ursprĂŒnglichen Geisteszustand des göttlichen Lebewesens, frei vom aufgesetzten Zensor, dem tĂŒckischen Wachbewußtsein, welches fatalerweise mit der SchĂ€rfe einer Rasierklinge die lebendige Natur, von der Goethe sprach, den göttlichen Geist, die Seele und alles sie Umgebende bis ins Metaphysische hinein zu verstehen, zu klassifizieren, zu entmystifizieren, in eine zahlenmĂ€ĂŸige GesetzmĂ€ĂŸigkeit zu bringen, zu unterwerfen und somit vollstĂ€ndig und fĂŒr alle Zeit zu vernichten versucht. Ich bin sozusagen das Mutterschaf, der Erebos Samen empfĂ€ngt und sprießen lĂ€ĂŸt. Die Nyx der Neuzeit, wenn du so willst.\"
Sie war eindeutig ĂŒbergeschnappt. Inzwischen hatte sie sich auf der Bank niedergelassen und fing an, weiter auf mich einzureden, wĂ€hrend sie sich anschickte, den Spenglerschen Algebra Nihilator meinem Nachbarn anzulegen.
\"Im Übrigen bin ich nicht so verrĂŒckt, wie Du anhand meiner Reden glauben magst. Ich werde dir demonstrieren, was es bedeutet, die Zahl und alles der Bewußtwerdung der Zahl als solches folgende zu ĂŒberwinden. Startklar Frankieboy?\"
Frankieboys Gesicht verwandelt sich in eine starre Maske, seine Augen sind weit aufgerissen, seine ZĂ€hne knirschen. Er scheint ĂŒber das Maß hinaus erregt, sich stark auf das nun folgende zu konzentrieren. hergeben. Nyx vergewissert sich, den Apparat ordnungsgemĂ€ĂŸ an ihm festgeschnallt zu haben und drĂŒckt einen gelben Druckknopf, woraufhin ein hochfrequentes Ziepen sich seinen Weg durch die KĂŒche bahnt. Ich muß unwillkĂŒrlich an eine Hundepfeife denken, wĂ€hrend ich geradezu schockiert die VerĂ€nderungen in Frankieboys Gesichtsausdruck beobachte. Abwechselnd manifestieren sich in seiner Visage ZustĂ€nde verzerrter Anspannung und absoluter Entspannung. Die AbstĂ€nde zwischen diesen VorgĂ€ngen werden, Wehen gleich, immer kĂŒrzer, bis sie zu einem einzigartigen Zustand, den ich wie den Gesichtsausdruck eines SĂ€uglings beschreiben möchte, zusammengefĂŒhrt werden. In diesem Moment speit der Nihilator einen agressiven Ton aus, wie man ihn aus Quizshows gewohnt ist, bei denen sogenannte Buzzer eingesetzt werden. Unmittelbar darauf nimmt Nyx Frankieboy die Kopfbedeckung ab, woraufhin er wie eine gallertartige Masse von der Bank gleitet. Er liegt nun auf dem KĂŒchenboden, aus seinen Ohren dringt Blut, doch sein Gesicht spiegelt fĂŒr mich eine seelenvolle Zufriedenheit, wie ich sie bisher in der Tat nur auf den Gesichtern Neugeborener entdecken konnte. Zwischendurch gibt er schmatzende GerĂ€usche von sich. Doch plötzlich reißt er die Augen auf, bringt seinen Körper in die Vertikale und beginnt lauthals zu lachen. Ein Lachen, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben gehört habe. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, muß den sich in mir regenden Fluchtreflex im Zaum halten, will ich doch diesem außergewöhnlichen Spektakel bis zum noch offenen Ende beiwohnen. Plötzlich stellt Frankieboy sein Lachen ein und beginnt mit obertonreicher Stimme, dem Gesang buddhstischer Mönche nicht unĂ€hnlich, in einer mir vollkommen unverstĂ€ndlichen Sprache, eine Art Mantra zu sprechen, wobei er bestimmte Silben in einer Art und Weise mit seiner Gestik unterstreicht, daß man meint er befĂ€nde sich tausende von Metern ĂŒber dem Erdboden in freiem Fall. Ich kann seine Performance nicht recht einschĂ€tzen, aber es erinnert mich an eine Fernsehdokumentation ĂŒber primitive Völker, die ich vor einiger Zeit gesehen habe. Ich lasse meinen Blick von ihm ab, und wende mich verwirrt an Nyx:
\"Wie lange...\" -
\"...dauert dieser Zustand an?, fĂ€llt sie mir ins Wort. \"Das ist unterschiedlich. Es kommt auf verschiedene Faktoren an. Bis ins Detail konnte ich es noch nicht untersuchen, aber ich vermute, daß der Bildungsstand und die mathematischen Kenntnisse dabei einen gewissen Ausschlag geben. Was die Art und Weise des Flashs betrifft, neigen fast alle Menschen der westlichen HemisphĂ€re nach der Auslöschung des Zahlenbewußtseins zu einem Ă€hnlichen Verhalten wie unser Frankieboy es hier veranschaulicht.\" -
\"Und was hat man davon bitteschön? Ich meine, außer daß man sich lĂ€cherlich macht?\" -
\"Probier es selbst aus!!\"
Doch ich erhebe mich und verlasse fluchtartig die Wohnung, wÀhrend sie noch ein paar Worte mehr durch den Raum ruft:
\"Der einzige Sinn, die einzige Absicht und das einzige Geheimnis Christi ist nicht, das Leben zu verstehen oder es zu formen oder zu verÀndern oder sogar es zu lieben, sondern von seinem unvergÀnglichen Wesen zu trinken.\"

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