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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tag davor
Eingestellt am 12. 05. 2018 23:56


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werman
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2017

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Die Welt war stets in Bewegung, das wusste er. Der Tag wurde zur Nacht, ein Samen zu einer Pflanze und der Sommer wich dem Herbst. Doch wer konnte schon wissen, wann der letzte sch├Âne, unbeschwerte Sommertag verflogen war. Und vor allem, wer wollte das wissen?
Die wenigsten wollten an einem jener glanzvollen Tage daran denken, dass am n├Ąchsten Morgen bereits der dunkle Herbst anklopfen k├Ânnte. Er jedenfalls lebte nach diesem Motto der Ausblendung, ja der Ignoranz gegen├╝ber unangenehmen Zukunftsaussichten. Im Moment leben, das Leben ohne Hintergedanken geniessen, das war, was er wollte. Da der Herbst aber keine R├╝cksicht auf ignorante Sch├Ângeister nahm und r├╝cksichtslos wie ein Kriegsherr das Land einnahm, sass er nun da, sein ├Ąngstlicher Blick unruhig durch den Saal wandernd. Sein Gesicht war fahl und der Glanz, der noch vor nicht allzu langer Zeit in seinen Augen lag, war verschwunden. Der Raum war voll mit Menschen und doch so gespenstisch still, dass es ihn f├Ârmlich erdr├╝ckte. Es fiel ihm schwer, seinen Erinnerungen zu glauben, die ihm sagen wollten, dass die Luft desselben Raumes von Lebensfreudigkeit in Form von einer fantastischen Ger├Ąuschkulisse geschw├Ąngert war. Und er war mittendrin. Endlich war es da Sommer geworden und er hatte endlich seine Schulzeit abgesessen. Die Nachmittage am See, die Abende in der pulsierenden Stadt. Die Welt hatte ihm offen gestanden, doch nachdem sie ihn kurz von ihren wundervollen Fr├╝chten probieren liess, schlug sie ihm die T├╝r gleich wieder vor der Nase zu. Er verfluchte sie daf├╝r.
Er sass am Tisch mit seinen Kameraden und auch sie schwiegen. Es gab nichts zu sagen. Zwischen ihnen lag unglaublich schwer die unausgesprochene Tatsache, dass Morgen Tag X war. Morgen w├╝rden sie einr├╝cken und ihr Vaterland verteidigen, indem sie nicht mal zwei ganze Jahrzehnte gelebt hatten. Seine Gedanken machten ihn wahnsinnig, er musste sich ablenken. Er stand auf und ging nach draussen, wo er von einem kalten Luftzug empfangen wurde. Er hatte Angst, er war sich sicher, dass er den Krieg nicht ├╝berleben w├╝rde, er war keine K├Ąmpfernatur.
Um seine letzte Nacht in Freiheit wenigstens ein bisschen ertr├Ąglicher zu machen, beschloss er die Opiumh├Âhle aufzusuchen, die er durch seinen Vater entdeckt hatte, dem er einmal heimlich gefolgt war. Seit seine Mutter bei seiner Geburt verstarb, war sein Vater schwer abh├Ąngig. Er trat ein, doch wurde gleich beim Eingang dazu angehalten, wieder zu gehen. ÔÇ×Mach, dass du wegkommst Junge, das willst du nicht sehen.ÔÇť Was denn los sei, fragte er besorgt. ÔÇ×Der Alte hat ├╝berdosiert und ist gestorben. Ich habe es kommen sehen, es musste so enden.ÔÇť Sein Herz rutschte ihm in die Hosen. Obwohl er es nicht wollte, schnellte der Gedanken in seinen Kopf, dass sein Vater tot war. Er st├╝rzte die Treppe hinunter und sah seine schlimmsten Bef├╝rchtungen wahr geworden. Sein Vater lag reglos da.
Er wusste nicht, wie lange er neben seinem toten Vater sass. Zuerst weinte er, doch irgendwann f├╝hlte er gar nichts mehr. Es war alles gleichg├╝ltig. Er hatte keine Angst mehr zu sterben, er war schon tot. Er h├Ârte die Glocke schlagen, es war Zeit aufzubrechen.

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Love is the feeling that you feel when you feel the feeling that you never felt before.

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