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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Tod steht in den Sternen
Eingestellt am 11. 08. 2007 09:44


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Reggy
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2007

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Es war einer von diesen Winterabenden, an denen für gewöhnlich Morde verübt werden: unheimlich kalt und, wie es um diese Jahreszeit schon recht früh der Fall war, stockdunkel. Die stadtbekannte Astrologin Alissa Kerbel kämpfte sich, mit Einkaufstüten beladen, durch den Schneesturm. Sie hatte es gerade noch geschafft, vor Ladenschluss in dem nahe gelegenen Supermarkt einzukaufen. Ihr Kopf schwirrte von den vielen „Prophezeiungen", die sie an diesem Tag gemacht hatte, während die Wahrsagerin eine Abkürzung machte und in eine schmale Seitenstraße einbog.

Zuerst bemerkte sie die vermummte Gestalt, die ihr gefolgt war, nicht. Sie begann sich erst dann etwas unbehaglich zu fühlen, als sie die knirschenden Schritte im Schnee hörte, die sich genau den ihren anzupassen schienen. Denn entgegen dem verbreiteten Irrtum ist die Wahrsagerei eine eigene Wissenschaft und hat nur wenig mit einem sechsten Sinn zu tun - der Alissa Kerbel genauso fehlte wie der Sinn dafür, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Dass etwas nicht stimmte bemerkte sie erst dann, als sie den warmen Dampf einer fremden Atemwolke im Nacken spürte.

Die Astrologin fuhr herum und sah hinter sich eine dunkel gekleidete Gestalt, deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. „Guten Abend, Frau Kerbel. Warum haben Sie es so eilig?", fragte die Person, und obwohl die Stimme recht jugendlich war, ließ sie Alissa unter dem Mantel aus weichem Kunstpelz einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Es ist ein wunderschöner Abend, so sternenklar… ideal zum Deuten der Zukunft…"

Alissa wollte schon erleichtert aufatmen, denn offenbar kannte sie den Sprecher ja. Trotzdem fragte sie misstrauisch: „Woher kennen Sie mich?" „Die Sterne lügen nicht", fuhr die Stimme noch bedrohlicher fort, die Frage der Wahrsagerin ignorierend, „und Prophezeiungen sind nicht nur dazu da, um leichtgläubige Mütter einzuschüchtern." Da fiel bei Alissa der Groschen. Bei dem jungen Mann handelte es sich um den Sohn einer Kundin, und es schien nicht, als sei er ihr gefolgt, bloß um sich für eine besonders treffende Vorhersage zu bedanken. Ihr Herz begann zu rasen und ihr Hals schnürte sich zu, deutliche Anzeichen für einen sich anbahnenden Asthmaanfall. Alissa tastete fahrig an den Taschen ihres neuen Mantels herum, auf der Suche nach ihrem Asthmaspray, während ihr die Beine fast wegsackten und das Atmen immer schwerer fiel. „Egal was Sie suchen, es wird Ihnen nicht helfen, Ihrem Schicksal zu entfliehen. Es scheint, als hätten Sie soeben Ihr achtes Zeichen gefunden, Frau Kerbel."

Die Esoterikerin durchsuchte immer noch panisch ihre Handtasche, kehrte sie von innen nach außen, wobei ihr Handy und einige andere persönliche Gegenstände heraus fielen. Hinter einem Vorhang aus lähmender Angst hörte sie, wie das Nokia auf dem gefrorenen Boden aufschlug. Doch das rettende Asthmaspray war einfach nicht da, und plötzlich fiel ihr auch siedend heiß ein, warum: Es lag zu Hause in der Tasche ihres alten Mantels. Welche Ironie! Der hoch gewachsene Jugendliche trat indessen auf sie zu. Alissa sah voller Entsetzen, dass er eine Pistole hervorgeholt hatte, deren Lauf kühl schimmerte. Kalter Stahl, der Menschen kalt machte. „Der Jupiter steht im sechsten Haus, das bedeutet Unruhen, nicht wahr, Frau Kerbel? Eine gewalttätige Auseinandersetzung, die vielleicht tödlich ausgeht." „Das ist doch alles relativ…", brachte Alissa zitternd hervor, „Sie dürfen die Horoskope nicht so wörtlich nehmen…" „Oh doch. Und wenn Sie vorhersagen, dass jemand zum Verbrecher wird, dann… stimmt das meistens." Während der junge Mann sprach, näherte sich sein Finger dem Abzug. „Nein, bitte…" Weiter kam die Frau nicht, denn ihr blieben die Worte im Hals stecken, als er die Pistole betätigte. Zwar bohrte sich keine Kugel in Alissas Herz, doch es passierte etwas, was für sie als Asthmatikerin genauso schlimm war: Ein betäubendes Gas wurde ihr ins Gesicht gesprüht, das sie sofort keuchend und nach Luft ringend zu Boden sinken ließ. „Mein sechster Sinn sagt mir, Sie werden nächstes Mal beim Erstellen eines Horoskops etwas vorsichtiger sein, oder wie sehen Sie das, Frau Kerbel?", zischte der Mörder, der selbst noch nicht wusste, dass er einer war. Natürlich bekam er keine Antwort, denn Alissa Kerbel konnte nichts mehr sehen oder hören - sie hatte, noch während er sprach, ihren letzten Atemzug getan. Einen Moment lang zögerte der Jugendliche, dann rannte er weg und verschwand im Schneegestöber.

***

Totenstill war es in dem verschneiten Landhaus, so still, dass man die weichen Schneeflocken hätte fallen hören. Diese unnatürliche Stille wirkte auf jeden Städter beunruhigend, ja sogar erschreckend - erst recht für eine gegen ihren Willen beurlaubte Polizistin voller aufgestauten Tatendrangs. Die Ermittlerin Cornelia Schulz lauschte fast automatisch nach irgendwelchen Geräuschen, die sie von ihrer routinierten Arbeit ablenken und vielleicht wenigstens ein klitzekleines Abenteuer einleiten würden, irgendeine Abwechslung von diesem Landleben-Trott. Es war natürlich sinnlos, denn was sollte schon in dieser Einöde groß vorfallen? Hier war nie was los, anders als in der Großstadt.

Cornelia saß in der Hütte an ihrem Laptop und checkte übers Internet die Meldungen über die Kriminal-fälle der Stadt. Eigentlich hatte ihr der Kommissar aufgetragen, im Internet nach dem Besitzer eines ver-dächtigen Fahrzeugs zu fahnden, das von einem Zeugen am Tatort gesehen wurde - doch sie hatte mehr als genügend Zeit, um diesem Schnarchjob nachzugehen. Die Ermittlerin hatte den Verdacht, dass ihr der Kommissar diesen Auftrag nur aus dem Grund gegeben hatte, damit sie sich nicht völlig nutzlos und überflüssig vorkam. Und wenn er damit eine Illusion von Action (oder auch nur von einer sinnvollen Tätigkeit) erzielen wollte, so war der Versuch jämmerlich fehlgeschlagen. Diese Computerarbeit, war nichts im Vergleich zu den abenteuerlichen Verbrecherjagden und Mordfällen, die normalerweise ihr Gebiet waren - aber Kommissar Gruber konnte ja nichts dafür, er hatte es nur gut gemeint. Doch man rettete nun mal keine Menschenleben, indem man sich vor dem Computer den Allerwertesten wund saß und nach silbernen Opels der Marke Corsa suchte.

Cornelia Schulz loggte sich in den Polizeiserver ein. Auf der interaktiven Karte sah sie rote Punkte blin-ken, wo vor kurzem etwas vorgefallen war. Sie ließ ihren geschulten Blick über die Zusammenfassungen der in den letzten 24 Stunden vorgefallenen Verbrechen schweifen. Ladendiebstähle, ein paar Schlägereien unter Säufern, ein Banküberfall… das Übliche eben. Doch dann fiel ihr Blick auf einen interessanten Fall: In der Sternenstraße in der Nähe des neuen Supermarkts wurde gestern nahe Mitternacht Alissa Kerbel tot aufgefunden. Die professionelle Astrologin war an einem Asthmaanfall gestorben, der offenbar durch Einatmung eines bestimmten Betäubungsgases ausgelöst wurde. Hinweise über den oder die Täter oder ihr Motiv fehlen derzeit. Alissa Kerbel - dieser Name sagte Cornelia etwas, hatte sie doch neulich diese Esoterikerin im Fernsehen gesehen. Für jemanden, die Sterne für Wegweiser des Lebens hält, hatte sie so seriös und überzeugend gewirkt, dass selbst die nüchtern denkende Ermittlerin an ihrer kritischen Einstellung zu dem ganzen „abergläubischen Kram" zu zweifeln begann.

Cornelia klappte ihren Laptop zu und seufzte, als sie mit einem Anflug von Neid an ihre Kollegen dachte, die an diesem spannenden Fall arbeiten durften. Dieser Zwangsurlaub würde noch ihre eigene Todesursache werden - seit sie bei einer winterlichen Verfolgungsjagd vor zwei Wochen auf dem Glatteis ausgerutscht war und sich dabei das Bein gebrochen hatte, steckte sie in diesem Niemandsland fest, bis die Knochen wieder zusammenwuchsen. Ihre wohlverdiente Ruhe, hatte es geheißen, doch für die Polizistin war es die reinste Hölle. Wie gerne würde sie wieder „aktiv" ermitteln können, zum Beispiel an diesem rätselhaften Mord!

Cornelia hatte sich noch nie so einsam gefühlt. Nur ab und zu kam ein Kollege vorbei, der sich frei neh-men konnte, um sie zu besuchen, und ihr vielleicht Neuigkeiten erzählte oder um Hilfe bei einer Aufgabe bat - denn die Polizistin war für ihr messerscharfes analytisches Denkvermögen bekannt und geschätzt.

Am öftesten besuchte sie der begnadete Detektiv Friedrich Wenninger, der nicht nur jedes Mal ihre Laune verbesserte, sondern auch beim Holzhacken half. Ihr Mann, Alexander Schulz, war Akademiker und hatte sich die Universität zum zweiten Zuhause gemacht, er hatte so gut wie nie Zeit, sie in diesem abgelegenen Landhaus zu besuchen. Und wenn er doch mal vorbeikam, schleppte er gleich einen Studenten mit, dem er Nachhilfe gab, oder einen anderen Wissenschaftler, mit dem er stundenlang über Formeln oder physikalische Gesetze fachsimpelte. Cornelia selbst sah ihren Mann kaum. Früher, als sie noch bis über beide Ohren in ominösen Mordfällen steckte, hatte es ihr nichts ausgemacht, aber jetzt sehnte sie sich so sehr wie nie zuvor nach Gesellschaft.

Ein Geräusch, das wie das Schlittern von Winterreifen über Schnee klang, ließ sie hochfahren. Sie schaute aus dem Fenster auf die von Bäumen gesäumte Straße, die der Schnee in einen riesigen Zuckergusskuchen verwandelt hatte. Manch einer würde das als „idyllisch" bezeichnen, doch die eingefleischte Städterin hätte sich viel mehr über den Anblick von smogumwehten Wolkenkratzern gefreut. In der verschneiten Auffahrt tauchte ein alter weinroter BMW auf.

Einige Minuten später hörte Cornelia ein Klingeln an der Tür. Instinktiv sprang sie auf, vergaß dabei ihr gebrochenes Bein, das sich sogleich mit stechenden Schmerzen meldete. Leise fluchend humpelte die Polizistin zur Tür, öffnete sie und erblickte Alexander Schulz, zusammen mit einem unbekannten Mann, der mit seiner Brille und seinem nachdenklichen, strengen Gesichtsausdruck wie ein typischer Dozent der Universität aus. Wie sie bemerkte, war der ansonsten recht ansehnliche Anzug des Fremden mit etwas befleckt, das wie Motoröl aussah, doch abgesehen davon wirkte er recht harmlos.

Hatte Alex schon wieder einen Freund von der Uni zum Philosophieren mitgebracht? Damit war der Tag endgĂĽltig gelaufen. Dabei hatte Cornelia sich doch schon so sehr auf einen gemĂĽtlichen Abend vor dem Kamin gefreut, an dem sie sich in Ruhe mit ihrem Mann unterhalten konnte!

„Hallo, Schatz! Ich konnte mich früher losreißen und wollte dich besuchen." Der Akademiker bemerkte den fragenden Blick seiner Gattin und fügte schnell hinzu: „Darf ich dir Martin Letter vorstellen?"

Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem Fremden um einen unterbezahlten Journalisten, der sich nun mit Schriftstellerei durchschlagen wollte. Alex hatte den Mann unterwegs getroffen, als dieser gerade seinen durch eine Panne lahm gelegten Wagen zu reparieren versuchte. Unglücklicherweise hatte der Schreiberling aber sein Handy nicht dabei, um den ADAC anzurufen, und das Handy von Alex war nicht aufgeladen. „Selbstverständlich, kommen Sie rein", erwiderte Cornelia, während sie immer noch leicht argwöhnisch den Gast musterte.

„Kann ich bei ihnen unterschlüpfen?", bat Martin. „Ich möchte mir nur kurz die Hände waschen und telefonieren, damit jemand den Wagen abholen kommt."

Als Martin Letter aus dem Badezimmer zurückkam, seine Hände und Kleidung nicht mehr ganz so schmutzig, klingelte gerade das Telefon. Alexander nahm ab und gab den Hörer kurz darauf seiner Frau. „Für dich, der Kommissar."

Cornelias Gewissen zwickte leise, denn so wie sie Gruber kannte, wollte er bestimmt kontrollieren, wie sie mit der „Operation Opel" vorankam, und er würde sich über die Wasserstandsmeldung nicht besonders freuen, wenn er erfuhr, dass die Polizistin mit der Internet-Fahndung nicht einmal angefangen hatte. „Guten Tag, Herr Kommissar. Zeitgemäß mäßig, aber ich halte die Ohren steif. Nein, bis jetzt habe ich nichts gefunden. Okay, ich versuche es weiterhin. Auf Wiederhören."

Während des kurzen Telefonats hatte der Gast aufmerksam die Ohren gespitzt und fragte, kaum dass sie aufgelegt hatte: „Sie sind Polizistin? Entschuldigung, dass ich gelauscht habe, aber… Sie sind genau die Person, die ich gesucht habe!"

„Tatsächlich?" „Ja", erwiderte der Mann eifrig, „das ist ja ein schöner Zufall! Sie können mir wirklich helfen." „Inwiefern?", fragte Cornelia und bemühte sich, den Enthusiasmus oder besser gesagt sein Fehlen in ihrer Stimme nicht anmerken zu lassen. „Sie wissen ja, ich versuche, ein Buch zu schreiben. Mein derzeitiges Literaturprojekt ist ein Krimi, aber ich habe noch keine Ideen. Es wäre wirklich hilfreich, sich mit jemandem zu unterhalten, der beruflich Ver-brecher jagt. Alles, was ich möchte, sind ein paar alte Storys aus Ihrem Berufsalltag, die mich vielleicht in-spirieren."

Ein angehender Krimiautor, wenn's weiter nichts ist. Insgeheim war sie sogar froh darüber, endlich mit jemandem reden zu können, den ihre Abenteuer ehrlich zu interessieren schienen. Ihren Mann interessierten ja nur seine Formeln. Martin fuhr fort, charmant wie eh und je: „Ich verstehe natürlich, dass eine viel beschäftigte Frau wie Sie mit Sicherheit Besseres zu tun hat, als sich mit einem Schreiberling zu unterhalten. Deswegen möchte ich Ihnen einen Deal anbieten."

Cornelia konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen. Dieser Mann schien zu wissen, wie Polizisten tickten. Kein Uniformierter der Welt, sei er auch noch so gelangweilt und einsam, würde sich hinsetzen und einem wildfremden Mann Abenteuerstorys erzählen. Doch was für ein Deal sollte das werden? „Ich habe bemerkt, dass Sie zurzeit ein wenig außer Gefecht gesetzt sind und wollte Ihnen meine Hilfe vorschlagen. Ich könnte zum Beispiel - sobald mein Auto wieder funktioniert - zum Einkaufen fahren oder Schnee wegräumen." „Und dafür erzähle ich Ihnen ein paar Geschichten?" „Wenn Sie nichts dagegen haben."

Die Polizistin überlegte. In letzter Zeit ernährte sie sich fast ausschließlich von Marmelade und Konserven aus dem Vorratsschrank, da ihr Mann nie Zeit hatte, zum Einkaufen in die Stadt zu fahren. Es wäre wirklich schön, jemanden zu haben, der sich um diese ganzen Haushaltsangelegenheiten kümmerte. Nach einer kurzen Denkpause lächelte sie. „Ich akzeptiere Ihre Bedingungen, Herr Letter." Der Mann strahlte. „Dann sind wir uns ja einig."

***

Eine Woche später war das Landhaus voll mit Einkaufstüten und der Kühlschrank quoll über vor Leckereien. „Nun, was für einen Kriminalroman wollen Sie denn schreiben?", erkundigte sich die Polizistin bei dem Schriftsteller, als sie beide in dem kleinen Wohnzimmer des Landhauses saßen und die erste „Sitzung" führten. „Das kommt ganz auf die Geschichte an, die Sie mir zu erzählen bereit sind, Frau Schulz", erwiderte Martin lächelnd. „Ich bin mir sicher, dass Sie in Ihrer Arbeit schon vieles erlebt haben, das es wert ist, zu einem Roman verarbeitet zu werden. Ich würde nur zu gerne etwas davon hören."

Nach dem nötigen Einschmeicheln nickte Cornelia geistesabwesend, während sie ihr Gedächtnis nach besonders spannenden - schreibenswerten - Fällen durchstöberte. Wie wäre es mit dem, der ihr diesen Zwangsurlaub eingebracht hatte? „Da ist zum Beispiel die Geschichte mit den Drogenhändlern…" Der angehende Autor hörte pflichtbewusst zu und machte sich dann und wann ein paar Notizen, doch insgesamt hatte Cornelia das Gefühl, die von ihr präsentierte Story sei nicht ganz das, was er erwartet hatte - denn er gab sich ehrlich Mühe, um nicht gelangweilt zu wirken. „Warten Sie, ich habe noch eine bessere Geschichte über einen Jugendlichen, der aus Versehen einen Mord begangen hatte."

Diese Idee schien genau das zu sein, was Martin hören wollte. Er war so aufgeregt, dass er leicht im Sessel hochfuhr und Cornelia das Gefühl bekam, es war ein wenig mehr als der typische Enthusiasmus eines Schreiberlings, der eine gute Story wittert - doch vielleicht kannte sie sich da nicht aus, schließlich war er der erste leibhaftige Schriftsteller, mit dem sie sich unterhielt. Als der Mann sich zusammengerissen hatte, flehte er beinahe: „Erzählen Sie". Die Ermittlerin schilderte, so gut es ging, den Fall. Martin war natürlich hoch interessiert und fragte viele Male nach - Details, die für die Story wichtig seien, erklärte er. Cornelia wusste nicht warum, aber die Art, wie er dabei vorging, war beunruhigend. Wenn sie etwas erzählen wollte, was sie selbst an dem Fall besonders in Atem gehalten hatte, unterbrach Herr Letter sie oft und erkundigte sich nach (in ihren Augen unwichtigen) Details. Besonders schien ihn der Prozess zu interessieren, bei dem der Junge freigesprochen wurde, weil er sich selbst gestellt und ein Geständnis abgelegt hatte.

Am Ende der Sitzung bedankte er sich herzlich, wenn auch ein wenig nervös, und Cornelia verabschiedete sich mit den Worten: „Richten Sie einen schönen Gruß an Ihre Frau aus. Oh, wie unaufmerksam von mir, erst jetzt fällt mir ein, Sie haben es mir noch nie erzählt - sind Sie verheiratet?" Ein Schatten huschte über das sonst immer strahlende Gesicht des Mannes. „Meine… meine Frau hat sich vor zwei Monaten scheiden lassen." Irgendwie überraschte sie das gar nicht, trotzdem bemühte sich die Ermittlerin, unangenehm überrascht zu wirken: „Das tut mir leid zu hören. Gab es denn einen Streit oder einen anderen triftigen Grund?"

Martin schien zwar bedrückt, aber gleichzeitig froh, jemandem seinen Kummer von der Seele reden zu können, als er mit belegter Stimme antwortete: „Ich weiß es nicht. Sie ist einfach eines Tages von ihrer… ihrer Freundin nach Hause gekommen und hat verkündet, dass sie in unserer Ehe keine Zukunft mehr sieht. Und dann hat sie uns sitzen lassen."

Die Polizistin bemühte sich, ihren Tonfall nicht bohrend wie bei einem Verhör klingen zu lassen als sie nachhakte: „Uns?" „Mich und meinen Sohn. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, er ist mir völlig fremd. Er trägt nur noch schwarze Klamotten mit Totenköpfen und lässt kaum mit sich sprechen. Ich glaube, es liegt an seiner Mutter. Sie hat vor der Trennung ständig davon geredet, dass er auf dem falschen Weg ist und dass…" Auf einmal wurde Martin kreidebleich und brach seine Erzählung mit den eiligen Worten ab: „Ach, ich habe ohnehin schon viel zu viel von Ihrer Zeit in Anspruch genommen. Ich habe jetzt einen Termin, und mein Auto habe ich an einer ganz falschen Stelle geparkt, bestimmt kriege ich jetzt ein saftiges Knöllchen… wenn Sie mich jetzt entschuldigen…"

Cornelia fand es etwas seltsam, dass er ihr Gespräch so überstürzt abgebrochen hatte. Doch bevor sie weitere Schlussfolgerungen ziehen konnte, verließ Herr Letter geradezu fluchtartig das Landhaus. Noch im Gehen rief er: „Es war mir eine Freude, mich mit Ihnen zu unterhalten. Auf Wiedersehen!" Der Schriftsteller fuhr so schnell weg, dass er mehr riskierte als nur einen Strafzettel. Kurz nachdem Martin weggefahren war, bekam sie Besuch von dem gut aussehenden Detektiv Wenninger. Mit seiner permanent guten Laune, die ansteckte, brachte er mit dem Klischee über den grimmigen Ermittler. Doch diesmal wirkte sogar der Sunnyboy des Reviers etwas gestresst, als er bemerkte: „Du hast es gut, Cora, du sitzt hier mitten in der Natur und ruhst dich aus, während uns der Gruber wegen dem Fall ‚Alissa Kerbel' die Hölle heiß macht. Diese Astrologin war ziemlich berühmt, und wenn wir diesen Mord nicht bald aufklären, wird es nicht nur eine Blamage für die Polizei, sondern auch… na ja, du kennst ja den Gruber."

Die Polizistin nickte. „Über den Mord habe ich mich informiert." „Fleißig wie immer, unsere Cora!" „Habt ihr schon irgendwelche Hinweise, wer es gewesen sein könnte?"

Fritz seufzte frustriert. „Nein, keinen einzigen. Zum Haare raufen ist das!" Wie um seine letzte Aussage zu bestätigen, fuhr er sich mit der Hand durch den goldblonden Haarschopf, bevor er weiterjammerte: „Ich habe gestern bis nach Mitternacht telefoniert, um die in Frau Kerbels Notizbuch verzeichneten Telefonnummern zu überprüfen, und habe erst ein Drittel durchgeackert! Sie war anscheinend mit der halben Stadt befreundet - wo man doch denken sollte, Esoteriker leben abgeschieden - und es gibt keinen einzigen Bekannten, der je schlecht über sie geredet hat. Also kein Motiv, gar nichts."

„Vielleicht kann ich ja helfen?", schlug Cornelia vor. Daraufhin holte der junge Mann mit einem verschwörerischen Lächeln ein dickes, abgewetztes Notizbuch heraus. „Was glaubst du denn, warum ich hier bin, Cora? Nicht nur zum Holzhacken. Das heißt - wenn du nichts Besseres vorhast, kannst du ja mal in dem Telefonbuch blättern und dabei dein Superhirn einschalten."

„Klar, mache ich doch gerne. Ich habe sowieso nichts zu tun, da kann ich euch ja helfen. Bis morgen um drei Uhr nachts hast du die Antworten." Wieder grinste der Detektiv. „Ich nehme dich beim Wort." Und Cornelia hielt ihr Versprechen… Als ihr Mann am nächsten Morgen vorbeikam, fand er die Polizistin auf dem Sofa schlafend, mit dem Notizbuch in der einen Hand und einem Telefonhörer in der anderen.

Doch egal wie eifrig sie bei der Sache war, es half ihr nicht weiter. Der Fall war, wie Wenninger gesagt hatte, eine Sackgasse. Diese Astrologin war eine sehr beliebte Frau, die selbst keiner Mücke was zu leide tun würde, und keiner würde umgekehrt einen Grund haben, ihr etwas anzutun. Als die Ermittlerin am nächsten Tag Herrn Letters zerbeultes weißes Auto in der Auffahrt sah, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Irgendetwas stimmte nicht, und sie konnte die Geschichte, die er ihr über sein Auftauchen aufgetischt hatte, beim besten Willen nicht glauben. Sie würde einen alten Polizistentrick ausprobieren müssen…

„Ich hoffe, ich fange nicht an, Sie zu langweilen, Frau Schulz", sagte Martin höflich, während er mit Einkaufstüten in den Händen hereinkam, „aber ich kriege einfach nicht genug von Ihren Erzählungen. Allein gestern habe ich über zwanzig Seiten geschrieben!" Die Ermittlerin beschloss, gleich zur Sache zu kommen. Es war nur eine vage Vermutung, nichts als Intuition, aber wenn sie Recht haben sollte… tja, dann hatte die Polizei mit Cornelias Hilfe wieder einmal einen scheinbar unlösbaren Fall geknackt.

„Freut mich zu hören, obwohl ich wirklich nicht ganz verstehe, wieso Sie noch einmal mich besuchen und mich ausfragen, um angeblich Stoff für ein Buch zu bekommen, das Sie offensichtlich niemals zu schreiben vorhatten. Wie wäre es, wenn Sie mir einfach die Wahrheit darüber erzählen, warum Sie hier sind?" Der Mann wich instinktiv ein Stück zurück, sein Gesicht so weiß wie die frisch gestrichenen Wände im Wohnzimmer. Einen Moment schien es, als wollte Herr Letter sich wehren, es leugnen - doch dann senkte er kapitulierend die Schultern und fragte nur verwundert: „Wodurch habe ich mich verraten?"

„Ihr Auftauchen war schon verdächtig genug, und da im Umkreis von mehreren Kilometern niemand wohnt, konnte man vermuten, dass Sie von Anfang an zu mir wollten. Sie haben nur getan, als hätten Sie eine Panne, um hier rein zu kommen und ein Gespräch in Gang zu bringen. So ist es doch, oder?" „Ich bin einem ihrer Kollegen gefolgt, als dieser zu ihnen fuhr. Ich dachte, dass mir jemand von der Polizei eher helfen würde… Sagen Sie mal: Haben Sie Kinder?" „Nein, was hat das damit -" „Aber ich habe einen Sohn", unterbrach sie Martin. „Er ist vielleicht nicht perfekt, aber er ist mein Ein und Alles."

Cornelia konnte es nicht fassen, auf Anhieb ins Schwarze getroffen zu haben. Sie hatte aus einem Instinkt heraus gehandelt - und jetzt würde sie, wie es aussah, gleich ein Geständnis bekommen! Herr Letter fuhr mit seiner Erzählung fort: „Alles hat damit angefangen, dass meine Frau Alissa Kerbel kennen lernte. Sie ging regelmäßig zu dieser… Hexe, ließ sich ständig die Karten legen, Horoskope erstellen und was es da noch für Hokuspokus gibt. Und sie hatte jedes einzelne Wort von dieser Alissa geglaubt, sie führte kein eigenes Leben mehr, konnte keinen Schritt mehr tun ohne zu prüfen, was die Sterne dazu sagten. Und letztens hatte Frau Kerbel meine Frau darauf hingewiesen, dass mein Sternzeichen und das ihre überhaupt nicht zusammenpassten und dass wir uns früher oder später trennen würden…" Als er weiterredete, überschlug sich seine Stimme vor Verbitterung: „Und über meinen Sohn hat diese Möchtegern-Hellseherin erzählt, er würde bald ein Verbrechen begehen!"

„Ihre Frau hat diese Vorhersagen sehr ernst genommen und hat Sie daraufhin verlassen, nicht wahr?" „Ja, aber es geht nicht um mich, sie hat auch das Leben meines Sohnes zerstört. Er hat Frau Kerbel gehasst, und als er von dem Horoskop erfuhr, hatte er sich offenbar danach ausgerichtet, es auszuleben. Seine schulischen Leistungen sanken ab, er spielte brutale Computerspiele, und einmal habe ich sogar Waffen bei ihm entdeckt."

Dieses Wort wirkte auf die Polizistin fast wie ein rotes Tuch auf einen wütenden spanischen Stier und ließ sie aufhorchen. „Waffen?" „Als er neulich seine Jacke anzog, ist ihm ein Butterfly-Messer aus der Tasche gefallen. Und in seinem Zimmer fand ich eine Pistole, von der er aber geschworen hatte, sie sei nur ein Spielzeug." Irgendetwas stimmte hier nicht. Alissa Kerbel war erstickt, sie wurde nicht erschossen. Entweder hatte sich Cornelia Schulz den Falschen geschnappt, oder aber…

„Was war das für eine Pistole?", erkundigte sie sich. „Ich kenne mich da nicht aus, aber vermutlich war es einfach eine Schreckschusspistole." Oder aber eine, die statt Kugeln ein bestimmtes Betäubungsgas verschoss, dachte Cornelia. Warum war sie nicht sofort darauf gekommen? Der Junge wollte die Frau nicht töten, er wollte ihr nur Angst einjagen, damit sie seine Mutter in Ruhe ließ. Er wollte sich anscheinend als eine Art Schicksalsbote aufspielen. Also hatte er sich die passende Kleidung besorgt und eine Waffe, die - unter normalen Umständen - nicht tödlich war, die aber ein Laie niemals von einer richtigen Pistole unterscheiden würde. Normalerweise würde das Opfer wegen der Wirkung des Gases einige Zeit später zu sich kommen, mit schrecklichen Kopfschmerzen und nur einer vagen Erinnerung an die vorherigen Ereignisse. Um Alissa Kerbel davon abzubringen, bei der Erstellung ihrer Horoskope allzu viel Phantasie zu verwenden, reichte es allemal. Doch da die Esoterikerin Asthma hatte, hatte es für sie tödlich geendet.

„Dann, eines Abends, kam Mark völlig aufgekratzt nach Hause und erzählte mir weinend alles. Er kommt jetzt ins Gefängnis, nicht wahr?" Die Polizistin gab sich Mühe, nicht allzu hart zu klingen, als sie sagte: „Vielleicht wollte Ihr Sohn die Frau ja nicht töten, aber er hat nun mal ein Verbrechen begangen, das aufgeklärt werden muss. Wenn Sie meinen Ratschlag hören wollen: Ihr Sohn sollte selbst zur Polizei gehen und sich stellen, dann wird seine Strafe vielleicht gemildert. Mehr kann ich leider nicht tun."

__________________
"...dann existiere ich auch nicht!"
Filmzitat

Version vom 11. 08. 2007 09:44

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