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Leselupe.de > Erzählungen
Die Felsgrottenmadonna
Eingestellt am 22. 06. 2012 12:27


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Hagen
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Kalter Rauch ruhte sich im Mephisto aus, ein zerbrochenes Glas am Ende der Theke, Musik aus der Hitparade der Menschen, die stets wild entschlossen sind, ‘gut drauf zu sein’. Sicher waren sie gut drauf gewesen, die ganze Nacht, einer war noch übrig.
„Ihr Taxi bitte”, ich klapperte ein wenig mit den Schlüsseln, die Realität hatte mich wieder, die Müdigkeit noch nicht ganz entlassen. Renate stand an der Spüle und deutete auf den Mann an der Theke als sie mich sah. Der hatte einen bunten Drink vor sich und mochte Stunden auf den Feierabend der Frau gewartet haben, die jetzt ein Stück weg stand und Gläser spülte, statt mit ihm zu gehen. Geklammert an Drink und Hoffnung schien die Nacht für ihn mit einem Anruf beim freundlichen Funk-Taxen-Team zu enden.
Ich kannte diese Männer, Hunderte von ihnen hatte ich schon durch das Morgengrauen nach Hause gefahren. Vergeblich hatten sie auf die wunderschöne Frau gewartet, die einfach in die Kneipe kommt, und bei der alle Gespräche verstummen. Die Traumfrau eines jeden Mannes, der weit weg vom gerade angesagten Idealtyp, mehr oder weniger betrunken rumsitzt. Sie kommt ausgerechnet zu ihm und gesteht, endlich den Mann ihrer Träume gefunden zu haben und heute sei die Nacht der Nächte...
Der Mann rutschte vom Hocker, „dann wollen wir mal.”
Er steckte seine Filterzigaretten ein, raffte seinen Mantel zusammen und kam zu mir.
„Kommst du gleich wieder und bringst mich nach Hause?” Renate setzte die Gläser eine Spur zu hart ab, ihre Zunge war etwas zu schwer, ihr Blick ein wenig zu glasig.
Wir kannten uns gut, sie in ihrem Job als Zapferin, ich in meinem Job als Taxifahrer. Sie erinnerte mich an die Felsgrottenmadonna von Leonardo da Vinci, irgendwie, ich weiß selber nicht warum.
Sie hatte in dieser Nacht einen oder zwei spendierte Drinks zu viel genossen, sie war ein Stück entfernt von dem, was ich mir unter der Innenwelt der Felsgrottenmadonna vorgestellt hatte; - es war nur noch wenig von ihrer eindrucksvollen Beseeltheit übrig.
„Na, klar. Bis gleich. Hast du denn noch einen Kaffee für mich?”
„Aber natürlich.“
Ich hielt dem Mann die Tür auf und brachte ihn nach Hause, er gab mir das Fahrgeld passend. Ich kehrte zurück, zu Renate und dem Kaffee, und während dieser heiß und belebend in mir herunter lief, legte sie eine neue CD ein, Partyhits vom Ballermann. Sie wollte noch nicht nach Hause, sie wollte ‘gut drauf sein’... „ein seltsamer Typ, vorhin! - Er wollte meine Seele kaufen.”
„So mag’s der Teufel gewesen sein”, scherzte ich und trank die Tasse leer.
„Glaubst du daran, an den Teufel?”
„Nicht im Geringsten! - Aber du kannst mir nicht beweisen, dass es ihn gibt; - genau so wenig wie du beweisen kannst, dass es ihn nicht gibt.”
Renate nickte nachdenklich.
Gerne hätte ich sie zur Felsgrotte gefahren, sie integriert und den Boden angebetet, auf dem sie saß oder wandelte.
Noch war die Realität ein Stück weg von mir, trotz heftigem Duschen und viel starkem Kaffee nachdem mich ein Oboenkonzert aus leichtem Schlaf gerissen hatte.
„Die Woche über erlebe ich nur Besoffene und Verrückte... und jeder versucht mich anzubaggern... warum du nicht?” drang Renates Stimme zu mir.
Gern hätte ich ihr vom Atelier Leonardo da Vincis erzählt, von einem früheren Leben, wie wir uns dort begegnet waren - doch sie hatte nur Augen für den Meister; - nicht für seine Gehilfen.
„Kein Fahrer, der etwas auf sich hält, baggert seinen Fahrgast an, genau wie eine niveauvolle Tresenkraft nicht mit einem Gast geht”, sagte ich statt dessen.
Die Felsgrottenmadonna spülte die Tasse und stellte sie ins Regal, ließ sich von mir in den Mantel helfen und die Türen der Gaststätte und des Taxis aufhalten. Sie schloss ab, ich fuhr sie heim und sie gab mir einen Kuss als Trinkgeld.
„Kommst du noch mit hoch? Auf den obligaten Kaffee?” Ihre dunklen Augen blitzten wie die Reflexe der Sonne auf dem See im Hintergrund des Bildes.
„Normalerweise gerne, aber du hast etwas zu viel getrunken. Ich hätte das Gefühl, es auszunutzen. Wenn du geschlafen hast und immer noch so denkst, können wir darüber reden. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das mit uns nicht klappen würde!”
Sie nickte, schrieb ihre Telefonnummer auf einen Bierdeckel und gab mir einen Kuss. Ein eigenartiger Kuss mit Einsatz der Zuge, etwas zu routiniert, zu berechnend; - oder zu unbedarft, ich vermochte es nicht zu beurteilen.
Aber der Kuss hauchte etwas Seltsames in mich.
„Ich denke, du glaubst nicht an den Teufel?” sagte ich mit schwerem Atem.
„Tue ich auch nicht!“
Sie gab mir den Bierdeckel in dem Moment, in dem sich mein Handy meldete. Eine Frauenstimme, die mich in einen Vorort bat, in einen Vorort, in eine Straße, in der Autos der gehobenen Mittelklasse in den Garagen stehen.
Wir trennten uns, und ich fuhr los.
Die Frau, die dort an Bord ging, trug aufgefrischtes, normales Parfum und den seltsamen Glanz in ihren Augen, der entsteht, wenn eine Frau einem Mann eine Nacht lang orgastisch beigewohnt hat. Ich brachte die Frau in eine der Reihenhaussiedlungen, in der Mittelklassewagen in den Garagen stehen, in der die Häuser jeweils von einem hart arbeitenden Mann, seiner Frau und deren beider Kinder bewohnt werden.
Der Glanz in den Augen der Frau begann zu erlöschen, als sie zahlte, ausstieg und auf eins der Häuser zuging.
Das war Uschi!
Vor 25 Jahren war sie mal in unseren Laden gekommen, anlässlich des Muttertages, sie hatte den üblichen, schönen bunten Strauß für ihre Mutter gewollt. Ich hatte ihn ihr gebunden und noch eine Chrysantheme, - nein, es war eine Canadian Explorer Rose Champlain, - dazu gesteckt. Jetzt erinnerte ich mich ganz genau, es war eine Champlain!
Diese blöden Rosen sehen total normal aus, aber meine Frau hatte für ein Heidengeld einen Posten davon eingekauft und wollte sie nur an gute Kunden verkaufen.
Das war der Zeitpunkt, als mir als Mann die bunten Blumen total egal zu werden begannen; - wir hatten seit zwei Monaten keinen richtigen Sex mehr gehabt!
Klar, zweimal die Woche war die Norm, aber nur der Standard, und anschließend übergangslos eine Besprechung über den Laden, und wie der Umsatz zu steigern wäre; - das mit dem feuchten Fleck auf dem Bettlacken zwischen uns, aber die Besprechung fand jede Nacht statt.
Drei Tage später war Uschi wieder da, sie trug einen weit ausgeschnittenen Pulli und ließ mich tief in ihr Dekolleté sehen, als ich ihr eine einzelne Helen Hayes Hybrid Tea Rose aus dem Schaufenster einwickelte.
Weitere drei Tage später war sie wieder da, sie wollte einen Rosenstamm ‘Impératice Farah‘ nach Hause geliefert haben. Das gehörte zu unserem Service, ich astete den Rosenstamm des Abends zwei Treppen hoch, und stellte ihn der Frau auf den Balkon neben einen Wäscheständer, auf dem sich lila Unterwäsche im lauen Wind sanft wie in einem langsamen Walzer wiegte.
Klar, dass wir kurz darauf in ihrem Ehebett landeten und das hatten, was man allgemein wilden, hemmungslosen Sex nennt. Bei der Zigarette danach bemerkte sie trocken wie der Martini, den wir dazu tranken, dass ihr Mann bald heimkommen würde, und ob ich nächsten Donnerstag wieder kommen wollte.
Natürlich wollte ich, aber vorher galt es noch die Spuren meines Tuns zu verwischen und mir langsam eine neue Gewohnheit zuzulegen, denn nichts fällt so sehr auf, als wenn ein Mann plötzlich seine Gewohnheiten ändert.
Das gilt für den Tatverdächtigen in einem guten Krimi oder wenn ein Mann plötzlich eine Affäre hat.
Nachdem ich unseren Firmenwagen in die Garage gestellt hatte, ging ich noch in die Kneipe zwei Straßen weiter, trank auf die Schnelle zwei, drei Bier, kehrte nach Hause zurück, küsste meine Frau flüchtig und hörte mir eine Standpauke an, weil ich schon wieder Biertrinken gewesen war, anstatt mich um irgendeine Sache in dem verdammten Laden zu kümmern.
Am nächsten Donnerstag zog ich die Sache auf die gleiche Weise durch, nur ohne irgendwelche Rosen. Biertrinken, Sex vom Feinsten, Biertrinken, Standpauke.
Meine Schwiegermutter befürchtete, dass ich in der Trinkerheilanstalt landen würde, wenn ich so weiter machte, und unser häuslicher Sex ging gegen Null.
Aber das war mir in diesem Moment egal; - total egal.
Ich fieberte Uschi entgegen, wir machten alles und noch viel mehr als man es in den wildesten Pornos je hat sehen können, aber dann war plötzlich Schluss, nach zwei Monaten.
Die ‘Impératice Farah‘ war verkümmert, genau wie meine Fähigkeit, mich selbstlos in eine Beziehung einzubringen, aber meine Kneipengänge behielt ich bei…
Warum nur hatte Uschi mich nicht wiedererkannt?
Ich dachte nicht darüber nach, über den Hintergrund dieser Fahrt, während ich die Disko anrollte.
Der Sonntag nahm mich zu sich, Nieselregen begann die Stadt einzuhüllen, grauer Himmel, junge, graulaunige Menschen in bunten Klamotten nach einer techno-durchwummerten Nacht.
Ich traf Doris bei der Disco. Sie lehnte, eine kurze Pause im Nieselregen ausnutzend, an ihrem Taxi und blies Rauchwolken in den trüben Himmel.
Nach der üblichen Begrüßung erzählte sie mir, dass sie mit irgendeinem Typen Tricke gefahren war, und wie toll solch ein Tricke sei. Das fand ich nicht. Ich bin der Ansicht, dass ein Trick nicht Fisch nicht Fleisch ist, ein Vehikel für Yuppies, die mit einem Motorrad nicht klar kommen und hinter jedem Trend her rennen. Glücklicherweise bekam Doris eine Fahrt, bevor ich mich mit ihr über Trickes unterhalten musste.
Irgendwann kamen die Türsteher raus, mit ihnen die letzten beiden Discobesucher. Die brachte ich nach Hause, sie mochten sich in der Disco kennen gelernt haben, hatten durchgefeiert und freuten sich auf der Rückbank bereits auf ein Bett. Ich gönnte es ihnen.
Durch feinen, mit dem letzten Mondlicht gefüllten Nieselregen fuhr ich zu Andrea, frühstücken. Ich hätte lieber Zuhause gefrühstückt, im Bett, mit einer verschlafenen Blondine neben mir, nach durchliebter Nacht. - Unter diesen Umständen wäre ich sogar geneigt gewesen, den Tisch liebevoll zu decken, mit einer Kerze, Brötchen aufzubacken, Kaffee zu kochen, Eier ... - war vor Kurzem so geschehen, einfach so.
Ich finde es wundervoll, wenn Schönes einfach so von selber passiert. Es hatte sich ergeben, dass die Blondine nach Feierabend mit zu mir nach Hause gekommen war, einfach nur so, als hätten wir uns früher schon mal geliebt, durch widrige Umstände aus den Augen verloren, nie vergessen und wieder getroffen...
Am nächsten Morgen hatte sie rumgezickt, von wegen Kaffe zu stark, Eier zu weich, keine Erdbeermarmelade und überhaupt... - Konnte auch daran gelegen haben, dass ich vorher eine Doppelschicht gefahren hatte, weil Doris wieder einmal krank geworden war, oder weil ich mittlerweile überhaupt im Bett eine Nuss bin...
Wer will schon mit einem Taxifahrer liiert sein?
Von geringem, gesellschaftlichem Ansehen, beschissen bezahlt, zermürbt vom dauernden Schichtwechsel und ohne Aussicht auf eine Beförderung?
Um nicht total zu vereinsamen, leistete mir meine Katze Anna-Karenina hin und wieder Gesellschaft. Manchmal ruhte sie auch nur hoheitsvoll in der Sofaecke und wollte bei ihrer Meditation nicht gestört werden. Ansonsten war sie der Ansicht, dass ich nur dazu da war, ihr die Dosen zu öffnen. Aber eins war mir noch nie begegnet, bei einem weiblichen Wesen; - sie war vollkommen widerspruchslos.
Nach dem Frühstück brachte ich eine alte Dame zur Kirche und einen Mann mit zwei Koffern zum Bahnhof. Der Mann klärte mich während der Fahrt über die Gefahren des Rauchens auf und gab mir anstatt eines Trinkgelds unaufgefordert gute Ratschläge was das Rauchen betraf.
Anschließend drehte ich mir vor der Kirche, während ich auf die alte Dame wartete, um sie wieder nach Hause zu bringen, einige Zigaretten auf Vorrat.
Langsam kam die Sonne durch. Doris meldete sich hin und wieder über Funk, erzählte mir, wohin ihre Fahrten gingen und richtete mir aus, wenn sie wieder frei war.
Schien alles ganz normal zu laufen.
Einige Fahrten zum und vom Frühschoppen, es begann die Zeit der Besuche. Freunde und Verwandte im Krankenhaus, Väter und Mütter im Pflegeheim. Wir teilten uns die Fahrten. Eine junge, doch verhärmte Frau fuhr ich zur Justizvollzugsanstalt, sie duftete nach Chanel.
Etwas nachdenklich fuhr ich zum Taxenplatz, auf der Pole-Position stand der `Weißen Gertruds´ Taxi, dahinter `Doppelwhisky´. Ich parkte wieder mit Fanfare ein, und Gertrud wollte wissen, wer mir das erlauben würde, nachdem ich sie begrüßt hatte.
„Ich mir“, sagte ich, „zudem erlaube ich mir jetzt, ein Eis zu mir zu nehmen. Willst Du auch eins?“
„Aber Eis isst man doch erst im Sommer! Dr. Julius Hackethal, mit dem ich mal zusammen gearbeitet habe, hat auch...“
„Ja, liebe Gertrud! Aber im Sommer werden wir Eis zusammen essen!“
„Jetzt ist aber kein Sommer.“
„Tja, leider. - Aber im Sommer werden wir zusammen Eis essen und Tango tanzen, hier auf dem Taxenplatz ... zur Stunde des Wolfes, wenn der Kanzler schläft und Lehrte auch.“
„Ich habe ja so selten Nachtschicht.“
„Was ist Taxifahren ohne Nachtschicht? Nachts fahren Feen und Elfen Taxi, Vampire sind unterwegs, der Teufel selbst, Wehrwölfe und Schicksalsgöttinnen, denn auch diese müssen in der heutigen Zeit Taxi fahren.“
„Ach, Du spinnst!“
„Durchaus nicht! Neulich sind die drei Parzen mit mir gefahren...“
„Wer sind denn die drei Parzen?“
„Die Schicksalsgöttinnen. Klotho spinnt den Lebensfaden, Atropos schneidet ihn zu gegebener Zeit ab und Lachesis teilt den Menschen ihr »Los« zu. – Die drei Damen waren jedenfalls völlig besoffen. Sie waren bei der hiesigen Frauengruppe und anschließend noch einen trinken, kein Wunder, wenn unser Land langsam vor die Hunde geht! Immerhin haben sie mir erzählt, dass sie dereinst einen gewissen Herrn Helmut Kohl einfach mal ausgelassen haben. Was daraus wurde, haben wir ja gesehen. - Jedenfalls waren die Damen sehr in Eile, einige Neugeborene zu besuchen... ich bin vielleicht geheizt! Wahrscheinlich war Lachesis auch wieder mal besoffen, als sie mir mein »Los« zugeteilt hat.“
„Wieso das denn?“
„Das weiß ich doch nicht! Wäre ich sonst Taxifahrer? Ich wollte ja eigentlich Sexualtherapeut werden um den Menschen zu helfen. – Na ja egal. Lachesis hat mir jedenfalls gestanden, dass sie dereinst der momentanen Bundeskanzlerin Los und das meine versehentlich vertauscht hat. Du weißt ja, dass Angela und ich am gleichen Tag Geburtstag haben.“
„Nein, das wusste ich nicht.“
„Aber jetzt weißt Du’s. - Eigentlich sollte ich Bundeskanzler werden und Frau Merkel Taxifahrerin. Da kannst Du mal wieder sehen, was das mit dem Alkohol so alles auf sich hat!“
„Bist Du etwa auch betrunken?“
„Ich bin mitnichten betrunken, mir jedoch im Unklaren darüber, warum wir auf dieser Welt sind und worum es in diesem Leben überhaupt geht. - Kürzlich ist dieser Herr Hermés mit mir gefahren, auch er war völlig besoffen, wollte aber einen Trunkenbold unbedingt vom Diesseits ins Jenseits geleiten. – Weißt Du eigentlich, wo die Pforte zum Jenseits ist?“
„Was?“
„Ich habe ihn natürlich hingefahren, man soll betrunkene Götter nicht sich selber überlassen. Das fordert den Zorn der nüchternen Götter heraus!“
„Sag’ mal, Du spinnst doch wohl total! - Wo ist denn die Pforte zum Jenseits?“
„Du brauchst ungefähr achtzehn Minuten von hier aus. Du fährst auf die B 443, ein Stück Burgdorfer Straße geradeaus, dann links auf die A 2, Richtung Berlin. Nicht ganz bis nach Berlin natürlich, nur bis Hämelerwald. Rechts halten, geradeaus einordnen durch Hämelerwald ganz durch, rechts auf die L 413 bis Equorder Schierk. Da ist in der gelben Scheune die Pforte zum Jenseits.“
„Das glaube ich Dir nicht!“
„Ich hab’s auch erst nicht geglaubt, aber in mir hat sich die Erkenntnis breit gemacht, dass die Götter - genau wie die Menschen - nur ihre eigenen Interessen im Sinn haben. Wenn sie sich zu den Menschen herablassen, dann nur, um ihren Spaß mit ihnen zu haben, was nicht selten in reine Schikane ausartet. Der Teufel macht das genauso; - allerdings etwas perfider! Du kannst nie wissen, ob der Teufel oder irgendwelche Götter ihre Finger im Spiel hatten! - Aber da erzähle ich Dir ja nichts Neues. Du brauchst Dir nur unsere Politiker ansehen.“
„Sag‘ mal, hast Du was geraucht, oder so?“
„Nein, ich hab‘ nur gestern mit Falco eine Nase gezogen. – Merkt man das?“
„Falco ist tot!“
„Das ist mitnichten der Fall! Offiziell starb Falco am 6.2.1998 in der Dominikanischen Republik bei einem Autounfall. Seine Leiche soll ‘Mit Kokain und Alkohol vollgepumpt‘ gewesen sein, wie die Presse berichtet hat. Dass Falco unter Drogen stand, kann sein – Die Wahrheit jedoch ist: Tot war er nicht! Da er von dem Trubel um sich genug hatte, und um sein letztes Album ’Out Of The Dark‘ zu promoten, inszenierten wir seinen spektakulären Abgang. Wir ließen einen Reisebus in seinen Pajero krachen, als er vom Parkplatz eines Cafés fuhr. Ich habe damals die Aktion geplant und durchgeführt; - war gar nicht so einfach, aber das ist eine andere Geschichte, erzähl‘ ich Dir bei Gelegenheit. Von den Tantiemen allerdings kaufte Falco sich hier in Lehrte eine Parzelle im Kleingartenverein Lilienduft. Gestern hatte ich frei, da haben wir beiden - wie gesagt - mal wieder ‘eine Nase gezogen‘...“
„Das merkt man“, sagte die `Weiße Gertrud´ und richtete ihr Augenmerk auf ein Paar, das aus dem ‘Speakeasy‘ getorkelt kam und Kurs auf den Taxenplatz nahm.
„Ich glaube, wir essen später mal Eis zusammen“, sagte ich, denn der Mann sah Gertrud und die beiden gingen bei mir an Bord.
Meine Fahrgäste wollten zu einer Ortschaft etwas außerhalb Lehrtes.
Erst jetzt erkannte ich die Frau, die in die JVA wollte und so schön nach Chanel geduftet hatte. Jetzt roch sie nach billigem Fusel und hing einem Mann um den Hals, der aussah, als hätte Jemand in seinem Gesicht schnitzen geübt, aber einer mit wenig Talent.
Genau zwanzig Euro waren auf der Uhr als ich das Taxi nach ausgiebigem Boxenstop an einer Tanke, auf der der Mann zwei Flaschen Hochprozentiges erwarb, hinter einem etwas größeren, langgestreckten Gebäude stoppte. Mehrere Partys schienen dort erledigt zu werden, denn Musik der unterschiedlichsten Stilrichtungen drang in ungehemmter Lautstärke aus diversen Fenstern. Auf der Rückbank jedoch ging die Diskussion darüber los, wer denn jetzt die Fahrt bezahlen würde, was nach geraumer Zeit dahingehend kulminierte, dass der Herr behände das Taxi verließ, „mal eben das Geld holen ... verdammter Ausbeuter!“
Ehe ich es verhindern konnte, war er mit den beiden Flaschen im Haus verschwunden. Die Dame wollte hinterher, ich hielt ihre Handtasche fest, derweil fiel des Hauses Tür ins Schloss.
„Dumm gelaufen“, sagte ich, steckte mein Portemonnaie in die Seitentasche meiner Hose und verschloss das Taxi, „wo könnten wir denn jetzt mal so ein Bisschen klingeln?“
„Weiß ich doch nicht.“
„Wie? Weiß ich doch nicht?“
„Hab‘ ihn vorhin erst kennengelernt... ‘ist im Grunde ein netter Kerl.“
„Zweifellos. – Aber gehen sie bitte nicht davon aus, dass ich unbegrenzt Zeit habe.“
„Ja... hm... äh. – Ich muss mich setzen, mein Kreislauf...!“
„Wie bedauerlich. Ich kann ihnen jedoch im Moment leider nicht helfen.“
„Warum nicht?“
Mein Handy meldete sich, bevor ich zu einer Erklärung ansetzen konnte. Ronny, ein Stammfahrgast, er wollte sofort ein Taxi.
„Bitte versteh‘ mich, ich bin zurzeit etwas außerhalb und habe ein Problem mit einem Fahrgast. Ich komme so schnell wie ich kann zu dir.“
„Was hast du denn für ein Problem?“
„Kann ich jetzt nicht sagen. Ich komme so schnell ich kann.“
„Wie lange dauert es denn noch?“
„Sagen wir mal zwanzig Minuten.“
„Was? So lange? Wieso geht es denn nicht schneller?“
„Ronny bitte, versteh‘ mich, ich kann jetzt nicht, ich komm‘ so schnell ich kann. – Moment mal.“
Die Dame hatte inzwischen begonnen, Steinchen an diverse Fenster zu werfen, was zur Folge hatte, dass ein schwankender Herr mit sorgsam eingefetteten Haaren die Haustür öffnete und sich erkundigte, was denn dieser Lärm sollte. Die Dame nutzte die Gelegenheit in das Haus einzudringen. Ich folgte ihr, war gar nicht so einfach mit dem Handy am Ohr, zumal Ronny wissen wollte, was denn los sei und mir im gleichen Atemzug androhte, zukünftig ein anderes Unternehmen zu rufen, wenn ich nicht innerhalb von fünfzehn Minuten bei ihm währe, weil er irgendetwas mit der liebreizenden Jessica vor hatte.
War natürlich ein Grund, zumal Herzensangelegenheiten grundsätzlich Vorrang haben, doch zunähst folgte ich der Dame, die mittlerweile wieselflink die Treppe empor gelaufen war und stieß oben mit einem weiteren Herrn zusammen, der mir Schläge androhte, weil ich gewaltsam in dieses friedliche Heim eingedrungen war. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, wie die Dame in einem Zimmer an des Flures Ende verschwand. Ich sagte Ronny mein baldiges Eintreffen zu, steckte das Handy in meine Hemdentasche, quetschte mich an dem Herrn vorbei und versuchte auch in das Zimmer zu gelangen. Das gelang mir nicht, denn in der Tür saß Einer mit dem Rücken zum Flur, sein Kopf pendelte bedächtig zum Takt der deutschen Schlager, die sich gnadenlos aus dem Zimmer wühlten.
Der Herr, den ich soeben zusammen mit der Dame gefahren hatte, saß auf dem Sofa, hatte eins der Fläschchen bereits angearbeitet und schickte sich an, besagter Dame einzuschenken.
„Was willst du?“ schrie er gegen die Musik an, als er mich sah.
„Fünfundzwanzig Euro“, rief ich zurück, „der Fahrpreis einschließlich Wartezeit.“
Ich erklärte ihm die Sache mit Fahrpreis und Wartezeit, aber er war der Ansicht, auch morgen bezahlen zu können, oder irgendwann, ich könnte ja mal wieder reinschauen und nachfragen, wenn ich hier in der Gegend wäre, im Moment hätte er leider kein Geld mehr, und was ich mir denn dabei gedacht hätte, arme Sozialhilfeempfänger derart abzuziehen. Der Herr, der mir bereits auf dem Flur begegnet war, traf auch ein, fand die Angelegenheit recht lustig, meinte, ich hätte bei ‘Kuno dem Karpfenkiller‘ im Voraus kassieren müssen, und lud mich ein, die Angelegenheit bei einem Drink zu besprechen. Es kam noch einer entlang und lachte sich über ‘Kuno den Karpfenkiller‘ kaputt, während ich die Herren darüber aufklärte, was auf sie zukäme, wenn ich aus der gegenwärtigen Situation heraus die Polizei rufen würde. Da legten sich die Gesichter in arge Falten und der Herr, der bis jetzt in der Tür gesessen hatte, auf die Seite.
„Moment mal“, der Herr auf dem Sofa sprang auf, eilte herbei und zog dem Umgefallenen zwei Geldscheine aus der Hemdentasche, „da haben wir’s doch!“
Er händigte mir dreißig Euro ein, „kannste behalten.“
„Wärmsten Dank, Damen und Herren. Es war mir ein entsetzliches Vergnügen. - Immer wieder schön, sie zu verlassen!“
Ich fuhr mit Bleifuß zu Ronny, der versuchte mich niederzumachen weil ich nie pünktlich wäre, packte mir den Kofferraum voll roter Rosen und ging an Bord.
„‘habbich von Arno, der hatse im Großhandel besorgt. – Brauchste grad mal ‘ne Stollenschrankwand? Kann ich dir zum halben Preis besorgen!“
„Nein. – Wo fahren wir hin?“
Er wollte zu einem kleinen Gasthof in der Nähe Lehrtes; hätte recht romantisch sein können, wenn die nicht gerade mit mächtig Lärm und Staub am Umbauen gewesen wären, sogar am Sonntag, aber dafür sollte das einzig bewohnbare Zimmer sehr preiswert sein.
Ronny zeigte sich etwas inflexibel, als ich ihm nahe legte, kurzfristig umzudisponieren und bat mich, Jessica von Zuhause abzuholen, er hatte schon Bescheid gesagt.
Die liebreizende Jessica ahnte etwas und war in höchstem Maße gespannt ob der Überraschung, die Ronny herbeizuführen beabsichtigte. Sie ging hochgradig erwartungsvoll von Bord und in den Gasthof.
Wieder zum Bahnhof.
Die weiße Gertud war nicht mehr da, überhaupt war keiner mehr da, und Nieselregen legte sich auf die Stadt wie ein nasser Lappen.
Irgendwann, nachdem ich mich mehrfach gefragt hatte, was es alles soll und kleinen Fahrten und kleinen Gesprächen über das trübe Wetter, einer Fahrt mit einem Glas Goldfischen, der Feierabend war in greifbare Nähe gerückt, eröffnete mir ein rotgesichtiger, blaurasierter Fahrgast, dass er nicht zahlen konnte.
Erst jetzt erkannte ich ihn: Der Mann von heute morgen!
Er wollte mir sein Handy als Fahrgeld geben, neu, mit Papieren, das Startguthaben war noch vollständig drauf.
Personalien festhalten, Rechnung, Aufwand, Nerverei; - ich war mittlerweile zu mürbe dazu. Ich fuhr zur nächsten Telefonzelle und rief das Handy an und von dem Handy aus das Taxi. Funktionierte, PIN und Rufnummer standen auf der Karte, ich machte den Deal, löschte das Taxameter, trug den Betrag der Fahrt auf dem Fahrtenbogen ein und steckte das Handy in die Hemdentasche zu dem Bierdeckel mit Renates Telefonnummer.
„Was ich ihnen noch sagen wollte”, lächelte der Mann während er ausstieg und seinen langen, schwarzen Mantel zusammen raffte, „nach einem der ersten drei Anrufe wird das Gegenteil von dem eintreten, als das, was über dieses Handy besprochen worden ist!”
„Ich werde dran denken”, antwortete ich leichthin und sah ihm nach, wie er etwas humpelnd in den Nieselregen ging, doch sein grelles Lachen drang zu mir, als er längst im Grau des Regens verschwunden war.
Zur Zentrale und Abrechnen.
Doris rollte auch ein, „Puh, endlich Feierabend.“
Ingolf kam zum Taxi, mich abzulösen, Gunter übernahm Doris’ Taxi, „Klappt ja wieder wie verrückt.“
„Guten Abend, Herr Kollege”, sagte ich.
„Guten Abend, Herr Kollege“, sagte Ingolf. „Was riecht denn hier so seltsam? Irgendwie nach Schwefel... hast Du vielleicht...”
„Quatsch! Muss mein letzter Fahrgast gewesen sein, der hatte so ein seltsames Rasierwasser.”
„Ach so”, Ingolf ließ die Sprühdose mit Raumspray kurz zischen, „gibt’s Vorbestellungen?“
„Nein, heute nicht.“
„Gut. Dann bring’ ich Dich mal eben nach Hause.“
Ich sagte nichts dazu, ich wünschte ihm nur ‘viele nette Fahrgäste’ und dass die Straßen vor ihm frei und eben sein mögen.
Ich war zu müde um zu schlafen, zu hungrig, mir etwas zu essen zu machen und zu alleine um einsam zu sein. Als ich mein Hemd auszog, fiel das Handy heraus, mit ihm der Bierdeckel mit der Telefonnummer Renates.
Renate! Sie mochte jetzt so empfinden wie ich.
Sie empfand so, genauso, und sie sagte es mir, als ich sie anrief um zu fragen, ob sie auf eine Pizza und ein Glas Wein zu mir kommen wollte, und ob wir reden könnten; - aber nicht über das Wetter.
Sie wollte kommen und reden; - bei Pizza und Wein.
Weil ich das Handy noch in der Hand hatte, rief ich einen Pizzaservice an, bevor ich duschte und mir ein frisches Hemd anzog.
„Vielleicht sollte ich mit Wäschefarbe Gelobt sei die Gesalbte auf das Laken malen“, sagte ich zu Anna-Karenina. Die nickte verstehend, zog eine Augenbraue hoch und sich hoheitsvoll ins Schlafzimmer zurück, wo sie sich auf ihrem Kissen zusammenrollte. Vielleicht hatte sie etwas falsch interpretiert.
Renate, die Pizzas und der Wein kamen nahezu gleichzeitig an. Nach der Begrüßungsumarmung und während ich die Pizzas aus den Kartons nahm und auf Teller legte, den Wein zum Atmen öffnete, hörte ich sie im Wohnzimmer telefonieren...
„... nein, ich bleibe die Nacht hier... Du kennst ihn nicht, er ist Taxifahrer... Ach Quatsch, zu dem gehe ich nie wieder ... Sex mit dem Ex, bei Dir piept’s wohl?”
Ich stellte die Teller auf den Tisch, legte Bestecke daneben, zündete die Kerzen an und schenkte den Wein ein. Renate schaltete das Handy aus, „’hab mal schnell meine Freundin angerufen, das durfte ich doch?”
„Natürlich.”
Pizza, Wein, Kerzen, ich legte die Pastorale in den CD-Player. Es kam trotzdem kein gutes Gespräch in Gang; - wir fanden nur die Gemeinsamkeit, dass auch sie manchmal zu sehr alleine war. Der Unterschied war indes, dass ich es wollte; - sie nicht. Klar, dass sie mit mir auch mal ein Konzert besuchen wollte, mit klassischer Musik, aber sie begriff nicht, dass ich vorher mindestens eine Stunde ruhen wollte um zu normalisieren und mich zu öffnen; - es war ihr zu weit entfernt. Ich nahm einen neuen Anlauf, stellte die Frage, was es alles soll und überlegte laut, ob die Frage falsch gestellt sei; - vielleicht sollten wir fragen, was jeder einzelne tun kann, um dem Leben einen Sinn zu geben.
Anna-Karenina kam, legte sich neben mich und nickte, als ich laut darüber nachdachte, dass jeder die Welt mit baut, in der wir leben. Das ‘Raumschiff Erde’ hat keine Passagiere; - jeder gehört zur Besatzung.
Renate sah mich nur an. Schöne Augen hatte sie, jetzt war es ein faszinierendes Blau; - aber nicht das Blau des Sees, in dem ein Mann versinken kann, ein schönes, trendgerechtes Blau wie der Hintergrund einer Werbefläche für Filterzigaretten.
Was fehlte, war Tiefe, Verständnis, Gleichklang.
Ich brachte die benutzten Teller in die Küche und malte mir aus, wie sie mittlerweile aus den Schuhen geschlüpft war und sich in die Sofaecke gekuschelt hatte.
Ich fand sie stattdessen vor mir im Türrahmen stehend.
„Entschuldige, aber ich muss wieder los.”
„Aber der Abend hat doch gerade erst begonnen...”
„Ja, ich weiß... aber mir ist gerade eingefallen... ich habe noch ein paar Sachen bei meinem Exmann...”
„Natürlich!”
Ich rief Ingolf an und half Renate in ihre Jacke. Als ich ihr die Wohnungstür öffnete, hallte ein grelles Lachen im Treppenhaus und das Echo humpelnder Schritte verklang...

Ich wusch das Geschirr ab und sah mir,
bevor ich Schlafen ging, mit Anna-Karenina einen Film an; -
Die Kraft und die Herrlichkeit.

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