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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Frau aus dem Block 10
Eingestellt am 22. 07. 2012 17:01


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Hagen
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Registriert: May 2011

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Als ich das Atelier meines verstorbenen Vaters aufrĂ€umte, stieß ich zwischen zahlreichen Plastiken, Skulpturen, ausgefĂŒhrten und nicht ausgefĂŒhrten EntwĂŒrfen, hunderten von ÖlgemĂ€lden und dutzenden von BĂŒsten, auf die BĂŒste einer Frau.
Irgendwie hat mich diese BĂŒste berĂŒhrt; - nicht weil Frauen sehr selten BĂŒsten von sich anfertigen lassen, sondern weil sie eine Erinnerung in mir geweckt hat.
Das war ‘Tante Unnewehr‘.
Gewiss, ich war damals noch ganz klein, knappe drei Jahre nach dem Krieg geboren und in einen KĂŒnstlerhaushalt hineingewachsen. Es war einfach so, nix besonderes. Der Vater von meinem Freund GĂŒnter betrieb eine Klempnerei und wir gingen öfter mal zugucken. Besonders fasziniert war ich, wenn die Gesellen flexten und schweißten, weil da so schöne Funken flogen. Außerdem hatte GĂŒnters Vater schon ein Auto. Wenn das nichts war!
Wir spielten Fußball auf den damals noch autofreien Straßen im Ostertor und ich kann mich nicht erinnern, GĂŒnter mal mit nach Hause genommen zu haben, weil ich stets still zu sein hatte, weil mein Vater Ruhe brauchte.
Genauso selbstverstĂ€ndlich wohnte und saß ‘Tante Unnewehr‘ manchmal mit uns bei Tisch‚ wenn ĂŒberhaupt geregelte Essenszeiten stattfanden. Nur meine Großeltern achteten darauf, das ‘der Junge‘ regelmĂ€ĂŸig was zu essen bekam, aber ich wollte eigentlich lieber wieder raus zum Fußballspielen.
Ob jemals eine Blutsverwandtschaft zu Tante Unnewehr bestanden hat, weiß ich nicht, ich werde es auch niemals herausfinden, denn wenn sie vom KZ sprach, von Auschwitz, in dem sie damals gesessen hatte, wurde das gewissenhaft totgeschwiegen, ich wurde rausgeschickt oder das GesprĂ€ch wurde mit den Worten abgewĂŒrgt:
„Das war ganz grauenhaft. Aber davon verstehst du noch nichts, wir haben das damals auch nicht gewusst. – Und jetzt darfst du wieder Fußball spielen.“
Als ich zehn war, sind wir umgezogen. Tante Unnewehr suchte sich eine eigene Wohnung, ihre Besuche wurden immer seltener, bis sie schließlich ganz ausblieben.
Aber das Bisschen, war sie erzÀhlte und was haften geblieben ist, will ich nun an dieser Stelle schildern:

Wir waren eingepfercht in Viehwagen, tagelang waren wir unterwegs und wussten nicht wohin. Als der Zug endlich zum Stillstand kam und die WaggontĂŒren aufflogen, erblickten wir lebende Skelette in Lumpen hinter Stacheldraht, soweit das Auge reichte: Auschwitz.
Dazwischen liefen Deutsche mit riesigen SchĂ€ferhunden herum und brĂŒllten stĂ€ndig: "Los! Los!".
Wir stiegen aus und mussten uns in FĂŒnferreihen aufstellen, MĂ€nner und Frauen getrennt. Der Gestank war unertrĂ€glich. Langsam schritten die Reihen vorwĂ€rts, an SS-MĂ€nnern vorbei.
Einer von ihnen, ein schöner Mann mit einem Engelsgesicht, stand sichtlich gelangweilt da und bewegte nur seinen rechten oder linken Daumen, um damit die Richtung anzuzeigen, in die man gehen sollte.
Wir wurden von Dr. Mengele sortiert, noch an der ‘Judenrampe‘.
Ich weiß nicht, ob einige gleich in die Gaskammern gingen, ich kam jedenfalls in den Block 10, in die Hand von grausamen SS-Ärzten und mir wurde eine Nummer auf die Haut tĂ€towiert. MithĂ€ftlinge enthĂŒllten den Neuankömmlingen nach anfĂ€nglichem Schweigen schließlich den grausamen Zweck von Block 10.
Block 10 galt als den "Inbegriff fĂŒr Auschwitz schlechthin".
Die Insassen waren fĂŒr ‘medizinische Versuche‘ ausersehen!
Die Tage waren quĂ€lend lang in Block 10, wo jeweils bis zu 200 Versuchspersonen gleichzeitig von frĂŒh bis spĂ€t in den beiden 250 Quadratmeter großen SĂ€len verbringen mussten. Die Frauen waren erfĂŒllt von einer abgrĂŒndigen Langeweile, in der – im Schatten der Kamine von Auschwitz – kein anderes Ende abzusehen war als der Tod. Sowas wie Hofgang war absolut unbekannt, sie waren im Block wie Mastschweine eingesperrt.
Bewacht wurden die Insassen von der SS.
Die SS war ein Orden und ein Zweckverband zugleich, in dem der neugermanische FĂŒhrernachwuchs erzogen werden sollte. FĂŒr den SS-Mann war das ‘KĂ€mpfersein‘ eine Grundeinstellung seines Lebens; - er gehorchte den Befehlen ohne zu ĂŒberlegen.
Der SS-Mann zeigte HĂ€rte gegenĂŒber allen menschlichen Regungen, gegen sich selbst und gegen andere, er zeigte ein Elitebewusstsein bei gleichzeitiger Verachtung der Minderwertigen, und die Insassen von Auschwitz wurden als ‘minderwertig‘ angesehen. Durch diese MentalitĂ€t setzte sich der SS-Mann von der Masse der Parteigenossen bewusst ab.
Der Dienst im KZ wurde als ein Frontdienst gegen innere Feinde gesehen.
Der Kern der Wachmannschaft des KZ Auschwitz waren SS-MĂ€nner, die jahrelang in einem KZ Dienst verrichtet hatten. Dem Lagerkommandanten standen die SchutzhaftlagerfĂŒhrer (mit der unmittelbaren Lagerverwaltung betraut), die Rapport-, Block-, Posten- und KommandofĂŒhrer zur Seite.
Eine eigene Gruppe bildeten die SS-Ärzte, die fĂŒr die Gesundheit der SS, die Ă€rztliche Betreuung der HĂ€ftlinge und den Zustand der sanitĂ€ren Anlagen verantwortlich waren. An der Spitze stand der SS-Standortarzt.
Viele SS-Ärzte, nahmen an HĂ€ftlingen diverse ‘wissenschaftliche Versuche‘ vor, an deren Folgen die meisten verstarben. Zu den Aufgaben der SS-Ärzte gehörte auch die DurchfĂŒhrung von Selektionen sowohl an der ‘Judenrampe‘ als auch im Lager.
Zu den Aufsehern sind auch jene FunktionshÀftlinge - meist Kriminelle - zu zÀhlen, die als verlÀngerter Arm der SS an den HÀftlingen Verbrechen begingen.
Unter den Aufseherinnen waren Irma Grese und Elsa Margot Drechsel besonders gefĂŒrchtet.
Irma Grese war, trotz ihres Aussehens und jugendlichen Alters, bei den HĂ€ftlingen sehr gefĂŒrchtet. Ihre BrutalitĂ€t, die ihr den Namen ‘HyĂ€ne von Auschwitz‘ einbrachte, gefiel ihr. Einige Aufseherinnen hatten fĂŒr etwa eine Woche Peitschen, die in den LagerwerkstĂ€tten hergestellt wurden. Mit einer solchen hat sie HĂ€ftlinge geschlagen, bis die Benutzung der Peitschen verboten wurde.
Elsa Margot Drechsel war auch Ă€ußerst brutal, besonders bei weiblichen Gefangenen war sie gefĂŒrchtet. Sie misshandelte HĂ€ftlinge bis zum Tod und war an der Auswahl von Personen fĂŒr die Gaskammer beteiligt.
Im Stammlager von Auschwitz hatte die SS im April 1943 das ehemalige KasernengebĂ€ude zunĂ€chst fĂŒr Sterilisationsversuche an jĂŒdischen Frauen ausstatten lassen, verantwortlicher Mediziner war der GynĂ€kologe Prof. Dr. Carl Clauberg. Er verklebte ahnungslosen Frauen die Eileiter mit einer Einspritzung durch die GebĂ€rmutter fĂŒr immer.
Auch andere Ärzte missbrauchten Frauen aus diesem Block fĂŒr ihre Experimente: Dr. Horst Schumann verbrannte mit Röntgenstrahlen die Sexualorgane ausgewĂ€hlter HĂ€ftlinge, SS-Standortarzt Dr. Eduard Wirths ließ HĂ€ftlingsĂ€rzte fĂŒr einen Test zur FrĂŒherkennung von GebĂ€rmutterkrebs ĂŒben, und der Leiter des SS-Hygieneinstituts in Auschwitz, Dr. Bruno Weber, beauftragte Helfer, JĂŒdinnen Blut mit der falschen Blutgruppe zu ĂŒbertragen oder ihnen große Mengen Blut fĂŒr Wehrmachtslazarette abzunehmen. Einige Frauen wurden regelrecht ‘ausgeblutet‘ bis sie starben.
Annemarie Unnewehr hat die ersten Tage ‘in einem Zustand von Abgestumpftheit‘ verbracht. In Block 10 wurde Sie zunĂ€chst von dem SS-Arzt Hans MĂŒnch fĂŒr bakteriologische Versuche missbraucht. Sie erinnert sich an mehrfache Einspritzungen unter die Brusthaut:
"Ich fĂŒhlte mich danach sehr schlecht, hatte Fieber, die Einspritzstellen wurden rot und bildeten eine Kruste, die sehr lange bis zur Abheilung dauerte."
Den Sterilisierungsexperimenten Claubergs entging sie nur mit GlĂŒck. Ihr war bereits eine erste Spritze als Kontrastmittel verabreicht worden, um die DurchlĂ€ssigkeit der Eileiter zu testen - dann wurde sie kurzfristig einem Arbeitskommando in Auschwitz-Birkenau zugeteilt.

Was ‘Tante Unnewehr‘ dort gemacht hat, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, mir fehlt ein StĂŒck Erinnerung. Ich bin einfach nicht dazu gekommen, sie zu fragen, und meine Eltern haben sehr selten, eigentlich nie davon erzĂ€hlt. Wie gesagt, nach unserem Umzug suchte ‘Tante Unnewehr‘ sich eine Eigene Wohnung, die Besuche wurden seltener und blieben schließlich ganz aus.
Ich hatte meine erste Freundin, machte eine Lehre, ging zur Bundeswehr, Beruf, Weiterbildungen, Ehen - und zwischendurch habe ich immer wieder meinem Vater bei seiner Arbeit geholfen; - er war schließlich KĂŒnstler, fĂŒr profane Arbeiten nicht zu haben; - aber das ist eine andere Geschichte.
Er hat mir stĂŒckweise was von ‘Tante Unnewehr‘ erzĂ€hlt oder ich habe was aufgeschnappt, - stĂŒckweise, wenn ich gerade mal da war, und sie auch.

Bis zu ihrer Befreiung im Mai 1945 erlebte Annemarie Unnewehr auch die TodesmÀrsche, auf denen viele ihrer LeidensgefÀhrtinnen ums Leben kamen.
Als Todesmarsch von KZ-HĂ€ftlingen werden verschiedene “RĂ€umungsaktionen“ der SS-Wachmannschaften in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs bezeichnet. Dabei löste die SS ab Ende 1944 frontnahe Konzentrationslager - so auch das berĂŒchtigte Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau - auf und zwang die meisten KZ-HĂ€ftlinge zum Abmarsch in Richtung Reichsmitte oder sperrte sie zum Abtransport in Eisenbahnwagen ein.
Sehr oft wurden nicht marschfĂ€hige HĂ€ftlinge in großer Zahl erschossen. Viele Lagerteile wurden von der SS in Brand gesetzt. Zahlreiche KZ-HĂ€ftlinge ĂŒberlebten die tage- und wochenlang dauernden MĂ€rsche bzw. Transporte nicht: Sie erfroren, verhungerten oder brachen geschwĂ€cht zusammen und wurden dann von den SS-Wachmannschaften, denen es immer zu langsam ging, erschossen. Besonders diese willkĂŒrlichen Tötungen fĂŒhrten zur Bezeichnung ‘Todesmarsch‘.
Einzelne ZĂŒge gerieten zufĂ€llig unter Beschuss durch im Bodenkampf eingesetzte Kampfflieger der alliierten Truppen, andere blieben unversorgt auf Ausweichstrecken liegen.
Die Bezeichnung ‘Todesmarsch‘ wurde im Nachhinein von Opfern geprĂ€gt.

Auch Annemarie Unnewehr ist marschiert und marschiert, immer wenn es den Wachmannschaften zu langsam ging, wurden die Letzten erschossen oder mit einem Fußtritt exekutiert. Dabei wurde das Kinn des Probanden auf den Kantstein oder irgendetwas Höheres gelegt. Ein krĂ€ftiger Fußtritt zwischen die SchulterblĂ€tter brach das Genick.
Annemarie Unnewehr ist wie in Trance marschiert, sogar im Schlaf ist sie weitergelaufen, bis von hinten keine SchĂŒsse mehr zu hören waren, trotzdem lief sie weiter.
Sie wusste nicht mehr wo sie war, aber sie ging weiter, weiter, weiter.
Irgendwann waren auch keine Wachmannschaften mehr da, sie waren einfach weg, hatten ihre Gewehre weggeworfen und ihre Parteiabzeichen und waren 
 verschwunden.
Annemarie Unnewehr ging weiter, einen Tag, zwei 
 bis sie erschöpft zusammenbrach.
Das erste, woran sie sich erinnerte, nach einem langen Schlaf der Erschöpfung, waren einige Jeeps und ein grinsender, schwarzer Sergeant.
Annemarie Unnewehr war von amerikanischen Soldaten befreit worden!
Gewiss, die Soldaten haben sie wieder aufgepÀppelt, nach zwei, drei Wochen im Lazarett konnte sie nach Hause gehen 
 aber wo war das?
Die Soldaten hatten anderes zu tun, in dem ‘befreiten Deutschland‘.
TschĂŒs Annemarie!
Wieder stand sie auf der Straße und wusste nicht wohin.

Wie ‘Tante Unnewehr‘ nach Bremen zu meinen Großentern und Eltern gekommen ist, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, warum mein Vater ausgerechnet von ‘Tante Unnewehr‘ eine BĂŒste gefertigt hat.
Ich weiß nur, dass sie ein kleines Zimmer bewohnte, sehr selten ‘zuhause‘ war, und sich mit plĂ€tten und NĂ€hen durchschlug. Manchmal wurde ihr sogar ein Anzug zum ‘wenden‘ gebracht.
Sie soll sogar geheiratet haben, Kindersegen soll ihr allerdings verwehrt geblieben sein




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