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Leselupe.de > Horror und Psycho
Die Larve
Eingestellt am 18. 04. 2010 18:17


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Ati
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Registriert: Apr 2010

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Die Larve
Eine Kurz(e)Geschichte
© Antje JĂŒrgens


Hamburg, Jahreswechsel 1999/2000

Alle möglichen Horrorszenarien wurden wochenlang durchgespielt. Vom Supergau in Atomkraftwerken, von unkontrollierbaren Nuklearwaffen, von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgrund verrĂŒckt spielender Computer bis hin zum Weltuntergang war die Rede. Was ist davon eingetreten? Nichts! Wobei, wenn man es genau nimmt, vielleicht doch. Abgesehen davon, dass in dieser Nacht die Reste einer kleine Gruppe von Wissenschaftlern in einem kleinen, unterirdischen Labortrakt am Stadtrand von Augsburg endgĂŒltig verschwanden, blickte eine ĂŒberaus glĂŒckliche Mutter, umgeben von zahlreichen Verwandten auf ihre Kinder. Sie sorgte zwar nicht dafĂŒr, dass die Welt untergeht, aber sie wird sie verĂ€ndern. So viel steht fest.

Paris, MĂ€rz 2007

Gestern haben wir uns nach langer Zeit mal wieder eine Auszeit vor dem Fernseher gegönnt. Normalerweise machen wir das nicht. Unsere Aufgaben sind klar definiert aber sehr umfangreich. Und wir kommen ihnen sehr gerne nach. Also kommt das ziemlich selten vor, zumal viele von uns sowieso meist vor Langeweile dabei einschlafen.

NatĂŒrlich war es auch dieses Mal nicht anders und einige haben nur die HĂ€lfte mitbekommen. Allerdings haben sie nicht viel verpasst. Auf den meisten Sendern kam nichts Gescheites. Irgendwann war die bei der Fernbedienung zu mĂŒde zum Weiterzappen, und blieb irgendwo hĂ€ngen. Und wir anderen waren zu desinteressiert, um fĂŒr sie zu ĂŒbernehmen. Der Film riss uns nicht vom Hocker. Es ging um außerirdische Invasoren, die auf die Erde kamen, um die Menschheit wie Schlachtvieh zu massakrieren. Na ja, nicht ganz – ein, zwei Amerikaner haben die Welt glaube ich noch mit viel Crash, Boom und Bang auch vor dieser Katastrophe gerettet. Bis dahin war alles garniert mit vielen Explosionen, Unmengen an Schleim, fast undurchdringlicher Dunkelheit und einem riesigem Quantum an spritzendem Blut. Einen Schönheitswettbewerb konnten die extraterrestrischen Antagonisten auch nicht gewinnen, obwohl wir sie grundsĂ€tzlich faszinierend fanden.

Was wir unisono fĂŒr völlig unlogisch halten, ist jedoch dieser Schleim, der in diesem Genre so gerne eingesetzt wird. Es muss doch absolut hinderlich fĂŒr eine ansonsten hochintelligente Spezies sein (Dummköpfe fliegen fĂŒr gewöhnlich nicht schneller als das Licht durchs All), ihn immer und ĂŒberall abzusondern. Wir sind uns absolut einig, dass wir schleunigst etwas dagegen unternehmen wĂŒrden, wenn wir - intelligent genug, die riesigen Entfernungen zwischen und in irgendwelchen Galaxien zu ĂŒberwinden - tatsĂ€chlich im großen, weiten Weltall auf die Suche nach lebensnotwendigem Fleisch gehen mĂŒssten. Schon allein, um uns unauffĂ€lliger an unsere Nahrung ran schleichen zu können. Außerdem wĂŒrden wir – wenn wir nicht schon Vegetarier wĂ€ren – nicht nur Fleisch futtern, sondern auch produzieren. Allzu viele Planeten mit entsprechender Nahrung gibt es ja da draußen vermutlich nicht, oder? Außerdem könnte man voraussichtlich gar nicht so viele Putzkolonnen fĂŒr die Beseitigung dieser triefenden Schweinerei mitnehmen, wie nötig wĂ€ren.

Keine Ahnung, wo Drehbuchautoren und Filmemacher die Ideen zu solchen Horrorszenarien immer herbekommen. Womöglich halten sie sich ja fĂŒr besonders schmackhaft. Vermutlich liegt es auch daran, dass Menschen es entschuldbarer finden, etwas Ekliges zu töten. Und außerdem fĂŒrchten sie alles, was mĂ€chtiger ist als sie. Vielleicht klingt es fĂŒr sie wahrscheinlicher, dass etwas MĂ€chtiges automatisch auch eklig ist.

Doch wĂ€hrend sie (die Filmemacher), genau wie zahlreiche Wissenschaftler, mehr oder weniger neugierig ins All spĂ€hen, um Bedrohungen auszumachen oder sich welche auszumalen, ist das, was hier auf der guten alten Mutter Erde geschieht, unter UmstĂ€nden gefĂ€hrlicher. Einfach weil es schon da ist. Und damit sind jetzt nicht Mord und Totschlag gemeint, die vielerorts mittlerweile fast zur Tagesordnung gehören. Auch kein Krieg, keine klimabedingten Hungersnöte, Naturkatastrophen, Virusinfektionen, ChemieunfĂ€lle. Nicht die Wasserknappheit in vielen Regionen und auch nicht der eine oder andere Störfall in altersschwachen Kernkraftwerken. Nein, wĂ€hrend der Mensch als vermeintliche Krone der Schöpfung an allen Enden und Ecken mit sich selbst ebenso wie mit seiner Umgebung kĂ€mpft, pfuscht er gleichzeitig der Natur ins Handwerk. Frei nach dem Motto: „Wird schon gut gehen, versuchen wir es einfach.“

Die Filmindustrie sollte sich lieber mal Gedanken um das machen, was hier vor sich geht. Denen wĂŒrden vermutlich die Augen ĂŒbergehen, wenn sie wĂŒssten, dass die Spezies Mensch nicht mehr allzu lange auf diesem Planeten leben wird.
Warum? Nun ja, wir machen uns keine Gedanken um Angriffe aus dem All. Und wenn tatsĂ€chlich mal einer erfolgt, wĂŒrden wir auch damit fertig. Mit Verlusten, ohne Frage, aber wir wĂŒrden damit fertig werden. Wir – nicht sie. Mit ‚sie‘ meine ich die Menschen. Wir werden so ziemlich mit allem fertig, was uns auf diesem Planeten geboten wird. Und das schon seit Millionen von Jahren. Sogar mit den Menschen, die unzĂ€hlige Vertreter meiner Verwandten getötet haben. Wir haben uns sehr verĂ€ndert und sind gewissermaßen doch gleich geblieben. ÜberlebenskĂŒnstler eben. Wobei 
 Die Neugier und maßlose Vermessenheit einiger Wissenschaftler und ein ĂŒberaus glĂŒcklicher Zufall haben unserer Rasse immens geholfen.

London, November 2009

Mein Wecker klingelt und ich kĂ€mpfe mich aus einer Decke. Mit geschlossenen Augen, um meinem Spiegelbild erst einmal zu entgehen. Wenn ich aufstehe, sehe ich nicht sehr reprĂ€sentabel aus. Ich bin eindeutig von meiner Umwelt geprĂ€gt und sehe mich mit den Augen der modernen Medienwelt. Deshalb dauert es immer eine Weile, bis ich mich fĂŒr vorzeigbar halte.

Der Spiegel, direkt gegenĂŒber dem Bett, ist noch von irgendeinem Vormieter ĂŒbrig geblieben. Ich habe ihn hĂ€ngen lassen. Erstens, weil er mir gefĂ€llt. Zweitens, weil ich ursprĂŒnglich vorhatte, in der Wohnung tĂ€tig zu werden, und davon ausging, dass es meine Kunden anmachen könnte. Aber dann drehte einer von ihnen gleich am ersten Tag beim Anblick einiger Schaben völlig durch und hat bereits die halbe Wohnung zertrĂŒmmert, ehe jemand zu Hilfe kam. Auch wenn wir mit dem Geld, zu dem ich mit meinem Einkommen beitrage, ganz gut auskommen; das Risiko, öfter eine neue Einrichtung kaufen zu mĂŒssen, wollte ich nicht eingehen. Von der Gefahr fĂŒr unsere Kinder ganz zu schweigen. Seither arbeite ich, genau wie die anderen, auf der Straße oder, wenn die Typen es so wollen, auch in einem der vielen kleinen Stundenhotels in meinem Revier. Der Spiegel hĂ€ngt trotzdem noch da.

Eine Stunde spĂ€ter sitze ich fertig geduscht und angezogen vor meinem Schminktisch. Mein Nacken fĂŒhlt sich verhĂ€rtet und steif an. Zwei Stellen am Kopf stechen unangenehm. Wenn ich ĂŒber meine Kopfhaut fahre, bilde ich mir ein, genau dort kleine Erhebungen zu spĂŒren. Meinem RĂŒcken geht es nicht viel besser. Es gelingt mir kaum, einen Katzenbuckel zu machen. Ich fĂŒhle mich eindeutig steif. Und meine Augen fĂŒhlen sich trotz vorheriger KĂŒhlung etwas geschwollen an. Von meinen Oberschenkeln ganz zu schweigen.

SorgfĂ€ltig verteile ich noch etwas Rouge dÂŽArmani auf meinen Lippen und betrachte aufmerksam meine HĂ€nde und Arme, bevor ich aufstehe. Ein paar meiner Schwestern haben sich auf Körper-Make-up spezialisiert und sorgen dafĂŒr, dass wir immer gleichmĂ€ĂŸig gebrĂ€unt durch die Gegend laufen und die eine oder andere Unebenheit unserer Haut durch geschicktes Auftragen von Permanent-Make-up in den Hintergrund tritt. Dennoch, mich vorzeigbar zu machen ist momentan wieder einmal ein kleines Problem. Mit zunehmendem Alter wird es grĂ¶ĂŸer, habe ich mir sagen lassen. Abschließend sprĂŒhe ich mich großzĂŒgig mit Parfumdeo ein.

Es wird Zeit, dass ich loskomme, bin sowieso zu spĂ€t dran. Ich arbeite auf dem Straßenstrich – und ich bin nicht die Einzige in meiner Familie, die das macht. Wir haben immer ordentlich zu tun, weil wir zu fast allem ja sagen und ein ĂŒberaus gutes Preis-Leistungs-VerhĂ€ltnis bieten. Aber wir machen es ja auch nicht allein wegen des Geldes. ZuhĂ€lter haben bei uns keine Chance, wir werden von unserer Familie beschĂŒtzt.

Im Hinausgehen nehme ich von Nadia und Nadjeschda behutsam zwei kleine Pakete entgegen. Wir lĂ€cheln uns an. Sie, weil sie wissen, dass ich dafĂŒr sorge, dass sie unbeschadet an ihrem Bestimmungsort ankommen. Ich, weil ich froh bin, mich darum kĂŒmmern zu dĂŒrfen. Wir helfen uns immer gegenseitig. Die beiden passen diese Woche auf meine Kleinen auf. Aus unserer Wohngemeinschaft gehen immer zwei auf die Straße, zwei ruhen sich aus. So haben wir immer eine Woche, um uns zu regenerieren und uns um unsere Kleinen zu kĂŒmmern.

Draußen empfĂ€ngt mich nasskaltes Schmuddelwetter. Trotz meiner knapp bemessenen Kleidung stört es mich nicht wirklich. Dennoch beeile ich mich, meinen Schirm aufzuspannen. Immerhin habe ich gerade eine ganze Weile vor dem Spiegel zugebracht, um mich ausgehfein zu machen. Und unsere Freier mögen es zwar meistens, wenn wir feucht sind, nicht jedoch, wenn unsere nassen Klamotten Flecken auf ihrer eigenen Kleidung hinterlassen. Außerdem trauen sich wesentlich mehr MĂ€nner bei Regen zu uns als bei strahlendem Sonnenschein. Fragen sie mich nicht warum, aber es ist so.
Ich bin noch nicht mal richtig an meinem ĂŒblichen Standplatz angekommen, als der erste Wagen neben mir hĂ€lt. Der Mann ist ziemlich korpulent, hat ein pockennarbiges Gesicht und haarige Finger. Er riecht aus dem Mund und sein Auto sieht aus wie eine MĂŒllhalde. Trotzdem einigen wir uns schnell. FĂŒr einen Zwanziger will und bekommt der Mann eine einfache Nummer ohne Gummi. Es gibt unheimlich viele wie ihn. GlĂŒcklicherweise. Kaum wieder draußen, etwas frisch gemacht und bereit fĂŒr den NĂ€chsten, hĂ€lt ein großer BMW neben mir. Ein Bankertyp, der in eins der Stundenhotels möchte und bereit ist, mehr Kohle zu bezahlen, wenn ich auf das Kondom verzichte. Ich weise ihn natĂŒrlich nicht darauf hin, dass ich es grundsĂ€tzlich ohne mache – warum auch.

Zwölf Stunden und fast doppelt so viele Freier spĂ€ter mache ich mich auf den Heimweg. Ich bin ein wenig mĂŒde und komme mir noch etwas steifer vor, als kurz nach dem Aufstehen. Meine Haut fĂŒhlt sich viel zu eng an. Aber das habe ich öfter. Alle zwölf Monate etwa. Momentan ist es einfach wieder einmal so weit. Etwas stĂ€rker als ĂŒblich. Aber auch das ist nicht schlimm, denn heute war mein letzter Tag auf der Straße. Ab morgen habe ich eine Woche um mich zu erholen, bevor ich anderweitig tĂ€tig werde. Ich werde meine bisherige Arbeit garantiert vermissen.

In unserer Wohnung erwarten mich meine Mitbewohnerinnen und unsere Kleinen. Wir setzen uns in die winzige KĂŒche und essen gemeinsam etwas, wĂ€hrend wir immer wieder achtsam unsere Blicke zu den Ootheken gleiten lassen. Die grĂŒnlichen, gestielten Eier unterschiedlicher Legetage liegen friedlich nebeneinander. Auch heute haben sich im Laufe des Tages ein paar Larven herausgewagt. Sie sehen bereits jetzt sehr hungrig aus. Wie gut, dass die Kleinen Morgen von Nadia und Nadjeschda zu ihren Freiern gebracht werden. Wenn alles glattgeht, was es meist tut, werden die Larven in drei bis vier Monaten schlĂŒpfen. Und ich werde zum ersten Mal, seit ich mein fortpflanzungsfĂ€higes Alter erreicht habe, miterleben, wie das passieren wird. Nicht direkt bei meinen eigenen Larven, aber das ist auch nebensĂ€chlich.

FĂŒr einen Augenblick schießt mir das Bild meines vorletzten Freiers durch den Kopf. Er war eigentlich ganz nett und – wie schon frĂŒher bei dem einen oder anderen Mann – bedaure ich fast, dass er den Schlupf nicht ĂŒberleben wird. Andererseits 
 wĂ€re ich ein normaler Mensch, hĂ€tte er mir durchaus gefĂ€hrlich werden können. Er war auch einer von denen, die ohne Gummi wollen. Und seinem Geruch nach war er nicht ganz gesund. Da wir uns trotz unseres menschlichen Anteils recht resistent gegen alles erweisen, ist Letzteres nicht unbedingt von Bedeutung. FĂŒr uns ist ehrlich gesagt relevanter, dass die MĂ€nner nicht beschnitten sind, weil wir es dann etwas leichter haben.

WĂ€hrend die Freier sich noch darĂŒber freuen, dass wir ohne Zickereien darauf eingehen, ahnen sie nicht, dass es die letzte Nummer ihres Lebens sein wird, die sie schieben werden. DafĂŒr lassen wir es mit ihnen nochmals richtig krachen. Wie gesagt, wir machen so gut wie alles mit. Am Ende verwöhnen wir sie aber immer kurz mit dem Mund. Wir mĂŒssen sie nicht einmal betĂ€uben. Das ĂŒberlassen wir unseren Schwestern, die die MĂ€nner im Anschluss in ihre Obhut nehmen. Die meisten bekommen gar nicht mit, wie wir eine der Larven aus den kleinen PĂ€ckchen, die wir tĂ€glich mitnehmen, unter ihrer Vorhaut platzieren. Gerade mal zwei Zentimeter groß, sehr weich und flexibel. Wenn die MĂ€nner es bemerken, ist es lĂ€ngst zu spĂ€t. Zum einen werden sie unmittelbar darauf betĂ€ubt, zum anderen sind unsere Kleinen, die Larven, bereits auf dem Weg in ihren Körper. Dort fressen sie sich langsam nach außen, bis nur noch die HĂŒlle des Mannes da ist. Die lebenswichtigen Organe werden so lange es geht geschont, damit der Wirt möglichst lang lebt. Doch spĂ€testens nach drei Monaten, wenn sich die Larve verpuppt, stirbt er endgĂŒltig.

WĂ€hrend wir den Tisch abrĂ€umen, lĂ€cheln wir uns an. Nadia und Nadjeschda sehen fantastisch aus. Sie haben sich Anfang der Woche gehĂ€utet. Das mĂŒssen wir alle 12 Monate machen, weil unsere Haut und sich nicht erneuert. Ihre neue HĂŒlle hat sich gerade erst richtig verfestigt und eine meiner Schwestern hat ihnen bereits ein Ganzkörper-Make-up verpasst. Solange unsere Haut nicht richtig ausgehĂ€rtet ist, können wir nicht raus. Wir sind in dieser Phase anfĂ€llig und könnten uns leicht verletzen. Und ohne dieses Permanent-Make-up aus der Airbrushpistole wĂŒrden wir mit unserer brĂ€unlich-grĂŒnen Haut zu sehr auffallen – so menschlich wir sonst in diesem Stadium auch aussehen. Unter anderem deshalb haben wir uns das Rotationsprinzip ausgedacht.

Eine Woche spĂ€ter verabschiede ich mich schweren Herzens von meinen Mitbewohnerinnen und den Kleinen. Das EngegefĂŒhl meiner Haut hat sich vervielfacht. Dieses Mal werde ich mich nicht einfach hĂ€uten, sondern ein weiteres Mal verpuppen. Danach kann ich nicht mehr 100%ig als Frau durchgehen und hĂ€tte es auf dem Strich Ă€ußerst schwer. Deshalb erwartet mich eine neue Aufgabe. Zusammen mit unzĂ€hligen anderen werde ich kĂŒnftig im unterirdischen Trakt unseres Familiendomizils einen Teil der Wirte unserer Larven bewachen und bestmöglich versorgen. Einfach, um dazu beizutragen, dass sie so lange als möglich am Leben bleiben. Und ich werde meine Mutter wiedersehen. Sie ist alt und an den Ort zurĂŒckgekehrt, an dem sie einst geboren wurde. Um zu sterben, wie sie sagt.

Hamburg, 31. Dezember 2009

WĂ€hrend ich einen stolzen Blick ĂŒber meine Töchter und Enkelinnen, teilweise schon Urenkelinnen gleiten lasse, wird mir wieder einmal bewusst, was fĂŒr ein GlĂŒck wir hatten. Und wenn ich mich so umsehe, haben wir das Beste daraus gemacht. Vor genau zehn Jahren war ich die einzige Adulte unserer Art. Heute sind wir schon Tausende.

Meine Chance zum Leben erhielt ich von ein paar Wissenschaftlern, die versuchten, Gott zu spielen. Warum die einer obskuren Sekte angehörenden Menschen das tun wollten, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich bin dankbar dafĂŒr, dass sie einfach drauflos experimentiert haben, ohne zu wissen, worauf sie sich wirklich einlassen.

Anfang 1999 haben sie versucht, ein in einem Bernstein gefangenes Insekt gewissermaßen „wiederzubeleben“. Das wissenschaftliche Team separierte erfolgreich Material einer Ur-Schabe und pflanzten es in eine menschliche Eizelle. Warum und weshalb wird immer ein RĂ€tsel bleiben. Diese Eizelle wiederum fĂŒhrten sie in den Uterus eines weiblichen Team-Mitglieds ein. Ihr Versuch glĂŒckte auf Anhieb. Aus der Sicht der Menschen betrachtet hĂ€tten sie dieses Experiment jedoch besser nicht gestartet. Abgesehen davon, dass es bereits mehr als genug Insekten gibt, mit denen sie nicht fertig werden, haben sie in ihrer Neugier und Vermessenheit das ĂŒbersehen, was sie gleichzeitig mit zum Leben erweckten. In der Ur-Schabe steckte ich, in einem ĂŒberaus winzigen Ei, welches ihrer Aufmerksamkeit glĂŒcklicherweise völlig entging.

Als sie merkten, wie unerwartet ihr Versuch verlief, war es schon zu spĂ€t. Keiner der Wissenschaftler hat das Experiment ĂŒberlebt. Zuerst starb die Frau. In ihrem Leib wuchs ich innerhalb von eineinhalb Monaten heran, fraß sie von innen heraus auf und verpuppte mich schließlich. Als ich eines Morgens durch die dĂŒnn gewordene Haut der schreienden Frau schlĂŒpfte, wurde der unterirdische Labortrakt in aller Eile verlassen und versiegelt. Ich blieb alleine mit der Leiche zurĂŒck. Jedenfalls zunĂ€chst. Denn innerhalb kurzer Zeit fanden sich zahlreiche Verwandte ein, die sich um die Leichenreste kĂŒmmerten. Heute lebende Nachkommen der Ur-Schabe aus dem Bernstein. Alle nicht grĂ¶ĂŸer als drei Zentimeter, brachten sie mir bei, was ich fressen konnte. Von Anfang an wusste ich, dass ich nicht so wie sie war. Ich war ungleich grĂ¶ĂŸer als sie und wies einige AbnormitĂ€ten auf. Doch das hat sie nicht gestört, sie haben sich um mich gekĂŒmmert.

Und die Wissenschaftler kamen auch zurĂŒck. Monate nach dem Tod der Frau wollten sie die Daten zu dem Experiment beseitigen, den Labortrakt reinigen und fĂŒr ein neues Experiment vorbereiten. Nachdem ich mich monatelang von Tapeten- und Teppichfasern ernĂ€hrte und durch Papierstapel fraß, hatte ich mich einen Monat vor der Öffnung des Labortrakts, sicher bewacht von Hunderten von Schaben, erneut verpuppt und eine weitere Metamorphose durchlaufen. Ich schlĂŒpfte nur wenige Tage vor dem Erscheinen der Wissenschaftler und ĂŒberraschte sie damit, dass sie ein geschlechtsreifes Weibchen in menschlicher Gestalt vorfanden.

WĂ€hrend sie sich noch von dieser Überraschung und ihrem deutlich sichtbaren Ekel vor meinen kleinen Verwandten erholten, wusste ich plötzlich glasklar, was ich zu tun hatte. Bereits kurz nach meinem Schlupf hatte ich mehrere Eier gelegt. Ein paar kleine Larven waren daraus hervor gekrochen, die zu diesem Zeitpunkt bereits mehr tot als lebendig waren. Mir war klar, dass sie einen Wirt brauchten, um zu ĂŒberleben. GlĂŒcklicherweise kamen genau so viele MĂ€nner und Frauen, wie ich Larven hatte. Und ich habe nicht gezögert, das zu tun, was der Matispidae-Anteil in mir ganz instinktiv forderte. Ich habe meine Larven in ihnen abgelegt, weil sie bereits zu schwach waren, sich ihren Weg selbst zu suchen. Mit Freude konnte ich beobachten, wie sie sich in ihren Wirten entwickelten, die, von mir und den Schaben sicher bewacht, einer nach dem anderen von innen aufgefressen wurden. In der Nacht zum 01. Januar 2000 sind sie geschlĂŒpft und ich hatte alle HĂ€nde voll mit meinen Kleinen zu tun. 16 Töchter mit dem Körper einer riesigen Schabe und dem Gesicht eines kleinen Engels, alle blond gelockt und ziemlich verfressen. GlĂŒcklicherweise gab es noch genĂŒgend Papier, mit dem ich sie fĂŒttern konnte. Ab diesem Stadium vertragen wir nĂ€mlich kein Fleisch mehr. Ohne meine weitaus kleineren Verwandten hĂ€tte ich es vermutlich dennoch nicht geschafft. Sie haben sich nicht nur um die Reste der Wissenschaftler gekĂŒmmert, sondern auch dabei geholfen, meine Kleinen zu versorgen.

Trotzdem musste ich in der Folgezeit feststellen, dass meine Prinzessinnen zwar schlĂŒpften, aber nur bedingt lebensfĂ€hig waren. Ich spĂŒrte eine unendliche Trauer in mir. Außerdem wurde mein Hunger zunehmend grĂ¶ĂŸer, weil es kaum noch Papier, Teppiche oder Tapeten in dem Labortrakt gab. Deshalb habe ich irgendwann den Sprung nach draußen gewagt. Und damit boten sich mir auf den umliegenden Wiesen und WĂ€ldern nicht nur unendlich viele Nahrungsmittel, sondern auch die Möglichkeit Wirte fĂŒr meine Larven, aus den Eiern, die ich regelmĂ€ĂŸig legte, zu finden. Und ich lernte pausenlos durch Beobachtung. Nur knapp ein Jahr nach Verlassen des Labortraktes konnte ich sprechen und fiel kaum noch durch mein Verhalten auf.

Momentan wechseln wir noch regelmĂ€ĂŸig unseren Standort, um möglichst lange unerkannt zu bleiben. Zwischenzeitlich sind wir ĂŒber ganz Europa verteilt. Wir leben und können uns vermehren. Einfach, weil niemand die Gefahr erkannt hat. Weil keiner von diesen Wissenschaftlern damit gerechnet hat, dass etwas so Kleines so mĂ€chtig werden kann.

Wir sind ein Mittelding aus einer Großen Schabe, der Urform einer Mantispidae und Mensch. Es scheint, als hĂ€tten wir aus allen drei Arten, das Beste bekommen. Wir sind so anpassungsfĂ€hig und resistent wie Schaben und wir pflanzen uns unsere Mantispidae-Vorfahren fort. Wir legen Eier und unsere Larven wachsen in einem Wirt heran. Nach dem zweiten Verpuppen sehen wir meist aus wie Menschen, jedenfalls bis kurz vor der dem vierten Stadium, so etwa nach der zehnten HĂ€utung. Danach kommt eindeutig der Anteil der Fanghaften in uns zum Vorschein. Und noch möchten wir uns in dieser Gestalt nicht allen zeigen. Die Zeit ist noch nicht reif dafĂŒr, noch sind wir zu wenige.

Dass wir bei der Befruchtung auf MĂ€nner zurĂŒckgreifen, liegt nur daran, dass die Brut aus parthenogenetisch entstandenen Ootheken nur bedingt lebensfĂ€hig ist. Deshalb starben meine ersten Larven anfangs mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit vor dem zweiten Verpuppen. Darauf bin ich allerdings erst vor knapp fĂŒnf Jahren gekommen, als mich ein Mann, wĂ€hrend ich auf Futtersuche war, ansprach. Er wollte sich mit mir unterhalten. Wir kamen ins GesprĂ€ch und irgendwann kam er in mir. Abgesehen davon, dass ich das, was er mit mir machte, sehr schön fand, schlĂŒpften kurz daraus Larven aus meinen Eiern, die ĂŒberlebten. Töchter, von denen heute ein paar zusammen mit einigen Enkelinnen und Urenkelinnen hier bei mir sind, um mich auf meinem letzten Weg zu begleiten.

Gerade tritt Nene zu mir und bringt mir etwas Getreide. Sie kommt ĂŒberaus vorsichtig auf mich zu, denn wie immer sind auch unsere Verwandten, die Schaben, hier. Abertausende, man muss wirklich aufpassen, wo man hintritt. Sie verbreiten einen etwas unangenehmen Geruch, aber daran sind wir gewöhnt. Und da wir, in diesem Stadium, mit keinen Menschen mehr in BerĂŒhrung kommen, ist das nicht weiter relevant. Nene lĂ€chelt mich an, was etwas seltsam aussieht. Sie ist gerade erst aus ihrem Kokon geschlĂŒpft und so kann sie nicht mehr unter die Menschen. Ihre FĂŒhler wĂ€ren genauso wie ihre Facettenaugen und die leicht dreieckige Kopfform zu auffĂ€llig. Außerdem ist ihr ein weiteres Beinpaar gewachsen. Die Schenkel sind bedornt. In etwa fĂŒnf Monaten wird sie sich ein weiteres Mal verpuppen und sich danach weiter verĂ€ndern, bis sie letztlich aussehen wird wie ich. Eine 180 cm große Riesen-Mantispidae mit blonden Locken. Mehr ist von meinem menschlichen Aussehen nicht ĂŒbrig geblieben. Der Rest hat sich genau wie meine StimmbĂ€nder, und damit die FĂ€higkeit zu sprechen, zurĂŒckgebildet. Aber das ist irrelevant, weil ich mich telepathisch und ĂŒber Botenstoffe mit meinen Kindern und Enkeln und Verwandten unterhalten kann.

Das Einzige, was mich jetzt noch etwas beunruhigt, ist der Umstand, dass irgendwann keine MĂ€nner mehr da sein werden. Wir haben dann zwar immer noch die Frauen, um sie als Wirte zu benutzen, aber meine Rasse mĂŒsste dann wieder auf die Jungfernzeugung zurĂŒckgreifen. Doch dieses Problem werden wir in den Griff bekommen. Nene hat gerade den Vorschlag gemacht, die MĂ€nner zu domestizieren, um sie allein zur Befruchtung nutzen zu können, und die Larven stattdessen in Frauen zu pflanzen. Wenn ich es recht bedenke, ist das ĂŒberaus praktisch, denn in Frauen entwickeln sich unsere Larven fast doppelt so schnell wie in MĂ€nnern. Und Frauen halten mehr aus und leben lĂ€nger, was gut fĂŒr unsere Larven wĂ€re. Ich frage mich, warum wir nicht schon frĂŒher auf diesen Gedanken gekommen sind ...

[Edit Zeder: Einleitende persönliche ErklÀrung entfernt]

Version vom 18. 04. 2010 18:17

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 40
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Hallo Antje,
falls auf der Startseite der LL ein Werk von dir mal wieder als „neustes“ oder „bestes Prosawerk der letzten 2 Wochen“ angekĂŒndigt werden sollte, dann werden dort im KĂ€stchen die ersten zwei, drei Zeilen zu lesen sein vom Text und dann mitten im Satz enden mit drei Punkten... Indem du nun immer diese netten BegrĂŒĂŸungen und Vorstellungen davor stellst, kommt es, dass dort eben steht: „Hallo, mein Name ist Ati, mir hat jemand vorgeschlagen, eine Horrorgeschichte zu schreiben...“ Der Platz dort ist so knapp, dass auf diese Weise von deiner eigentlichen Story nie was zu lesen ist. Was wohl kaum in deinem Interesse sein dĂŒrfte.

Bevor er pleite ging, hatte der Haffmans-Verlag immer diese Taschenbuch-Reihe „Der Rabe“, von denen ich viele gelesen habe, vor Jahren. Ich denke, es könnte sich um einen dem von jenem Hause sehr geschĂ€tzten SF-Autor Philip K. Dick gewidmeten Band gehandelt haben, in dem ich die Story einer Amerikanerin las, von der ich leider sowohl Autorinnenname wie Titel vergessen habe. Diese Geschichte mochte ich ganz und gar nicht, fand sie aber auf eine Art faszinierend – und sie war auf jeden Fall perfekt geschrieben. Es ging um biologische SchĂ€dlingsbekĂ€mpfung. Fremde Lebensformen aus den Tiefen des Weltalls hatten die Erde als idealen Wohnort entdeckt, um dort friedlich ihre Kinder aufzuziehen. Schönheitsfehler der Erde war allerdings, dass sie von einer ekligen, lĂ€stigen, ĂŒberaus zahlreich vorkommenden SchĂ€dlingsgattung namens „Mensch“ nur so wimmelte. Darum musste ein KammerjĂ€ger mit einem ökologisch gut vertrĂ€glichen Pestizid anrĂŒcken, durch dessen Einsatz man diese „Menschen“ in relativ ĂŒberschaubarem Zeitraum ausrotten wĂŒrde. SĂ€mtliche „Menschen“ konsumierten stĂ€ndig gewisse Gase, die sie brauchten fĂŒr ihren Stoffwechsel. Also wurde in die AtmosphĂ€re des Planeten ein fĂŒr die „Menschen“ nicht feststellbarer Stoff ausgebracht, der sich per Einatmen in ihrem Organismus anreicherte und dort zu VerĂ€nderungen im Gehirn bzw. Hormonsystem fĂŒhrte.

Diese „Menschen“-Spezies lag ausschließlich zweigeschlechtlich vor und zur Reproduktion war unumgĂ€nglich, dass sich Angehörige der einen Gruppe mit denen der anderen paarten, wobei das Reproduktionsmaterial der einen auf mechanischem Weg ins Innere der anderen injiziert wurde, wo erst durch die Verschmelzung des unterschiedlichen Reproduktionsmaterials beider Gruppen neues Leben entstand. Damit dergleichen hĂ€ufig stattfand, hatte ein evolutionĂ€rer Prozess dafĂŒr gesorgt, dass das EinfĂŒhren von ReproduktionsschlĂ€uchen sowohl von Gruppe A wie von Gruppe B als etwas BeglĂŒckendes erlebt wurde, etwas, wonach diese Menschen stĂ€ndig strebten, als wĂ€re es so wichtig wie Nahrung oder die Aufnahme des erwĂ€hnten AtmosphĂ€regasgemisches. (Was es ja auch war, sonst wĂ€re die Spezies ausgestorben.)

In Folge der kleinen, unbemerkten Manipulation an ihrem Gehirn bzw. Hormonhaushalt wurde nun der aggressive Anteil, der jedem Begattungsakt seitens des SchlĂ€uchchen einfĂŒhrenden „Menschens“ inne wohnte, neu eingestellt in der Art, dass der begattende Teil nicht nur GefĂŒhle der Herrschaft, des Triumphes, der eigenen GrĂ¶ĂŸe und Bedeutung verspĂŒrte, wenn er sein Zeugungsgut ausbrachte, sondern, nun ja, fĂŒr ein paar Augenblicke die Kontrolle ĂŒber den zerstörerischen Anteil seines Zeugungsverhaltens derart verlor, dass hinfort nach jeglicher Begattung ein MĂ€nnchen und ein totes Weibchen ĂŒbrig blieb. Da aber sĂ€mtliche SĂ€mlinge dieser Spezies fĂŒr neun Monate im Körper des Weibchens verbleiben mussten, bevor sie schlĂŒpfen konnten, ging von nun an jede „Zeugung“ fehl. Es entstanden keinerlei ĂŒberlebensfĂ€hige SĂ€mlinge mehr. Statt dessen ging die Zahl der Weibchen, - so weit sie nicht von den MĂ€nnchen bei der Begattung getötet wurden, starben sie am natĂŒrlichen Alterungs- und Verschleißprozess frĂŒher oder spĂ€ter -, immer stĂ€rker zurĂŒck, bis es am Ende keine mehr gab. Da aber ohne dieselben die Spezies sich nicht reproduzieren konnte, starb auch die Spezies aus und die Neusiedler hatten fĂŒr ihre konstruktive Zukunft freie Bahn. (Gelegentlich fanden sich auch junge Exemplare der Spezies „Mensch“, die zwar z. B. nackt und erdrosselt waren, wie das oft vorkam, wenn ein MĂ€nnchen ein Weibchen begattet hatte, selbst aber keine Weibchen waren, sondern mĂ€nnliche ZeugungsschlĂ€uchchen aufwiesen. Dies war insofern kein Fehler in der Operation, als es ja darum ging, möglichst schnell und Umwelt schonend die ganze Spezies von dem Planeten zu entfernen, also nicht nur die Weibchen der Spezies. Und es belegte, dass das gesprĂŒhte Ungeziefervernichtungsmittel nicht so wirkte, dass es etwa einen Hass auf Weibliches ausgelöst hĂ€tte, sondern dass es schlicht und einfach so wirkte, dass im Geschlechtsverkehr bei jedem aktiven, begattenden MĂ€nnchen der aggressive Anteil jeweils nur ein wenig weiter aufgedreht wurde bis zur Tötung des Partners.)

Mittels ihrer Intelligenz und ihrer avancierten Wissenschaft hatten die „Menschen“ diesen Mechanismus bald durchschaut. Doch war die Substanz schon ĂŒberall und sie fanden kein Gegenmittel. Was sie noch tun konnten: Sie konnten sich zwingen, sexuell nicht miteinander zu verkehren, obwohl sie die Lust dazu hatten. Was aber letztlich eben auch nur das Auslöschen der ganzen Spezies zur Folge hatte. Den Plan also erfĂŒllte.)

Brillant fand ich den Grundeinfall der Autorin und als Story hatte sie ihn so mustergĂŒltig exekutiert, dass die Entscheidung des „Raben“, den Text zu drucken, nicht falsch genannt werden konnte. Dennoch konnte ich die Story nicht ausstehen. Ich gehe davon aus, dass Menschen komplett unfĂ€hig sind, sich Kultur zu schaffen, in der es nicht unmittelbar oder mittelbar um sie, also die Menschen, geht. Der Mensch kann sich Außerirdische vorstellen, die ihn, den Menschen als SchĂ€dling erleben und in Folge höherer Technologie ausmerzen. Aber er kann sich nicht vorstellen, bzw. es interessiert ihn einfach nicht, sich vorzustellen, wie die Welt, das Leben vor sich geht, wenn er, der Mensch nicht dabei ist, keinerlei Rolle mehr spielt. Folglich, wenn irgendwelche Aliens bei so etwas die Menschheit ausrotten und als Aliens dann weiterleben wie vorher (nĂ€mlich ohne uns), dann schaltet unser Leserbewusstsein sogleich um: Wir leben immer noch. Wir sind jetzt die Aliens. Die Aliens sind Spiegelbilder von uns Menschen, sie leben mehr oder weniger so wie wir und wollen in ihrem Leben das, was wir vorher auch immer wollten. Uns interessieren außerirdische Insekten nicht wirklich, wir interessieren uns immer nur fĂŒr uns.

Somit – und die Story endete in Wahrheit auch schon, bevor das Ende der Mission ĂŒberhaupt erreicht war, sie endete in dem Moment, als die Menschen begriffen hatten, das es unausweichlich kommen wĂŒrde – lesen wir so einen Text nie darauf hin, wie die Aliens sein werden, wenn wir nicht sind, sondern wir lesen sie auf das hin, was mit uns, den Menschen, geschieht, bevor es so weit ist. Bei besagter Frau lesen wir also mit Grauen, Abscheu, Faszination, was weiß ich, wie MĂ€nner Frauen ermorden, indem sie mit ihnen schlafen. Wir bekommen also: 1. MĂ€nner als TĂ€ter, als Mörder. 2. Frauen als wehrlose Opfer. (Es hĂ€tte ja aber sein können, dass sie sich in paramilitĂ€rischen Camps versammelt und bewaffnet hĂ€tten und ausgezogen wĂ€ren, alle MĂ€nner zu töten oder zumindest zu entmannen, bevor jene sie getötet hĂ€tten. Die Spezies wĂ€re zwar ausgestorben, aber auf diese Weise hĂ€tten die jeweiligen einzelnen Frauen immerhin noch relativ bequem weiter existieren können, zum Teil viele Jahrzehnte lang, bis der natĂŒrliche Verschleißprozess sie dahin gerafft hĂ€tte. Das ist aber nicht vorgekommen in der Story, das habe ich mir ausgedacht. In der Story waren die Frauen nur Mordopfer, sonst gar nichts.) 3. Der Sexualakt zwischen Mann und Frau als Unausweichliches und Böses.

Diese drei Aspekte zusammengenommen und ich sage: „Ih bĂ€h! Ich hasse diesen Text. Am besten wĂ€re er nie geschrieben worden.“ Allerdings bin ich ja ein Mann. Und ausgedacht und geschrieben hatte das eine Frau. Denkbar ist, dass Frauen diesen Text keineswegs so widerlich fanden wie ich, sondern irgendwie witzig, geistreich, zum Nachdenken anregend. WĂ€re dem so, dann hĂ€tte der Text natĂŒrlich sehr wohl so entstehen sollen, wie er entstanden war. Ich bin schließlich nicht die letzte Instanz in Sachen schöner Kunst.

Gehe ich nun auf vergleichbare Weise an „Die Larve“ heran, so erkenne ich einen Schlussteil: Wie könnte diese Insektenlebeform sich immer weiter verbreiten, ohne auf mĂ€nnlich-menschliche Wirte ĂŒberhaupt noch angewiesen zu sein. Diesen Teil halte ich fĂŒr mehr oder weniger unwesentlich. Und ich erkenne einen Auftaktteil, der in recht essayistischem Stil daherkommt: „Ach, ĂŒber welche Gefahren denkt die Menschheit denn nach? Dabei könnten ihnen doch ganz andere, viel radikalere Gefahren drohen!“ Auch diesen Teil halte ich fĂŒr nicht wesentlich. (Und daher zu lang. Es dauert zu lange, bevor der Leser da ist, wo das steht, um das es in Wirklichkeit geht.)

Dann sehe ich einen Hauptteil, in welchem es nun nicht um Larven oder Schaben oder Mantispiden (kenn ich nicht, keine Lust nachzuschlagen) geht, sondern ganz einfach um Frauen und MĂ€nner, also um genau die Menschen, die wir Tag fĂŒr Tag um uns haben. Ob du mir sagst, das ist eine Mantispida, irgendein seltsames Alien also wohl, oder ob du mir sagst, das ist Nene, ein MĂ€dchen also wohl, ist mir wurscht. FĂŒr mich sind das alles einfach Frauen. Und darum geht’s ja hier. Es ist nicht eine Übergewichtige und eine orthodoxe JĂŒdin und eine Supermarktkassiererin und eine grĂŒne Parteivorsitzende und eine Einhandseglerin und eine Ecstasy-Userin und eine Finanzamtangestellte und eine Neo-Nazisse, nein, es sind alles Frauen, einfach nur Frauen, die sich dadurch definieren, dass es eben keine MĂ€nner sind. Genau wie in der Geschichte der Amerikanerin. Und im selben Moment, wo mehrere Figuren auftreten, die vor allem eines sind, nĂ€mlich Frauen, habe ich, sie mĂŒssen gar nicht auftreten, ich stelle sie mir schon automatisch vor, ein „opposite camp“ im Sinn, nĂ€mlich die MĂ€nner. Die dann auch sofort alle so gleich oder zumindest ziemlich Ă€hnlich sind wie – aber natĂŒrlich auf ganz andere, ihre eigene Art – die Frauen.

Da treten in der Story dann auch MĂ€nner auf und sie agieren mit den Frauen zusammen. NĂ€mlich erfahren wir, dass die Frauen Straßennutten sind und die MĂ€nner Freier, die vor allem stets drauf aus zu sein scheinen, mit allen Nutten ohne Gummi zu verkehren, auch wenn sie, die MĂ€nner, nicht die Nutten, nach Krankheit sogar schon riechen. In einem Text, wo du „die Frauen“ hast und „die MĂ€nner“, wenn du als einzige Art, wie selbige einander begegnen, so etwas bringst, kannst du einfach nicht vermeiden, dass beim Leser der Gedanke auftaucht, dass du das exemplarisch verstanden haben möchtest. Die MĂ€nner handeln mit den Frauen (immer, oft, zwar nur manchmal, aber leider immer noch zu oft) so wie Straßenfreier mit Prostituierten, die sie ohne Infektionsschutz (und möglicherweise EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung) vögeln möchten. Also sehr egoistisch, egozentrisch, mitleidlos, ausbeuterisch. Mir kommt vor, Texte, die mir so etwas erzĂ€hlen, hĂ€tte ich irgendwann schon mal gelesen im Leben. Aber eine gute Sache kann man gar nicht oft genug sagen.

So. Und da ich nicht glaube, dass irgendwer sich ernstlich ĂŒberlegt, was die Insekten auf der Welt anfangen werden, wenn sie die Menschen erst mal ausgerottet haben, entnehme ich jetzt deiner Nachgeschichte, dass es dir nicht nur drum geht, Ă€hnlich wie oben erwĂ€hnte Amerikanerin zu sagen: 1. MĂ€nner sind Verbrecher, zumindest Ausbeuter. 2. Frauen sind Ausgebeutete von MĂ€nnern, Opfer. 3. Im Sex wohnt die Kraft des Bösen. (Hat die katholische Kirche schon 2000 Jahre lang gesagt – und momentan erlebt sie am eigenen Leib, wie recht sie damit immer schon hatte), sondern dass du dagegen auch noch eine positive Utopie setzen möchtest. NĂ€mlich ein Matriarchat, eine gigantische liebende, fĂŒr einander sorgende Familie, deren immer wĂ€hrendes GlĂŒck darin begrĂŒndet liegt, dass ihre Angehörigen nicht etwa schwarz arbeitende Putzfrauen sowie auch Kirschtorte verzehrende Unternehmersgattinnen sind, sondern: einfach Frauen, alles Frauen.

Das find ich nun wirklich nicht widerlich, wie ich die Story der US-Autorin fand. Das finde ich nur, verzeih, ein wenig einfÀltig.

Weil (ha, ohne diesen Teil komme ich einfach nie aus bei meinen Kommentaren, das wird dann schon ein wenig langweilig und aufdrĂ€ngerisch auf die Dauer, gebe ich ja zu) ich bin A) Mann und B) Schwuler. In Sachen B) habe ich es in der Jugend zwar mal erlebt, in Sachen A) aber im ganzen Leben noch nie und ich Sachen B) erlebe ich es seit einer ganzen Zahl von Jahren auch nicht mehr, dass ich irgendwann in einer stillen Stunde in den Spiegel schaue und ĂŒber mich und meine Existenz nachsinne und dann etwas verzweifle, zuletzt aber auch wieder ganz zufrieden mit mir werde, weil ich mir nĂ€mlich sagen könnte: „Ha! Zumindest, wenn sonst auch nicht viel ist mit dir, bist du ja A) ein Mann und B) ein Schwuler. Welch ein GlĂŒck! Eine Frau bist du jedenfalls nicht, bist was Besseres, Mann nĂ€mlich. Und so ein stinklangweiliger, oberspießiger, gefĂŒhlverkrĂŒppelter Heteroholzbock von einem Mann bist du sogar auch nicht, du bist was Besseres, du bist ein B) Schwuler. Tadaah!“

Das nĂ€mlich, finde ich, bringt mir absolut gar nichts, wenn ich so etwas annehmen wĂŒrde. Ich könnte dann Stalin und Hitler auf die Schulter klopfen und sagen: „Hei, wir Jungs wieder. Was sind wir fĂŒr Kerle!“ Ich könnte J. Edgar Hoover und Walter Sedlmayr und Guido Westerwelle um den Hals fallen, ihnen ein Bussi aufs Maul drĂŒcken und flöten: „Wir Schwestern vom rosa Wimpel, wenn die Welt nur voll wĂ€r von uns allein, dann ließe es sich besser aushalten hier!“ Und weil ich das nie mache, weil mich das kein StĂŒck aufbaut, dass ich ein Mann bin oder ein Schwuler, darum hab ich, muss ich sagen, schon gewisse Schwierigkeiten mit Frauen, die manchmal so aussehen, als wĂŒrden sie ihrerseits es ungeheuer wichtig, aufbauend und erhebend finden, dass sie Frauen und keine MĂ€nner sind. Ich denk dann: „Steht die Merkel vor dem Spiegel und sagt, „Ha, eine Frau immerhin!“? Hat Mutter Teresa das je getan? Nein, sage ich mir, ich glaub es eigentlich eher nicht.

(Und mehr ins Praktische: Deine ErzĂ€hlerin fertigt so etwas wie einen Bericht. Lebendiger und mitreißender wĂŒrde alles, wenn es mehr erzĂ€hlt wĂŒrde, wenn das mehr so ein Film wĂ€re, der zeitgleich ablĂ€uft, wĂ€hrend man ihn „sieht“. Ein Moment, eine Handlung, ein Wort, das andere Wort... Halt mehr ne Story. Wie bei der Amerikanerin. Es gibt den Text. Vielleicht bist du besser im Stande, per Internet was zu finden als ich. Könntest mal schauen.)

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Ati
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Hallo Dominik,

danke erst mal fĂŒr deine ausfĂŒhrliche Antwort, die ich mir allerdings bei Gelegenheit genauer vornehmen muss. Abgesehen davon fĂ€llt mir aber eins auf, was ich gleich bringen möchte.

Mantispidae sind keine Aliens, das ist eine Schrecken-Art, die sogenannte Fanghafte, deren Larven nach dem Eischlupf einen Wirt suchen und sich parasitoid verhalten. Meine Geschichte hat mit Aliens rein gar nichts am Hut sondern spielt rein auf der Erde. Und nur so nebenbei bemerkt - es geht nicht um Frauen an sich. Es geht um Mischwesen die durch ein Experiment entstanden sind.

Viele GrĂŒĂŸe
Ati

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